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31.03.09Leser-Kommentare

Schweizer Tages-Anzeiger: Strehle und Eisenhut

Der Tiefgang-Journalist und der Quotenbolzer: Res Strehle und Markus Eisenhut teilen sich die Chefredaktion des Tages-Anzeigers.

Res Strehle (links) und Markus Eisenhut. Beide Bilder sind nicht aktuell. (Keystone)

[hide]Res Strehle (keystone)Markus Eisenhut (keystone)[/hide]Geradezu unheimlich still sei es in den letzten Wochen gewesen auf der Redaktion des Zürcher Tages-Anzeigers, und langsam begann man sich auf den Gängen zu wundern: Der Ersatz für Chefredaktor Peter Hartmeier war nur einer von mehreren kursbestimmenden Entscheiden für das gesamte Haus Tamedia, die noch im ersten Quartal 2009 fallen sollten - und es gab noch nicht mal Gerüchte. Einen Tag vor Ablauf der Frist ist der Entscheid gefallen:

Wie für den unspektakulärsten Fall erwartet übernimmt Res Strehle, der vor allem als Entwickler des hochwertigen "Magazins" des Tagesanzeigers bekannt ist, die Chefredaktion.

Allerdings tut er es nicht allein. Ihm zur Seite gestellt wird Markus Eisenhut, derzeit Chefredaktor der Berner Zeitung, dem Flaggschiff der Espace Media, die auch bereits zum Tamedia-Imperium gehört, welches sich weiter in der einst so vielfältigen Schweizer Presselandschaft ausdehnt.

Wenn Strehle der stille Denker und der Journalist mit Tiefgang ist, dann ist Markus Eisenhut der Auflagenschaffer, der zuerst mit 20Minuten Leserrekorde zusammentrug und danach bei der Berner Zeitung in die gleiche Richtung weiterwirkte. Das hat nicht unbedingt zur qualitativen Steigerung der Tageszeitung aus der Schweizer Bundesstadt beigetragen - aber dort gibt es ja, anders als in den meisten übrigen Städten der Schweiz von geringerer Grösse als Zürich, noch ein Konkurrenzprodukt, die Qualitätszeitung "Bund".

Die gehört indes inzwischen auch zur Espace Media und damit zum Tamedia-Imperium, und einer der weiteren noch für dieses Quartal erwarteten Entscheide betraf eigentlich die Existenz des in Dauer-Agonie liegenden Qualitäts-Hauptstadtblattes.

Offen ist hier, ob der Bund ganz in die "BZ" integriert oder als Kopfblatt des Tagi weiterexistieren soll - gemunkelt wird auch von einem Modell Hauptstadt-Politzeitung: Der "Bund" würde zur Washington Post der Schweiz mit extremer Gewichtung der Bundespolitik. Dabei würe dann wohl der Mantel der Zeitung aus allem ausser dem Inland- und Politstoff bestehen, und vielmehr der Tagi seine Bundeshausstoffe vom Bund beziehen. Tatsächlich müssen angeblich die gelicheteten Reihen der Tagi-Bundeshausredaktion jetzt bereits mit Bund-Leuten gestärkt werden.

Was die Ko-Chefredaktion von Macher Eisenhut und Denker Strehle für die Ausrichtung des Tagesanzeigers heisst, scheint offensichtlich: Eine Fusion aus Qualität und Masse scheint das Ziel zu sein. Ein Stratege kann das offenbar nicht allein vollbringen. Ob die erklärte Stossrichtung in die Breite allerdings angesichts der allseits prophezeiten Polarisierung im Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt dem Tagi gut tut, darf angesichts der bereits ausreichend gepflegten Breitenprodukte im Hause Tamedia - 20Minuten, Sonntagszeitung, Newsnetz - bezweifelt werden.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Ronnie Grob

    31.03.09 (13:35:52)

    Die WOZ twittert dazu: wir sind chefredaktor So ist es: Res Strehle ist Gründungsmitglied der "überregionalen linken Zeitung".

  • Michael Sennhauser

    31.03.09 (16:23:54)

    Ist das nun ein doppelköpfiges Monster beim Tagi? Oder muss man den Online-Wälty auch dazu rechnen, was dann schon eine echte Hydra ergäbe? Und gleichzeitig will Walpen bei der SRG SSR idée suisse Köpfe konvergieren ... und auf einen Kopf an der Spitze von Radio und TV setzen. Und die BaZ schafft die online-Redaktion ab. Und Cash die Print-Ausgabe. Lemminge.

  • Fred David

    01.04.09 (20:43:49)

    Eine repektable Doppelwahl von zwei Profis. Da darf man herzlich gratulieren. Natürlich nicht, ohne etwas Senf dazu. Res Strehle war vorher Journalist bei Woz, Facts, Bilanz, Weltwoche , Tages-Anzeiger. Lukas Eisenhut war Journalist bei 20 Minuten, Tages-Anzeiger Blick, Sonntags-Blick. Das Exil im entlegenen Bern fällt geografisch als totaler Ausreisser auf und die paar Auslandausflüge als Verlagsmanager zählen wir hier mal nicht mit. Alle diese respektablen Redaktionen - ausser natürlich die ferne Berner - liegen nur gerade ein paar Kilometer auseinander. Fällt man als Journalist zur einen Züri-Tür hinaus, fällt man auf der andern Strassenseite zur andern Züri-Tür gleich wieder herein. Und das mehrfach hintereinader und immer wieder. Ein ganzes, langes Journalistenleben lang. Das glt für die allermeisten Journalistenkarrieren in der Deutschschweiz. Ist das nicht etwas wenig an Weltläufigkeit und Interesse an dem, was da weit draussen hinter dem Uetliberg, auch noch passiert? Ich meine, es ist immerhin der Chefposten bei der grössten Nicht-Boulevard-Zeitung der Schweiz. Ein bisschen provinziell ist das schon. Züri ist eine tolle Stadt, aber nicht die Welt - und sicher nicht ausreichend für ein ganzes Journalistenleben. Wer die dortige Cüpli-Gesellschaft ein wenig kennt, weiss wie eng es werden kann, wie sich die Gespräche in den Szenebars, notfalls auch bei Starbucks, dauernd um denselben Nabel drehen, dieselben Gesichter, dieselben Themen. Frischer Wind von draussen, aus jener Welt, wo auch noch Menschen leben, täte diesem Neschtli gwüss gut . Und den Mediuen sowieso. Wer in den genannten Redaktionen mal gerade Zeit hat, die Ausgaben der letzten drei, vier Wochen in Ruhe Revue passieren zu lassen, weiss sehr genau, was ich meine. Und daneben vielleicht auch mal FAZ legt, die Süddeutsche, Le Monde, Guardian. Die Sicht aus der Distanz zu den gleichen Themen ist nicht zwingend falsch. Im Gegenteil. Insbesondere, wenn es die Aussensicht auf die Schweiz betrifft. Deutschland nicht nur von ein paar Szeneparties in Berlin zu kennen, mal in einer Redaktion in Hamburg oder Paris ein paar Monate oder Jahre gejobt, Afrika als Journalist dort erlebt zu haben, wo es keine elfenbeinfarbenen Strände gibt, Washington oder von mir aus auch nur das Elsass nicht nur in Pressekonferenzen oder "enbeded" auf geführten Medienreisen, eine Autofabrik, ein Kohlebergwerk mal von innen gesehen zu haben, müssten schon auch noch gewichtige Auswahlkriterium sein, neben dem in tausendundeiner Sitzung erprobten Sitzleder natürlich, neben Crossmedia-Artistik, Budgetkontrolle und SVP-Tauglichkeit. Schreiben können natürlich beide, keine Frage. Aber es braucht auch den Humus aus andern Ländern dazu, aus andern Gesellschaften, Kulturen, Religionen. Das web allein wirds nicht richten. Vielleicht bin ich ungerecht, aber den genannten, ziemlich stromlinienförmigen Biografien (abgesehen von einigen hoffentlich unerlässlichen Jugendsünden) kann ich nichts anderes entnehmen. Bei ABB, UBS, Novartis, Roche, Nestlé, über die die genannten Medien ja dauernd schreiben, käme man mit dieser Züri-Biografie jedenfalls nicht allzu weit auf der Karriereleiter. Dafür gibt es Gründe. Ich meine, wir leben doch im Jahr 2009 und reden jeden Tag davon, was Globalisierung für jeden einzelnen von uns bedeutet und was noch kommt. Und es wird kommen. - Aber bitte nicht nach Züri?

  • Fred David

    02.04.09 (08:56:08)

    Sorry, der "Lukas" ist natürlich ein "Markus" Eisenhut (s. vorhergehendes post).

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