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06.02.09Leser-Kommentare

Schweizer Medien: Boulevard-Zirkus um Satireseite

Ein Deutscher macht eine satirische Website und lässt damit die politische Schweiz tanzen. Mit dabei sind Tamedias Online-Portale – das Fernsehen kapituliert vor der "Kampfzone Internet".

20 Minuten, Blick, Tages-Anzeiger: Der reinste Zirkus

[hide]20minutentagesanzeiger[/hide]Wenn es in der Deutschschweiz online um Boulevard geht, dann hat Tamedia schon längst das Heft in der Hand. Tagesanzeiger.ch und 20min.ch bauschen täglich irgendwelche irrelevanten Storys gross auf - und handeln damit so, wie es kürzlich noch bei Bloggern kritisiert wurde.

Ein regelrechter Zirkus aufgebaut wurde um die Website www.come-to-switzerland.com, über die letzte Woche auf 20min.ch zuerst ein Bericht erschien. Die Website sprach HartzIV-Empfänger an, die sich zu überrissenen Honoraren beraten hätten lassen sollen, wie sie den lukrativen Sozialstaat Schweiz am besten ausnützen können. Zum dürftigem Inhalt dazu wurden viele Google-Ads angezeigt - inzwischen wird auch zu Spenden aufgerufen.

Darauf wurden "Indizien" gesammelt und offenbar reichte es, dass der Betreiber der Website, Markus Gäthke, mal mit dem Nationalrat Lukas Reimann zusammengearbeitet hatte, um letzteren zu verdächtigen, er habe ihm den Auftrag zu come-to-switzerland.com gegeben.

Reimann dementierte, Gäthke klärt nun den Fall mit einem Text und einem Video auf der Website. Die simple Antwort: Es ist Satire.

Im vorgelesenen Text zeigt sich Gäthke bestürzt über die Schweizer Medien, denn der Zirkus um die satirische Website hatte viele Folgen, die auch Gäthke bedauert:

Daß aber Bundesämter in der Schweiz oder das Staatssekretariat für Wirtschaft sich berufen fühlen würden, sich öffentlich zu der Seite in den Medien zu äußern, damit habe ich natürlich nicht gerechnet.

Das sich nahezu die gesamte Schweizer Presse wie ein Schwarm hungriger Geier auf diese an sich harmlose kleine Website stürzen würde und die Angelegenheit zu einem schweizweiten Politikum aufblasen würde, auch damit habe ich nun wirklich nicht gerechnet.

Besonders bedenklich hierbei, wie sich Gegner und Befürworter im Vorfeld der Abstimmung wegen einer Seite mit der – dies sei hier nochmals ausdrücklich erwähnt – weder die einen noch die anderen zu tun haben, mit Schlamm bewerfen und das ganze sogar darin gipfelt, daß sich Wirtschaftsverbände als Befürworter der Personenfreizügigkeitsausdehnung offenbar dazu hinreißen haben lassen, zeitgleich zu Journalistenberichten ganzseitige Zeitungsanzeigen zu publizieren und die Gegner der Personenfreizügigkeit dem noch gleichziehen.

Daß schlußendlich das Fernsehen sich noch mit der Sache befaßt hat, ist dann wohl kaum noch zu toppen. Es ist jedenfalls einzig und allein das fragwürdige Verdienst der Medien, diesen Sturm im Wasserglas entfesselt zu haben - ich habe dazu nichts beigetragen.

Das Fernsehen? Ja, das Schweizer Fernsehen, das ehemals glanzvolle Politmagazin "Rundschau" berichtet unter Einsatz von mehreren Reportern über die "Kampfzone Internet", in der jeder zu Wort kommt, "ohne lästige Journalistenfragen", was natürlich in der Regel "kaum jemand" interessiert. Der Schlusssatz der Sendung: "Wer Opfer und wer Täter ist, lässt sich im Dickicht des World Wide Web kaum eruieren. Typisch für die unberechenbare Kampfzone Internet." Eine journalistische Kapitulation eines mit Gebühren finanzierten Politikformats.

