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13.01.08Leser-Kommentare

Schleichende Papierlosigkeit

Als ich neulich die Koffer für die übliche weihnachtliche Verwandtenbesuch-Rundreise packte, fiel mir plötzlich etwas auf: Ich packte keine papierbasierten Informationsträger ein. Gar keine. Null.

Bücher? Lese ich seit einigen Wochen fast nur noch auf dem Amazon Kindle, was gerade auf Reisen besonders praktisch ist. Zeitschriften? Kaufe ich mir eigentlich nur noch am Flughafen, um die "Schalten Sie jetzt bitte alle elekronischen Geräte"-Phase zu überbrücken. Gedruckte Zeitungen? Please. News gibt es aus dem RSS-Reader und auf dem iPhone.

Tatsächlich, bei der Rückschau fiel mir auf, wie sich Papier langsam aber sicher weitgehend aus meinem Medienkonsum verabschiedet hat. Mein letztes Zeitungsabo habe ich vor bald eineinhalb Jahren gekündigt, und ich habe es keinen Tag vermisst.

Gratiszeitungen sind praktisch immer Zeitverschwendung, da höre ich mir beim Pendeln lieber gute Podcasts an. Die Abos für "BusinessWeek", "Economist" und ein paar andere Zeitschriften sind unerneuert ausgelaufen, ohne dass mir das besonders aufgefallen wäre. In Buchläden gehe ich zwar immer noch gern zu Inspirationszwecken (das Userinterface ist immer noch reichhaltiger als das von Amazon), aber am liebsten kaufe ich mir die Werke dann auf meinem eBook-Reader, den ich meistens dabei habe.

Wohlgemerkt: Ich lese derzeit vermutlich mehr als je zuvor, aber fast alles auf Bildschirmen. Das war keinesfalls so geplant, und ich habe wirklich nichts gegen Papier. Aber man neigt eben dazu, seine Zeit dem besseren Medium zu widmen.

Und merkwürdigerweise habe ich den Eindruck, ganz entgegen dem üblichen Vorurteil, dass ich auf Screens inzwischen schneller und doch meist auch gründlicher lese als auf Papier. Das ist vor allem so, weil man auf einer gut designten Zeitungswebsite oder im RSS-Reader auf einen einzigen Artikel fokussiert ist und nicht noch zehn andere auf der gleichen Seite um Aufmerksamkeit buhlen, wie das bei der gedruckten Zeitung der Fall ist. Dieser Gewöhnungseffekt an bildschirmbasierte Medien hat sich bei mir schon in eine skurrile Umkehrung der üblichen Muster entwickelt: Ich hatte vor allem bei der Arbeit schon mehrere Fälle, wo ich mir ein Dokument zwecks besserer Lesbarkeit ausgedruckt habe, aber es dann schlussendlich doch lieber am Bildschirm las, weil ich mich bei Papier nicht mehr so gut konzentrieren kann. Da macht man sich beinahe schon Sorgen um seine geistige Gesundheit. Aber vermutlich ist alles nur Gewöhnung.

Ich glaube, dass wir durch die Summe von technischen Neuerungen in den letzten paar Jahren (grössere PC-Screens, RSS, Smartphones mit grossen Displays, allerlei Internet-Devices, vernünftige eBook-Reader usw.) an einem Punkt angekommen sind, wo physische Informationsträger plötzlich den digitalen Medien deutlich unterlegen sind. Natürlich gibt es noch viel zu tun, aber der Trend ist eindeutig.

Diese Umstellung zur weitgehenden Papierlosigkeit hat mich an mir selbst ziemlich überrascht. Und ich kann mir gut vorstellen, wie stark dieser Effekt bei den Teenies von heute sein muss, die mit all diesen reichhaltigen Bildschirmmedien aufwachsen. Gedruckte Medien, ebenso wie die meisten anderen physischen Informationsträger, sind wohl allein schon darum langfristig erledigt.

