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29.01.09Leser-Kommentare

Savianos “Gomorrha” (4): Die anderen Journalisten

Mit "Gomorrha" legte Roberto Saviano eine beeindruckende Recherche über die Mafia vor – eine Reportage in Buchform. Ronnie Grob ist mitgereist, vier Blogeinträge sind das Ergebnis.

Gegen die Mafia: Roberto Saviano (Keystone)

Kann man Saviano alles glauben? Es ist doch nur eine einzige Quelle, eine einzige Sichtweise. Eigentlich müsste es zehn, zwanzig, hundert Journalisten geben, die die italienische Camorra beobachten und sich so in ihren Wahrnehmungen widersprechen könnten. Doch die gibt es nicht, und wieso es die nicht gibt, ist leicht zu erklären mit der Art, wie Roberto Saviano nach seinen Recherchen und Publikationen zu leben hat.

Die Daten des halbjährlichen Berichts der italienischen Antimafia-Einheit, der “Direzione Investigativa Antimafia”, sprechen immerhin dafür, dass das Buch mit den Zahlen der Mordopfer beispielsweise keineswegs übertreibt und dass sie leider auch nicht merklich zurückgegangen sind.

Mafiamorde in der Region Kampanien, Seite 176 aus dem Halbjahrbericht 2008 (pdf-Datei, 65.1 MB)

Unbedingt lesen sollte man das Gespräch zwischen Saviano und Fiona Ehlers auf reporterforum.de (pdf-Datei). Dort gibt er einen Einblick in seine Motivation, seine Arbeitsweise und in die Zustände in der italienischen Presselandschaft:

In italienischen Redaktionen funktioniert das so – wer ein schlechter Journalist ist, wer seine Texte zu spät abgibt oder Termine verpennt, wird auf die Camorra, die kalabresische Ndrangheta oder die sizilianische Mafia angesetzt. Das organisierte Verbrechen gilt bei uns als eine Art Strafe, wer darüber berichtet, kann seine Karriere vergessen, riskiert angezeigt zu werden und in Prozessen zu versauern. Das hat mich, als ich noch Lokaljournalist war, ungeheuer geärgert. Denn eigentlich müsste es umgekehrt sein: Die Mafia müsste eine Art Auszeichnung sein, nur die Besten unter uns, die Spürnasen und die Schönschreiber, sollten darauf angesetzt werden.

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(Affiliate-Links)[/box]Die Methoden der anderen Journalisten werden im Buch zwischen den Seiten 148 und 151 so treffend dargestellt, dass ich diese Passage ungekürzt zitieren möchte (sie ist allgemeingültig für viele andere Ereignisse, nicht nur Italien):

Einige Wochen später tauchen die Journalisten auf. Von überall her, plötzlich war die Camorra wieder lebendig in einer Gegend, von der man geglaubt hatte, es gebe nur noch Banden und Taschendiebe. Secondigliano stand innerhalb weniger Stunden im Mittelpunkt des Interesses. Sonderkorrespondenten, Fotoreporter der wichtigsten Agenturen, sogar ein Team der BBC war dauerhaft vor Ort, Jugendliche liessen sich neben einem Kameramann fotografieren, auf dessen Apparat deutlich das Logo von CNN zu erkennen war. “Die gleichen, die bei Saddam sind”, sagten die Leute von Scampia lachend. Von den Fernsehkameras aufgenommen, fühlten sie sich ins Zentrum des Weltgeschehens katapultiert. Dieses Interesse scheint der Gegend zum erstenmal eine wirkliche Existenz zuzugestehen.

