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17.01.11

Rivva: Zukunft ungewiss

Rivva, der einstige Motor der deutschsprachigen Blogosphäre, scheint seine besten Tage hinter sich zu haben. Ein großer Verlust.

 

Wir bei netzwertig.com schätzen Rivva sehr, genau wie viele andere Freunde und Akteure der deutschsprachigen Blogosphäre dies tun. Umso trauriger ist es, den einst so ambitionierten Blog-Aggregator dabei zu beobachten, wie er kontinuierlich abzubauen zu scheint.

Gestern sah die Rivva-Startseite folgendermaßen aus:

Ein Blogartikel, drei Videos und eine Pressemitteilung der Berliner Polizei zu einem Tötungsdelikt in Neukölln begrüßten die Besucher. Gut, es war Sonntag, und da machen viele deutschsprachige Blogs gerne Pause (wir auch). Wieso jedoch die Startseite von Rivva immer häufiger von Videos dominiert wird und es eine für 99,9 Prozent der Leser des Aggregators unbedeutende Pressemitteilung der Polizei prominent auf die Homepage schafft, frage ich mich dennoch (zwei Berliner Zeitungen verlinken auf den Polizeibericht - mittlerweile qualifiziert offenbar selbst dies für eine Rivva-Schlagzeile).

Weil das in der Praxis getestete Finanzierungsmodell der Sponsored Postings nicht funktionierte, sah sich Rivva-Macher Frank Westphal im November dazu gezwungen, von vier Servern auf einen zu wechseln und einen Teil der experimentellen und die Kernfunktion von Rivva erweiternden Funktionen zu entfernen.

Es ist gut möglich, dass eine Konstellation von Rivva-untypischen Schlagzeilen, wie sie gestern zu erleben war, schon häufiger auftrat. Entscheidend ist der Kontext, in dem dies von Nutzern wahrgenommen wird. Im Rahmen einer Expansionsphase ist dies leicht zu übersehen, weil ja sonst so viel Positives passiert. Geht ein scheinbarer Relevanzverlust jedoch mit für Onlinedienste ohnehin untypischen "Rückbaumaßnahmen" einher, verleitet dies schnell zu Endzeitszenarien.

Frank Westphal hat mit Rivva einen tollen, für die Entwicklung der hiesigen Blogosphäre extrem wichtigen Dienst geschaffen und diesen über Jahre als Ein-Mann-Projekt mit viel Zeiteinsatz, Leidenschaften und Herzblut aufgebaut und vorangetrieben. Wenn er nun zu dem Schluss gekommen ist, dass Rivva sich in seiner bisherigen Form nicht refinanzieren und in den Mainstream katapultieren lässt, dann kann man nichts anders tun, als diesen Schritt zu respektieren und einzusehen, dass man nach vier Jahren womöglich einen ähnlichen Entschluss gefasst hätte.

Doch trotz allem Verständnis bleiben die Konsequenzen aus dem typisch menschlichen Gewöhnungseffekt: Würde Rivva heute in genau dem jetzigen Entwicklungsstadium das Licht der Internetwelt entwickeln, würde ich einen begeisterten Artikel verfassen und das Erscheinen der Polizeimeldung oder der unzähligen zum Zeitpunkt des Schreibens verlinkten Clips (fast mehr als Artikel) als Bug bezeichnen, über den man angesichts des Potenzials locker hinweg sehen könnte.

Nun ist Rivva jedoch vier Jahre alt, hat verschiedene Phasen durchgemacht und seine Nutzer an ein gewisses Niveau gewöhnt. Es ist keine Stärke von Menschen, sich anschließend mit weniger abzufinden. Selbst wenn es in diesem Fall offenbar notwendig ist.

Rivva zu kritisieren, fällt nicht leicht. Zum einen, weil der Dienst mir und vielen anderen Bloggern und Bloglesern schon so viel Nutzen erbracht hat, und zum anderen, weil offensichtlich ist, wie hart Frank Westphal an dem Projekt gearbeitet hat. Und dennoch wurde ich niemals den Eindruck los, dass Rivva unter seinen Möglichkeiten blieb. Nicht technisch - da war es stets ganz vorne dabei - sondern was wirtschaftliche und strategische Aspekte betraf.

Eine klassische Vermarktung über Werbebanner kam für Westphal niemals in Frage. Er fokussierte sich auf die Idee der Sponsored Posts, das in seinen Augen ideale Geschäftsmodell für Rivva. Problematisch war jedoch, dass er sich damit Einnahmen von denjenigen erhoffte, die selbst größtenteils kein Geld haben, nämlich Blogs und andere Onlinemedien. Im Interview kommentierte er jüngst das sich nach einem guten Start schnell einstellenden Desinteresse an gesponsorten Posts: "Da war für mich klar, okay, das waren die 20 Unterstützer, die du und dein Projekt haben. Und das war es."

Rivva und die Geschichte seines Bestehens - in der es nicht nur eine Krise gab - ruft nach einer Behandlung mit Samthandschuhen. Es war und ist ein primär ein ideelles Projekt, von dem die gesamte deutsche Blogosphäre zigfach profitiert hat. Vielleicht war es jedoch genau sein Status als ideelles Projekt und das Fehlen handfester wirtschaftlicher Motive und Triebkräfte, die den Dienst letztlich daran gehindert haben, zu größerer Bedeutung zu gelangen und mit etablierten Medienmarken zu kooperieren.

Für mich unbeantwortet bleibt die Frage, welche konkreten Angebote der Zusammenarbeit Frank Westphal hatte und welche Möglichkeiten er sah, das Ein-Mann-Projekt zu erweitern und Business-Kompetenz hinzuzuziehen. Im November, nach der Ankündigung der unfreiwilligen Verschlankung, wollte ich ihm diese und andere Fragen stellen (bzw. tat dies auch per Mail). Meine Interviewanfrage schlug er jedoch freundlich aber bestimmt aus.

Weshalb mich das Hätte-wenn-und-aber rund um Rivva auch heute noch beschäftigt. Und seit gestern wieder verstärkt.

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