Kommentare

  • Patrick C. Price

    13.01.08 (04:29:39)

    Hallo Andreas Göldi Ist in der Tat so. Ein einigermassen bestechender Vorteil von Papier bleibt, der mir jedoch auch gerade erst bewusst wurde. Papier eignet sich gegenüber PDF's etc. zumindest einigermassen dazu, Informationen einzusperren. So ist die Abgabe von vertraulichen Informationen wie einem Businessplan, doch zumindest auf Papier einiges schwieriger weiter zu geben, als wenn man es als PDF erhält. Papier als Daten-Safe sozusagen. :-) Gruss aus Zürich, Patrick

  • Mark S

    13.01.08 (13:48:22)

    Lesen Sie überwiegend Sachbücher, oder auch mal einen Roman? Bei Letzterem kann ich mir nicht so recht vorstellen, einen Bildschirm nutzen zu müssen. Ich mag gut gestaltete Bücher, auf schönem Papier gedruckt, in einem passenden Font gesetzt, am besten noch mit Lesebändchen. Es ist so ähnlich wie mit dem Medium Film: Das meiste sehe ich heute auf DVD, aber für die Highlights will ich die große Kinoleinwand.

  • T. Thomas

    13.01.08 (15:11:47)

    Als ich neulich die Koffer für die übliche weihnachtliche Verwandtenbesuch-Rundreise packte, fiel mir plötzlich etwas auf: Ich packte keine papierbasierten Informationsträger ein. Gar keine. Null. Sie packen Elektronik in den Koffer? Gute Nacht! Was den Transport überlebt, wird von der TSA gestohlen, beschädigt oder beschlagnahmt. Bücher? Lese ich seit einigen Wochen fast nur noch auf dem Amazon Kindle, was gerade auf Reisen besonders praktisch ist. Zeitschriften? Kaufe ich mir eigentlich nur noch am Flughafen, um die “Schalten Sie jetzt bitte alle elekronischen Geräte”-Phase zu überbrücken. Gedruckte Zeitungen? Please. News gibt es aus dem RSS-Reader und auf dem iPhone. Kommen Sie mit dem unglaublich langsamen Kindle-Bildschirm wirklich klar? Ich habe meinen Kindle deswegen zurückgeben. Und jetzt in der Schweiz könnte ich ihn sowieso nicht brauchen. News gibt es tatsächlich digital. Wissen aber noch viel weniger häufig. Wer sich mit News abfüttern lassen will, ist digital gut bedient. Wer wissen möchte, wie die Welt funktioniert, braucht anderes. Tatsächlich, bei der Rückschau fiel mir auf, wie sich Papier langsam aber sicher weitgehend aus meinem Medienkonsum verabschiedet hat. Mein letztes Zeitungsabo habe ich vor bald eineinhalb Jahren gekündigt, und ich habe es keinen Tag vermisst. Gratiszeitungen sind praktisch immer Zeitverschwendung, da höre ich mir beim Pendeln lieber gute Podcasts an. Die Abos für “BusinessWeek”, “Economist” und ein paar andere Zeitschriften sind unerneuert ausgelaufen, ohne dass mir das besonders aufgefallen wäre. In Buchläden gehe ich zwar immer noch gern zu Inspirationszwecken (das Userinterface ist immer noch reichhaltiger als das von Amazon), aber am liebsten kaufe ich mir die Werke dann auf meinem eBook-Reader, den ich meistens dabei habe. Die Tendenz stimmt natürlich. In den USA mehr als in der Schweiz. Und denken Sie daran: Nicht alle schwimmen so im Geld wie Sie und können sich die teuren Gadgets kaufen, auf denen Sie lesen. Oder halt die gleichen Bücher nochmals digital kaufen und das mehrfach (auf dem nächsten Gerät, das inkompatibel ist, wenn der Anbieter, bei dem man gekauft hat, nicht mehr existiert, wenn man Daten verloren hat, und und und). Wohlgemerkt: Ich lese derzeit vermutlich mehr als je zuvor, aber fast alles auf Bildschirmen. Das war keinesfalls so geplant, und ich habe wirklich nichts gegen Papier. Aber man neigt eben dazu, seine Zeit dem besseren Medium zu