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13.10.08Leser-Kommentare

Sechsmal um den Blog: Geld, Geld, Geld

Nicht die Blogs sind in der Krise, aber die Krise ist überall in den Blogs. Hier eine Zusammenstellung virtueller Klorollen, die sich mit dem derzeitigen Finanzdesaster auseinandersetzen.

(M, iStockPhoto)

1. Der Spiegelfechter: Natürlich führt in Deutschland zunächst kein Weg am 'Spiegelfechter' vorbei, dann, wenn es um eine dezidierte (wirtschafts-)politische Berichterstattung in der Blogosphäre geht. Solch einen Artikel zum Thema 'isländischer Staatsbankrott' suchen wir beispielsweise in ganz Holzhausen vergebens. Der Mann ist dabei kein Linker, auch kein Kapitalismuskritiker oder so etwas, er arbeitet an verantwortlicher Stelle für ein kommunales Unternehmen mit beiden Beinen im Marktgeschehen - er ist eben einfach nur anders: Indem er bspw. Argumenten bis zu ihren Quellen nachsteigt, statt sie einfach nur bei den Kollegen abzuschreiben. Oft genug sind dort dann gar keine seriositätshaltigen Quellen mehr zu finden. Kurzum - ein gepflegter Anti-Mainstream gewissermaßen, ein Vademecum für den großen Überdruss des gebildeten Lesers an den journalistischen Klippschulen von 'Holzhausen'...

2. Bissige Liberale: Bezeichnend finde ich das beredte Schweigen der liberalen Blogosphäre. Wie zum Beispiel bei Rayson, Stefanolix und Co., wo die 'Bissigen Liberalen ohne Gebiss' es besonders 'witzig' bei all der Kritik an der Finanzkrise finden, dass die Kritiker ja gar keine Bankbilanz lesen könnten. Bliebe als Antwort, dass dafür diese 'Liberösser' mit Sicherheit auch keinen kommunalen Haushaltsplan lesen könnten. Oder die mathematische Lösung eines topologischen Problems. Argumentativ ist das alles derzeit ein wenig dürftig, angesichts der Größe des Problems: "Warst du denn schon mal 'drüben'?", pflegte mein Papa mich früher zu fragen. Nein, das war ich nicht - also durfte ich nicht mitreden. Kurzum - Gemümmel ohne Gebiss...

3. Wirtschaftliche Freiheit: Von einem ganz anderen Holz unter den Ordoliberalen ist da die 'Wirtschaftliche Freiheit', ein Internet-Projekt mehrerer VWL-Professoren. Hier wird - unter Berufung auf den freien Markt - die Fahne des Propheten trotzig hochgehalten. Auch wenn hier inzwischen John Maynard Keynes den etwas angegangenen Hayek von der Pool Position verdrängt zu haben scheint. In jedem Fall und allemal ist dieses Blog lesenswerter als das Gros jener 'Zellulositis' aus Printhausen, die ihre Berichterstattung unauflöslich mit den Interessen ihrer Anzeigenkunden verknüpft hat, solange es noch welche gibt. Anzeigen, meine ich...

4. Weissgarnix: Aus ganz anderer Richtung, aus den Regionen, wo der Sarkasmus haust und die Polemik das Meißner Porzellan der Betriebswirtschaftler mit Genuss in Scherben schlägt, von dorther kommt das Weissgarnix-Blog, wo uns eine Ratatouille aus 'Wirtschaft und Politik aus letzter Hand' verzapft wird, unter stetem Bezug auf den Alltagsverstand. Hier eine kleine Stilprobe:

 

"Den G7-Finanzministern geht es da nicht wesentlich anders als meinem 6-jährigen Sohn, der seine Eltern keine Sekunde im Zweifel darüber läßt, was er alles “will”. Nur weiß mein Sohnemann, sehr zu meinem Mißfallen wohlgemerkt, in aller Regel ganz genau, was er tun muß, damit er das gewollte auch tatsächlich “kriegt”. Damit scheint er Steinbrück und Konsorten den entscheidenden Schritt voraus zu sein."

Es ist natürlich unübersehbar, dass die Blogosphäre solche Texte eher belohnt als die reine Lehre der Ordoliberalen - zumal in dieser Zeit, wo statt der Wirtschaft die blanke Abwirtschaft regiert. Blogs sind nun mal eher subjektive Kramkästen, und eben keine stolz daherdampfenden Wirtschaftsmagazine. Trotzdem ist das Thema überall virulent - und oft auch dort nicht von schlechten Eltern.

