<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

04.09.09

RSS, Twitter und der Kampf zwischen Offen und Geschlossen

Das Wechselspiel zwischen RSS und Twitter ist symptomatisch für den Kampf zwischen offenen und geschlossenen, proprietären Systemen.

(Bild: iStockphoto.com)Dies ist Teil 2 einer Analyse zur Entwicklung von RSS und der Syndikation von Inhalten im Netz. Teil 1: Von offenem RSS zu geschlossenen Systemen

Im ersten Teil unserer Analyse haben wir die neuen Von offenem RSS zu geschlossenen Systemen , betrachtet.

Wir hatten bereits festgehalten, dass Inhalte via RSS abonnierbar sind. Einige frühere RSS-Nutzer aber mittlerweile dazu übergegangen sind, ihre Inhalte über Twitter und co. zu beziehen. Dort läuft entweder RSS im Hintergrund (die erste Verteilungsart: automatisches Einspeisen von Inhalten) oder andere Nutzer verbreiten Links (zweite Verteilungsart: Kuration).

Was sind die Vorteile in der Nutzung von Twitter und anderen geschlossenen Systemen gegenüber RSS als alleinstehende Grundlage für das Beziehen von Inhalten?

- Man kann mit dem gleichen System konsumieren und produzieren.

- Konsumieren, bzw. das Abonnieren von Inhalten oder anderen Usern, benötigt nur einen Klick. Es ist also einfach zu handhaben. RSS ist wesentlich umständlicher.

- Twitter, Facebook und co. bieten eine Interaktion mit dem Content, wie sie RSS nicht anbietet. Durch die Tatsache, dass Produzent (oder Kurator) und Konsument das gleiche System benutzen, ist eine direkte Interaktion möglich. Das macht Feedback leichter.

- Zusatzfunktionen, die die Feedback- und Interaktionsfunktion verbessern, sind oft nur in geschlossenen Systemen möglich, weil diese zentral verwaltet werden. Besonders die Ein-Klick-Gesten haben eine erstaunliche Entwicklung vollzogen und sich im ganzen Web verbreitet. Man betrachte nur das Ökosystem, das rund um die Favoritenfunktion von Twitter entstanden ist. Anschaulicher ist das vielleicht noch bei Tumblr, das näher am Bloggen ist als Twitter. Dort gibt es ebenfalls eine Ein-Klick-Geste in Form eines Herzes und eine einfache Reblog-Funktion, die beide das Nutzungerlebnis sozialer gestalten, weil sie im Dashboard abgebildet werden:

Reaktionen auf Tumblr

Man sieht hier bereits, dass die Rückmeldung über das Reblogging, also das erneute Veröffentlichen des eigenen Inhalts auf einem anderen Tumblr-Blog dem bekannten Pingback nahe kommt. Die Unterschiede gegenüber Pingbacks sind bezeichnend: Es gibt praktisch keinen Spam bei Tumblr und es werden nur Tumblr-interne Reaktionen angezeigt.

All diese Vorteile lassen sich entweder nicht oder nur schwierig in einem offenen, föderalen System umsetzen.

Was sind die Nachteile?

- Die erste Verteilungsart, das Einspeisen von Inhalten, ist unpraktisch. Man kann auf Twitter, Tumblr und Facebook nur den Publikationen folgen, die dort auch präsent sind. Das bedeutet für die Unternehmen oder Blogger bei jedem Netzwerk erneuter Aufwand, um die entsprechende Einspeisung vorzunehmen und zu warten. Das wiederrum führt zu dem Ergebnis, dass man nicht alle Inhalte, die via RSS abonnierbar sind, im präferierten geschlossenen Netzwerk vorfindet.

- Der Provider des Netzwerkes hat das letzte Wort. Wenn er einen bestimmten Inhaltelieferanten oder Links zu dessen Inhalte nicht auf seiner Site sehen will, dann werden sie dort nicht erscheinen. Je nachdem wie wichtig das der Community ist, kann der Provider wieder davon abgebracht werden. Aber man sollte nicht vergessen, dass bei marktdominierenden Netzwerken die Netzwerkeffekte mögliche Boykottversuche des Dienstes an sich erschweren bis unmöglich machen (Je nach Struktur des Webdienstes kann die Community natürlich auf dem Dienst selbst zurückschlagen, wie man zum Beispiel bei Digg seinerzeit sehen konnte ).

- Im Gegensatz zu Twitter und Facebook bietet RSS standardisierte Möglichkeiten an, den Feedreader und damit das genutzte Tool zu wechseln. Mit einer OPML-Datei werden die Abonnements und damit die eigenen Daten transportabel. Man ist nicht an ein Tool gebunden. Die Inhalte stehen im Vordergrund. Das geht mit den geschlossenen Systemen nicht: Ich kann meine Twitter-Abos nicht mit zu Facebook nehmen und umgekehrt. Es gibt natürlich Synchronisierungsmöglichkeiten für den Social Graph. Aber man sollte bei ihnen nicht vergessen, dass trotzdem immer das Netzwerk selbst und nicht die eigentlichen Inhalte und Daten im Mittelpunkt stehen.

- Dadurch dass RSS ein Protokoll ist und die Inhalte im Vordergrund stehen, geht die Flexibilität weit über Toolagnostik hinaus. So kann man etwa die Inhalte in den RSS-Feeds flexibel den eigenen Bedürfnissen mit Tools wie Yahoo Pipes anpassen .

Verallgemeinern wir nun die Unterschiede zwischen RSS auf der einen und Twitter & co. auf der anderen Seite:

Symptomatisch für den Kampf zwischen Offen und Geschlossen

Das Wechselspiel zwischen offenen, auf Standards basierenden Systemen und geschlossenen Systemen zeichnet sich immer auf Seiten der Nutzer durch zwei auf den ersten Blick gegensätzlich wirkende Merkmale aus:

1. Mit offenen, auf Standards basierenden Systemen hat der Nutzer mehr Freiheiten in der Auswahl und Kombination der Tools.

2. Mit geschlossenen Systemen bekommt der Nutzer ein Komplettsystem, mit speziellen, oft nur zentral verwaltbaren Features, die er in offenen Systemen so nicht vorfindet.

Wichtig ist auch ein drittes Merkmal, das beide Systeme fundamental von einander unterscheidet. Vielleicht das wichtigste:

3. Die Freiheit offener Systeme wird bezahlt mit a.) mehr Aufwand beim Nutzer bei der Konfiguration und Nutzung des Systems und b.) einer geringeren Sicherheit. B betrifft dabei weniger Hacker, die in das System einhacken können, sondern mehr Spammer, die über die Dezentralität mehr Ansatzpunkte finden, den Nutzer zu erreichen, ohne dass dieser das tatsächlich will.

RSS ist relativ sicher vor Spam für den Nutzer, da es nur einseitig und opt-in ist. Email dagegen ist die wohl offenste Kommunikationsform im Netz, was Eins-Zu-Eins-Kommunikation angeht. Dementsprechend kann man mit Email wesentlich mehr Leute erreichen als etwa mit dem Messaging-System von Facebook, letzteres ist aber besser gesichert gegen ungewollte Spam-Messages.

RSS als Protokoll kann nun nicht einfach zweiseitig werden und die Funktionen von Twitter emulieren (Was das bedeuten würde: Man könnte als Blogger sehen, wer den eigenen Feed abonniert, so wie man sieht, wer einem auf Twitter folgt). Warum nicht? Weil Spammer damit versuchen würden, die Aufmerksamkeit der Blogger auf sich zu ziehen.

Es geht letztenendes immer um einen Balanceakt zwischen Offenheit und Missbrauchsabwehr.

Für die Aktivisten rund um OpenID und den sogenannten Open Stack kann es aufschlussreich sein, die Dynamiken zu analysieren, die sich zwischen RSS und neuen Verteilungsmöglichkeiten wie Twitter auftun. Das gleiche gilt für Entwickler auf den Seiten von respektive iPhone oder Android. Denn bei RSS zeigt sich symptomatisch das Wechselspiel, welches immer zwischen offenen und geschlossenen Systemen stattfindet. Hieraus lassen sich leicht allgemeingültige Erkenntnisse erzielen.

Was ich damit unter anderem meine:

  • Leichte Handhabung ist enorm wichtig. Bereits ein Klick mehr bei oft ausgeführten Aktionen kann sich erheblich nachteilig für die Verbreitung eines Systems auswirken.

  • Nicht jede Funktion eines zentralen, geschlossenen Systems lässt sich zufriedenstellend auch mit einem föderalen, offenen System umsetzen. Diese Erkenntnis dürfte vielen Befürwortern offener Systeme am schwersten fallen.

  • Technologien, die nützlich aber zu umständlich für den Endnutzer sind, können in den Hintergrund rutschen. Quasi von B2C zu B2B.

Fazit

Es gibt gute Gründe, warum es offene Systeme und geschlossene Systeme gibt. Beide können nebeneinander existieren und sich gegenseitig befruchten.

Man sollte ob der "RSS ist tot"-Rufe auch nicht vergessen, dass die RSS-Abonnentenzahlen überall wachsen. Ob bei TechCrunch, Bildblog oder bei uns hier bei netzwertig.com. Deutsche Blogs mit hohen Abonnentenzahlen findet man übrigens auf lesercharts.de .

Jeder, der beruflich hauptsächlich mit Informationen arbeitet, also Journalisten oder berufliche Blogger, kommt außerdem an RSS als Grundlage für das eigene Informationssystem nicht vorbei. Das ist heute so und wird auch in Zukunft so bleiben. Jeder in diesen Berufsfeldern, der nicht mit RSS arbeitet, wird morgen feststellen, dass jemand anderes sein Mittagessen isst.

Nicht zuletzt sollte man noch einmal festhalten, dass offene Standards auch von Unternehmen, die geschlossene Systeme bereitstellen, eingesetzt werden. Facebook arbeitet zum Beispiel mit OpenID. Und die automatische Einspeisung von Inhalten findet natürlich praktisch immer mit RSS statt.

RSS mag für einige in den Hintergrund treten. Aber an Bedeutung verliert die Technologie deshalb nicht. Im Gegenteil: Das heutige Web wäre nicht mehr wiederzuerkennen, wäre RSS tatsächlich "tot".

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer