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10.08.08Leser-Kommentare

Senderstörung: In-Formationen für Kulturpessimisten

Angeblich waten wir Netzbewohner knietief durch den Info-Müll; alle Hypochonder tummeln sich jetzt im Netz, statt sich beim Arzt im Wartezimmer den Hintern platt zu sitzen; eine blanke Sklaverei ortet der Spiegel bei jenen Netz-Addicts, die es noch wagen, etwas anderes als Spiegel Online anzuklicken – kurzum: Es herrscht wieder mal High Noon im Dörflein unserer Kulturkritiker. Bald schon werden die ersten von ihnen als Netztherapeuten die Kassenzulassung beantragen. Dabei stimmt an ihrer Diagnose noch nicht einmal das Bild von Information …

Das Internet macht die Berufssparte der Kulturkritiker ganz wuschelig. Ihnen allen schwirrt der Kopf. Allen voran konstatiert Nicholas Carr, der 'Neil Postman' des Web 2.0, bei sich eine beginnende Web 2.0-Demenz:

Über die letzten Jahre, so Carr, habe er das Gefühl, dass irgendetwas an seinem Gehirn herumpfusche. Er verliere nicht den Verstand, aber seine Art zu denken würde sich ändern. Besonders beim Lesen mache sich das bemerkbar:

"Over the past few years I've had an uncomfortable sense that someone, or something, has been tinkering with my brain, remapping the neural circuitry, reprogramming the memory. My mind isn't going – so far as I can tell – but it's changing. I'm not thinking the way I used to think. I can feel it most strongly when I'm reading".

Spötter könnten jetzt einwenden, dass ein Wandel des Denkens nicht notwendigerweise schon etwas Negatives sei, vor allem dann nicht, wenn man bisher so gedacht habe wie Nicholas Carr. Diese Spitze führt uns aber vom Thema fort. Denn das Klagelied der international vereinten Kulturkritik lautet im Kern anders: Ein Überangebot an 'Information', hervorgerufen durch Google und die unbegrenzten Datenspeicher des Netzes, mache uns alle zu grenzdebilen Fragmentaristen, die keinem länger dauernden Gedanken, keiner logischen Handlung und keinem epischen Erzählstrang mehr zu folgen vermöchten. Kurzum, wir haben mal wieder den Salat: Roma est perdida - Hannibal steht vor den Toren, und wir werden alle doof, weil wir plötzlich zu viel wissen und erfahren können, statt uns wie bisher mit dem 'Tagesmenü' der Altmedien zu begnügen.

Erste Einwände gegen dieses Klagelied hat schon Oliver Juergen in einem großen FAZ-Artikel formuliert, unter dem absolut zutreffenden Titel: 'Selbst schuld, wer im Netz verblödet'. Ein wesentlicher Punkt kommt allerdings dort zu kurz, es geht um das falsche Bild von 'der Information', das die meisten von uns im Kopf herumtragen.

Information ist für die meisten Zeitgenossen etwas, das der Sender produziert: 'Ich habe ihm diese Information doch mitgeteilt', sagen wir dann - oder: 'Der Brief mit der Information ist bei ihm angekommen'. Information wäre damit keine Tat oder Handlung mehr, sondern ein 'Ding an sich'. Und das gilt eben auch bei dieser Diskussion ums Internet: Alle Foren, die Datenspeicher, die Archive, Blogs und Chatrooms sollen angeblich immer nur 'Informationen' für die Nutzer bereit stellen. Das Sender-Empfänger-Modell, das diese Vorstellung erzeugt, ist der vermutlich hartnäckigste Mythos der Neuzeit.

Seit den Anfangstagen der Kybernetik reden sich alle Forscher den Mund fusselig, dass 'Information' im Falle biologischer Systeme kein 'Ding' sei, sondern eine 'kognitive Eigenleistung' des Empfängers. Genutzt hat es so gut wie nüscht, just darüber wollen sich die Empfänger einfach nicht informieren und aufklären lassen. Denn mit dem Fall dieser kommunikationstheoretischen Festung wären alle Vorstellungen, die sich auf das Bild einer 'Sender-Information' und einer medial ausgerichteten Gesellschaft stützen, auch diejenigen der Kulturkritiker, notwendigerweise Bullshit.

