<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

11.10.09Leser-Kommentare

Schließung von Webdiensten: Warum man zu seinem Scheitern stehen sollte

Mit einem Webdienst zu scheitern, ist keine Schande. Nicht jeder kann das nächste große Ding entwickeln. Wer jedoch nicht ehrlich zu einem Misserfolg stehen kann, hat ein Problem.

Geschlossen

Tausende Webdienste erblickten in der Hoch-Zeit der Web-2.0-Ära das Licht der Internetwelt. Es ist ganz natürlich, das nur ein kleiner Teil von ihnen zu einem Erfolg wurde. Anbieter, denen dies nicht gelang, werden häufig entweder vernachlässigt und vegetieren vor sich hin, oder aber offiziell geschlossen.

Es ist absolut keine Schande, mit einem Projekt zu scheitern. Wer ein Unternehmen gründet und/oder einen Onlineservice startet, geht grundsätzlich ein hohes Risiko ein. Und nicht immer läuft alles genau nach Plan. Es reicht schon aus, dass ein Kapitalgeber sich unerwartet zurückzieht und deshalb das gesamte Vorhaben scheitert. Oder aber es taucht plötzlich ein deutlich überlegener Konkurrent auf.

Wer mit der Entwicklung seines Webdienstes unzufrieden ist und ihn deshalb schließt, sollten dazu (und zu eventuell gemachten Fehlern) stehen können - so wie hier zum Beispiel. Niemand wird über einen lachen. Immerhin hat man etwas gewagt, was viele andere niemals tun würden. Und dabei sehr viel gelernt.

Problematisch aber ist, wenn der Eindruck entsteht, die Macher eines Services wären in der Erklärung für dessen Einstellung nicht ehrlich. Diese Gefühl hatte ich gestern, als in den Shared Items des Google Reader dieser Blogpost von Storytlr auftauchte, einem mir bis dato unbekannten Lifestreaming-Dienst.

In dem Beitrag verkünden die zwei Storytlr-Betreiber die baldige Schließung des nicht als Unternehmen geführten Dienstes - mit einer äußerst schwachen Begründung:

The reason is simple: our lives have moved on, kids were born, house were bought, new projects appeared and we don't have time anymore to operate this service properly.

We have spent the last months looking for alternatives, potential partners, and even thought about creating a startup around this project. Yet, in the end, nothing did really make sense for us and we have decided to pull the plug.

Übersetzung:

"Der Grund [für die Schließung] ist einfach: Unser Leben hat sich weiterentwickelt, Kinder sind hinzugekommen, Häuser wurden gekauft, neue Projekte sind aufgetaucht und uns fehlt einfach die Zeit, den Dienst ernsthaft zu betreiben.

In den vergangenen Monaten haben wir uns nach Alternativen und potenziellen Partnern umgeschaut und auch darüber nachgedacht, ein Startup für Storytlr zu starten. Doch letztlich erschien keine Option sinnvoll genug, weshalb wir uns entschieden haben, den Stecker zu ziehen."

Es sei dahingestellt, ob die Zwei tatsächlich nach verschiedenen Lösungen geschaut haben. Tatsache ist, dass nur Verrückte einen erfolgreichen Webdienst einstellen würden, der mittelfristig zu einem echten Hit und einer attraktiven Erlösquelle werden könnte. Keine Zeit für etwas zu haben und stattdessen an anderen Projekten weiterzuarbeiten, heißt übersetzt nichts anderes, als dass die beiden Storytlr abgeschrieben haben.

Schon aus Fairness den Nutzern eines Dienstes gegenüber halte ich es für unumgänglich, Tacheles zu reden. "Der Wettbewerb ist zu stark, wir sehen keine Zukunft für unseren Service und müssen ihn daher einstellen, um unsere Zeit in Projekte zu stecken, von denen wir leben können" - oder so ähnlich.