Wer will, kann auch nochmals etwas Aufregung bei Iwan Städler, dem Ressortleiter Schweiz des Tages-Anzeigers, nachlesen. Oder bei nn. von der NZZ.

Urs Rellstab, Leiter Kommunikation des Schweizer Wirtschaftsverbands Economiesuisse sah in der Folge der Satire bereits " eine neue Dimension der Manipulation der Stimmbürger ".

Die Wähler, die am Wochenende über die Vorlage zur Personenfreizügigkeit abzustimmen haben, werden vom Satiriker Gäthke beruhigt:

Wenn Sie Bürger der Schweiz sind: Bitte treffen Sie Ihre Wahlentscheidung, ohne sich von dem wahnwitzigen Medienzirkus um diese Internetseite beeinflussen oder verwirren zu lassen, treffen Sie die Wahlentscheidung, die Sie für richtig halten und lassen Sie sich dabei durch nichts irre machen.

Ich bin weder von Abstimmungsbefürwortern noch von Abstimmungsgegnern mit der Erstellung dieser Website beauftragt worden. Es stecken auch keine wie auch immer gearteten politischen Gruppierungen aus Deutschland dahinter.

Als "Fazit der 'Studie', die wohl Mediengeschichte geschrieben haben dürfte", sieht er, "daß es in der Schweiz wesentlich einfacher ist, Medienaufmerksamkeit zu erregen als in der Bundesrepublik Deutschland."

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Enk

    06.02.09 (11:48:00)

    Ganz so trivial wie hier dargestellt ist diese Geschichte nicht. Es gab neben einer (sehr indirekten) Beziehung zwischen dem Seitenbetreiber und einem Schweizer SVP-Nationalrat durchaus noch ein paar andere Indizien dafür, dass die Seite kein persönlicher Spaß eines deutschen Webdesigners war, sondern im Auftrag schweizerischer Interessengruppen erfolgt ist, um die Abstimmung am Sonntag zu beeinflussen (Zeitpunkt, Sprache, Lancierung in schweizer Medien). Die eilig nachgeschobene Erklärung des Seitenbetreibers klingt dann auch eher nach Schutzbehauptung, vor allem weil er in keinster Weise darauf eingeht, was ihn zu diesem lustigen Spaß veranlasst hat.

  • tin

    06.02.09 (11:52:54)

    Mich überzeugen die Erklärungen Gäthke auch nicht. Er wurde ja mehrmals über die Webseite angefragt - sagte aber immer, er sei nur Betreiber und sei für den Inhalt nicht verantwortlich. Es war also nicht nur "Satire" (wobei ich unter Satire etwas anderes verstehe), sondern auch Lug und Trug.

  • Andreas Stricker

    06.02.09 (12:31:52)

    Das Zitat ist nicht ganz richtig wiedergegeben: Richtig ist: Es ist jedenfalls einzig und allein das fragwürdige Verdienst der Medien, diesen Sturm im Wasserglas entfesselt zu haben - ich habe dazu kaum etwas beigetragen.

  • Ronnie Grob

    06.02.09 (12:43:26)

    @Andreas Stricker: Auf der Website steht nach wie vor: Es ist jedenfalls einzig und allein das fragwürdige Verdienst der Medien, diesen Sturm im Wasserglas entfesselt zu haben - ich habe dazu nichts beigetragen. Wieso ist es denn nicht richtig wiedergegeben?

  • David

    06.02.09 (12:45:47)

    Ausgelöst wurde der Sturm dadurch, dass ein SVP-Sekretär die Seite in einem Leserbrief erwähnt hat als "Beweis" dafür, wohin die Personenfreizügigkeit führt. Ausserdem hat Reimann eine Pro-Website plagiert, also bereits mit unerlaubten Mitteln gekämpft. Dass man ihm dann sowas zutraut, darüber muss er sich nicht wundern. Reimann und die SVP haben also erheblichen Anteil an der Story.

  • Andreas Stricker

    06.02.09 (12:55:59)

    Beide Versionen stimmen: Auf der Website heisst es "nichts beigetragen"; im Video sagt er "kaum etwas beigetragen". Auf die Website bezogen stimmt das Zitat natürlich - sorry.

  • mds

    06.02.09 (13:11:26)

    Befürworter und Gegner erklären ständig mit negativen Argumenten, wieso man JA oder NEIN stimmen sollte. Gibt es auch positive Argumente für oder gegen die Personenfreizügigkeit – im Allgemeinen sowie speziell für die Personenfreizügigkeit mit Bulgarien und Rumänien?

  • Graggsel

    06.02.09 (13:26:03)

    Herr Gäthke scheint nicht soviel über schweizerische Politik zu wissen, spricht er doch wiederholt von "Wahlentscheidung". Was wird denn gewählt am 8. Februar? Ob wir unter die Guillotine wollen oder nicht? Danke für den interessanten Blog-Eintrag. Das letzte Wort scheint aber noch nicht gesagt in dieser Anglegenheit.

  • tin

    06.02.09 (13:27:27)

    Ich habe den Eindruck, dass es in Wahl- und Abstimmungskämpfen schon lange nicht mehr um Argumente geht.

  • Andreas Stricker

    06.02.09 (15:36:34)

    Wenn ich die Kommentare in den Online-Auftritten der betroffenen Medien anschaue (insbesondere Tagi, aber auch NZZ), scheinen diese von ihrer beschämenden Fehlleistung keinen grossen Schaden zu nehmen. Die meisten Kommentatoren scheinen sich aufs Bashing von - je nach Präferenz - den Linken, den Rechten, den Netten, den Deutschen, den Ausländern, den Bulgaren, Rumänen, der EU … zu fokussieren und scheinen nicht die kognitiven Voraussetzungen zu besitzen um zu verstehen, dass sie nicht in erster Linie von Gäthke, sondern von Printmedien und Fernsehen in die Irre geführt worden sind. Man könnte meinen, mit solchen Lesern braucht sich die konventionelle Medienzunft keine Sorgen um die Zukunft zu machen. Ihre Auflagen gesteigert hat diese selbst inszenierte Provinzposse allemal.

  • Fred David

    06.02.09 (15:58:53)

    Ist die Schweiz und vorab ein erheblicher Teil ihrer Medien am verkinden? Gibt es keine Verlagsbosse, die ihre Chefredaktoren gut hörbar anbrüllen: Hat man euch ins Hirn geschissen!? Was für Leute habt ihr da denn eingestellt?

  • tin

    06.02.09 (17:35:48)

    Die heutigen Medienkonzepte scheinen tatsächlich nur noch aus Kampagnen- und Skandaljournalismus zu bestehen. Mit der Affäre Nef/Schmid (vielleicht schon vorher) hat man offenbar Blut gerochen und will jetzt alles und jedes "gnadenlos aufdecken".

  • Fred David

    06.02.09 (19:51:07)

    @)tin: Na ja, wenn's wenigstens echte Enthüllungen wären mit einer Relevanz wie im Fall Nef, würde man ja noch den Mund halten. Aber so? Diese Art von Kindskopfjournalismus, der sich gegenseitig auch noch ab- und hinterherschreibt, ist ein Begleitphänomen der Gratiszeitungen und infiziert inzwischen auch andere Medien. In keinem andern Land Europas haben Gratisblätter einen derartigen Erfolg wie in der Schweiz. Wird schon seinen Grund haben. Wenn sich's hiesige Publikum oben beschriebenen Mist widerstandslos in Serie gefallen lässt, kann man eben nichts machen. - Oder doch? Wie wär's mal mit einer konzertierte Aktien am ganz frühen Morgen: einfach mal die Gratiskästen einer Stadt ausräumen, natürlich ohne einen Stand zu beschädigen, das Fundmaterial auf einem zentralen Platz schön aufhäufen und anzünden. Es müsste aber schon ein ordentlicher Berg sein, denn es soll ja was darstellen. Strafbare Sachbeschädigung wäre das nicht, denn es ist ja alles gratis. Ob man mit den Zeitungen die Schuhe stopft oder sich daran an einem kühlen Februarmorgen erwärmt, macht juristisch keinen Unterschied. Allenfalls könnte man sich noch auf die Notwehr als Leser berufen. Das ganze müsste man anschliessend nur als youtube-Filmchen ins web setzen und dem Schweizer Fernsehen einen Wink geben. Der Rest läuft von allein. Eine Art Kampagnenjournalismus mit zündender Wirkung aus Lesersicht. Frewillige vor! Eine kleine Truppe genügt. Aber bitte: Am Schluss die Asche schön zusammenkehren und ordentlich in Säcke abfüllen. Die kann man dann per Taxi in die einzelnen Redaktionen schicken lassen, mit einem Zettelchen dran und dem Hinweis: Bitte youtube beachten, unter dem Titel "Zündende Leseraktion".

  • David

    06.02.09 (19:55:08)

    He Leute, ich versteh nicht: Ihr beklagt euch jahrelang, dass die Politik und die klassischen Medien die Onlinewelt ignoriert, und nun, wo sie endlich entdeckt wird, findet ihr es völlig übertrieben. Freut euch! Wenn gewichtige SVP-Leute diese Website ernsthaft als Argument verwenden, ist es die Aufgabe der Medien, dieser obskuren Sache nachzugehen. Diesen Teil haben sie gut gemacht. Sie haben daraus zuerst die falschen Schlüsse gezogen, aber sie haben nie behauptet, die Wahrheit zu kennen, sondern nur einen Verdacht geäussert. Wenn der Wirtschaftsdachverband dann überstürzt reagiert und Reimann gegen diesen eine Strafanzeige einreicht, sind diese für die Skandalisierung verantwortlich, nicht die Medien. Natürlich ist es für sie ein gefundenes Fressen, aber die Hauptverantwortung liegt bei den Aktivisten der SVP und bei der economiesuisse.

  • mds

    06.02.09 (20:25:05)

    Sie haben daraus zuerst die falschen Schlüsse gezogen, aber sie haben nie behauptet, die Wahrheit zu kennen, sondern nur einen Verdacht geäussert. … genau – und selbst politisiert anstatt Fakten zu recherchieren. Iwan Städler beispielsweise versprach Fakten, wie man es von einem Journalisten erwarten würde, wurde in seinem Text unter http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/story/18746128 dann aber zum Politiker. Sätze wie «Auch die Personenfreizügigkeit selbst hat massgeblich zum Prosperieren der Schweizer Wirtschaft beigetragen» sind Meinung, nicht Faktum.

  • David

    06.02.09 (20:38:53)

    Dieser Artikel ist in der Printausgabe aber auch klar als Meinung deklariert. Da ist einfach das Problem, dass dies online nicht der Fall ist. Da kann aber Städler nichts dafür.

  • mds

    06.02.09 (20:43:03)

    @David: Dieser Artikel ist in der Printausgabe aber auch klar als Meinung deklariert. Da ist einfach das Problem, dass dies online nicht der Fall ist. Danke für diesen Hinweis! Da kann aber Städler nichts dafür. Im eigenen Interesse sollten Journalisten versuchen zu kontrollieren, in welchem Rahmen ihre Texte veröffentlicht werden.

  • Ugugu

    06.02.09 (22:25:42)

    @Fred David: count me in. (habe allerdings keine handy-cam, aber ein youtube-account)

  • Thinkabout

    06.02.09 (23:47:45)

    Ich glaube, ich sitze im falschen Film. Genügt etwa diese verkrampfte Videobotschaft eines Herrn Gäthke mit dem Hinweis, dass es sich um Satire handeln würde, um alle Unstimmigkeiten vom Tisch zu wischen? Meiner Meinung nach ist in keiner Weise widerlegt worden, was gefragt wurde. Warum war Gäthke für die Journalisten viele Tage lang nicht erreichbar, für die plötzlich in Bedrängnis gekommenen Personen aber schon? Glaubt tatsächlich jemand, dass Gäthke von sich aus die Motivation für diese Seite finden kann? Von wem stammen die Inhalte wirklich, die, je nach Kritik, innert kürzester Zeit angepasst oder ganz entfernt wurden??? Hierbei handelt es sich nicht um Vermutungen der Journalisten, sondern um konkrete Beobachtungen. Ich halte eine ganze Menge von Fred David und habe von Ronnie Grob schon viele gute Artikel gelesen. Hier aber nur die mangelhafte Endrecherche von Journalisten zu kritisieren, statt auch die Dementis in einen kritischen Kontext zu stellen, ist genau so mager. Denn tatsächlich steht eine ganze Menge auf dem Spiel, und mögliche Manipulationen lassen sich im virtuellen Umfeld unheimlich leicht kaschieren. Aber es muss ja nicht wundern: Eine Medienlandschaft, die so zahm ist, dass es möglich ist, den wirklichen Besitzer der wichtigsten politschen Wochenzeitung der Schweiz geheim zu halten, wird auch hier nicht so schnell zwei und zwei zusammen zählen wollen. Es steht wirklich brutal schlecht um unsere Demokratie.

  • mds

    07.02.09 (00:04:21)

    Warum war Gäthke für die Journalisten viele Tage lang nicht erreichbar, für die plötzlich in Bedrängnis gekommenen Personen aber schon? Wer selbst schon von Journalisten kontaktiert wurde oder gar das Objekt ihrer Berichterstattung war, zieht daraus meistens den Schluss, für Journalisten nicht mehr erreichbar zu sein. Ich weiss nicht, wieso Journalisten diesen Webmaster nicht erreichen konnten. Ich verstehe aber durchaus, dass man nicht mit Journalisten sprechen möchte, schon gar nicht mit jenen, die eine Kampagne gegen die eigene Person führen – man kann dabei nur verlieren … so wurde ja selbst der standardmässige Haftungsausschluss, wie man ihn auf fast jeder deutschen Website findet, als Argument gegen diesen Webmaster verwendet. Aber es muss ja nicht wundern: Eine Medienlandschaft, die so zahm ist, dass es möglich ist, den wirklichen Besitzer der wichtigsten politschen Wochenzeitung der Schweiz geheim zu halten, wird auch hier nicht so schnell zwei und zwei zusammen zählen wollen. Richtig – bislang lieferte kein einziger Journalist eine solide Recherche zu diesem Thema, sondern die Beteiligten politisierten munter … Es steht wirklich brutal schlecht um unsere Demokratie. … richtig – so deutlich gelenkt wie im Bezug auf die Abstimmung vom Sonntag erschien die schweizerische Demokratie schon lange nicht mehr. Wenn es geht, umgeht man die Demokratie – Beispiel UBS –, wenn nicht, erfolgt die Lenkung durch Verwaltung, Wirtschaft und Medien.

  • David

    07.02.09 (00:34:17)

    so deutlich gelenkt wie im Bezug auf die Abstimmung vom Sonntag erschien die schweizerische Demokratie schon lange nicht mehr. Kannst du das an irgendetwas festmachen? Die Regierung und Verwaltung hat ihren Einsatz im Vergleich zu früheren Abstimmungen über die Bilateralen massiv heruntergefahren, die Wirtschaft hat schon immer im großen Stil für ihre Interessen lobbyiert, und die Medien tun ihre Meinung kund, wie man es von ihnen erwartet. Dass kaum Journalisten für ein Nein sind, hat mit der Vorlage zu tun, die wirklich sehr wenig Grund bietet, wieso man sie ablehnen könnte.

  • Andreas Stricker

    07.02.09 (11:39:05)

    Ich würde den Tagi-Journalisten und dessen Redaktion nicht so einfach aus der Verantwortung ziehen. Natürlich war die Berichterstattung streng formal korrekt, aber ausgesprochen suggestiv: So bereits die Wahl des Zwischentitels (wer auch immer diesen gesetzt hat): Die Spur führt zu Lukas Reimann Und weiter unten: Damit ist zwar nicht bewiesen, dass Reimann und Massat hinter der dubiosen Einwanderungs-Homepage stehen. Aber die Indizien lassen aufhorchen. Letztere Aussage stellt er dann in den Kontext von "schockierten" Politikern, die von "politischem Betrug" sprechen. Dass auch der Journalist selber seine Meinung bereits gemacht zu haben scheint, legt folgende Formulierung nahe (insbesondere die letzten beiden Worte): Lukas Reimann hingegen beteuert, er habe mit der dubiosen Internetsite «nichts zu tun». Weder der Auftrag dazu noch der Inhalt stamme von ihm. Auch mit Reimut Massat habe er politisch kaum Kontakte – schon gar nicht im Internetbereich. Das erstaunt. Wie gesagt: Formal vermutlich korrekt, doch für eine Tageszeitung, die sich selber als seriös einstuft, ausgesprochen fahrlässig. Ein verantwortungsvoller Journalist müsste wissen, welche Art Geister er mit solchen Worten hervorruft. Und wenn gewisse Medien diese Geister nun nicht mehr loswerden, so sollte der Grund dafür nicht zuerst bei der Economiesuisse gesucht werden.

  • Christof Toman

    07.02.09 (17:23:36)

    Man sieht ja damit dass es den Schweizer Medien nur darum geht tolle Nachrichten in ihren Yellow-Press-Blätterteig zu bekommen. Der arglose Schweizer, der nicht zwischen Realität und Lüge unterscheiden kann glaubt natürlich alles was im Internet zu finden ist. Und erst recht wenn dann noch in 20min berichtet wird. In keinem Land der Erde ist das so leicht möglich.

  • Fred David

    08.02.09 (12:17:15)

    Leute, lasst euch doch nicht dauernd so naiv vor den SVP-Karren spannen! Es geht hier weder um die SVP, die ist doch gar nicht mehr so wichtig, noch um das Ergebnis einer Volkssabstimmung, sondern darum, dass Journalisten eine lausige Arbeit abgeliefert haben, dass einer dem andern hinterherschreibt und dass das schon fast Standardverhalten ist. Es hat auch ziemlich viel mit der Berufsehhre von Journalisten zu tun. Deren Image - und das ist kein Zufall - ist inzwischen dermassen untergründig, dass man sich über nichts mehr wundern muss. Natürlich hat das seine Gründe und natürich sind die auch struktureller Natur, d.h. es hängt mit den Veränderungen in der Branche zusammen. Aber es hängt vor allem mit den Leuten zusammen, die diesen Beruf betreiben und die sich in letzter Zeit vor jeden Mist spannen lassen. Es ist einfach einmal an der Zeit, möglichst gut hörbar zu sagen, und halt notfalls auch mal zu brüllen: Schluss jetzt, mit diesem Quatsch! Und das am besten gleich am Montag in der nächsten Redaktionskonferenz. Es gibt in der Schweiz eine ganze Menge Themen, wo es wichtig wäre, dass Journalisten dahinter leuchten, insbesondere in den Verfelchtungen von Wirtschaft und Politik. Das sind keine langweiligen, sondern hoch spannende Themen, die auch wirklich relevant sind. Man sieht das beim Fall UBS. Erst jetzt werden die Medien langsam etwas mutiger. Und man kann sich natürlich fragen: Warum erst jetzt? Warum immer erst hinterher? Es erscheinen zum Beispiel diese Woche gleich drei Bücher von Journalisten über die UBS, wo mir haarklein und ziemlich besserwisserisch erklärt wird, warum das so schief lief und dass das völlig klar war, dass das schief laufen musste. Warum, zum Teufel, erfahre ich das erst jetzt, wo, wie seinerzeit bei der Swissair, alles schon wieder passiert ist und es alle schreiben? Ausserdem hebt man dort, wo es brisant wird, dauernd auf amerikanische Quellen ab. In Zürich scheint kaum jemand in dieser Richtung zu recherchieren, oder bestenfalls bei den Pressestellen der Banken, die dann halt leider gar nichts sagen oder dementieren. Die Herde läuft jetzt einfac folgsam in eine andere Richtung. Der grosse Held heisst derzeit Marchionne. Der grossen Helden hiessen davor Ospel, Wuffli, eine Zeit sogar Rohner. Zuerst von allen hoch geschrieben. Dann wieder von allen heruntergeschrieben. Man verliert schon allmählich den Glauben an die journalistische Zunft. Da ich mich selber dazu zähle, ärgert mich das mso mehr. Es ist wirklich noch viel zu tun. Da sollte man die knappen Ressourcen nicht mit dem Verzetteln von Mist verplempern. Das freilich richtet sich dann auch an die Verleger.

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