5. Hier-Blog: Fortlaufende Kommentare zum wirtschaftlichen Zeitgeschehen gibt zum Beispiel das Hier-Blog. Der mspro dort glaubt zum Beispiel ganz ackermännisch und unbeirrt an die einst so beliebten 'Selbstheilungskräfte des Marktes' - das sagt er zumindest. Möglich ist schließlich alles, sagt auch Toyota. Der Verfasser ist leider dann wiederum nicht der Ansicht, dass die Menschheit eine solche Selbstheilung unbeschadet überstünde. Ein interessanter Sidestep, wie ich finde, weil sich das ganze pseudoreligiöse Marktgeröhre mittels dieses einfachen Gedankens - wie er hier zu finden ist - ganz von selbst ad absurdum führt.

6. Themenblog: Selbst unsere Berufsoptomisten von der PR- und Marketingfront sind inzwischen auf den fahrenden Zug nach Krisistan aufgesprungen. Das Themenblog aus dem nach allen Seiten offenen SinnerSchrader-Raum, laut Selbstaussage zuständig für die 'Kommunikation 2.0', das schreibt uns: "AktienCamp widmet sich ganz der Finanzkrise". 'Besser ist das', möchten wir da doch den Text ergänzen - oder: 'Was blieb den Aktien schon übrig?'. Nur die echten Großkaliber und Zwölfender, die trauen sich auch dort nicht mehr aufs Podium. Es ist in der Finanzbranche derzeit eben ganz wie beim FC Bayern, wo wir auch den Uli Hoeneß nie zu sehen bekommen, wenn der Verein vergeigt hat.

Und noch mehr: Es ließe sich diese Reihe derzeit endlos fortsetzen, nur würde dann der Titel meines Beitrags dort oben nicht mehr stimmen - zum Beispiel mit dem Oeffinger Freidenker, den ich allen als Informationsaggregator für ökonomische Rara und Exotika hier ans Herz lege. Oder mit den NachDenkSeiten einiger überzeugter Alt-Keynesianer, die plötzlich gar nicht mehr so altmodisch erscheinen. Mit dem Moritz Homann, der aus Sicht eines 21-jährigen Zeitungsvolontärs samt seiner wirtschaftsjournalistischen Ambitionen die Krise kommentiert, mit der Schweizer 'Zeitenwende', wo der Hansruedi Ramsauer das Märchen vom lukrativen Gold mal eben mit einer Grafik seziert, oder auch bei den 'Rebellen ohne Markt', wo der Don Alphonso unter dem Titel 'I fucking told you' zur Zeit mal eben geldgeadelte Insider-Informationen ausbreitet, die zumindest mich nicht übermäßig optimistisch stimmen...

Wer nun lieber etwas Zerstreuung sucht, dem seien die übrigen Ausgaben unserer Serie Sechsmal um den Blog empfohlen:

[postlist "Sechsmal um den Blog"]

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • decoien

    13.10.08 (11:13:09)

    Und das ist längst nicht alles. Ich darf mal auf den Blog Zeitenwende.ch und auf meinen eigenen Blog www.blicklog.com verweisen. Hier hat man den Eindruck, es gibt keine anderen Themen mehr.

  • ungläubiges Staunen

    14.10.08 (12:39:05)

    Der Spiegelfechter sei kein Linker, informieren Sie uns? Wie bitte? Das kann nicht Ihr Ernst sein, Klaus Jarchow.

  • Klaus Jarchow

    14.10.08 (13:55:37)

    Natürlich - der Spiegelfechter ist im amerikanischen Sinne vielleicht ein 'liberal', einer der für Bürgerrechte eintritt etc., das macht ihn aber noch nicht zum Linken, der es mit Sozialisierung pipapo am Hut hätte. Andererseits ist natürlich für viele, die sich ideologisch westerwellisiert haben, 'Linker' ein Schimpfwort für alle geworden, die nicht mit dem neoliberalen Mainstream schwammen. In dem Sinne ist er natürlich dann wieder doch ein Linker, obwohl er keiner ist ...

  • ungläubiges Staunen

    14.10.08 (16:26:26)

    Ich lese den Spiegelfechter zu selten, um das wasserdicht belegen zu können, aber es ist doch so, dass Jens Berger auf ganz unterschiedlichen politischen Themenfeldern nicht nur linke Positionen bezieht, sondern auch eine fundamental systemkritisch-linke Rhetorik anschlägt. Jens Bergers Texte erinnern weitaus eher an Chomsky als an Burkhard Hirsch. Und dass die Bereitschaft, die Prädikate "links" und "rechts" zuzuteilen, ganz erheblich auch von der eigenen Position im politischen Spektrum abhängt, das setze ich voraus. Aber irgendwann wird's dann auch albern (z.B. habe ich in den 1990ern noch Gremlizas Extremistenzeitschrift "konkret" gelesen, und da durfte nicht einmal die PDS als "links" bezeichnet werden - na klasse).