Das Sender-Empfänger-Modell, das Shannon-Weaver einst für 'triviale Maschinen', also für die technische Nachrichtenübermittlung entwickelten, funktioniert halbwegs nur auf technischem Gebiet. Nur hier kann ich sicher sein, dass der Empfänger sich bspw. abschaltet, wenn ich als Sender ihm ein 'Aus' übermittle. Schon bei simpleren Einrichtungen aber wird auch hier die Zuordnung der Rollen schwierig. Wer ist zum Beispiel im Falle einer Heizungsanlage der Sender relevanter Information: das Wetter, das Thermostat, der Besitzer, der Brenner, der Energiemarkt?

Bei 'nichttrivialen Maschinen' (Heinz von Foerster), bei Menschen und Tieren also, wird jede Vorstellung von einer übertragbaren Information vollends obsolet. Rings um eine nichttriviale Maschine herum kann ich nur Krach, Lärm, nackte Brüste und andere 'Attraktoren' platzieren, die vielleicht dafür sorgen, dass der Empfänger meine mediale Veranstaltung als relevant zu erachten geruht - und sie daraufhin 'wahr' nimmt. Wobei er daraus erst in seinem Kopf die 'In-Formation' macht. Welcher Art aber diese Information letztlich sein wird, das entscheidet wiederum nur er. Der Empfänger ist in seinen Reaktionen höchst unvorhersagbar, auch wenn er innerhalb sozialer Systemzusammenhänge meistens halbwegs erwartbar handelt. Solche realistischeren Ansätze, die hier nur ganz verkürzt wiedergegeben werden können, die haben natürlich tiefgreifende Auswirkungen auf jede Medientheorie, auch für diejenige unserer Kulturpessimisten über das Internet.

Wenn also den Mitgliedern des kulturpessimistischen Kassandra-Klubs all das Blinkyblinky, der Spam und die Permalinks dort draußen Kopfschmerzen verursachen, dann sind sie es, die diese 'Perturbationen' nicht mehr zu Informationen weiterverarbeiten können: Sie sind überfordert, ihre Festplatte ist 'voll', sie vermissen Regeln, Verbindlichkeiten und kanonische Werke ('Massenmedien'), die ihnen Orientierung geben können. Sie gleichen Bileams Esel, der sich zwischen all den Heuhaufen im Netz nicht mehr entscheiden kann und im Überfluss verhungert. Ich wiederum bringe dann wiederum ihre Texte und Klagelieder in meinem Kopf auf meine Art 'in Formation', indem ich mich entweder darüber schlapplache - oder mit Gründen dagegen anrede, wie gerade jetzt.

In all den Speichern und Datenfriedhöfen des Netzes, in den Nischen der Blogs und Communities, liegen physikalisch schlicht nur Bits und Bytes herum, die wie Schneewittchen erst von einem Prinzen wachgeküsst ('rezipiert') werden müssen, damit sie Sinn ergeben. Information, als eine bereits vorformatierte Instant-Sinngebung, ist im ganzen Netz weit und breit nicht zu finden. Um Information zu bekommen, muss ich immer - ob im Netz oder draußen - erst das eigene Hirn einschalten und dann mehr oder minder relevante Daten selbst 'in Formation' bringen, gemäß der vorgegebenen Leistungsfähigkeit meines Denkapparats. Und wenn Kassandra 2.0 das nicht auf die Reihe bekommt, dann liegt es an ihr, nicht am Netz.

