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20.12.07Leser-Kommentare

Schluss mit der Lektürefolter

Im Online-Journalismus gelten andere Regeln: Leser müssen angefixt und begeistert werden – und das muss nicht der Niedergang des Qualitätsjournalismus sein. Nur müssen Journalisten sich wieder als Autoren begreifen und nicht bloß als Content-Lieferanten. Klaus Jarchow gibt Hilfe zur Schriftstellung.

Das Zeitungsmachen roch früher nach Guttapercha und Fixogum. Überall standen die braunen Flaschen mit dem dicken verklebten Pinsel herum, aus dem Fotosatz trafen die Artikel in meterlanger Spaghettiform ein, die an den Layouttischen zu Spalten zusammengeschnitten und aufgeklebt wurden - und dann kam natürlich in der letzten Minute immer diese dicke Anzeige von Javaanse Jongens herein. Die sollte ausgerechnet auf die Doppelseite, die gerade für Repro und Druck zusammengefriemelt worden war. Schon musste wieder ein Artikel dran glauben: Er wurde erbarmungslos zusammengeschnibbelt. Und wehe, der Schreiber quakte!

In solchen antiken Arbeitszusammenhängen haben viele journalistische Schreibregeln ihren Ursprung, die heute noch gelehrt werden wie die zehn Gebote, obwohl sie Online keinen Sinn mehr machen. "Ein Text muss von hinten her zu kürzen sein", lautet eine dieser Weisheiten. Deshalb habe sein Inhalt vom Wichtigen zum eher Unwichtigen fortzuschreiten. Ja, wieso und warum denn? Diese Regel bedeutet letztlich doch nur, dass ein Text immer langweiliger wird, je länger der Leser ihn liest.

Linotype

"Linotype": Harte Arbeit an der Presse (Foto: stephmcg, cc)

Technisch gibt es für solche Lektürefolter keinerlei Rechtfertigung mehr: Erstens kann in Zeiten des Desktop-Publishing längst aus der Mitte heraus amputiert werden. Und zweitens kennt der Online-Journalismus keine Raumbegrenzungen: Der Bildschirm ist kein DIN-A3-Blatt wie im Bereich der 'Holzmedien', und es gibt auch keinen Seitenumbruch. Ob ein Artikel 60 Zeilen oder oder 75 Zeilen lang ist, das ist im Netz absolut humpe. Lesbar muss der Text dagegen sein, er soll den Leser eingangs, bei der Headline schon, an der Neugier packen und den Griff erst in der letzten Zeile wieder lockern. Er muss also schon 'straff' sein, die Länge dagegen ist egal.

Auch die berühmten 'sechs W' sind Relikte aus der Zeit des Dampfjournalismus: Warum bitte soll ein Leser im ersten Satz wissen, was wer wie wo wann und warum getan hat? Zeitungen sind doch keine Erstinformationsmedien, sondern sie sind zu Zusatzinformationsmedien geworden. Jedenfalls dann, wenn sie gut sind. Nicht das Ereignis, sondern die Interpretation, die Bewertung und die dichtere Beschreibung sind ihr Metier, also das, was das TV mit seinen Zehn-Sekunden-Häppchen am Tag zuvor nicht leisten konnte. Gelehrt aber werden diese sechs W nach wie vor. Die Journalistenausbildung ist retardiert - und sie wirkt auch im Web 2.0 fort: "In einer kurzen Nachricht oder einem Bericht beantwortet [der Text] die sechs ?W?: Wer? Was? Wie? Wo? Wann? Warum?". Im Detail hatte ich diese vorgebliche Hilfestellung für Blogger hier schon mal seziert.

Ähnlich ist auch mit der KISS-Regel, dem Stilgötzen aller PR'ler und Marketeere: "Keep It Short & Simple". Eins ist klar. Auch ich könnte hier kurz schreiben. Und dazu einfach formulieren. Das würde die Leser aber faszinieren! Lauter kurze Gedanken. Toll. So entsteht Leserbindung. Manche sagen auch Unterforderung. - - - Okay, und deswegen höre ich besser wieder auf mit diesem Quatsch, im Web hat man es schließlich nicht mit der Media-Markt-Kundschaft zu tun ...

Mit anderen Worten: Das Online-Schreiben erfordert ganz andere Stilregeln, als sie die offiziöse Journalistenausbildung lehrt. Es mag ja sein, dass die Printmedien ihre große Zukunft erst noch vor sich haben, so groß, dass sich ein Eleve der schreibenden Zunft auf gar keine andere Perspektive einstellen muss. Dann bin ich eben hier nur der Dissident, der verlangt, dass zumindest die zellstoffbeschränkte Gültigkeit dieser Regeln als eine Art 'Survival Kit' für alle Fälle gelehrt werden sollte - nach dem Motto: Besser ist besser.

Denn für den Online-Journalismus und für das Bloggen gelten andere Regeln: Hier beglücken wir keine Zwangsabonnenten, die zu uns kommen, weil sie schlicht ungestillten Informationsbedarf haben. Wir schreiben für Freiwillige, die längst informiert sind, die ihre Leselust durchs Web treibt. Bereiten wir ihnen mit unserem Angebot diese Lust, dann werden sie wiederkommen. So lautet das neue Rezeptionsgesetz. Vergraulen wir sie dagegen mit trockenen Texten, mit einem Übermaß an bunten Bannern oder einer Kette fremdinteressierter Beiträge, dann stehen wir völlig zu recht ganz allein in unserer Klickwüste herum.