widmen. Und merkwürdigerweise habe ich den Eindruck, ganz entgegen dem üblichen Vorurteil, dass ich auf Screens inzwischen schneller und doch meist auch gründlicher lese als auf Papier. Das ist vor allem so, weil man auf einer gut designten Zeitungswebsite oder im RSS-Reader auf einen einzigen Artikel fokussiert ist und nicht noch zehn andere auf der gleichen Seite um Aufmerksamkeit buhlen, wie das bei der gedruckten Zeitung der Fall ist. Dieser Gewöhnungseffekt an bildschirmbasierte Medien hat sich bei mir schon in eine skurrile Umkehrung der üblichen Muster entwickelt: Ich hatte vor allem bei der Arbeit schon mehrere Fälle, wo ich mir ein Dokument zwecks besserer Lesbarkeit ausgedruckt habe, aber es dann schlussendlich doch lieber am Bildschirm las, weil ich mich bei Papier nicht mehr so gut konzentrieren kann. Da macht man sich beinahe schon Sorgen um seine geistige Gesundheit. Aber vermutlich ist alles nur Gewöhnung. Lesen kann man an guten Bildschirmen problemlos. Eine Übersicht zu gewinnen ist schon schwierig, echtes Blättern ist halt schneller. Und wer sich bei einer Zeitung nicht konzentrieren kann, geht am Bildschirm erst recht in der Newsflut unter. Lesen geht wie gesagt. Arbeiten ist aber viel schwieriger. Wir werden zwar immer mehr wie Computer, aber noch funktionieren wir ziemlich gut über mehr als nur Lesen und Maus rumschieben, sprich skizzieren, mit Farben Notizen anfertigen. Das wird sich auch ändern. Aber bis Bildschirme mit meinem Schreibtisch mithalten können, auf dem ich bei Bedarf locker 3 m2 Notizen auslegen kann, vergeht noch viel Zeit. Für Reiche wie Sie natürlich etwas weniger. Ich glaube, dass wir durch die Summe von technischen Neuerungen in den letzten paar Jahren (grössere PC-Screens, RSS, Smartphones mit grossen Displays, allerlei Internet-Devices, vernünftige eBook-Reader usw.) an einem Punkt angekommen sind, wo physische Informationsträger plötzlich den digitalen Medien deutlich unterlegen sind. Natürlich gibt es noch viel zu tun, aber der Trend ist eindeutig. Ja, diese Tendenz stimmt. Viel zu tun gibt es vor allem noch bei der Beständigkeit. Viele Menschen sammeln gerne. Einige aus Notwendigkeit, viele einfach als Hobby. Und nicht alle wollen es sich leisten, sich das gleiche immer wieder neu zu kaufen. Diese Umstellung zur weitgehenden Papierlosigkeit hat mich an mir selbst ziemlich überrascht. Und ich kann mir gut vorstellen, wie stark dieser Effekt bei den Teenies von heute sein muss, die mit all diesen reichhaltigen Bildschirmmedien aufwachsen. Gedruckte Medien, ebenso wie die meisten anderen physischen Informationsträger, sind wohl allein schon darum langfristig erledigt. Teenies haben hier ein riesiges Problem. Sie sind sich an News gewohnt, nicht aber an Wissen und Informationen. Lernen bereitet auch Schwierigkeit, man kann ja scheinbar alles bei Google und Wikipedia abrufen. Dummerweise muss man weiterhin selbst denken und lernen, da hilft das Digitale nichts. Aber vermutlich ist das einfach ein weiteres Symtom des Niederganges des Westens. In Asien ist es anders, weil sich die Jungen das gar nicht erlauben können. Natürlich setzen sie voll auf das Digitale, aber nicht nur zum Konsum.

  • nils

    14.01.08 (09:54:34)

    sehr richtig, was hier in den kommentaren geschrieben wurde. daher nur noch eins: bekommt papier nicht dadurch, dass es am aussterben ist, eine ganz neue qualität - wird es wertvoller? ich glaube schon. papier ist noch lange nicht tot. und digital ist nicht immer besser.