Ein zweites Thema der Kulturpessimisten ist dasjenige der langen, kohärenten Texte, die angeblich nicht mehr gelesen würden. Hier sind sich die Kasperköppe beider Lager gewissermaßen einig. Um ein altes McLuhan-Zitat zu paraphrasieren: 'The medium is the maladie'. So meint zum Beispiel die Psychologin Maryanne Wolf von der Tufts University:

"Wolf worries that the style of reading promoted by the Net, a style that puts 'efficiency' and 'immediacy' above all else, may be weakening our capacity for the kind of deep reading that emerged when an earlier technology, the printing press, made long and complex works of prose commonplace. When we read online, she says, we tend to become 'mere decoders of information.' Our ability to interpret text, to make the rich mental connections that form when we read deeply and without distraction, remains largely disengaged."

Online-Leser, so Wolf, würden eher Informationen dekodieren als Texte richtig lesen. Lustig ist es, dass auch die Apologeten des Internet das hier Beklagte 'cool' finden, beide Seiten teilen damit ein- und dieselbe Diagnose. So weist der erwähnte FAZ-Artikel auf 'getAbstract' hin, eine Buchregesten-Datenbank, wo eilige Manager erfreulicherweise kurzgefasste Zusammenfassungen langer Bücher finden können, so, als ließe sich die Form komprimieren oder die Ming-Vase verkleinern. Der 'Wilhelm Meister' klänge auf diese kurzgefasste Art vermutlich so: "Bürgersohn will Künstler werden, scheitert aber. Am Ende wird er glücklicherweise solide und doch noch CEO". Danach hätte der Leser mit der Kurzfassung dann 'den ganzen Goethe drauf'. Andere toppen derartige Lächerlichkeiten noch, indem sie - mit einem Wisch ist alles weg! - gleich die ganze Geistesgeschichte für entbehrlich erklären, vermutlich, weil sie es den arroganten Eierköppen von der Intellektuellenfront damit endlich einmal zeigen können:

"Clay Shirky bemerkt im Britannica Forum, dass ohnehin längst niemand mehr Tolstoi gelesen habe, weil das einfach die Zeit nicht wert sei. Die Chance des Überflusses sei es, Ballast loszuwerden."

'Internet killed Karenina' - was für ein Schwachsinn! Wo will denn jemand jene Erzählkunst lernen, die angesichts eines volatilen Publikums immer bedeutsamer wird? Der Stil ist es, der zur 'In-Formation' reizt. In meinen Augen ist zu den traditionellen Schreibgattungen schlicht eine weitere hinzugekommen, die allerdings mit dem alten Spaghetti-Code des 'Nacheinander' in der Literatur bricht, weil sie wegen des Nachweisgebots im Internet mitten im Text plötzlich Weichen stellt, die dem Leser dank neuer Permalinks einen fliegenden Autorenwechsel erlauben, dann, wenn ihm eine Spur vielversprechender oder unterhaltsamer erscheint; Wie ein schnürender Fuchs, der - zack! - plötzlich rechts im Maisfeld verschwindet, weil ihm etwas Neues in die Nase kam. Gleichsam liest ein beliebiges Publikum nicht mehr unbedingt den Text eines einzigen Autors bis zum seligen Ende durch, den 'eigenen Text' aber, den hat jeder nach wie vor von A bis Z gelesen. Er hat sich gewissermaßen querbeet 'In-Formation' gebracht.

Was aber heißt das für Autoren und Schreiber im Netz? Zunächst einmal dürfen sie in meinen Augen künftig nie wieder langweilig werden. Von nun an ist das die Ursünde. Das Internet steigert notwendigerweise die Textqualität, der dpa-Stil hängt neben der Kanzleisprache tot überm Zaun. Dank des Internets kehrt die 'Schreibkunst', der 'Witz' (im Sinne des 18. Jahrhunderts) und auch die 'Frechheit' in den Text zurück. Weil man nur so die Lust des Lesers weckt, 'sich selbst zu informieren'. Weil er nur so bei der Stange und in unserem Medium bleiben wird. Das Internet vertreibt schlicht die Ödnis aus den Texten. Allerdings wird es noch eine Weile dauern, bis das auch alle einsehen. Zuletzt wohl die Content-Ritter von der traurigen Gestalt ...