Blogger

Schnell noch schreiben (Foto: Jacob Bøtter, cc)

Wo aber lernen wir es, Lesern mit Texten Lust zu bereiten? Genau! Die große Schule dafür heißt 'Literatur' - wir lernen von demjenigen Genre, das seit jeher von der Freiwilligkeit des Lesens lebt. Das 'neue Schreiben' im Netz bedingt den Rückgriff auf literarische Mittel, auf Schnörkel, auf Ornamentik, auf das Bild, auf das Detail und die dichte Beschreibung. Alles das wiederum sind Gegenspieler dessen, was das Gros der Journalistenschmieden von den Kathedern ihrer BAT-Stellen herab lehrt.

Hic Rhodos, hic salta - was faktisch gilt, lehrt uns ein Blick auf die Blog-Charts, auf die 'Leseerfolge' im Web 2.0: Ein Thomas Knüwer schreibt bestenfalls 'teiljournalistisch', alles ist ich-zentriert, spielt sich direkt auf seinem Schreibtisch ab, manches ist gänzlich fiktional, es sind dann serielle Kurzgeschichten aus dieser erdichteten 'kleinen Agentur am Rande der Stadt'; der Don Alphonso erteilt uns täglich kostenlose Lehrstunden in Sachen 'Polemik' und 'Pasquill'; der Felix Schwenzel zeigt, wie entscheidend die Detailversessenheit des Beobachtens sein kann (weshalb wir ihm sogar die ewige Kleinschreibung verzeihen); und auch eine Linkfarm wie die von 'Bloggott' Robert Basic erhebt sich über die anderen 'Namedropper' seines Genres deshalb, weil dieser schreibende Farmersmann seine Klickwüste dadurch zum Blühen bringt, dass er auch von sich selbst noch interessant zu erzählen weiß. Der Mann ist eben mehr als nur ein pr-textender Anzugständer, er ist 'kenntlich'.

Mit einem Wort: Das Schreiben für den Online-Bereich ist die Rückkehr der Subjektivität in den Journalismus. Man könnte auch sagen, der Ersatz des Content-Lieferanten durch die Unverwechselbarkeit des Schriftstellers ...

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Ugugu

    20.12.07 (14:30:32)

    Wer, wie, wo, was, warum? Also ich steig nicht ganz ;-)

  • Kiss me

    20.12.07 (15:45:27)

    Erste Regel: keep it short and simple, wurde hier leider nicht befolgt...

  • Klaus Jarchow

    20.12.07 (16:02:34)

    Ja, eben ...

  • Martin Rath

    20.12.07 (20:10:39)

    Ich möchte mich nicht so sehr am Stichwort "Zwangsabonnenten" aufhängen, aber erstens gibt's die ja wohl jenseits der Krankenkassen- und Verbandsblättchen nicht und zweites garantieren die lieben Lesenden mit Lastschrifteinzugsermächtigung doch ein bisschen redaktionelle Freiheit a la: ein Abo ist nicht so schnell gekündigt wie ein RSS-Feed abgeschaltet.

  • Klaus Jarchow

    21.12.07 (08:58:34)

    Bester Detlef Guertler, bei aller Wertschätzung für Seelandschaften mit Pocahontas, den elitären Literaturbegriff deiner genannten 400 Happy Few hatte ich tatsächlich nicht im Auge. Eher schwebten mir Leute unterhalb des Adorno-Levels vor, die Spaß an der 'Vermessung der Welt' fanden oder auch an Schätzings 'Schwarm', jene Laufkundschaft also, die das System Literatur 'am Laufen' hält. Das sind gar nicht so wenige. Die BILD wiederum lebt nun wirklich nicht von 'Literatur', auch wenn sie mehr oder minder freiwillig gekauft wird, damit der Käufer mittags in der Kantine mitreden kann. Der Boulevard lebt vom Kitzel des Ressentiments mittels zentimeterhoher Reizvokabeln - das ist journalistische Vorurteilspflege. Im übrigen gilt: Wenn doch 'Henri Nannen' noch gelehrt würde!

  • Klaus Jarchow

    21.12.07 (09:23:20)

    Nachtrag: Dieser Link dient zur Illustration der realen Verhältnisse bei der Ausbildung zum bundesdeutschen 'Qualitätsjournalisten: Nach einer ganzen Kaskade von Anekdoten - die meisten Studenten unterhalten sich ohnehin über anderes - landet der Redner eher zufällig beim Lehrinhalt der heutigen Stunde, dem stark angegammelten Kommunikationsmodell von Harold Lasswell.

  • Wolf-Dieter Roth

    21.12.07 (09:45:37)

    Danke für diesen Text! Ich schreibe seit Jahren so, daß es den Lesern Spaß machen soll - mal ein Gag, mal eine amüsante Ausführung. Das Leben ist schon nervig genug, wenn wir den Leser, der sich eine Lesepause gönnt, auch noch anöden, haben wir wenig Chancen. Bislang hat allerdings noch kein Chef diesen Humor bei mir oder anderen längere Zeit ertragen. Dann hieß es "das Geschwätz muß raus". Der Leser bekommt folglich wieder einen farblosen 0815-Text vorgesetzt, der weder ihm noch mir Spaß macht. Klar, persönlich akzentuierte Texte sind riskant - nicht jeder mag den jeweiligen Humor oder die Ironie des Schreibers. Ironie wird ohnehin oft nicht verstanden und beim Schreiben kann man nicht diese Kunstpause einlegen wie Dieter Hildebrandt auf der Bühne, damit auch die, die den Gag nicht gerafft haben, wissen, daß sie nun lachen müssen. Don Alphonso hat viele Fans - und ebensoviele, wenn nicht mehr, die ihn nicht ausstehen können. Mit dem Gegenwind kann nicht jeder leben. Und spätestens wenn man vom Chef dann für solche Texte persönlich attackiert wird (eine Firma vermittelte "Mietdemonstranten" sortiert ausgerechnet nach Körbchengröße (also eigentlich dann nur Mietdemonstrantinnen), was eine Kollegin mir empört rüberreichte, damit ich über diesen Sexismus (oder diese verunglückte PR-Aktion) eine Meldung mache, mein Chef warf die Story dann mit persönlichen Angriffen gegen mich raus, obwohl ich da nun gar nix mit zu tun hatte), dann schreibt man nur noch stromlinienförmig-fad. Alles andere führt zu Arbeitslosigkeit. Bloggen oder Kolumnen in klassischen Medien schreiben kann sich dann nur der leisten, der in einem anderen Job gut genug verdient. Thomas Knüwer hat z.B. offensichtlich Rückendeckung von seinem Verlag, die meisten Kollegen dagegen nicht - die würden für ein solches Blog gefeuert, sobald mal ein Beitrag "bei denen oben" nicht so gern gelitten ist. Daß die klassischen FAZ- und Spiegel-Texte heute keiner mehr liest, der Bild-Stil keine Alternative sein kann und somit ein Umdenken erforderlich ist, haben die meisten Medienchefs noch nicht begriffen.

  • Pinco Pallino

    21.12.07 (10:44:54)

    Dass die ehernen journalistischen Regeln eine angloamerikanisch-germanische Erfindung sind, beweist seit Jahrzehnten die italienische Presse, die in souveraener Verachtung der Fakten den Artikel meistens mit einem hoechst subjektiven Kommentar beginnt und den Leser erst mal fuenf Minuten gespannt sein laesst, bevor ihm/ihr die Fakten mitgeteilt werden. Dass das funktioniert, beweisen die Auflagen. Die Repubblica druckt fast doppelt soviele Exemplare wie Deutschlands Marktfuehrer SZ.

  • Detlef Guertler

    21.12.07 (11:53:06)

    In der Tat, Meister Jarchow, der Boulevard lebt nicht von Literatur (obwohl man Franz Josef Wagner durchaus als solche bezeichnen könnte), sondern davon, dass möglichst viele Menschen möglichst viele Zeitungen kaufen. Da zumindest perspektivisch die Blog-Leserschaft sich kaum von der Gesamtbevölkerung unterscheidet, wird man sie mit in etwa den gleichen Mitteln ködern können wie BILD-Leser. Zumindest bei meinem Blog deuten die Suchbegriffe, mit denen Menschen dort landen, eine deutlich höhere Nachfrage nach Primitivem als nach Literarischem an. Diekmann 2.0 steht also m.E. eher vor der Tür als Schätzing 2.0. Dass sich im Printbereich noch immer häufig Klasse gegen Masse durchsetzt, liegt schlicht daran, dass kleinere, aber feinere Zielgruppen sich bei der Werbewirtschaft besser verkaufen lassen. Das mag bei den Blogs auch eines Tages soweit sein - das glaube ich dann, wenn ich fürs Schreiben in der Blogosphäre die Hälfte dessen bezahlt bekomme, was ich von Printmedien erhalte. Vielleicht so ab 2013? Derzeit liegt das eher zwischen einem Zehntel und einem Hundertstel... Ach ja: An den Universitäten wurde Henri Nannen noch nie gelehrt. Allerdings früher mal an Journalistenschulen. Deren qualitativen Niedergang beklage ich aufs Lauteste. Aber sobald man mit gutem Online-Journalismus signifikant mehr Geld verdienen kann als mit schlechtem Online-Journalismus, wird an irgendeiner Stelle des Universums garantiert eine Institution entstehen, die eine qualitativ hochwertige Onlinejournalistenausbildung anbietet. Vielleicht so ab 2013?

  • Klaus Jarchow

    21.12.07 (12:04:12)

    Nun - es gibt bisher zwei Untersuchungen, die sich mit Blogs Valide auseinandersetzen: 1. Jan Schmidt: Weblogs, 2. Matthias Armborst: Kopfgeldjäger im Internet ...? Zur Soziologie des typischen Bloggers greife ich hier mal auf Armborst zurück (S. 73 ff): Er ist zu 90 Prozent akademisch gebildet, besitzt viel technisches Verständnis und erzielt ein überdurchschnittliches Einkommen. Das so genannte Teenage-Blogging vollzieht sich dagegen eher im Rahmen der so genannten 'Communities' und 'mySpace-Clones'. Bis das Bloggen also bei jenem Normalnull angekommen sein wird, das du hier als Ist-Zustand beschreibst, werden noch viele Bytes die Datenkanäle hinabfließen. Vielleicht so ab 2013?

  • Wolf-Dieter Roth

    21.12.07 (12:23:03)

    @Detlef: Ich habe Klaus' Artikel nun gerade nicht so verstanden, daß man Boulevard machen sollte. Klar, auch ich las früher die Rubrik "Vermischtes" zuerst in der SZ, der Leser will in einer Arbeitspause entspannen, die Zeit, am WE gemütlich auf dem Sofa zu lesen, haben die meisten heute nicht mehr. Das heißt aber nicht, das berühmte unzureichend gekleidete Mädel auf Seite 3 nehmen zu müssen. Sonst kann man gleich eine Bilderstrecke zum Klicken machen und die Texte einsparen. Auch hier wird Diekmann sicher mehr angeklickt als Schätzing, aber gäbe es hier nur Diekmann, bleiben die Leser dann irgendwann entnervt weg. Ich finds auch nicht toll, daß die Google-Bildersucher auf meine Foto-Website meist über die Begriffe "Schulmädchen nackte Brüste" kommen. Käme aber nicht auf die Idee, daß die normalen Besucher der Site deshalb mehr von selbigem wollen. Das sind Leute, die kommen einmal und nicht wieder. Oder würdest Du hier wiederkommen, wenn wir nur noch über T*ttney Spears schreiben? Also von daher: lebendig schreiben, ja. Aber bei den Themen deshalb nicht im Seichten versinken. Zumal man dann zwar jede Menge Hits hat, aber keiner in dem Umfeld mehr werben will. Mag bei einem Blogger egal sein, bei einem kommerziellen Unternehmen nicht.

  • Klaus Jarchow

    21.12.07 (12:23:30)

    @Wolf Dieter Roth: Der Thomas Knüwer wies, wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, selbst einmal darauf hin, dass er über alles in der Welt bloggen darf, nur eben nicht über Handelsblatt-Themen. Da er aber offen mit diesem Maulkorb umgeht, verzeiht und versteht es auch wiederum jeder. Der WAZ-soll's-Blogger dagegen wurde, so scheint's, schlicht 'abgestellt'. Skandale gibt's immer nur bei den anderen. Printmedien sind 'closed shops', Blogs dagegen nicht. Und Hunde bellen, wenn sie Wölfe sehen ... @Pinco Pallino: Das ist kein ausschließlich italienisches Phänomen. Wenn bei der NZZ Meinung und Inhalt wild durcheinander wogen, dann hat man als Leser auch seinen Spaß, selbst wenn man den Schweizer Steinzeitliberalismus persönlich nicht goutiert. Die Schweizer Zeitungsszene ist sehr viel lebendiger und vergleichsweise - im Verhältnis zur Einwohnerzahl - auflagenstärker.

  • Wolf-Dieter Roth

    21.12.07 (12:37:04)

    @Klaus: Naja, über Dinge, die den eigenen Laden betrifft, zu bloggen, erwartet wohl niemand. Das geht schnell ins Auge. Aber eine eigene Meinung dürfen angestellte Journalisten zwar durchaus haben, aber oft besser nicht kundtun. Egal, ob in einem Firmenblog oder einem privaten. Es steht außerdem mitunter im Arbeitsvertrag, daß man auf privaten Webseiten auch nicht sagen darf, wo man als was arbeitet. Ist nicht unbedingt ein Journalistenphänomen, kein Arbeitgeber ist glücklich, wenn seine Mitarbeiter sich zu sehr exponieren, nur als Journalist biste halt in der Zwickmühle, daß es einerseits erwartet wird, andererseits nach hinten losgehen kann. Und wer im Jahr dreistellige Textmengen schreibt, wird immer irgendwem auf die Füße treten. Früher hatten Kolumnisten oft Pseudonyme, heute ist das selten geworden. Und Blogger müssen ja auch noch Adresse und Telefonnummer angeben im Impressum, damit sich die Leser tunlichst auch noch persönlich beschweren können...

  • Jean-Claude

    21.12.07 (13:11:30)

    @Detlev Gürtler:"Den Niedergang der Journalstenschulen beklage ich aufs Lauteste". Das hätte ich gern mal näher erklärt. Ich glaube: Es stimmt. Aber woran liegts? Es kann auch an den Journalistenschülern selber liegen. Sie könnten ja mehr auf den Putz hauen. Meine Beobachtung ist: Es wird ihnen schnell alles zu viel. Abweichungen vom Mainstream sind sie nicht gewohnt. Eigene Meinungen sind selten. Die Alten in den Redaktionen, sofern sie noch nicht resigniert haben, sind oft "hungriger" als die Jungen. Vielleicht irre ich mich ja. Ich glaube aber eher nicht

  • Pascal

    21.12.07 (13:22:28)

    Der Autor macht es sich zu einfach. Mir persönlich sagt langes bildschirmlesen überhaupt nicht zu. Daher bevorzuge ich kurze und pointierte Texte.

  • Detlef Guertler

    21.12.07 (13:30:37)

    @Jean-Claude: Ich bin da vielleicht ein wenig parteiisch, weil ich ein Schneider-Schüler bin, also unter Wolf Schneider die Henri-Nannen-Schule absolviert habe. (Da kann man ja alles, was sich heute so Ausbildung nennt, nur mit Verachtung strafen...) Jedenfalls braucht eine exzellente Ausbildung vor allem zweierlei: einen exzellenten Lehrer und ein fröhliches Bekenntnis zur Elite. Dann wird auch die müdeste "Jugend von heute" zu einem lebendigen, großartigen Haufen heranwachsen. Wer seine Journalistenschule nur als Parkplatz für anderweitig nicht mehr benötigte Chefredakteure benutzt, braucht sich natürlich nicht zu wundern, wenn die Ausbildung vor die Hunde geht, die Absolventen immer schwerer vermittelbar sind und deshalb diejenigen, die darauf brennen, es den Alten zu zeigen, sich andere Wege in den Beruf suchen.

  • Wolf-Dieter Roth

    21.12.07 (13:49:30)

    @Pascal: Ein Notebook hilft. Ernsthaft. Und es liegt kein Papier mehr rum. Natürlich gibt es Leute, die generell lieber kurz lesen. Dafür gibt es ja nach wie vor Newsticker.

  • Jean-Claude

    21.12.07 (14:08:03)

    @ Detlef, das "Bekenntnis zur Elite" fehlt völlig. Dieses Berufsvertändnis, wenne's denn einmal da war, besteht, ausser bei ein paar Grosskopfeten, kaum noch. Das ist ja auch etwas, das man nicht einfach gratis verliehen bekommt: Das muss man an sich reissen. Man muss darum kämpfen und es sich, wie du richtig schreibst, "fröhlich" anmassen. Aber das passiert nicht. Ich sehe von dem "lebendigen , grossartigen Haufen" der da heranwachsen soll, sehr wenig. Ich sehe aber eine immer leichter korrumpierbare Journalistengemeinde. Das ist kein seniler Kulturpessimissmus, es sind einfach nur Beobachtungen (die ich aber nur auf die Schweiz beziehen kann).

  • Klaus Jarchow

    21.12.07 (16:02:58)

    Hätte der Berufsstand noch einen Joseph Roth, einen Alfred Kerr oder auch nur einen Friedrich Sieburg aufzubieten, dann ginge ich mit dem Begriff 'Elite' völlig d'accord. Bei jenen allerdings, die heutzutage ein elitäres Selbstverständnis ebenso substanzlos wie selbstgefällig vor sich her tragen, kommt mir das Wort als letztes in den Sinn. Ha, vielleicht richte ich uns einfach einen von denen hier einmal lecker an ...

  • Wolf-Dieter Roth

    21.12.07 (16:21:03)

    @Klaus: "Ha, vielleicht richte ich uns einfach einen von denen hier einmal lecker an ?" Etwa so? Da waren doch neulich zwei Damen von der Heilsarmee bei mir an der Haustür und wollten wissen, ob ich dieses Jahr über Weihnachten nicht einen notleidenden Journalisten zu mir nehmen könne? Aber ich blieb hart und sagte: "Danke, wir bleiben dieses Jahr bei Gans, die ist schon bestellt!"

  • Klaus Jarchow

    21.12.07 (16:30:37)

    Hihi, eine hartherzige Pointe, die mich an die Geizhälse bei Charles Dickens erinnert ... Heinrich Heines Rezept für 'Spanferkel an Captatio benevolentiae' wäre natürlich auch eine Möglichkeit: "Noch immer schmückt man den Schweinen bei uns mit Lorbeerblättern den Rüssel ..."

  • Detlef Guertler

    21.12.07 (17:17:12)

    Ob, Herr Jarchow, einer wie auch immer gearteten Nachwelt die Namen Kerr, Roth und Sieburg ehrenwerter erscheinen werden als die Namen Marcel Reich-Ranicki, Alice Schwarzer, Hans Leyendecker, Alexander Smoltczyk, Joachim Fest oder Stefan Niggemeier, weiß so ganz genau erst die Nachwelt. Aber ich denke, unsere Zeitgenossen haben durchaus Chancen. Und wer weiß, vielleicht gelten dereinst ja auch Klaus Jarchow oder Detlef Gürtler als glänzende Sterne aus einer ruhmreichen Vergangenheit, als Journalisten noch wahre Journalisten waren...

  • Klaus Jarchow

    21.12.07 (17:53:11)

    Zum Leyendecker, Smoltczyk und Niggemeier würde ich sogar den Herrn Prantl oder auch den Oliver Gehrs noch hinzuzählen wollen - andere Genannte sind eher im Rentenalter, wenn nicht schon darüber hinaus, wie der jüngst verstorbene Joachim Fest. Die 'Szene' aber beherrschen Figuren im besten Midlife-Crisis-Alter, die ein Freund kürzlich mal als 'Viererbande mit Entourage' bezeichnete, obwohl ich auf einer Handvoll bestand. Er hatte aber das abgehängte Spieglein schon abgerechnet. Kurzum: Der journalistische Parnass gleicht in meinen Augen derzeit einer Partymeile, bzw. einer Gesellschaft zur wechselseitigen Bestätigung - oder bestenfalls einer 'Neverending Talkshow'. Relevantes wird dort nicht verhandelt ...

  • Jean-Claude

    21.12.07 (20:33:09)

    Ich bin da eher bei Detlef Gürtler: Natürlich braucht der Journalismus seine Alphatiere und Stars. Das gehört nun mal zum diesem Geschäft im Glashaus. Ich halte Schirrmacher -obwohl er in diesem Bogg persona non grata erklärt wird - für einen der anregenden Sorte. Mit dem lässt sich auf hohem Niveau streiten. Aust halte ich nach wie vor für einen der besten Journalisten im deutschsprachigen Raum überhaupt. ZDF-Kleber ist ein Top-Ancorman usw. Frauen fehlen noch ein paar. Nur wenn die Alphatiere glauben, sie müssten sich zusammentun (oder: zusammenrotten?) - Rechtschreibereform, Abschuss von Schröder - wird es unappetittlich. Ich glaube, das haben sie gemerkt. Aber keine Angst: Platzhirsche fühlen sich nur wirklich wohl, wenn sie allein auf der Lichtung röhren. Mich beuruhigt etwas anderes: dass man Journalisten nicht mehr ernst nimmt. Sie machen nahezu alles, was von ihnen verlangt wird. Sie passen sich an und haben sich vom Marketing überrollen lassen. Da macht Print oder Internet keinen Unterschied: Glaubwürdigkeit - ich weiss: entsetzlich altmodisch - ist ein total unterschätztes essential in diesem flattrigen Gewerbe. Aber grade, weil es so flattert, ist die genannte Eigenschaft das A&O. Es überrascht nicht, dass Journalisten nie über Korruption im Journalismus schreiben. Ich weiss, wvon ich rede. Es ist ein Riesenthema. Aber eben - untold.

  • Klaus Jarchow

    22.12.07 (08:41:32)

    Wenn ich aber, Jean Claude, in den Zirkus gehe und einen wirklichen Star sehen will, dann erwarte ich doch auch einen Rastelli und keinen hüftkranken Artisten. Im Journalismus, so scheint es mir, ist 'Zugehörigkeit' das Kriterium für die Ruhmeshallen, nicht Schreibenkönnen, Recherchieren oder so etwas. Anders ausgedrückt: Wenn's doch Platzhirsche wären! Und Stefan Aust hat den Spiegel wirtschaftlich vielleicht zum Erfolg geführt, journalistisch aber ins Nirgendwo. Einzig die unbestrittene Marktführerschaft für RAF-Berichterstattung ist dem Magazin noch geblieben. Ansonsten hat Oliver Gehrs mit seinen Sticheleien in einem Punkt völlig recht: Heute hier, morgen dort, bin kaum da, muss ich fort ...

  • Wolf-Dieter Roth

    22.12.07 (09:06:32)

    @Klaus: Na machmal platzt ja ein Hirsch... @Detlef: Ein Freund sagte immer "in 100 Jahren ist ein echter WDR mal was wert". ;-O Aber tatsächlich muß ich nicht jetzt und noch weniger nach meinem Ableben berühmt sein. Damit werden nur viele Kollegen gelockt - als Ausgleich für schwache Bezahlung. Kennt man doch von der Kirche - wenn man schon in diesem Leben darben muß, kommt im Jenseits das Paradies...ganz bestimmt... Nicht vergessen darf man außerdem, daß mit Bekanntheit auch Stalker kommen. Was dann nicht wirklich lustig ist - mancher Kollege hat ja vielleicht eher auf Groupies gehofft. Ich würde bestimmte Regeln wie die 6 W's nicht ganz streichen. Wenn ich auf neuerdings.com ein Gadget vorstelle und Preis oder Bezugsquelle vergesse (manchmal gibt es halt noch keine, aber das sollte die Ausnahme bleiben), ist das für die Leser unbefriedigend, auch wenn sie das Teil nicht wirklich kaufen wollen, sondern nur neugierig sind. Dennoch sehe ich mich da nicht als Newsticker, der in so wenig Worten wie möglich trocken verkündet, sondern als jemand, der aus Spaß an der Sache (in dem Fall Gadgets) gelesen wird. Klaus meint mit diesem Artikel - da führt vielleicht das Wort "angefixt" etwas in die Irre - nicht, daß man Haudruff-Boulevard-Journalismus machen soll oder den Stil gewisser Nachrichtenmagazine, wo der Artikel in dem Moment, wo er interessant wird, schon aus ist. Sondern, daß ein Text sachlich korrekt und sauber recherchiert, aber trotzdem mit Freude lesbar sein soll und nicht staubtrocken-öde wie die amtliche Verlautbarung der TASS. Da gehört nun wirklich nicht soviel dazu, außer am Schreiben Spaß zu haben - und haben zu dürfen. Deshalb muß es nicht in Geschwafel ausarten - neuerdings.com-Meldungen sind trotzdem eher kurz, Tests natürlich nicht immer. Aber natürlich gibt es auch Kolumnen. Viele Blogs sind welche. Da darf dann auch mal ausgeholt werden. Es wird ja auch online niemand zum Lesen gezwungen*; wer keine Zeit oder Lust zum Lesen langer Texte hat, bleibt halt bei den Tickermeldungen. *Da gab es mal vor einigen Jahren einen genialen Werbespot im Radio: Peitschenknallen und ein herrisches (bzw däm-liches) "Los, Sklave, lies!". Und dann aus dem Off: "unsere Abonnenten lesen die AZ - freiwillig". Naja, im Osten wär der vielleicht nicht so gut angekommen...

