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18.06.09Leser-Kommentare

Rotes Kreuz launcht Social Network: Das passiert, wenn man nicht aufpasst

Die Rahmenbedingungen im sozialen Netz sind gesteckt, die Rollen verteilt, die Marktführer klar. Das Deutsche Rote Kreuz startet mit blutspender.net ein eigenes Social Network und verpasst es komplett, von den bestehenden Strukturen zu profitieren.

blutspender.netWir berichten kaum noch über neue, herkömmliche Social Networks. Während einerseits die Konsolidierungsphase begonnen hat und nicht mehr jedes der in den letzten Jahren aus dem fruchtbaren Internetboden gesprossenen Netzwerke existiert, vereinnahmen die führenden Dienste - allen voran Facebook - eine immer größere Zahl an Nutzern. Ausnahmen mit langfristigem Erfolgspotenzial sind themenspezifische Nischen, in denen es sich bei richtigem Ansatz gut auskommen lässt.

Vermutlich schwebte dem Deutschen Roten Kreuz eine solche Nische vor, als es die Entwicklung eines eigenen sozialen Netzwerkes für Blutspender in Auftrag gab. Am Dienstag flatterte uns die Pressemittelung zum Start von blutspender.net ins Haus, die mich mit dem Betreff "Web 2.0 Community blutspender.net gestartet" sofort neugierig machte. Zugegeben, eigentlich schwante mir schon da Übles, wird doch der Begriff Web 2.0 heute nur noch von solchen Unternehmen in der Kommunikation verwendet, die die Entwicklung der letzten vier Jahre völlig verschlafen haben.

So kam es, wie es kommen musste: Das DRK präsentiert seine neue, zentrale Anlaufstelle für Blutspender, als wäre es 2004, und versucht, ganz viele Fliegen mit einer einzigen Klappe zu schlagen. Das klingt dann so:

[...] Diesem Trend wollte sich auch das Deutsche Rote Kreuz nicht länger verschließen und hat am 14. Juni unter der Adresse www.blutspender.net eine Community für Blutspenderinnen und Blutspender aus ganz Deutschland gelauncht, denn natürlich sind auch diese online. Hier treffen sich Gleichgesinnte, um sich auszutauschen, nette Leute kennenzulernen und um sich über Aktuelles zum Thema Blutspende zu informieren.

Die Registrierung zur Community ist kostenfrei und mit wenigen Clicks erledigt. Die Community steht auf einer modernen, browserunabhängigen Plattform und bietet zahlreiche Features wie Nachrichten senden und empfangen, Pinnwand oder Fotogalerie. Darüber hinaus können über eine Suchmaschine Blutspendetermine aus ganz Deutschland gefunden werden. Wer möchte, kann sich bequem und einfach per SMS oder E-Mail an den Termin erinnern lassen oder sich in der Community mit anderen zur gemeinsamen Blutspende verabreden.

Für die DRK-Blutspendedienste bietet die Community einen wesentlichen Vorteil: Sie ermöglicht die Kommunikation zwischen den Spendern und den DRK-Blutspendediensten. Bei Engpässen können dadurch Spender schneller angesprochen und informiert werden.

Hauptseite von blutspender.net

Es ist ziemlich offensichtlich, was hier passiert ist: Nachdem das DRK ausgiebig die Entwicklung des Social Web verfolgt hat, um wie die Bundeswehr ganz sicher zu sein, es nicht nur mit einem vorübergehenden Hype zu tun zu haben, konnte man sich nach zähem, langwierigem Hin und Her schließlich auf die Verwirklichung einer eigenen Plattform verständigen.

Und weil irgendeine interne oder externe Person mit vermeintlicher Internet-Expertise wusste, dass populäre Funktionen wie die Pinnwand, Fotouploads oder Events den führenden Netzwerken zum Erfolg verholfen haben, musste all dies natürlich auch beim DRK integriert werden. Obwohl die Pressemail zweifelsohne ernst gemeint war, musste ich den gut gemeinten, aber sehr seltsamen Hinweis zur Möglichkeit des Verabredens zum gemeinsamen Blutspenden mehrmals lesen, um wirklich glauben zu können, was da stand.

blutspender.net verdeutlicht, was passiert, wenn Organisationen jedwedes Know-how darüber fehlt, wie das Web im Jahr 2009 tickt. Dann geht es schnell, dass sich blind auf die zweifelhaften Aussagen und Empfehlungen einzelner, wenig sachkundiger Personen verlassen wird. Eine andere Erklärung für dieses unpassende Vermischen eines karitativen Zwecks mit populären Elementen auf Spaß und Kennenlernen ausgelegter Sites fällt mir zumindest nicht ein.

Dabei sieht die Präsenz als solche gar nicht schlecht aus. Auch an der Idee, den Kontakt mit regelmäßigen, der guten Sache verpflichteten Blutspendern zu intensivieren und dadurch die quantitative und regionale Verfügbarkeit von Blut unterschiedlicher Blutgruppen besser steuern und beeinflussen zu können, ist nichts zu kritisieren. Der gewählte Weg allerdings hat wenige Chancen, zum gewünschten Ergebnis zu führen.

