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10.02.09

Getretener Quark: Schweizer Qualitätsmedien

Die Satire-Website eines Deutschen zeigt die Verunsicherung der helvetischen Qualitätsmedien – und einen gefährlichen Trend: Die Streichung des journalistischen Relevanzkriteriums.

Gratiszeitung: Totale Verunsicheung der Kollegen (Keystone)

"All the news that's fit to print - alle Nachrichten, die den Abdruck wert sind": Der Slogan der New York Times gibt auch im Informationszeitalter noch ein gutes Motto ab. Vielleicht müsste man es aber konkretisieren: Lag die Betonung bisher auf der Vollständigkeit der Berichterstattung, so müsste sie im Internet-Zeitalter auf der bewussten Auslassung liegen.

Die Schleusen des Informationszeitalters sind offen. Die Journaille ist nicht mehr Gatekeeper und vierte Macht im Staat, die verantwortungsvoll entscheidet, was zum öffentlichen Thema gemacht wird und was nicht. Das bedeutet keineswegs, dass es keine Journalisten mehr braucht, im Gegenteil: Sie werden weiterhin nötig sein, um Relevantes aus der Flut zu fischen, Hintergründe im Strom zu erklären und aufzuzeigen, welchen Müll man als Konsument getrost den Bach hinunter gehen lassen kann.

Das pure Gegenteil davon ist gerade in der Schweiz in einer kleinen, im Politzirkus fast schon alltäglichen Geschichte passiert. Bedenklich finde ich diese Story rund um eine "satirische" Website und das Schweizer Politgeplänkel, weil sie die totale Verunsicherung auch der Kollegen der Schweizer "Qualitätsmedien" zeigt.

Die Details, die dabei selbst von den seriösesten Titeln nachrecheriert und mit denen eine angebliche Kampagne der einen Seite oder die Verleumdung der anderen nachgewiesen werden sollte, sind nämlich weitgehend uninteressant und so belanglos wie die Website selber - selbst oder gerade dann, wenn sie, wie an einem Punkt in der Diskussion, ausschliesslich für die politische Stimmungsmache angelegt wurde. Denn ohne die Publikation in den Medien hätte sie sich nicht für die Stimmungsmache einsetzen lassen: Es hätte sie kaum jemand gefunden.

Statt allerdings die Relationen zu wahren, den "Skandal" zumindest in jenen Medien, wo es nicht um unterhaltsame Streitereien, Emotionen und Einzelfiguren, sondern um die Zusammenhänge und Hintergründe geht, in den richtigen Kontext zu stellen und darauf hinzuweisen, wie klein das Wasserglas dieses Sturmes tatsächlich ist - oder ihn gleich ganz einfach in einer Randnotiz abzuhaken - , sahen sich die Kollegen und Kolleginnen quer durch alle Mediengattungen genötigt, in grosser Ernsthaftigkeit nachzurecherchieren. Als Folgerungen kamen dann Dinge aus der Klamottenkiste der neunziger Jahre wie die Aussage, das Internet sei eine Gefahr für die Politik.

Richtig ist, dass das Internet eine Gefahr für die Medienkonzerne darstellt und sie längerfristig als traditionelle Kanäle der Politik überflüssig macht, wenn man sich in den Verlagsetagen und Redaktionen nicht auf eine neue Rolle besinnt.

Ironischerweise zeigt aber der konkrete Fall, dass just das zu wenig passiert. Ohne die Medien, gerade die mit dem analytischen Anspruch, wäre die Website-Geschichte das geblieben, was sie sein müsste: Eine Anekdote auf dem Boulevard zu einer Gesellschaft mit einer neuen Medienkompetenz. Stattdessen machen sich die Kollegen und Kolleginnen mit ihren Recherchen überhaupt erst zum Spielball einiger gewiefter Politiker - und geben sich ganz empört darüber, wie einfach sowas heute geht.

Den einzigen an der Geschichte bemerkenswerten Satz hat der Urheber der inkriminierten Website selber von sich gegeben mit der Feststellung,

"daß es in der Schweiz wesentlich einfacher ist, Medienaufmerksamkeit zu erregen als in der Bundesrepublik Deutschland."

Die Ursache dürfte in der überhöhten Verunsicherung in der Schweizer Medienbranche zu finden sein. Zum Strukturwandel gesellt sich in der Schweiz die aktive Umwälzung der ganzen Branche durch das "Geschäftsmodell" der Gratiszeitung, das zunächst grosse Erfolge feiert. Dass es sich dabei um eine temporäre Erscheinung und möglicherweise nicht um das Erfolgsmodell für die Zeit nach dem Strukturwandel handelt, ist wohl auch den Strategen beispielsweise bei einer Tamedia bewusst.

Dass aber damit jetzt, in der Gegenwart, die journalistische Kultur nachhaltig geschädigt werden könnte, dass jene Titel, deren Glaubwürdigkeit sie möglicherweise auf der anderen Seite des Tunnels wieder zu wertvollen Brands machen könnte, ihren ganzen Wert verlieren, das scheint man nicht zu erkennen.

Sonst würden die Belegschaften der Qualitätsblätter in der Phase des Übergangs unterstützt und nicht unter ständiger Vorhaltung der neuen Produkte zusammengespart. Dabei ist die Polarisierung zwischen extrem reichweitenstarken Unterhaltungsmedien und Boulevard im besten Sinn des Wortes und spezialisierten Qualitätsprodukten wie bei jedem Strukturwandel wahrscheinlich der sicherste Weg, eingermassen unversehrt auf der anderen Seite herauszukommen. Aber das gesamte Portfolio auf Reichweite und Breitenwirkung zu trimmen, das kann gar nicht aufgehen: Das Internet ist Boulevard und verträgt nur eine beschränkte Anzahl Universalmedien; der Bedarf an qualitativ hochwertigen Spartenmedien für klar definierbare Zielgruppen hingegen ist nahezu unbegrenzt.

Nur entwickeln sich die Qualitätsblätter unter dem Druck und den Vorhaltungen der Verlage wie der sprichwörtliche getretene Quark - in die Breite. Sie beginnen, sich den "Emporkömmlingen" anzugleichen. Das geschieht hoffentlich unbewusst. Aber wer weiss, wie eine Politgeschichte in der Schweiz ihren Weg in und durch die Medien findet, der kann sich die neuesten Anekdoten leicht erklären.

Jahrezehntelang war es für die Redaktionen verhältnismässig leicht, sich aus den Gefilden der einzigen Boulevardzeitung der Schweiz herauszuhalten. Der Blick hatte manchmal Geschichten von politischer Relevanz und manchmal reine Possen, die man an der Redaktionskonferenz leicht als Blindgänger und unbedeutend abtun konnte.

Wo ein Politiker in der Wandelhalle des Bundeshauses (oder an einem Parteitag in Hintertupfikon) vielleicht noch bei drei Journalisten vesuchen musste, ein Thema zu loszuwerden, und es im Erfolgsfall womöglich bei einer einzigen Publikation blieb, sind die Chancen, heute etwas aufs "nationale Parkett" zu heben, um ein Vielfaches grösser.

Mit dem Wettbewerb der Gratis- und der Wochenendzeitungen verlangt ein bewusstes Abseitsstehen ein Selbstverständnis, wie es vielleicht die NZZ vor einigen Jahren noch hatte. Wenn aber heute drei der Pendlerblätter eine kleine Geschichte, gut aufgemacht, mit Details und ein paar Telefonrecherchen angereichert, abdrucken, steht die Argumentation an der Redaktionskonferenz fest: Jetzt ist es ein Thema, jetzt müssen wir auch. Auf langwierige Argumentationsschlachten hat da keiner mehr Lust, und kein Dienstchef will am nächsten Tag begründen müssen, warum man als einziges Blatt diese eine Geschichte nicht hatte. Noch dazu, wenn sie gestern vielleicht noch nicht relevant war, es aber heute durch die uniforme Verbreitung geworden ist.

Was beispielsweise leicht geschieht, wenn es eine Geschichte mit einer rasch überprüf- und verlinkbaren Website ist. Dass diese, um Relevanz zu erlangen, zuerst irgendeine Form medialer Verbreitung haben muss - sei es nun über die Traditionellen oder neue Medien wie Social Networks - macht die ganze Geschichte zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung.

Spätestens an diesem Punkt sollten sich die Mitglieder der Redaktionen von Qualitätsmedien wieder auf das besinnen, was einmal ihre Verantwortung als vierte Macht im Staate als Herren über die Druckerpressen war. Damals zeigte man Courage, indem man eine Geschichte veröffentlichte, weil sie relevant war. Vielleicht besteht die Courage schon bald darin, Geschichten ostentativ als nicht relevant zu ignorieren. Oder noch ostentativer zu begründen, warum man es tut.

Wie die Zeit in ihrer Kolumne "prominent ignoriert". Oder die New York Times mit dem Zukunfts-Slogan "Alle Nachrichten, die den Abdruck wert sind - und kein Wort mehr."

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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