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15.11.10Leser-Kommentar

Selbstdarstellung: Wie Tumblr die MySpace-Lücke füllt

Durch den Niedergang von MySpace ist eine Lücke entstanden, die auch von Facebook nicht geschlossen werden kann: die der kreativen Selbstdarstellung. Der Blogdienst Tumblr profitiert davon.

 

Als ich im Frühjahr 2007 mit dem Tech-Blogging begann, war MySpace noch das weltweit führende soziale Netzwerk, was die Anzahl registrierter Mitglieder betraf. Anzeichen für einen schleichenden Niedergang gab es jedoch schon. Als Hauptursache für den Bedeutungsverlust der im Jahr 2005 von Rupert Murdochs News Corp für 580 Millionen Dollar übernommenen Community gilt gemeinhin der Aufstieg von Facebook.

Irgendwann in der ersten Jahreshälfte 2008 überflügelte Facebook den Konkurrenten, was die Anzahl der Unique Visitors betraf. Seitdem geht es für MySpace nur noch bergab - sowohl, was die Zahl aktiver Nutzer betrifft, als auch in Hinsicht auf die allgemeine Aufmerksamkeit. Für viele User ist Facebook das erste soziale Netzwerk, das sie ernsthaft und aktiv einsetzen. Der Anteil derjenigen Facebook-Anwender, die einmal ein MySpace-Profil besaßen, sinkt damit stetig.

Vor wenigen Wochen gab MySpace mit einer Neupositionierung sein offizielles Eingeständnis, nicht nur den Kampf gegen Facebook verloren zu haben, sondern fortan mit dem Schwerpunkt weg von Social Networking hin zu (Social) Entertainment lieber gleich ganz in anderen Gewässern zu fischen. Der News-Corp-Dienst ist damit offiziell keine Konkurrenz mehr für Facebook. Das Ende einer Ära.

Die Gründe, warum sich über die Jahre Millionen von MySpace-Benutzern zum Wechsel zu Facebook entschlossen und ihre ehemaligen Kontakte auf der einstigen Lieblingsplattform zurückließen, sind vielseitig. Folgende gehören dazu:

  • Facebooks Fokus auf Klarnamen und realen Kontakten erwies sich dem MySpace-Konzept von relativ anonymen Cyber-Kontakten mit Fantasienamen auf Dauer als überlegen. Da sich viele der MySpace-Kontakte nur aus dem Netz kannten, waren die Bindungen untereinander nicht so stark, was den Wechsel zu einer anderen Plattform aus Nutzersicht einfacher machte.
  • MySpace war technisch unterlegen (so setzte es viel zu spät auf AJAX, um die Nutzbarkeit der Site zu erhöhen), weniger innovativ und experimentierfreudig als Facebook. Beispielsweise hatte Facebook vor MySpace einen Newsfeed, kam MySpace mit der App-Plattform zuvor und setzte deutlich früher auf Echtzeitelemente.
  • MySpace ließ Anwendern Freiheit bei der grafischen und strukturellen Gestaltung ihrer Profile. Das sorgte für teils chaotische Kreationen. Facebook hingegen begrenzte den kreativen Spielraum und gab stärker vor, welche Elemente und Inhalte sich wo zu befinden haben. Viele, besonders ältere User, bevorzugten den Facebook-Ansatz zum Zwecke des Networkings.
  • MySpace war anfällig für Spam und schien in seinen Maßnahmen zu dessen Verhinderung immer einen Schritt hinterher zu hinken.

Es gibt mit Sicherheit viele weitere Aspekte, welche zum Niedergang von MySpace beitrugen. Auch der Statusverlust einer Mitgliedschaft bei dem einst hippen Service wird eine Rolle gespielt haben. Was einmal unter trendbewussten Anwendern als cool und erstrebenswert galt, kann schnell an Glanz verlieren, wenn es vom Mainstream übernommen wird oder wenn anderswo etwas Besseres entsteht. Plattformen wie MySpace mit der Zielgruppe junger Menschen und urbaner Subkulturen sind derartigen Schwankungen in der äußeren Wahrnehmung besonders stark ausgesetzt.

