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12.05.08

Sechsmal um den Blog: Genie, Edelweiß und Wahnsinn

medienlese.com unterwegs in der Blogosphäre. Weg vom Boulevard der Massen, hin zu den Mikromedien. Nächster Halt: Die literarische Szene Bloghausens.

U-Bahn Alexanderplatz (Bild Keystone)Dies ist die zweite Folge unserer kleinen Reise durch die entlegeneren Winkel und schrofferen Klippen der Blogosphäre. Sechs Blogs, die man als Ausgangspunkt zu weiteren Expeditionen ins Innere des virtuellen Kontinents und zu den Quellen des Nihil verwenden mag. Los geht's!

Ein guter Ausgangspunkt, um per Blogroll die 'literarische Szene' Bloghausens kennenzulernen, ist das Berliner Blog hor.de. Viele der Gedichte dort sind wohl 'maschinell', also unter Zuhilfenahme irgendwelcher Algorithmen, erstellt worden, aber die meisten der anderswo hochbedeutsam 'auf Pösie' getrimmten Gedicht-Websites schlägt das Ergebnis trotzdem allemal:

 

"Da die Natur längst klein gemacht, bleibt die Kultur, sie anzuschaun.

Ein Schnellkochtopf, mehr ist es nicht. Kein Gast, gedeckter Tisch."

Zack! - hier kommt gleich das allererschröcklichste Gegenbeispiel: Unter dem wirklich nur ganz leicht großmäuligen Titel Die literarische Zukunft Deutschlands betreiben die Großblogger MC Winkel, Roman Libbertz, Dr. Sno und Co. ein Blog, das daheim immer für einen Lachanfall gut ist. Zum Beispiel, wenn man eigentlich gar nicht wissen wollte, warum allzu kurze Schlabbersätzchen auch in der 'Popp-Literatur' absolut nichts taugen, und wenn einem dies trotzdem - im bislang letzten Beitrag - als gute Lehre hinterher so nebenbei ins Gehirn gebrannt wurde:

 

"Verheulte Augen. Ich denke, die beiden Putzfrauen haben es nicht bemerkt. Eigentlich kann es mir ja auch egal sein. Das sind ja keine Arbeitskollegen in dem Sinne. Warum es mich auch gerade jetzt überkommt. Bei der Arbeit. Zum Glück ist es Sonntag."

Den Schweizern erzähle ich gewisslich nichts Neues - allen anderen aber sei's endlich mal getrommelt und gepfiffen: Der Urner Bergbauer Zgraggen Schagg ist zwischen Genie, Edelweiß und Wahnsinn ganz weit oben auf der deutschsprachigen Alm anzusiedeln. Einen ersten Überblick über die waghalsigeren Abfahrer auf anderen Schweizer Bloghängen gewinnt man dank dessen Blogroll überdies.

Ich weiß auch nicht, weshalb man regelmäßig Gutes findet, wo jemand in seiner Blogroll das Bremer Sprachblog verlinkt hat - denn der Anatol Stefanowitsch ist gewissermaßen der leibhaftige Anti-Sick. Allerdings lernt MIT Sick bekanntlich niemand schreiben. Diese Regel trifft auch für Franziska zu, die das thoitsch-Blog betreibt, womit sie schlicht darauf zielt, das sie als deutsche Landpomeranze mit hellwachen Augen im multiethnischen Berliner Dschungel - resp. U-Bahn - sicher gelandet ist:

 

"Ich saß schon ein paar Minuten und wartete auf die Abfahrt; der kleine arabische Junge mir gegenüber starrte gebannt nach draußen (Na ja, der Bahnsteig Hermannstraße hat schon was) und antwortete konsequent auf alles, was sein Vater ihm auf Arabisch sagte, auf Deutsch. Toll, der Kindergarten wirkt! Stimmung kam auf, als eine Frau mit einem Mops auf dem Arm einstieg. Verschreckte Kulleraugen, Kindchenschema pur, und ein junger Russe, der augenblicklich durchdrehte. "Bitte, setzen Sie sich zu mir, bitte bitte, ich liebe Hunde, kann ich ihn mal streicheln, nur einmal soooo über den Kopf, bitte!!!" Die Frau, sichtlich genervt, ging in keiner Weise auf die Bitte ein, das Genörgel ging lautstark weiter. "Bitte!!" Der kleiner Araber machte das schon richtig gut nach, bitte!!!, der Vater grinste und verdrehte die Augen, die junge Araberin neben mir, wohl die Mutter, seufzte auch genervt, ein Afrikaner mit perfektem Deutsch, schon etwas älter, knurrte etwas über Verrückte, und ich grinste in die Runde. Ja, so muss das sein, das ist Berliner Solidarität pur! Als dann noch eine Großfamilie mit verhüllter Mama reinstömte und sich die sieben dunkelgelockten Kinder überall im Wagen verteilten, allein vier neben mir auf der Bank, da war die Stimmung perfekt."

Zu den großartigen Foto-Blogs, um auch mal von den Buchstaben abzulenken, gehört dasjenige von Fabian Mohr aus München. Unter dem Namen ISO 800 sind hier fesselnde Bilder zu finden, geschossen in jener seltsamen deutschen Blogumwelt, die von manchen auch Realität genannt wird, immer aus einer außergewöhnlichen Perspektive: Eine fotografische Kunstzeitschrift auf dem Monitor gewissermaßen.

Von uns gegangen - snief! - ist leider der Ambivalente Marketing-Diskurs. Lange Zeit ein brennendes Zäpfchen im Mors aller Web-Tuh-Ouh-Propagandisten und sonstigen Heißluft-Gondolieres. Vermutlich hat der marketingerfahrene Verkaufsprofi infach keine Lust mehr gehabt, auf unbelehrbare Projektemacher mit handfesten Argumenten einzuprügeln. Eine kurze Begründung seiner Selbstbeerdigung gibt er hier. Und sein 'Marketing Denglish Wordbook auf Horrors ' bleibt uns glücklicherweise erhalten ...

Stay tuned!

Mehr Blog-Entdeckungen:

[postlist "Sechsmal um den Blog"]

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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