Storytlr ist bei weitem nicht der erste Webservice, dessen Macher sich mit einer fadenscheinigen Ausrede aus der Affäre zu ziehen versuchen. Einen Gefallen tut man sich mit so einem Vorgehen jedenfalls nicht. Spätere Arbeitgeber, Partner oder Kapitalgeber werden sich gut überlegen, jemandem eine Chance zu geben, der die Einstellung eines Projektes mit dem Auftauchen neuer Projekte begründet. Zielstrebigkeit und Ausdauer klingen anders. Ehrlichkeit auch.

(Foto: Flickr, CC-Lizenz)

Kommentare

  • fvonx

    11.10.09 (17:03:56)

    Was ist verwerflich daran, ein Projekt aufzugeben, wenn andere Projekte interessanter erscheinen (und unter Umstaenden rentabler sind)? Zumal man den Dienst als Open Source Projekt veroeffentlichen will ... Aus meiner Sicht, ist es gut, zu erkennen, _wann_ man aufhoeren sollte ..

  • Dominik B,

    11.10.09 (17:13:00)

    Einen Dienst aufzugeben kann immer erforderlich werden und letztlich ist es ja auch Sache der Betreiber. Lustig ist allerdings, dass sich die Begründung genau so liest wie die Auktionstexte bei EBay wo immel mal wieder ein "erfolgreiches Webprojekt aus Zeitgründen" abzugeben ist.

  • Dirk

    11.10.09 (19:15:29)

    Es ist doch vollkommen in Ordnung, wenn die Jungs sich anderen, erfolgversprechenden Projekten widmen und dafür dieses Projekt beenden. Und sie sind ehrlich und sagen was Sache ist. Ich kann gar nicht verstehen, warum Du deshalb so ein Fass aufmachst.

  • Oliver Förster

    11.10.09 (20:04:34)

    Manchmal macht das Sinn mit der Ehrlichkeit auf den Webseiten, doch oft hängen da auch noch Banner drauf und sollen noch eine Weile Geld generieren. Da hapert es dann oft auch mit der Ehrlichkeit der Betreiber. Das Wegbrechen von Besucherzahlen bringt da ja auch nichts. Webseiten verkaufen macht auch keinen Sinn mehr. Will keiner und zuviele gibt es auch. Gut ist es auf jeden Fall, wenn die Betreiber erkennen, dass mit der Webseite außer Besucherzahlen nichts rumkommt und wer behauptet, er könne von einer Webseite leben, lügt schlichtweg.

  • Martin Weigert

    11.10.09 (20:23:56)

    @ fvonix und Dirk Zielstrebigkeit und Ausdauer sind imo zwei sehr wichtige Faktoren auf dem Weg zum Erfolg. Und wenn man ein Projekt dennoch einstellen muss - was ja definitiv passiert - dann sollte man sagen, warum - und nicht einfach mit Gefasel à la "wir haben Häuser gekauft und uns neuen Projekten gewidmet" kommen. Jeder wird verstehen, dass man auch von irgendwas leben muss.

  • Rob

    11.10.09 (20:25:46)

    Hm, also ich weiss nicht. Das ist wahrscheinlich nur ein kleineres Experiment/Projekt gewesen, um zu gucken, ob es was werden könnte. Als unehrlich kann ich das jetzt nicht bezeichnen. Es ist ja jetzt nicht so, dass diese Seite vorab grossartig PR gemacht hätte und sich als das neue grosse Web 2.0 Unternehmen dargestellt hat. Vielleicht hätte man sich etwas präziser ausdrücken können, aber man kann ja auch zwischen den Zeilen lesen und erahnen, dass es wahrscheinlich nicht rentabel war. Ich finde man kann es schon als Fail verstehen, nur das es halt etwas plumb verpackt wurde. Jedem das seine, so lang niemand zu Schaden kommt. my two cents...

  • Markus Spath

    11.10.09 (21:47:15)

    hmm, also ich muss mich auch den anderen Kommentatoren anschliessen. Ich stimme zwar deinen abgeleiteten Aussagen zu, aber es gibt sicher bessere Beispiele als diesen Fall. Sauberer kann man einen Dienst kaum beenden (Code wird als open source Projekt weiterleben, es wird die Möglichkeit zum Export eigener Daten geben, die Ankündigung lässt allen genug Zeit, die Daten zu sichern) und was an der Begründung unehrlich und anzweifelbar sein soll, seh ich auch nicht ganz. Auch nicht, warum eine betriebswirtschaftliche blablabla-Begründung, die ohnehin implizit ist, den Usern gegenüber fairer wäre.