  • Klaus Jarchow

    14.10.08 (17:52:21)

    Es fragt sich doch, gegen welches System er systemkritisch ist. Das Bankensystem der Derivate-Rastellis kritisierte er natürlich in Grund und Boden - und mit Recht, wie sich heute jedem Dösbaddel zeigt. Gegenüber dem politischen System ist er aber eher ein (Wert-)Konservativer, der gegen den strafrechtlichen 'Reformismus' eines Schäuble und gegen den Deregulierungswahn von Merz, Sinn & Co. anschreibt und das alte System mit guten Argumenten verteidigt. Überhaupt sind rechts und links ziemlich untauglichen Kategorien geworden, wenn ein Gackermann als Deutsche-Bank-Vorstand zum obersten Verstaatlicher mutiert ist und Kauder und Lafontaine sich neuerdings bei jeder Talkshow in den Armen liegen, während das Flaggschiff des Besitzbürgertums in Deutschland (FAZ) das 'Ende des Neoliberalismus' verkündet. Fehlt bloß noch, dass die NZZ sich anschließt. Bei der Konkret lohnten sich übrigens nur Gremlizas Kommentare zu Theo Sommers Stilübungen in der 'Zeit', ansonsten gab es bei den Sektierern daheim immer einen, der noch gläubiger war als die anderen. Stalin nannte sogar die Trotzkisten 'Rechtsabweichler' ...

  • Fred David

    15.10.08 (08:33:49)

    Neeeeein! Klaus Jarchow! Die NZZ, eine der letzten Gralshüterinnen der freiesten aller freien Märkte wird ihre Position niemals räumen. Niemals! ....bis sie eines Tages still und heimlich von dieser Position entfernt werden wird, nämlich durch desertierende Leser, die Wirtschaft nicht dauernd mit Religion ud Ideologie verwechselt haben möchten und denen Fundamentalismus jeglicher Art auf den Senkel geht. Mal sehen, wie die NZZ-Wirtschaftsredaktion diesen unaufschiebbaren Positionswechsel erklären wird. Wir warten gespannt.

  • Klaus Jarchow

    15.10.08 (09:34:39)

    'Bissige Liberale' jetzt mit Schreiberling viel böse ...

  • Jean-Claude

    15.10.08 (10:01:36)

    Die sakralen Wahrheiten der Wirtschaft, ich meine der einzig wirklich wahren, liberalen Wirtschaft, sind nur einem engen Kreis von Weisen zugänglich. Und zu denen gehören Sie und ich und all die andern Schreiberlinge wirklich nicht. Wussten Sie das nicht, Herr Jarchow?

  • Klaus Jarchow

    15.10.08 (10:24:45)

    Jaja - wir sehen nur die Wolken am Fuße des Berges auf die Götter thronen.

  • Klaus Jarchow

    15.10.08 (10:25:21)

    Ein 'dem' wird hiermit nachgereicht.

  • John Dean

    15.10.08 (15:29:01)

    Das Blog "wirtschaftliche Freiheit" ist mitnichten ordoliberal. Okay, des schönen Klangs halber, sie nennen sich selbst so - indes, sie bekämpfen alles, was Ordoliberalismus ausmacht. Zum Beispiel die Kapitalismuskritik der Ordoliberalen, die Ordnungs- und Staatsvorstellungen, die Sozialstaatsidee, die Umverteilung, die harte Linie gegen Konzernmacht und wirtschaftliche Vermachtung u.v.m. Ich (als linker Ordoliberaler) wollte das einfach mal anmerken.

  • Klaus Jarchow

    15.10.08 (18:45:04)

    @ John Dean: Wir gebrauchen den Begriff des 'Ordoliberalen' unterschiedlich: Hier in diesem Text, wo es ausschließlich um wirtschaftliche Krisenereignisse geht, da denke ich bei 'ordoliberal' an jene Marktreligiösen, die glauben - ganz wie es in ihrer Kirche 'der Ordnung' entspricht - das sich im ungehinderten Waren- und Geldaustausch zwischen den Marktbuden alles wie von selbst zum Guten wendet. In dem Sinne ist auch 'wirtschaftliche Freiheit' ordoliberal, der Name ist da geradezu Programm. Bei dir dagegen spielt ein politischer Liberalismusbegriff hinein, der auf die 48er und ähnliche Leute rekurriert. Freiheit ist da sehr viel weiter gefasst, 'Ordoliberale' sind da geradezu jene Leute, welche von den Marktordoliberalen als erstes eingesperrt würden, weil sie die wirtschaftliche Freiheit und das 'Enrichissez-vous' gefährden. Wenn ich das falsch sehe, dann korrigiere mich.

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