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03.04.13

Science Fiction wird Realität: Das Zeitalter der exponentiellen Beschleunigung

Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem Science Fiction zur Realität wird. Das Tempo des technischen Fortschritts steigert sich exponentiell.

JetpackÜber viele Dekaden hinweg war Science Fiction vor allem eines: Fiktion. Beschreibungen einer fernen, zukünftigen Welt, der man sich zwar gerne in Roman- oder Filmform hingab, die aber weit genug von der Realität entfernt schien, als dass man ernsthaft zur Reflexion über die Implikationen gezwungen war. Doch mittlerweile signalisieren immer mehr Ereignisse: In den nächsten Jahren wird aus der einstigen Fiktion Wirklichkeit. Noch nicht in Form klassischer Sci-Fi-Errungenschaften wie fliegender Autos, Jetpacks oder Teleportation. Aber dennoch weitreichend genug, um die bisherige Welt auf den Kopf zu stellen. 50 Jahre Grundlagenarbeit

Rund ein halbes Jahrhundert dauerte es, um Informationstechnologie von einer Tüftelei weniger Wissenschaftler in die unersetzliche Kraft zu verwandeln, ohne die heutzutage ein Leben nicht mehr vorstellbar ist. Etwa 50 Jahre, in denen Grundlagenarbeit geleistet wurde. 50 Jahre, in denen Otto-Normal-Menschen behutsam an die neuen Möglichkeiten herangeführt wurden. So behutsam, dass vielen bis heute noch nicht klar ist, was da eigentlich gerade geschieht. Freilich, plötzlich gab es Computer, Mobiltelefone und das Internet, und man kann lustige Dinge damit anstellen. Wie disruptiv die globale Vernetzung und die Allgegenwärtigkeit der IT aber tatsächlich sind, haben viele passive IT-Konsumenten bis heute nicht verinnerlicht. Oder sie sind gerade dabei, dies zu tun.

Technischer Fortschritt mit einzigartigem Tempo

Denn auch wenn es für die gelegentlich zu vernehmende Aussage, das Internet sei die größte technologische Entwicklung seit der Erfindung des Buchdrucks, keinen objektiven Beleg gibt - immerhin baut jede Innovation auf zuvor Geschaffenem auf, und man könnte etwa behaupten, ohne Buchdruck sowie die damit möglich gewordene Wissensweitergabe wären viele andere Errungenschaften gar nicht oder erst viel später Realität entstanden - so halte ich es für unbestreitbar, dass sich der technische Fortschritt noch nie zuvor mit einer derartigen Geschwindigkeit abgespielt hat.

Das altertümlich wirkende Jahr 2000

Nachdem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Grundlagen gelegt wurden und nach der Jahrtausendwende IT und das Web in die äußeren Sphären des Lebens nahezu aller Menschen vordrangen, stehen wir nun an einem Punkt einer exponentielle Beschleunigung. Plötzlich geht es blitzschnell. Vergingen zwischen nennenswert das Dasein der breiten Masse verändernden Innovationen in der Vergangenheit mitunter viele Dekaden oder zumindest einige Jahre, verringert sich dieser Abstand immer stärker. Wer diese Behauptung nicht glaubt, werfe einen Blick auf diese lesenswerten Schilderungen des Alltags im Jahr 2000 - einstmals das magische Datum aller Sci-Fi- und Zukunftsliteratur. Smartphone, Tablet, Twitter, Facebook, YouTube, Skype, WLAN, Wikipedia, Google Maps - all diese heutigen Eckpfeiler des Digitalen existierten damals nicht. Dabei hat jeder auf seine ganz eigene Weise das Leben von vielen hundert Millionen Menschen maßgeblich beeinflusst.

Zukunftsmusik, die keine mehr ist

Innerhalb von einer Dekade hat sich für den modernen Durchschnittsbürger so viel verändert wie zuvor nur im Laufe einer Epoche möglich war. Zwischen der Markteinführung und der technischen Reife sowie massenhaften Verbreitung von Telefon, Radio, Fernseher und Computern vergingen jeweils Jahrzehnte. Heute geschieht so etwas innerhalb von drei bis vier Jahren, wie das Beispiel der Tablets zeigt.

Noch deutlicher wird der massiv beschleunigte Fortschritt der Technologie beim Blick auf das, was uns in naher Zukunft bevorsteht: Cyberbrillen, selbstfahrende Autos, Echtzeitübersetzer, künstliche Intelligenz und alltägliche Arbeiten übernehmende Roboter, die Verschmelzung von Mensch und Maschine, die Vernetzung aller Gegenstände und Objekte (Internet der Dinge) und selbst die Kommunikation zwischen verschiedenen Spezies stehen auf dem Progamm. Ausgehend von den Ereignissen und dem Tempo der jüngsten Vergangenheit erscheint eindeutig, dass vieles davon noch vor dem Jahr 2020 in unseren Alltag einziehen wird. Phänomene und technologische Hervorbringungen mit bestem Science-Fiction-Charakter. Nur dass es sich nicht mehr um Fiktion handelt.

Pandora oder Genie

Es ist die hohe, sich immer weiter beschleunigende Geschwindigkeit, die manche Menschen verunsichert und sich an Alltbewährtes klammern lässt, andere wiederum begeistert und in leidenschaftliche Fürsprecher verwandelt. Ich verstehe beide Seiten. Wir sind mit unzähligen, im Industriezeitalter entstandenen oder zumindest dabei verstärkten Problemen konfrontiert, für die die digitale Zukunft neue, bisher undenkbare Lösungsansätze verspricht. Alles von Bildung über das Gesundheitswesen bis hin zum Umweltschutz. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass das schiere Tempo der Fortschritts kombiniert mit der Machtlosigkeit der Mächtigen und die dadurch ausgelöste gleichzeitige Dekonstruktion über lange Zeit entstandener Strukturen uns schlicht überfordet. Sie führt zu von Instabilität und Unsicherheit geprägten Übergangsphasen. Welche Intensität und Dauer wird davon ertragen? Unklar.

Je nach dem, wen man fragt - ob Kritiker wie Evgeny Morozov, Jaron Lanier, Frank Schirrmacher oder Nick Carr auf der einen Seite, oder Tech-Apologeten wie Jeff Jarvis, Tim O’Reilly oder Clay Shirky auf der anderen Seite - so hat die Menschheit mit der IT und dem Internet entweder die Büchse der Pandora geöffnet, oder aber Genie aus der Flasche gelassen. Wahrscheinlich ist beides ein bisschen wahr. Was die erwähnten Herren davon halten, spielt dabei keine Rolle. Denn beeinflussen oder nennenswert bremsen lässt sich die exponentielle Beschleunigung ohnehin nicht mehr. /mw

(Foto: Flickr/martinjetpackCC BY 2.0)

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