Das Massaker von Secondigliano zieht die Aufmerksamkeit auf sich, die man der Entwicklung der Camorra seit zwanzig Jahren hätte widmen müssen. In dem Krieg im Norden Neapels gibt es in kurzen Abständen Tote, genau passend für die Anforderungen der Reporter, in nicht mehr als einem Monat sind es dann schon Dutzende von Opfern. Als wäre es Absicht, damit jeder Korrespondent seinen Toten abkriegt. Ein Erfolg für alle. Man hat Scharen von Praktikantinnen hergeschickt, damit sie das Metier lernen. Überall werden Kleindealern Mikrophone vor die Nase gehalten, Kameras nehmen die trostlosen, kantigen Umrisse der “Vele” auf. Einigen der jungen Frauen gelingt es sogar, angebliche Pusher zu befragen, die man nur von hinten sieht. Fast überall kommen die Heroinsüchtigen zu Wort und leiern ihre Geschichte herunter. Zwei junge Journalistinnen lassen sich vor einem ausgebrannten Auto aufnehmen, bevor es weggeschafft wird. Vom ersten kleinen Krieg, den sie als Reporter mitbekommen, müssen sie ein Souvenir haben. Ein französischer Journalist rief mich an, um zu fragen, ob er eine kugelsichere Weste brauche, da er die Villa von Cosimo Di Lauro fotografieren wolle. Die Teams fahren mit dem Auto herum und filmen, als wären sie Forscher in einem Urwald, in dem alles zur Dekoration wird. Andere Presseleute haben Leibwächter dabei. Der schlechteste Weg, um über Secondigliano zu berichten, ist, sich von der Polizei zu begleiten zu lassen. Scampia ist für jedermann offen zugänglich, darin liegt gerade die Stärke dieses Drogenumschlagplatzes. Die Berichterstatter, die mit der Polizei kommen, erfahren nur das, was sie auch jeder Agenturmeldung entnehmen könnten. Nicht anders, als wenn sie vor ihrem PC in der Redaktion sässen, der Unterschied liegt nur darin, dass sie sich vom Schreibtisch entfernen.

Mehr als hundert Presseleute in kaum zwei Wochen. Plötzlich existiert der grösste Rauschgiftmarkt Europas wirklich. Selbst die Polizisten werden mit Anfragen bestürmt, alle wollen an Polizeiaktionen teilnehmen, zusehen, wie ein Dealer verhaftet oder eine Wohnung durchsucht wird. Alle wollen in ihrem fünfzehnminütigen Bericht einige Bilder bringen, in denen Handschellen angelegt und Maschinenpistolen beschlagnahmt werden. Einige Polizeibeamte entledigen sich der Reporter und neuernannten investigativen Journalisten dadurch, dass sie sie Polizisten in Zivil fotografieren lassen, die so tun, als seien sie Pusher. Damit geben sie ihnen, was sie erwartet haben, ohne Zeit zu verlieren. Das Schlechtestmögliche in der kürzestmöglichen Zeit. Das Schlechteste vom Schlechten, den Horror des Horrors, die Tragödie rüberbringen, das Blut, die Eingeweide, die Schüsse, die eingeschlagenen Köpfe, das verbrannte Fleisch. Das Schlimmste, von dem sie berichten, ist nur die Spitze des Eisbergs. Viele Korrespondenten glauben, hier das Ghetto Europas, das absolute Elend vor sich zu haben. Wenn sie nicht gleich wieder davonrennen würden, müssten sie sich darüber klarwerden, dass hier die Stützpfeiler der Wirtschaft, die verborgenen Goldminen und die dunklen Abgründe sind, aus denen das pulsierende Herz der Ökonomie seine Energie bezieht.

Von den Fernsehleuten erhielt ich die unwahrscheinlichsten Angebote. Einige boten mir an, eine Minikamera am Ohr zu montieren und die Strassen zu besuchen, “die sie kennen”, und den Leuten zu folgen, “über die sie Bescheid wissen”. Die Journalisten träumten davon, aus Scampia eine Realityshow zu machen, in der man einen Mord und den Drogenverkauf live miterleben konnte. Ein Drehbuchautor gab mir ein Manuskript mit einer Geschichte von Blut und Tod, in dem der Teufel des neuen Jahrhunderts im Terzo-Mondo-Viertel zur Welt kam. Einen Monat lang wurde ich jeden Abend zum Essen eingeladen und von Fernsehteams zu den absurdesten Initiativen gedrängt, da sie an Informationen aus erster Hand kommen wollten. In Secondigliano und Scampia entstand in der kurzen Zeit der Fehde ein richtiggehender Markt für Begleiter, offizielle Sprecher, Informanten und Führer durch das Reservat der Camorra. Viele Jugendliche entwickelten spezielle Techniken. Sie trieben sich in der Nähe der Stützpunkte der Journalisten herum, taten so, als wären sie Dealer oder stünden Schmiere, und sobald jemand den Mut hatte, sie anzusprechen, waren sie sofort bereit, zu erzählen, zu erklären und sich aufnehmen zu lassen. Als erstes gaben sie ihre Tarife bekannt. Fünfzig Euro für eine Aussage, hundert für eine Führung über den Drogenmarkt, zweihundert für den Besuch der Wohnung eines Dealers in den “Vele”.

Um den Weg des Goldes zu verstehen, genügt es nicht, nur die Metallader und das Bergwerk zu besuchen. Man muss in Secondigliano anfangen und dann der Spur der Imperien der Clans folgen. Die Kriege der Camorra umreissen die Herrschaftsgebiete der Familien auf der Landkarte im Hinterland Kampaniens, dem Kernland, das von manchen der Wilde Westen Italiens genannt wird, wo angeblich mehr Maschinenpistolen als Gabeln existieren. Jenseits der Gewalt, die in bestimmten Phasen zum Ausbruch kommt, wird hier ein unermesslicher Reichtum produziert, von dem diese Landstriche nur einen fernen Abglanz abkriegen. Davon aber berichten weder die Fernsehsender noch die Korrespondenten, deren ganze Mühe darauf gerichtet ist, die Ästhetik der neapolitanischen Slums einzufangen.

Die Einrichtung von ständigen Korrespondenten ist also aus journalistischen Gesichtspunkten keine schlechte Idee. Wer schnell mal ein paar Journis ohne Vorwissen irgendwo hinschickt, weil dort gerade etwas los ist (bzw. weil die Medien entschieden haben, dass dort gerade etwas los ist), muss mit oberflächlichen, mit falschen Resultaten rechnen. Andererseits bringen frische Leute frische Ideen mit, das Ideal ist wohl ein Mix von Erfahrung und Frische.

[box]“Gomorrha” von Roberto Saviano erschien am 25. August 2007 im Hanser-Verlag. Sein neues Buch, “Das Gegenteil von Tod”, ist ab dem 4. Februar 2009 zu kaufen. (Affiliate-Links)[/box]

[postlist "Roberto Saviano"][hide]2gomorrha1FRANKREICH LITERATUR ROBERTO SAVIANOITALIEN LITERATUR ROBERTO SAVIANO[/hide]

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Fred David

    29.01.09 (17:00:03)

    ...nach der Lektüres dieses Textauszugs: Ich bin Journalist. Und manchmal habe ich es unglaublich satt, mich Journalist nennen zu lassen. Aber die Momente überwiegen doch, wo ich keinen andern Beruf haben möchte. Man kann - gelegentlich - noch immer etwas erreichen, auch wenn es immer zäher wird. Die Lethargie legt sich über diesen Beruf wie ein unsichtbares Netz. Es ist wirklich so, dass zu solchen Einsätzen - wenn überhaupt - häufig Berufsanfänger geschickt werden. Sonst findet Journalismus zu einem grossen Teil virtuell statt, 's ist bequemer so. Hut ab vor dem Lokalreporter Saviano. Ob das alles stimmt, was er schreibt, wer weiss das schon. Aber er bemüht sich und macht den Mund auf, wo alle die grossartigen Welterklärer kuschen. Das ist schon eine ganze Menge. Und vor allem, er geht dorthin, wo die Dinge wirklich passieren - nicht zur Presestelle der Carabinieri.

  • Michael

    05.05.09 (18:48:28)

    Es gibt beileibe nicht nur Saviano, es sind mehrere Journalisten, die zum Teil seit Jahrzehnten über die Camorra und andere mafiösen Vereinigungen berichten. Zu nennen wäre beispielsweise Lirio Abbate aus Palermo und Rosaria Capacchione. Es stimmt aber, dass es viel mehr sein sollten. Ehrlich gesagt ist es etwas billig, hier eine lange Passage aus Savianos Buch hinzuklatschen ohne viel Hintergrundwissen zu haben. Und wenn ich Sätze lese wie "weil die Medien entschieden haben, dass dort gerade etwas los ist", dann geht mir der Hut hoch. Was sollen sie denn sonst machen? Außerdem leben die Journalisten davon nun mal, mich eingeschlossen. Und wenn die Medien da niemand hinschicken würden, wärs auch nicht recht...

  • MichaelMJJackson

    23.02.11 (06:30:16)

    Hello. And Bye.Michael Jackson Thriller

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