  • Andi

    14.01.08 (10:42:44)

    Bezüglich Jugend: Ich glaube dass der Trend langfristig weg vom Papier und damit hoffentlich auch weg von Zeitverschwendern wie 20min & Co. gehen wird. Die Argumentation mit der Jugend kann ich insofern nicht vollständig unterstützen, als dass ich glaube dass Jugendliche nicht genug Geld haben, um den Medienkonsum nur noch durch digitale Endgeräte zu geniessen. Da dürfte die Befriedigung anderer, kurzfristigerer Bedürfnisse eher Verwendungszweck des Taschengelds / Lehrlingslohns sein. @T. Thomas: Zu ihrem letzten Satz bezüglich der asiatischen Jugend würden mich weitere Gedanken oder Informationsquellen interessieren, ich kann die Aussage momentan noch nicht nachvollziehen.

  • asaaki

    15.01.08 (10:40:38)

    hmm... also das einzige, was ich definitiv als gedruckte fassung benutze und brauche, sind bücher. die mag ich dann doch zu gerne als papierne ausführung. ansonsten finde ich diesen wandel der zeit gar nicht so schlimm. man überlege sich auch, dass zumindest die wälder es einem danken werden.

  • Jan

    15.01.08 (13:02:32)

    Geht mir genau so: Papier wird immer mehr zurückgedrängt. Die Trägermedien werden besser, die Inhalte auch. Ich greife nur deshalb auf Printmedien zurück, weil leider vieles dort noch immer exklusiv erscheint oder die entsprechenden Online-Angebote leider unbenutzbar schlecht gemacht sind. Ansonsten könnte ich bestens darauf verzichten. Anstatt Studentencommunities zu kaufen, sollten sich manche Verlage mal wieder auf ihr Kerngeschäft besinnen... Papier wird natürlich bleiben, aber mit deutlich geringerer Wichtigkeit als heute. Was den Umweltaspekt angeht, würde ich mich übrigens nicht zu sehr mit Papierlosigkeit brüsten: Für die Server, die Internet-Infrastruktur und die vielen Anzeigegeräte werden ungeheure Mengen Strom verbraucht...

  • Ralf

    16.01.08 (02:00:39)

    Sie besitzen ein(en) Kindle? Der mobile Zugang ins Netz funktioniert hier in Deutschland nicht, oder? Wie (und wo) laden Sie denn Ihre Bücher auf das Gerät?

  • Andreas Göldi

    16.01.08 (03:31:17)

    @Ralf: Ja, ich habe einen Kindle, siehe auch meinen Test dazu auf neuerdings.com: http://neuerdings.com/2007/11/21/amazon-kindle-im-test-iiventfacht-er-das-ebook-feuer/ Da ich mich im Moment vorwiegend in den USA aufhalte, habe ich mit der Verbindung keine Probleme. Man kann aber Buecher alternativ auch im Amazon-Web-Store auf den PC runterladen und per USB auf den Kindle kopieren. Ist etwas umstaendlicher, aber funktioniert.

  • asaaki

    17.01.08 (15:13:06)

    umweltschutz: was die verlage heute schon an material und energie verschwenden, nur um eine seite zu drucken, wobei die gesamte infrastruktur auch rein digital genutzt werden kann, da ist der gedanke meinerseits gar nicht mal sooo abwegig. wenn ich einfach mal die holzrechnung aufstelle: es wird eine gewisse menge an holz benötigt, um die infrastruktur eines verlages aufrechtzuerhalten, zusätzlich wird holz zum bedrucken grbraucht (also das papier). wenn ein verlag auf digital umsattelt, wird der verbrauch ja geringer, denn er benötigt theoretisch gar kein papier mehr und in der infrastruktur wird auch gespart, denn die maschinen, die papier herstellen, verarbeiten und bedrucken, fressen nix mehr, weil nicht mehr benötigt. klar ist es auf der anderen seite eine art milchmädchenrechnung, aber ich meine, dass da doch wenigstes ein bisschen was wahres dran ist, oder? (vor allem, wie viele bäume dürften stehen bleiben, wenn sie nicht als sinnlos bedrucktes papier eh nur in den mülleimer kommen, fingerzeig auf die massig werbung in den medien; schaut in eure briefkästen.) papier wird zwar weniger wichtig, aber definitiv wertvoller werden. allein der rohstoff dessen sollte als schützenswert gelten, und nicht erst seit heute, wenngleich es auch ein nachwachsender rohstoff ist. was die intuitivität der digitalen medien betrifft: ich denke, das wird noch. wie alt ist das internet und wie alt ist das bedruckte papier?

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