Anders als Hundebesitzer, Briefmarkensammler oder Fußballer sind Blutspender keine homogene Gruppe, die über ihr gemeinsames Interesse untereinander Kontakte knüpfen möchte. Wer Blut spendet, tut dies, weil er helfen möchte, und nicht, um dadurch andere Menschen kennenzulernen oder Spaß zu haben. Über die gleiche Blutgruppe zu verfügen oder zweimal im Monat spenden zu gehen, garantiert in keiner Weise, auch anderweitig Gemeinsamkeiten zu teilen.

Statt eine eigene, geschlossene Plattform auf die Beine zu stellen, wäre das DRK besser beraten, auf die existieren Dienste des sozialen Netzes zu setzen und sich mit Hilfe von Applikationen in Social Networks, Blogs, eines zentralen, aktuellen Twitter-Streams, mobiler Anwendungen, Werbespielen etc. mit treuen und potenziellen Blutspendern zu vernetzen. Es ist noch nicht zu spät, auf diesem Weg auf sich und die Notwendigkeit des Blutspendens aufmerksam zu machen.

Kommentare

  • Marcel Weiss

    18.06.09 (13:28:56)

    Ich wüsste wirklich gern, wer das dem DRK aufgeschwatzt hat. Jeder halbwegs sachkundige Experte erkennt, dass Blutspendersein keine gruppenbildende Eigenschaft ist. Stattdessen hätte man z.B. darauf setzen sollen, bereits aktiven Blutspendern via Social Media es leicht zu machen, ihre Freunde zum Spenden zu animieren. Mit FB-Apps und OpenSocial-Apps, die in bestehenden Netzwerken einsetzbar sind. Weiterhin alle denkbare Möglichkeiten, über stattfindende Blutspenden informiert zu werden (zB mit eben genannten Apps, ical-Kalenderdaten, iPhone- und Android-Apps, regionale Twitter-Accounts; zumindest SMS- und Email-Benachrichtigungen gibt es bereits). Mit den richtigen internen Tools lässt sich da auch viel zentral und mit verhältnismässig wenig Aufwand steuern. Aber eine _eigene_ Community für Blutspender? Nee, das lässt sich an Unwissende leichter pitchen. Ist aber trotzdem Unsinn. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie viel dieses Social Network gekostet hat. Dabei kann man dem DRK das nicht vorwerfen. Dem DRK fehlt die Kompetenz hier und die muss es auch nicht haben. Das DRK hat sich von einer Agentur etwas aufschwatzen lassen, weil man auf deren Expertise vertraut hat. Der Agentur wiederrum hat die Expertise entweder gefehlt oder schlimmeres (die Erfolgsaussichten waren nicht soo wichtig wie der Auftrag selbst..). Das einzig Sinnvolle, was ich mir noch vorstellen kann ist, dass die Community die Organisation der ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer unterstützt. Sind nach eigenen Angaben immerhin 200.000.

  • Martin Weigert

    18.06.09 (13:40:22)

    Regionale Twitter-Accounts scheint es vereinzelt zu geben. Einen offiziellen zentralen, mit regelmäßigen Updates versehenen hingegen nicht. Ich finde, dass das Rote Kreuz wie alle anderen Organisationen und Unternehmen Komptenz im Bereich Social Media/Web benötigt. Aber das ist einen eigenen Blogpost wert ;)

  • Steffen

    18.06.09 (14:08:21)

    Soweit ich das sehe steckt unter der netten Oberfläche die Software "Socialengine".

  • Daniel

    18.06.09 (14:49:54)

    Nette Idee, leider auf das falsche Pferd gesetzt. In meinem Augen hätte eine seriöse Agentur (entsprechende Kompetenz vorausgesetzt) von diesem Projekt abraten müssen. Allerdings habe ich bisher noch keine Agentur kennengelernt, die einen Auftrag ablehnen würde... Letztendlich ist ein Engagement im Social Media-Umfeld wichtig, aber nicht für jedes Unternehmen macht auch eine eigene Community Sinn. Ich bin sehr gespannt, wann sich Themen wie dezentrales bzw. asymmetrisches Community Management endlich auch in den Köpfen der Agenturen durchsetzen. Das Hauptproblem ist, dass sich eine Plattform eben leichter verkauft als ein schlüssiges Konzept, wie die Zielgruppe in bestehenden Communitys erreicht werden kann. Die Folge sind Community-Wüsten wie blutspender.net, die in ein oder zwei Jahren (ohne Pressemitteilung) still und heimlich wieder abgeschaltet werden.

  • Marcel Weiss

    18.06.09 (15:18:44)

    @Martin: "Ich finde, dass das Rote Kreuz wie alle anderen Organisationen und Unternehmen Komptenz im Bereich Social Media/Web benötigt." Sicher. Aber in Dtl. ist die Nutzung von Social Media noch so unterentwickelt, dass fehlende Kompetenz in dem Bereich Organisationen wie dem DRK nicht vorzuwerfen sind. Ist hier einfach noch nicht so wichtig und damit in vielen Bereichen sinnvoll, es nicht zu hoch zu priorisieren (was nicht heißt, dass man es komplett ignorieren kann). In den USA sieht das freilich schon ganz anders aus.