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Lupe

    10.08.08 (13:26:42)

    ich rate allen lesern dieses spiegel-artikels, sich einfach mal deren online-auftrtt etwas genauer zu gemüte zu führen. was da alles an redaktionellen und gestalterischen massnahmen getroffen wurde, um möglichst viele klicks auf ihre seite zu ziehen. "... junger schwuler türke muss sterben" heisst es reisserisch in der rechten spalte ganz oben. "leben ohne sex" im panorama. seht euch einmal die vier aufmacher unter "mulitmedia" an. klicker anlocken, klicker anlocken. muss mich gar nicht mehr dazu auslassen. tat es bereits vor einiger zeit in meinem blog: "klickhuren im internet": http://swiss-lupe.blogspot.com/2008/05/klickhuren-im-internet-spiegel-stern.html

  • Wolfgang Michal

    11.08.08 (12:51:23)

    Ich weiß nicht, ob man das wirklich so medientheoretisch aufdröseln muss. Man kann z.B. im Internet eine Hundekeksbackstube besuchen, aber man kann die Hundekeksrezepte auch gedruckt lesen: "Die besten Hundekekse selber backen, inklusive 3 Ausstechförmchen, 64 Seiten, durchgehend farbig, kartoniert". Spiegelfazit: Die gedruckten Kekse machen intelligent, die im Netz machen doof.

  • Klaus Jarchow

    11.08.08 (13:14:44)

    @ Wolfgang Michal: Den Hund - oder den Besitzer? ;-)

  • flashfrog

    11.08.08 (17:42:52)

    Das ist ja ein alter Streit, ob die Bedeutung beim Sender oder beim Empfänger einer Information liegt. Sie liegt im durch den jeweiligen Augenblickskontext und Lebensgesamtkontext bestimmten Prozess der Interpretation der Information. Wenn ich aus dem Fenster schaue, prasselt eine Unzahl von visuellen Informationen auf mich ein. Was ich davon wahrnehme (und wie ich es wahrnehme) hängt von den Selektionsmustern und Einordnungen meines Gehirns ab. Wer einen Baum anschaut und sich von 450.000 Blättern als Einzelinformationen überfordert fühlt, macht da irgendwas falsch...

  • Klaus Jarchow

    11.08.08 (21:43:06)

    @ flashfrog: Der Punkt ist ja, dass diese 'Kulturkritiker' sich solche 'alten Hüte' einfach nicht aufsetzen mögen. Weil unter deren blendungsbeseitigender Krempe sich ihre ganzen Pseudo-Probleme als Fata Morganas (Morganen?- egal!) - in ein blankes Nichts auflösen würden. Sie bleiben also BEWUSST hinter dem derzeitigen Erkenntnisstand zurück, weil ihr Marktstand sonst keinen Umsatz machen könnte. Und das ist bekanntlich schlecht für 'nen kleinen Gemüseladen ...

  • Pedro

    12.08.08 (12:04:28)

    Bei Euch wäre ich mir da nicht so sicher ....

  • Michael Wald

    12.08.08 (16:55:26)

    "Die Information einer Beschreibung hängt von der Fähigkeit eines Beobachters ab, aus dieser Beschreibung Schlußfolgerungen abzuleiten." (HvF) Und ich habe den Eindruck, dass der Begriff "Kybernetik" wieder mehr Verwendung findet. Für mich ein lesenswerter Artikel, danke.

  • Ufuk

    25.08.08 (21:17:35)

    Ich habe ihren Artikel nicht gelesen, weil er mir zu lange war.

  • Klaus Jarchow

    25.08.08 (22:51:24)

    Nicht lesen, aber schreiben - dat hamwa abba jerne!

  • Peter Sennhauser

    27.08.08 (13:38:57)

    @Ufuk: Wenn du schneller gelesen hättest, wäre er weniger lange gewesen - er ist ja nicht so lang...

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