  • Jean-Claude

    22.12.07 (09:54:51)

    @ Klaus, du sagst doch, print ist out. Auf der andern Seite hat es Aust geschafft, den "Spiegel" in extrem schwierigem Umfeld bei etwa 1 Mio. Ex pro Woche zu halten. Das ist eine Riesenleistung. Und das doch nicht nur mit Seichtem und mit RAF-Stories. Der von Aust entwickelte Typus von Spiegel-Stories in sehr enger Verbindung mit der Optik, ohne das daraus Illustrierten-Geseieres entsteht, kommt an. Der wesentliche Punkt für mich dabei ist: Er treibt die Leute fast mit der Peitsche aus der Redaktion zur Vorort-Recherche, zum Reden mit den Leuten, nicht allein in Deutschland, und vor allem nicht immer nur mit den ewig gleichen Figuren über die ewig gleichen Themen. Das ist ein wesentlicher Unterschied zum Internet - more real life eben, weniger Virtuelles. Da muss der Journalismus wieder hin. Ob im web oder auf Papier. Das Interessante finde ich: SPon und Spiegel print nehmen sich gegenseitig nichts weg. Es sind zwei eigenständige Medien, die die gleiche Infrastruktur nutzen. Das ist nicht nur, aber auch Austs Verdienst. Spiegel TV ist das dritte, solide Standbein. Der ist nicht leicht zu ersetzen. Die übermütig gewordene Spiegel-Mannschaft merkt das jetzt. Die Fotografie wird bei diesem Typus von Story übrigens wieder wichtiger und mehr gepflegt. Im Internet spielt die Fotografie keine grosse Rolle, eher Video, aber das ist wieder was anderes. Kurz: Man muss Platzhirsche ertragen können. Das gehört zum Business.

  • Wolf-Dieter Roth

    22.12.07 (10:32:45)

    @Jean-Claude: Für mich ist Print nicht out. Aber das mit dem "Rausgehen" ist auffällig: In Print-Medien darf man nicht online recherchieren, sonst wird man faul geschimpft, in Online-Medien darf man (zumindest in bestimmten Verlagen) wiederum nicht raus gehen, sonst "verbrüdert man sich mit dem Objekt seines Berichts". Die Wahrheit liegt für beide Medien in der Mitte. Und ja: eigene Fotos werden online normal weder geschätzt noch bezahlt. (Bezahlt werden sie in Print auch nicht mehr, aber noch mehr geschätzt.)

  • Jean-Claude

    22.12.07 (12:27:38)

    @Wolf-Dieter, ich kenne keinen Print-Journalisten, der nicht online recherchiert. Es geht doch gar nicht anders. Aber eben nicht nur, und darauf kommt es an. Ich bin und war oft draussen und immer wieder habe ich festgestellt, dass die Realität draussen oft eine völlig andere ist und zwar diametral anders, ob im In-oder Ausland, egal bei welchem Thema Das gilt selbst dann, wenn ein Ereignis live vor der TV-Kamera abläuft. Neben der Kamera kann etwas völlig anderes passieren, was nie im Bild erscheint und daher nicht existiert, obwohl es viel wichtiger sein kann als das was im Bild gerade passiert. Man darf sich auch nicht auf Medienkonferenzen und Mediensprecher verlassen, ganz im Gegenteil. Man braucht sie, aber sie geben nie die ganze Realität wider. Nie. Es ist auch nicht deren Aufgabe. Sie sind interessengebunden. Solche Erfahrungen machen junge Journalisten heute kaum noch. Das ist nicht Vorvätergeschwafel, sondern eine ziemlich präzise und auch deprimierende Beobachtung. Man muss den Damen und Herren Chefredakteuren und Ressortleitern auf die Pelle rücken, ihnen Feuer unterm breitgesessenen Hintern machen und ihnen notfalls - höflich natürlich - sagen: Ihr habt keine Ahnung! Ihr verbringt euer Leben in Konferenzen! Ihr verkehrt ausschliesslich in euren Kreisen. Das ist nicht das Leben! Es ist nicht die Realität eurer Leser, egal von welchem Medium, egal ab print oder online. Uebrigens: Ich hab auch mal so ein virtuelles Konferenzleben geführt. Drum kenn ich den Unterschied. Es ist eine Karikatur des wirklichen Lebens, was man da nach der hundertsten Power-point-Präsentation erlebt. Selber macht man diesen Mechanismus natürlich auch mit, sonst ist schnell mal draussen. Ich kann nur sagen: Raus aus den Redaktionen! Und wenn das in den Medienhäusern obere Schlauköpfe nicht verstehen, ist das nur eine Bestätigung des vorhin Gesagten. Man muss sich auch nicht einreden lassen, das sei Romantik. Nein, sowas hat unmittelbar mit Erfolg und Misserfolg von Medien zu tun. Von Romantik reden nur Leute, die nie in ihrem Leben "draussen" waren - und das ist inzwischen die Mehrheit des leitenden Personals. Drum ist in meinen Augen die Kombination vom "Draussen" und vom Internet so wichtig. Diese Riesenchance hatte noch keine Journalistengeneration vor uns. Aber wir nutzen sie zuwenig selbstbewusst. Es ist komisch, aber Journalisten müssen wieder Selbstbewusstsein trainieren. Aber dringend!