  • Chris

    18.06.09 (15:47:52)

    Hi Martin, schöner Artikel, hätte ich nicht besser schreiben können. Du hast es auf den Punkt gebracht. Ist schade um das schöne Budget. Grade das RK hätte mit dem Geld ein schönes Spendenprojekt unterstützen können. Aber ein BlutspendenVZ ist wahnwitzig in meinen Augen. Thema verfehlt. Setzen 6. @Daniel: Als Agentur kannst Du bei solchen Kunden nicht viel beraten. Das sind oft sehr unflexible Strukturen. Da kannst Du es nur versuchen und wenn Du merkst, dass es nichts bringt Dich über den Job freuen und abarbeiten. Leider werden die Agenturen in der strategischen Planung oft nicht berücksichtigt und müssen das Süppchen hinterher auslöffeln. Hier braucht´s ein neues Konzept. Diese Art von großen Institutionen sollten Ausschreibungen machen und die besten Konzepte belohnen und dort einsteigen. Das würde auch die Kosten um das viele Schmerzensgeld verringern und es würde mit Leidenschaft gearbeitet.

  • Nico

    18.06.09 (18:58:25)

    @Marcel Weiss: Laut Impressum gibt es nur einen, der für alles verantwortlich ist: „Idee, Konzept, Screendesign, Programmierung, Hosting und Moderation: deltacity.NET“ Schaut man sich die Seite von denen an, sieht man recht schnell, wie viel Erfahrungen mit „Web 2.0“ und so haben. Aber schade. Zumindest das Logo ist ganz hübsch geworden.

  • Thomas Euler

    18.06.09 (19:06:04)

    Leider wirklich eines der schlechteren Projekte der letzten Zeit. Ich denke Marcel hat Recht wenn er sagt, dass die Organisation der Freiwilligen die einzige Rettungsinsel wäre, um Blutspender.net vor dem Badengehen zu retten. Vielleicht können sie ja noch strategisch umlenken und das Ruder rumreissen. Vor Allem ist traurig, dass die schlechte Beratung hier ein Non-Profit getroffen hat, dessen Geld wirklich w-e-s-e-n-t-l-i-c-h besser hätte investiert werden können.

  • Marcel Weiss

    18.06.09 (20:58:50)

    @Nico: Danke für den Hinweis! @Thomas Euler: "Vor Allem ist traurig, dass die schlechte Beratung hier ein Non-Profit getroffen hat, dessen Geld wirklich w-e-s-e-n-t-l-i-c-h besser hätte investiert werden können." Ja, das schmerzt mich bei der Sache auch am meisten.

  • Helge

    18.06.09 (21:23:45)

    Wieder ein schönes Beispiel für die Gerümpeltotale: Ein kleines (menschenleeres) Mini-Internet mit allem was es sonst irgendwo gibt, nur schlechter. http://www.helge.at/2007/11/web20-und-die-geruempeltotale/

  • hathead

    18.06.09 (22:36:27)

    Jetzt fehlen eigentlich nur noch die Blutspender-Apps. Wer weiß vielleicht ist Blutspendersein doch eine Gruppenbildende Eigenschaft. Möglicherweise in Richtung soziale Verantwortung, etc. Getestet hätte ich das allerdings eher nicht.

  • valentin

    19.06.09 (00:26:10)

    finde ich hammer, vorallem das mit dem fotoalbum teilen etc... wie stelle ich mir das vor, im vampir style mein blut fotografieren oder blutbeutel schön nebeneinander legen *lol* eine idee wäre es gewesen mit einer guten app zu versuchen junge leute zum blutspenden zu animieren, z.b. hätte man die serie "True Blood" (die momentane Hitserie von HBO in den USA) einzubinden und so eine verbindung zum blutspenden zu setzen (bin mir sicher, dass man das geschickt machen könnte, wenn man die rechte dazu erhält).

  • Frank Fenner

    19.06.09 (15:04:07)

    Das Geschäftsfeld "Blutspende" ist eines der rentabelsten für das DRK. Langfristig äußerst interessant ist die Wirkung dieses Portals auf die Bereitschaft aller spenderwilligen Personen, mehr Blut zu spenden. Lasst uns mal die PMs verfolgen.

  • Roland

    20.06.09 (13:02:24)

    Das ganze hätte als Facebook App weit mehr Sinn gemacht. Zum einen werden dort viel mehr Leute erreicht und zum anderen wüsste ich nich wieso ich mich als Blutspender bei denen anmelden sollte - ich meine ansonsten hab ich ja nichts gemeinsam mit den anderen Leuten. Hmmm...

  • Parkrocker

    22.06.09 (12:17:20)

    Richtig unangenehm fallen auf der Plattform doch die diversen Lücken/Bugs auf. Anmeldeformulare, in denen man ein " bei der Postleitzahl eingeben kann, sind halt nicht mehr zeitgemäß... ;)

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