  • Jana

    11.10.09 (23:11:08)

    Ich finde es gut, wenn überhaupt eine Begründung aufgeführt wird. Plötzlich vor einer geschlossenen Webseite zu stehen oder eine Error-Meldung zu bekommen, finde ich hingegen blöd. Zeitmangel ist ein triftiger Grund. Viele Webmaster haben viele Projekte, manche schätzen die Zeit nicht richtig ein, die für eine gute Betreuung, Texte, SEO usw. drauf geht. Da trennt man sich schon hin und wieder von den Seiten/Projekten, die nicht rentabel genug erscheinen.

  • Martin Weigert

    12.10.09 (06:41:31)

    Ich unterscheide hier deutlich zwischen einem offensichtlichen Hobbyprojekt (z.B. ein Blog oder irgendeine Themenwebsite) und einem Dienst, der sich auf den ersten Blick nicht von einem typischen Web-Startup unterscheidet. Als User eines Services würde mich es sehr stören, wenn ein Dienst mit der oben gemachten Begründung geschlossen wird. Für mich heißt dass - im besten Fall - das ich mir die Mühe machen und meine Daten zu einem andere Dienst exportieren muss - den ich auch erst suchen muss. Würden Erklärungen wie die oben gehäuft vorkommen, müsste man bei jedem genutzten Webdienst befürchten, die Betreiber könnten die Lust verlieren oder sich auf andere Projekte stürzen und das aktuelle vernachlässigen. Zusätzlich zu dem ohnehin vorhandenen und unvermeidbaren Risiko eines Endes aufgrund finanzieller Engpässe. Für mich ist das einfach unprofessionell und zeugt von einem Mangel an Zielstrebigkeit und Ausdauer - oder aber eben an der Fähigkeit, zugeben zu können, dass man sich übernommen hat oder ein anderes Projekt gestartet hat, was einem eher Brot auf den Tisch bringt. Mehr will ich gar nicht. Letztlich handelt es sich in meinen Augen um eine Charakterschwäche. Offenbar sehe ich diese kritisch als einige von euch, was womöglich auf eigene Erfahrungen zurückzuführen ist. @ Markus Bevor du das als vorbildliches Ende lobst, warte erst einmal ab, ob die mit ihrer OpenSource-Ankündigung wahr machen.

  • Michael Wünsch

    12.10.09 (22:50:25)

    Es steht mir nicht an, jedes Wort aus der Storytlr Ankündung auf die Waagschale zu werfen. Was ich vielmehr einbringen möchte, ist dass Storytlr imho ein absoluter Top-Dienst ist (war). Ich nutze Storytlr seit der ersten Stunde und probiere auch ständig andere neue "Web 2.0" Dienste aus. Aber was Storytlr mit all seinen implementierten Features auf die Beine gestellt hat, meine Hochachtung: Parallele Nutzung als Lifestream Service, Weblog, Microblog, Video- und Foto-Posts ... sowie Backup-Möglichkeit der Daten, kostenlose Nutzung auf eigener Domain per CNAME Eintrag, usw., usw. Schade, dass da niemand investiert!

  • Martin Weigert

    13.10.09 (08:56:12)

    Gut, einen "Betroffenen" zu hören. Scheint ja so, als hätten die Macher da mit etwas mehr Ausdauer und Fokus vielleicht einen richtigen Erfolg erzielen können.

  • Soeren

    15.10.09 (08:48:52)

    Ein schoener Merksatz fuer das Internet: Eine Seite ist "Under Construction" oder tot.

Diesen Beitrag kommentieren:

Die Kommentare können nur zwischen 9 und 16 Uhr
freigeschaltet werden. Wir bitten um Verständnis.

Um Spam zu vermeiden, schreiben Sie bitte die Buchstaben aus diesem Bild in das nebenstehende Formularfeld:

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer