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17.01.11

RSS: Reeder wagt den Tabubruch

Reeder, die überaus populäre RSS-Applikation für iPhone und iPad, hat eine Funktion integriert, um bei gekürzten RSS-Feeds den gesamten Text anzuzeigen - ein brisanter Schritt.

 

Wer für das eigene Informations- und Nachrichtenmanagement RSS verwendet ( und das trifft auf viele von euch zu ) kennt die Problematik der RSS-"Teaserfeeds", die keine vollständigen Artikel enthalten sondern lediglich einige Zeilen des jeweiligen Beitrags. Während nahezu alle Blogs ihre kompletten Inhalte per RSS verfügbar machen (mit prominenter Ausnahme von Basic Thinking), existiert bei den etablierten Medienmarken und Nachrichtenangeboten eine klare Präferenz für solch gekürzten Feeds - sie wollen so verhindern, dass ihnen die mit dem Aufruf einzelner Seiten verbundenen Werbeeinnahmen entgehen (RSS-Feeds lassen sich zwar auch vermarkten, sind diesbezüglich allerdings weniger flexibel).Über das Für und Wider gekürzter Feeds kann man lange diskutieren. Fakt ist, dass diverse Dienste im Netz angeboten werden, die aus gekürzten RSS-Beiträgen vollständige Artikel machen (wie z.B. fivefilters oder WizardRSS ). Nutzer, die sich also partout nicht mit einem gekürzten Feed zufrieden geben, können bei diesen Services die jeweilige Feed-Adresse eingeben und erhalten anschließend eine URL zu einem neuen, vollständige Beiträge enthaltenden Feed.

Ich habe bisher keine derartigen Tools eingesetzt, aus dem einfachen Grund, dass ich bestrebt bin, den Wunsch des jeweiligen Website-Betreibers zu respektieren. Ich weiß, dass nicht jeder diese Haltung nachvollziehen kann, aber für mich ist sie Teil des (ungeschriebenen) Nutzungsabkommens zwischen Inhaltenanbieter und Inhaltekonsument, an das ich mich halte. Allerdings abonniere ich ohnehin nur sehr wenige Teaser-Feeds, was uns zurück zu den Nachteilen dieser Lösung bringt - als User überlegt man sich zweimal, ob man den jeweiligen abgeschnittenen Feed wirklich benötigt.

Reeder, der überaus populäre RSS-Reader für iPhone sowie iPad und mein täglicher Begleiter, hat in seiner jüngst aktualisierten Version eine neue Funktion integriert, welche die Diskussion rund um Voll- und Kurzfeeds erneut anheizen könnte. Denn statt von Usern wie bei den oben genannten Services das aktive und damit bewusste Umwandeln eines Feed zu erfordern, erledigt Reeder diese Transformation mit einer einzigen Fingergeste.

Das Feature nennt sich Readability und erscheint in der Artikelansicht ganz rechts in Form eines Rechtecks mit dem Buchstaben "R" darin. Nach dem letzten Reeder-Update ist mir die neue Schaltfläche zwar sofort aufgefallen, aber wozu sie dient, wurde mir erst nach dem Lesen dieses Postings bei aptgetupdateDE (via) klar: Wenn das aktuell geöffnete RSS-Objekt nur den Anfang eines Artikels anzeigt, dann lädt das Betätigen des Readability-Buttons den restlichen Text von der Quelle nach.

Reeder erlaubt mir somit ab sofort, auf Wunsch jeden Artikel des RSS-Feeds von heise online (einer der wenigen beschnittenen Feeds, die ich abonniere - der im Übrigen ausschließlich die Überschrift anzeigt und nicht einmal einen Textanriss beinhaltet) in vollständiger Länge innerhalb der Reeder-App darzustellen.

Readability-Feature in Aktion

Es liegt auf der Hand, dass dieses Feature es mir extrem schwer macht, meinem Prinzip treu zu bleiben. Gleichzeitig stellt es das grundsätzliche Konzept von beschnittenen Feeds in Frage. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass Reeder als eine der beliebtesten RSS-Apps für iPhone und iPad andere RSS-Anwendungen inspirieren wird, ist groß - zumal die von Reeder laut einem Kommentator bei aptgetupdateDE eingesetze Technik Readability bereits existiert und nicht eigens entwickelt werden muss.

Das Readability-Feature funktioniert relativ gut. In einigen Fällen erhielt ich die Fehlermeldung, dass ein Objekt nicht geparst werden konnte. Bei aptgetupdateDE berichten Kommentatoren auch über Darstellungsfehler, diese sind mir jedoch bisher nicht begegnet.

Die Integration von Readability in Reeder ist aus Nutzersicht selbstredend eine großartige Verbesserung und wird sich schnell herumsprechen. Dass Reeder-Macher Silvio Rizzi überhaupt eine derartig progressive Methode integriert hat - die gewisserweise einem Tabubruch gleichkommt - stimmt mich trotzdem nachdenklich. Zum einen, weil es meiner persönlichen Perspektive auf die Thematik widerspricht, und zum anderen, weil der Ansatz, sofern er auch bei anderen RSS-Readern Schule macht, am Ende womöglich sogar dazu führen könnte, dass Websites ihre öffentlichen RSS-Feeds ganz abschaffen.

Mein Vorschlag wäre stattdessen ein Verfahren gewesen, wie es der beliebte Social-Newsreader Flipboard für das iPad verwendet: Zwar liest auch dieser den Text von der Quellwebsite aus und stellt dessen erste Absätze dar (also deutlich mehr als herkömmliche Teaser-Feeds), wer jedoch den vollständigen Beitrag lesen möchte, wird direkt innerhalb der App zur Originalwebsite weitergeleitet, die im Hintergrund bereits fertig geladen wurde.

Zugegeben: Für das iPhone macht sich diese Option aufgrund des kleinen Bildschirms nicht so gut. Auf dem iPad hingegen wäre dies ein guter Kompromiss aus verbesserter Benutzerfreundlichkeit bei gleichzeitiger Rücksicht auf die vom Contentanbieter festgelegten Rahmenbedingungen.

Reeders Readability-Implementation ist ein zweischneidiges Schwert. Sie verdeutlicht jedoch, wie leicht sich für digitalen Content definierte Nutzungseinschränkungen mit technischen Maßnahmen aushebeln lassen - eine Erkenntnis, die durchaus zu Überlegungen anregen sollte, wie sinnvoll und nachhaltig das Streben nach künstlicher Knappheit (z.B. ein beschnittener RSS-Feed) letztlich ist - egal ob man die Entwicklung nun gutheißt oder nicht.

Update: Die Funktion gibt es auch für die Mac-Desktop-Version von Reeder.

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