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08.10.12

Schweizer Internet-TV-Paradies: US-Filmindustrie will nicht mitspielen

Liberale Regelungen räumten Schweizer Onlinediensten bisher viele Freiheiten bei der Bereitstellung von Internet-TV-Angeboten ein. Doch eine ganz bestimmte Funktion ist der US-Filmindustrie ein Dorn im Auge.

Während Internetnutzer in Deutschland beim einzigen legal verfügbaren Live-TV-Streamingdienst Zattoo aufgrund der Blockadehaltung der zwei großen TV-Ketten ProSiebenSat.1 und RTL nicht einmal auf ein vollständiges Senderangebot zugreifen können - auch dann nicht, wenn sie die kostenpflichtige Premium-Version nutzen - leben Schweizer in einem wahren Schlaraffenland, was den Webzugriff auf lineare TV-Kanäle betrifft: Nicht nur, dass mit Zattoo, Nello, Teleboy und Wilmaa auf Anbieterseite eine rege Konkurrenz herrscht - auch die Auswahl bei den Sendern ist groß und muss von Gästen aus dem nördlichen Nachbarland als purer Luxus wahrgenommen werden. Immerhin speist sich das Schweizer TV-Angebot aufgrund der verschiedenen im Land gesprochenen Sprachen aus Kanälen diverser europäischer Länder.

Zudem kann ein weiteres, bei den Schweizer Diensten verbreitetes Feature deutsche TV-Freunde leicht neidisch machen: das nachträgliche Anschauen von verpassten Sendungen. Die so genannte "Replay-Funktion" beinhaltet für Anwender die Option, zu einem beliebigen Zeitpunkt die in den vergangenen 30 Tagen ausgestrahlten Programme sämtlicher angebotener Kanäle genießen zu können - egal ob man die jeweilige Sendung im Vorfeld extra zur Aufnahme markiert hat oder nicht. Replay in vollem Umfang wird dabei von den Internet-TV-Diensten zumeist als Teil kostenpflichtiger Premiumangebote bereitgestellt. Das Replay-Feature erhöht den Komfort und die Einsetzbarkeit von Zattoo & Co ungemein, da Nutzer selbst dann gute Unterhaltung erleben können, wenn im aktuellen Live-TV gerade tote Hose herrscht.

Doch wie Schweizer Nachrichtensites  berichten , könnte es mit diesem Spaß bald vorbei sein: Denn Ende des Jahres läuft der aktuell gültige Vertrag zwischen den betroffenen Verwertungsgesellschaften und den TV-Anbietern, vertreten durch den Dachverband der Urheber- und Nachbarrechtsnutzer, aus. Darüber, wie die Replay-Funktion ab 2013 abgegolten werden soll, konnten sich die Verhandlungspartner bisher nicht einigen. Der Grund: Ein Veto der Motion Picture Association (MPA), welche die US-Unterhaltungsindustrie vertritt. Dort hält man die Replay-Funktion für unzulässig. Während die Schweizer Produzenten kurz vor einem Kompromiss mit den TV-Anbietern standen und kein grundsätzliches Problem mit dem nachträglichen Streaming haben, musste man die Interessen der US-Filmbranche berücksichtigen.

Über die Frage, inwieweit überhaupt ein zusätzlicher Lizenzvertrag von Nöten ist, herrscht bei den beteiligten Parteien Uneinigkeit. Wie PCtipp.ch erklärt, sind die Verwertungsgesellschaften der Ansicht, dass sich das Speichern von Inhalten auf der heimischen Festplatten vom von den Schweizer Onlinediensten praktizierten "Speichern" beim Anbieter unterscheidet. Die Streaming- und TV-Dienste sehen diesen Unterschied nicht - scheinen aber trotzdem an einer gütlichen Einigung interessiert gewesen zu sein, die jedoch nun von der US-Filmindustrie torpediert wird

Entschieden ist bisher nichts. Die Verhandlung sollen nun vor der Eidgenössischen Schiedsgerichtskommission fortgesetzt werden. Aus der Branche heißt es, man könnte die Angebote zum zeitversetzten Fernsehen auch einfach fortführen, bis die US-Filmproduzenten klagen. Da mit Swisscom und Sunrise auch große Telekommunikationsanbieter der Schweiz entsprechende Services anbieten, wären die Startups in dem Segment in einem eventuellen Rechtsstreit nicht allein.

Es wäre traurig, wenn viele 100.000 Schweizer Nutzer aufgrund des fehlenden Segens der US-Filmindustrie zukünftig auf die liebgewonnenen Replay-Funktionen verzichten müssten. In der Traumwelt von Hollywood würde dies sicherlich zu enormen Zuwächsen bei den Verkäufen von DVD-Boxen führen. Die Realität aber sieht anders aus: Wer eine vor Tagen ausgestrahlte Folge der Lieblingsserie nicht auf legalen Wegen im Netz finden kann, der streamt sie von nicht autorisierten Sreamingportalen oder lädt sie sich als Torrent herunter. Damit ist niemandem geholfen. Besonders problematisch ist außerdem, Menschen etwas wegzunehmen, woran sie sich bereits gewöhnt haben - wie eben legale Replay-Funktionen.

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