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19.01.11

SEO und Contentfarmen: Wenn die Suchmaschine zum Maß aller Dinge wird

Kann man Suchmaschinenoptimierung mit hochwertigen journalistischen Dienstleistungen kombinieren? Verschiedene Anbieter glauben, dass dies geht, und richten ihre Inhalte primär an den Ansprüchen von Google & Co aus.

 

Die Kollegen von deutsche-startups.de berichteten gestern über die Finanzierungsrunde des Hamburger Suchmaschinenoptimierers Testroom, der von Neuhaus Partners einen einstelligen Millionenbetrag für das weitere Wachstum erhalten hat.

Das Thema Suchmaschinenoptimierung (SEO) kommt bei uns eher seltener zur Sprache. Aus einem speziellen Grund möchte ich die Meldung aber erwähnen und kommentieren: Einmal von dem Seltenheitswert einer derartigen Kapitalspritze für ein deutsches Startup im übervölkerten SEO-Markt abgesehen war es das folgende Zitat von Matthias Grychta von Neuhaus Partners, das mir sofort ins Auge sprang: “Testroom bietet die optimale Verbindung von technischer Kompetenz und hochwertigen journalistischen Inhalten."

Bin ich der einzige, der meint, dass Suchmaschinenoptimierung und die Erstellung von hochwertigen journalistischen Inhalten im krassen Gegensatz zueinander stehen und kaum miteinander vereinbar sind? Immerhin geht es bei SEO unter anderem darum, Texte suchmaschinenfreundlich zu gestalten, was zum Beispiel bedeutet, frühzeitig bestimmte Suchwörter zu platzieren, Begriffe stetig zu wiederholen und die Struktur des Textes an die Bedürfnisse der Suchmaschine anzupassen. Der Gegensatz zum journalistischen, sprachlich anspruchsvollen und variierten Schreiben ist offensichtlich, oder?

SEO ist eine Notwendigkeit, daran besteht kein Zweifel. In einer perfekten Welt, in der es nur seriöse Websites von hoher Qualität gibt, wäre sie vielleicht hinfällig. Aber da in der Realität Millionen minderwertige, allein für die schnelle Generierung von Anzeigenumsätzen erstellte Sites existieren und gerade diese sich durch intensive SEO-Arbeit auf den vorderen Rängen der Ergebnisseiten von Google, Bing & Co breitzumachen versuchen, bleibt allen anderen Anbietern nichts anderes übrig, als ihrerseits nachzuhelfen und an den Stellschrauben zu drehen, die ihre Suchmaschinenpositionierungen verbessern können.

Zu einem Problem wird SEO in meinen Augen, wenn dies nicht mehr nur eine Nebendisziplin des Betriebs einer Websites darstellt, sondern zum Zentrum und Selbstzweck wird. Wenn nicht mehr existierende, auf den User und die Usability ausgerichtete Texte zum Einsatz kommen, sondern große Teile der Site in erster Linie an die Bedürfnisse der Suchmaschinen angepasst werden.

Die Hervorhebung der "hochwertigen journalistischen Inhalte" (auch auf der Testroom-Website) deutet jedoch darauf hin, dass die Hamburger genau in diesem Bereich ihre Stärke sehen - zumal das verwandte Schaffensfeld der so genannten "Contentfarmen" seit dem Aufstieg das mittlerweile einen Börsengang anvisierenden US-Unternehmens Demand Media in Webkreisen ohnehin als potenziell attraktiv gilt.

Demand Media analysiert das Suchverhalten der Nutzer und lässt dann von einem Netzwerk an tendenziell niedrig bezahlten Schreiberlingen dazu passende Inhalte produzieren, um sich schnellstmöglich den aus diesen Suchen resultierenden Traffic abzuholen und durch Werbung zu monetarisieren.

Demand Media realisiert damit ein von SEO-Agenturen seit langem praktiziertes Verfahren in einem sehr viel größeren Stil. Auch wenn man argumentieren könnte, dass es ja die User sind, welche die jeweiligen Inhalte nachfragen, so setzt das Prinzip von Demand Media auf möglichst niedrigen Produktionskosten (z.B. durch einen hohen Anteil an Freelancern) und eine Art digitale Fließbandfertigung, was dem Unternehmen den Ruf eingebracht hat, haufenweise Billiginhalte zu generieren (was Demand Media natürlich bestreitet).

Mir persönlich fehlt an dem Demand-Media-Modell (aber auch an dessen geringer dimensionierten Umsetzungen mancher Suchmaschinenoptimierer) der Nutzen für die User. Der angesprochene Widerspruch zwischen qualitativem und für Suchmaschinen angepasstem Content erfordert Kompromisse, und diese macht auch heute schon jeder Qualitätsanbieter (was man nun auch immer als Qualitätsanbieter definiert).

Erfordert bzw. garantiert das Geschäftsmodell jedoch ein hervorragendes Ranking, ist die Gefahr groß, dass dieser Kompromiss zu Lasten der Qualität des Inhalts geht.

Jedes Unternehmen, das Content nicht zumindest teilweise aus eigener Überzeugung, Kompetenz oder Leidenschaft heraus produziert und sich an eigenen Maßstäben und Werten orientiert sondern stattdessen ausschließlich den Ansprüchen der Suchmaschinen hörig ist, erschwert den Suchenden das Auffinden gehaltvoller Suchergebnisse (Kritik an der sich verschlechternden Qualität der Google-Resultate hört man in diesem Kontext häufiger). Je mehr Firmen dem Konzept von Demand Media folgen (in Deutschland z.B. contentfleet), desto eher wird die Websuche für Anwender zum Spießroutenlauf.

Vielleicht gelingt Testroom ja die Quadratur des Kreises, seinen Kunden tatsächlich hochwertige journalistische Dienstleistungen anzubieten, welche gleichzeitig alle Anforderungen von Google erfüllen. Immerhin handelt es sich beim Gründerteam Michael Dunker und Andreas Fey um ehemalige Journalisten.

Der grundsätzlichen, von Demand Media mit Börsenträumen angeheizten Tendenz, anspruchslosen Content kostengünstig (am Fließband) zu erstellen und damit die Suchergebnisseiten zu verstopfen, um möglichst viele Besucher anzulocken und mit Werbung zu bewerfen, bevor sie ihre Suche an anderer Stelle fortsetzen, kann ich allerdings sehr wenig abgewinnen. Den Anwendern hilft es kaum, die Suchmaschinen belastet es und für die Websites, die Inhalte mit weniger SEO-Fokus aber mehr Hingabe produzieren, ist es ebenfalls eine Herausforderung.

Bleibt zu hoffen, dass Suchmaschinen auch in Zukunft den Contentfarmern einen Schritt voraus sein werden. Sofern nicht der breite Einzug von Social Search die Rahmenbedingungen ohnehin neu definiert.

(Illustration: Flickr/igorbrasil, CC-Lizenz)

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