  • Klaus Jarchow

    22.12.07 (12:36:57)

    Naja, Jean Claude, ich muss beim Spiegel eher an diese dubiose 'Windenergie-Geschichte' damals denken, und an die fast aufeinanderfolgenden Titelgeschichten, wo zunächst Berlin die Megacity aller Trendigen wurde, zwei Wochen darauf waren es plötzlich die 'Mittelmetropolen' wie Amsterdam, ferner das nonchalante Bestreiten einer Klimakatastrophe überhaupt. Eine lange Kette von 'Nullnummern' in Sachen Aufklärung also, die vielleicht der Sensation wegen gekauft wurden, aber doch im Faktischen kaum verankert waren. Alles klang für mich eher wie 'Was interessiert mich mein Geschwätz vom gestern?'. Ich dagegen mag es zwar, wenn Magazine eine Meinung haben, aber doch nicht jede Woche eine neue. Die allgemeine Treibjagd auf Joschka Fischer wegen angeblicher Visa für 'Ukraine-Mädchenhändler', und zwar Hand in Hand mit FAZ, BILD, Stern und Welt ist mir auch noch sehr präsent. Ich bin zwar kein Freund von Fischer, aber ein Unisono in der Medienlandschaft finde ich gesellschaftlich noch viel problematischer. Zum Thema Recherchefreude beim 'Spiegel' hat übrigens der Gehrs als ehemaliger Augenzeuge auf dem Podcast dieser Tagung in Mittweida andere Dinge berichtet ...

  • Wolf-Dieter Roth

    22.12.07 (12:39:24)

    @Jean-Claude: Tja, Dein Wort in den Gehörgängen meiner Ex-Vorgesetzten. Ich kann es nur unterstreichen. Weder ist es falsch, die Produkteigenschaften eines Geräts oder Chips online zu recherchieren und danach den Pressesprecher zu fragen, wenn etwas unklar ist, noch ist es richtig, alles nur vorgekaut aus zweiter Hand zu berichten. Die vielgeschmähten Münchner Medientage sind z.B. so ein Event, wo ganz viel abläuft, das den meisten Kollegen selbst vor Ort entgeht, weil sie zwar physisch anwesend sind, aber nicht richtig aufmerksam, z.B. weil sie live bloggen. Chefs kippen da von einem Extrem ins andere, deselbe Chef schickte zuerst alle "raus", zu den Firmen an die Standorte, was die irgendwann ziemlich nervte. Und dann, als das Geld knapp wurde, durften nicht mal mehr die Leitmessen der Branche (in dem Fall: Productronica) besucht werden, alles war online und per Telefon zu eruieren. Eins so unsinnig wie das andere. Und Telefon hat auch noch den Nachteil, daß es nachher heißt "das habe ich nicht gesagt", wenn es um Statements geht. Die sind mir per Mail oder im Interview lieber. (Ich hatte auch einen Chef, der sagte §Ein richtiger Journalist benutzt keine E-Mail", nachdem mir ein Kollege zur Installation eines Spiels das komplette Mail-Directory gelöscht hatte, weul es auf meinem Rechner das Größte war...leider war damit auch ein Statement weg, das ein großer Knaller gewesen wäre!) Na ich seh' schon, ich muß mir auch mal Zeit nehmen und hier ein paar Artikel schreiben. Zu sagen gibt es viel. Ob es wer hören will (in den Chefetagen), ist natürlich eine andere Frage. Aber vielleicht verstehen dann auch ein paar Blogger, daß nicht jeder Journalist so kann, wie er würde und sollte. Und naja, die "Alphatiere" - die gibts in jeder Branche. Wer das nicht abkönnte, düfte nicht anfangen, denn man beginnt nunmal nicht oben, sondern unten. Und viele wollen auch gar nicht mehr - irgendwer muß ja die Abeit tun...

  • mikel

    22.12.07 (22:19:33)

    Wenn ich als absoluter Nicht-Journalist mal kurz unterbrechen dürfte, nur mal so angefragt, was zum Deibel war denn so exklusiv doll an Nannen? Der Stern? Die Hitlertagebücher? Und das war dann die ELITE? Der STERN? Ah na! Aber die Idee literarisches Schreiben auch wieder ins Tagesgeschäft zu bringen wäre toll! Man könnte dann Zeitungen/Schriften auch wieder abbonnieren.. Nannen, also echt. Wie wäre es denn, wenn man mal ein paar Bilder stürmte, Iconen neu betrachtete, LUFT in die Redaktionen liese?

  • Klaus Jarchow

    24.12.07 (09:07:38)

    Nun ja - das große Verdienst Nannens war es, dass er in den frühen 70er Jahren mittels des 'Stern' die Republik mit frischer, gesunder Luft und bis dato unerhörten Parolen erfreute, zu Themen wie Abtreibung oder Ökologie zum Beispiel. Fortschritt und Massenwirkung gingen damals Hand in Hand. Der Stern war dabei einige Jahre meinungsprägender als Augsteins Spiegel mit seinen Bleiwüsten, weil Nannen ein 'neues Denken' popularisierte, es vor allem aber 'ins Bild' setzen konnte. Im 'Stern' bildete sich die Ikonographie der neuen Republik. Nannen war dabei ein echter 'opinion leader', der Gewinn und verlegerische Verantwortung noch ausbalancieren konnte, und dafür die rechten Worte fand. Die Hitlertagebücher und der darauf folgende tiefe Absturz des Magazins in qualitative Niemandsland - das kam erst sehr viel später ...

  • mikel

    24.12.07 (09:33:38)

    Die frische Luft kam vom STERN? Da habe ich ganz andere Erinnerungen. Die kam von ganz woanders her, samt dem neuen Denken und den Prägungen, aber sei's drum. Jeder Stand braucht wohl seine Iconen, irgendwas muss ja verklärt sein ;-)

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