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21.08.07Kommentieren

Roger Schawinski: Die TV-Falle (II) Telenovela-Traum und Blackout

Medienpionier Roger Schawinski war bis 2006 Senderchef bei Sat.1 in Berlin. Nun hat er über diese Zeit ein Buch geschrieben: "Die TV-Falle". Zweiter Teil unserer Besprechung.

Die TV-Falle

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Schawinski beginnt sein Buch mit anekdotischen und oft amüsanten Aufwärmrunden:

  • Die Entführung des Verliebt-in-Berlin-Stars "David"? Ins Drehbuch hineingeschrieben, weil der Darsteller eine achtwöchige Babypause durchsetzte.
  • Die interaktive Sause, die Sat.1 um das Ende der Telenovela machte? Ein Kompromiss, der nötig wurde, weil die Schauspielerin Alexandra Neldel aus persönlichen Animositäten das Drehbuch umschreiben lassen wollte: Sie hätte es bevorzugt, "Rokko" zu heiraten anstelle von "David".

Die Macht von Serienhelden und Produzenten, sie ist erstaunlich groß, das macht Schawinski deutlich. Dass ein Senderchef oft auch Starbetreuer ist, das hätte man so nicht unbedingt erwartet. Der andere Punkt, der den Laien staunen macht, ist die Ahnungslosigkeit der Verantwortlichen, die Schawinski an vielen Stellen offen zugibt. Alle Macht hat die Marktforschung, so könnte man denken, und bei vielen Projekten redet sie tatsächlich das entscheidende Wort mit. Der Rest aber ist oft genug Ausprobieren.

Die Telenovela Verliebt in Berlin, sie war ein Experiment, das grandios erfolgreich ablief; die Verlängerung scheiterte ähnlich grandios, und der Nachfolger Schmetterlinge im Bauch kam nicht annähernd an die Story vom hässlichen Entlein Lisa Plenzke Plenske heran. Schuldig gesprochen für den Misserfolg wurde der Geschäftsführer, wie Schawinski mehrmals klagt. Der Medienjournalistin Ulrike Simon wirft er in einer Fußnote vor, dieses Urteil gefällt zu haben, ohne auch nur einmal seine "Sicht der Dinge" erfragt zu haben.

Schawinski schreibt über Schawinski, aber er tut es angenehm, wird nicht selbstgefällig dabei. Er erwähnt seinen Erfolg, den Gewinn von Sat.1 von 4 auf 204 Mio. Euro gesteigert zu haben, eher am Rande, führt aber über das ganze fünfte Kapitel hinweg die Geschichte seines großen Traumas aus: des Scheiterns der ambitionierten Serie Blackout.

Blackout? Nie gehört?

Genau. Magere sieben Prozent Quote erreichte die Serie zu Beginn, mit mehr als dem doppelten rechneten die Verantwortlichen. Ein Desaster, das Schawinski zum Prototypen erhebt: Vor und nach der Ausstrahlung von Presse und Machern als Meisterwerk gefeiert, neidlos auch von der Konkurrenz als Qualitätsprodukt anerkannt, aber ein völliger Flop vor dem Publikum.

Das ist der wertvollere Teil von Schawinskis Buch. Weniger die Plauderei über die Ansprüche divenhafter Schauspieler stehen im Mittelpunkt als eine Analyse der Fernsehlandschaft. Der Fernsehlandschaft als Serienlandschaft.

Schawinski konstatiert einen Wandel der Sehgewohnheiten, der wesentlich vom Erfolg der US-Serie CSI ausgelöst wurde. Deutsche Produktionen waren schlicht nicht mehr gefragt beim deutschen Publikum, eine fatale Entwicklung für den Sender Sat.1, der auf ebensolche Produktionen (Wolffs Revier, Komissar Rex) ausgerichtet war - im Gegensatz zur Schwester Pro7, die den Kanal für die US-Ware verkörpert. Schawinski erklärt viel über den Serienmarkt in den USA, der sehr viel schnelldrehender (im Wortsinn) ist als der deutsche. Und er nennt endlich konkrete Zahlen.

2,75 Millionen Dollar kostet eine durchschnittliche Folge einer Primetime-Serie in den USA, 600 000 Euro sind es in Deutschland. Eine Differenz, die man dem Produkt ansieht. Schawinski stellt es als Erdrutsch dar: Hausgemachte Serien sahen ihre Quoten sinken und sinken, amerikanische Serien wurden Renner. Der Autor:

"Trotzig hatte ich in Interviews nach ersten Misserfolgen mit dieser Strategie verkündet: 'Wenn ich mich irre, dann tue ich dies lieber auf der Seite der Qualität als beim Trash.' Es war ein eher hilfloser Versuch, tiefe Quoten mit einem Mäntelchen von Größe zu schmücken, wohl wissend, vom Feuilleton [...] dafür Zustimmung zu erhalten. Wir waren mit wehenden Fahnen untergegangen, weil wir unser allerwichtigstes Ziel - Fernsehen für ein großes Publikum herzustellen - nicht zum alleinigen Fokus unserer Bemühungen gemacht hatten."

Die Marktforschung hatte der Serie Blackout Warnschüsse vor den Bug gesetzt, aber die daraufhin erfolgten Anpassungen retteten nichts. Ein Massenmedium muss ein Massenprogramm machen, das ist das erste Fazit in Schawinskis Buch.

Schawinski schreibt über ökonomische Logiken und wieso diese für manche Marktteilnehmer nicht gelten; er zürnt ein wenig über die Öffentlich-Rechtlichen und spricht über Finanzinvestoren. Mehr dazu im dritten Teil unserer Besprechung.

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Schawinski, Roger: Die TV-Falle. Erscheint im Verlag Kein & Aber, 254 Seiten, ISBN: 978-3-0369-5505-6

Preis: ? 16.90, SFr. 29.80 (amazon.de, books.ch)

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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