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27.02.08

Schweizer Verlage: Im Schlafwagen ins Internet

Das neue Newsportal von Tamedia & Co. wird wegen einer Kreativpause eines Mitarbeiters verschoben, die Behausung der Web-2.0-Gemeinde von Ringier wird bei Ebay versteigert und vom angekündigten Schweizer Google News ist überhaupt nichts mehr zu hören. Verschlafen die Schweizer Verlage das Internet komplett?

Nickerchen auf einer Bergwiese
«Herrlich, diese Ruhe» (Bild Keystone)

Über diese Meldung im Kleinreport (Start des Tamedia-Newsnetzwerk-Systems verzögert sich) haben wir in unserem internen Firmen-Wiki alle herzlich gelacht. Der zweitgrösste Verlag der Schweiz, Tamedia, soll sein schon lange angekündigtes Newsportal nicht im Frühling, sondern erst im Herbst 2008 liefern. Grund: Der neue Chef des Projekts, Peter Wälty, macht eine mehrmonatige Kreativpause. Dazu ist von der Entscheidung zu lesen, "dass das Projekt nicht direkt unter einer eigenen Domain im Internet zugänglich sein werde".

Während in Deutschland alle dem Erfolg von Spiegel Online nachrennen, ein von Aufmerksamkeit überhäuftes Newsportal, das wahrscheinlich schon gar nicht mehr weiss, wohin mit all den Werbeaufträgen, den neuen Mitarbeitern und den Preisen, kümmert man sich in der Schweiz darum, wie man am Besten die Meldungen der Nachrichtenagenturen ausdruckt und gratis verteilt.

Tamedia, Espace Media, Basler Zeitung Medien

Peter Wälty bestätigt auf Anfrage, dass der Hauptgrund für die Verschiebung des Termins seine Kreativpause ist. Wer aus der Meldung des Kleinreports herausgelesen hat, dass die Kreativpause jetzt erst beginnt, liegt gemäss Wälty falsch - sein Vertrag beginne am 1. März 2008, das neue Portal starte im Spätsommer 2008, seine Kreativpause fand statt in den Monaten Dezember 2007 sowie Januar und Februar 2008.

Grund dafür ist ein Buch, an dem er arbeitet. Peter Wälty gegenüber medienlese.com:

Der Arbeitstitel heisst «James Bond und die Schweiz». Die Figur, das Phänomen, die Filme und die Verbindungen zur Schweiz. Mit reichlich Bildmaterial, das bisher gänzlich unbekannt war. Co-Autor ist Michael Marti. Erscheinen wird es voraussichtlich im Oktober 2008.

Gegenüber dem Kleinreport sagte Wälty, es sei noch nicht entschieden, ob der Grundsatz "Web first" gelten solle:

Das kategorische Propagieren von "Online First" als einzig vernünftige Zusammenarbeitsform von Internet und Print hat manchmal so was Heilslehrenartiges. Schauen wir beispielsweise die Reichweitenentwicklung von Welt.de an, die sich "Online First" in Riesenlettern auf ihr Banner geschrieben hat. Da kann man nicht erkennen, dass die Einführung dieses Prinzips im Januar 2007 besonders viel gebracht hat - wenigstens nicht im Bezug auf Visits.

Stimmt, in Bezug auf die Visits nicht. Aber davon abgesehen sieht die Entwicklung der Zugriffszahlen von Welt Online gar nicht so schlecht aus - was natürlich auch am Inhalt liegen könnte. Hier ein Screenshot von ivwonline.de :

Welt Online Zugriffszahlen

Sehr schön auch dieser Satz aus der Kleinreport-Meldung:

Oberstes Ziel sei es, ein Netzwerk aufzubauen, das alle Partner zufrieden stelle.

Geht also die Behaglichkeit, das Wohlgefühl der einzelnen Partner über den Erfolg des Projekts? Immerhin konnte Wälty, dem ich persönlich übrigens die "Kreativpause" von Herzen gönne, die Nicht-Onliner im Verlag überzeugen, dass es das Beste sei, auf das auf den schönen Namen "Content Dictator" getaufte, bei 20min.ch selbstentwickelte CMS zu setzen - natürlich nicht ohne dass zuerst eine "umfangreiche Evaluation mit vier Systemen und diversen Expertisen" vorgenommen wurde. Nur weil man den Mann holt, der für das bisher erfolgreichste deutschschweizer Online-Portal (20min.ch) verantwortlich war, heisst das noch lange nicht, dass man ihm auch vertraut. Klar, prüfe, wer sich lange bindet - einerseits sinnvoll, andererseits nicht ohne Verlust von Zeit und Geld zu realisieren.

Ringier

Der grösste Verlag des Landes hat zwei Online-Aushängeschilder. Über das eine, Cash Daily, wurde kürzlich ausführlich diskutiert ( Peter Hogenkamp / Rüdi Steiner ), das andere heisst youme.net.

Youme.net ist sowas wie ein von vielen Redaktoren betreuter Mischmasch zwischen YouTube und MySpace. Nur, im Gegenteil zu diesen war es nie erfolgreich und wird es, in der jetzigen Form zumindest, auch nie sein. Es standen schon immer zwei Missverständnisse hinter der Konzeption. Erstens glaubt man, es sei dem User wichtig, sich in einer Community mit anderen Deutschschweizern rumzutreiben - das ist falsch, dem User sind in erster Linie die Funktionalität (und die Inhalte) wichtig. Zweitens glaubt man, es sei dem User wichtig, wie in einem Club Med "animiert" zu werden - das ist falsch, der User wird von selbst aktiv, wenn es ihm lohnenswert erscheint.

Für mich ist es tatsächlich schwierig, lobenswerte Punkte bei Youme.net zu finden - am ehesten zu loben ist vermutlich noch das Engagement, mit dem das erfolglose Projekt in den letzten Monaten beinahe unter Ausschluss der Öffentlichkeit vorangetrieben wurde. Das Design gefällt mir nicht, die Benutzerführung ist unstrukturiert (was vermutlich cool wirken soll), der Slogan "Wir machen gemeinsame Sache" klingt eher nach Filz als nach Gemeinschaft und bei den "Yousern" kommt der Eindruck auf, es handle sich nicht mehr als um ein paar Versprengte. Ab und zu hat man das Gefühl, auf Youme.net habe es mehr Mitarbeiter als Nutzer.

Ebay Holzhütte

Wie dem auch ist - die Holzhütte, in der das Projekt beheimatet war, wird zurzeit auf Ebay versteigert. Einstiegsgebot: 48.000 CHF (ca. 30.000 EUR). Aktuelle Gebote: 0. Ende der Auktion: 4. März 2008, 9:28 Uhr. Der Verkauf des "Cubes" nach einem Jahr ist im Businessplan vorgesehen. Die Members auf youme.net hätten zwischen 18 und 29 Jahren alt sein sollen - sie "gehören laut den Sinus-Millieus zu den modernen Performern, Experimentalisten, Hedonisten und Postmateriellen Typen" (aus dem Businessplan, via dem Blog, dessen Namen man sich nicht merken kann).

Ob jemand das mobile Glasholzhaus kaufen wird oder nicht, werden wir ja sehen. Wenn nicht, dann müssen die Anschaffungskosten von 120.000 Schweizer Franken (ca. 75.000 Euro) komplett abgeschrieben werden. Zusammen mit den ständigen Auf- und Abbaukosten und den Transportkosten, die für die Zirkustour durch die Schweiz aufgewendet wurden (Businessplan: "Wir arbeiten in einer Art 'Glas-Container', welcher für jeweils ca. 6 Wochen an einem Standort sein wird."), sind das sehr hohe Kosten für ein Startup. Der Versuch, das Volk die Zielgruppe mit "Hey, das verrückte Startup mit denen in der Holzhütte ist in der Stadt" zu begeistern, hat offenbar nicht geklappt - die Rückmeldung in Blogs zum Beispiel war sehr spärlich.

NZZ und andere

Erst kürzlich hatte der Chefredaktor der NZZ, Markus Spillmann, die genau richtige Einsicht:

Entscheidend am Ende ist die Frage: Sind wir fähig als Journalisten, auch künftig Qualität zu bieten, auf den Trägern, auf den Informationskanälen, die unsere Kunden, nämlich die Leserinnen und Leser, auch konsumieren wollen.

Gut. Aber auch wenn NZZ Online ständig optimiert wird - ist das alles, was der NZZ Verlag online will? Es war ja mal davon die Rede , zusammen mit den Schaffhauser Nachrichten, der Südostschweiz und der Mittelland-Zeitung ein gemeinsames Online-Newsportal auf die Beine zu stellen.

Obwohl gemäss Norbert Neininger, dem Chefredaktor der Schaffhauser Nachrichten, bereits "eine sehr gute Software" besteht und die Realisierung des Portals im November 2007 hätte entschieden werden sollen, ist die Schweizer Antwort auf Google News noch nicht da. Ist man sich nicht einig geworden oder ist man noch in den Laboratorien? Neininger schickten wir gestern dazu per Mail eine kurze Anfrage, auf gut Glück, denn von den Redaktionsmitgliedern sind online nur die Namen bekannt. Falls eine Antwort zurückkommt, werden wir sie hier veröffentlichen.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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