Gerade weil das Versagen von MySpace auf einen Mix aus eigenen Fehlern, fehlendem Innovationsvermögen sowie einem Verlust positiver Imagewerte zurückzuführen ist, hat die Frage, was die Plattform hätte anders machen können, eine große Relevanz für existierende und zukünftige Internetangebote im Social-Web-Sektor. Immerhin könnten sie als nächstes in eine vergleichbare Situation geraten.

Der New Yorker Investor Fred Wilson gibt in einem aktuellen Beitrag unbewusst eine Antwort: Er versucht darin zu erklären, warum Tumblr, ein 2007 gegründeter Blogging-Service, zur Zeit enormes Wachstum verzeichnet. Wilson beschreibt, wie er von seiner Tochter erfahren hat, dass alle "coolen Kinder" in der Schule mittlerweile ihr eigenes Tumblr-Blog betreiben.

Während sie zwar auch alle ein Facebook-Profil pflegen würden, so sähen diese im Grunde genommen immer gleich aus. Tumblr hingegen gibt Anwendern große Freiheit bei der kreativen Gestaltung ihres Blogs, kombiniert mit einer simplen Handhabung und einfachen Integration multimedialer Inhalte.

Wilsons Fazit: Tumblr ist Selbstdarstellung. Und gerade für junge Menschen hat diese einen hohen Stellenwert.

Mit dieser meines Erachtens nach stimmigen Schlussfolgerung identifiziert Investor Wilson die bei MySpace gerne als Nachteil angeführte Freiheit in der optischen Gestaltung als den entscheidenden Wachstumstreiber von Tumblr. Gleichzeitig macht er auf die Begrenzungen von Facebook aufmerksam, was Selbstdarstellung durch eigene Kreativität betrifft.

Zwar bietet das Social Network durch Status Updates sowie Foto- und Video-Galerien auch Wege für seine Anwender, sich darzustellen. Allerdings sind die Möglichkeiten äußerst begrenzt und lassen für Personen, die sich gerne mit Hilfe von Farben, Tönen und Design ausdrücken, viele Wünsche offen.

Spinnt man den Gedanken von Fred Wilson weiter, könnten man zu der Erkenntnis gekommen, dass Tumblr womöglich gerade dabei ist, zum neuen MySpace zu werden. Oder besser gesagt zu dem, was MySpace hätte werden können, hätte es früher erkannt, dass es den Kampf gegen Facebook nicht gewinnen kann.

Natürlich ist es immer leicht, im Nachhinein Tipps zu geben. Und es gibt keine Garantie dafür, dass eine Strategieänderung MySpace überhaupt vor dem Untergang hätte bewahren können. Dennoch reizt es mich, darüber nachzudenken, was passiert wäre, wenn der einstige Marktführer im Social Web sich 2007 oder 2008 zu einer radikalen Erneuerung entschieden hätte. Wenn er all das über Bord geworfen hätte, worin Facebook ohnehin besser war, um sich auf den Aspekt zu konzentrieren, in dem der neue Shooting-Star aus Palo Alto voraussichtlich niemals punkten können würde: gestalterische Freiheit in der Selbstdarstellung.

Tumblr ist das neue MySpace. Zumindest wer mit dieser Aussage einverstanden ist, erkennt, dass das Schicksal von MySpace nicht vorherbestimmt war. Auch Facebook erfüllt nicht alle Bedürfnisse der nach sozialen Kontakten und Anerkennung strebenden Anwender. Durch die Trägheit von MySpace und die Konformität von Facebook ist eine Lücke entstanden. Tumblr macht es sich in dieser bequem. Bei MySpace muss man sich ärgern, diese Lücke nicht erkannt zu haben.

(Foto: stock.xchng)

Kommentare

  • dichtung

    15.11.10 (21:56:06)

    Ok, mit MySpace geht es "dank" Facebook bergab. Mich wundert nur, dass der sonst doch so unfehlbare Rupert Murdoch auf das "verkehrte Pferd" gesetzt hat.

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