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21.02.14Leser-Kommentare

Riesenerfolg ohne US-Marktdominanz: Der WhatsApp-Deal verändert die Weltsicht der Silicon-Valley-Strippenzieher

WhatsApp hat im Hinblick auf die finanziellen Rahmenbedingungen der Übernahme durch Facebook mehr erreicht als jedes andere Internet-Startup zuvor. Und das ausgerechnet mit einer Strategie, die den sonst als am wichtigsten geltenden US-Markt ignorierte.

Der Megadeal zwischen WhatsApp und Facebook hielt gleich mehrere Überraschungen bereit.

Zum Ersten überraschte der gigantische Preis von 19 Milliarden Dollar (inklusive Aktienoptionen für die Gründer). Manche Beobachter halten ihn für gerechtfertigt, andere stellen ihn in Frage. Im Vorfeld jedoch hätte wohl kaum jemand damit gerechnet, dass Facebook-Chef Mark Zuckerberg eine derartig massive Summe locker machen würde, um den beliebten, aber als Geldmaschine auf Jahre hin ungeeigneten Chat-Anbieter ins eigene Haus zu holen.

Eine zweite Überraschung ist der Zeitpunkt der Akquisition. Zuckerbergs Interesse an WhatsApp war zwar schon seit über einem Jahr ein offenes Geheimnis. Doch WhatsApp-CEO Jan Koum hatte in der Vergangenheit immer wieder und durchaus glaubwürdig beteuert, nicht verkaufen zu wollen. Auch drangen im Vorfeld des Deals keinerlei Gerüchte über Gespräche an die Öffentlichkeit. Insofern kamen die ersten Tweets, die am Mittwochabend deutscher Zeit die Kunde verbreiteten, fast wie aus dem Nichts. Dass Facebook sich doch noch mit Snapchat einigen würden, erschien eigentlich wahrscheinlicher.

US-Branchenkenner ignorierten WhatsApp

Die dritte Überraschung betrifft US-amerikanische Branchenkenner und Technologiejournalisten. Für diese kam Facebooks aggressiver Vorstoß nämlich auch deshalb unerwartet, weil sie sich überhaupt nicht über die Bedeutung im Klaren waren, die WhatsApp im mobilen Alltag vieler hundert Millionen Menschen rund um den Globus besitzt. Viele der Tweets und Retweets von renommierten amerikanischen Bloggern, Journalisten und Geeks, die in den Stunden nach der Bekanntgabe der Akquisition durch meine Timeline rasten, enthielten verblüffte Ausführungen darüber, dass Facebook viele Milliarden für eine App ausgebe, die man in den eingeweihten Kreisen des Silicon Valley und anderswo in den USA maximal sporadisch auf dem Schirm hatte.

“How can an app that I, a white American man in his 30s, have never heard of possibly be worth that much money?”—Twitter, all afternoon

— Gabriel Roth (@gabrielroth) February 20, 2014

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This Whatsapp thing is making me wonder what other massively successful consumer apps I'm totally oblivious to.

— Timothy B. Lee (@binarybits) February 20, 2014

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For those of you who don't use WhatsApp or never heard of it, it's used by almost 20% of smartphone users. 20-50 BILLION msgs a DAY.

— Scott Hanselman (@shanselman) February 20, 2014

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Umgekehrte Rollen

Sind es sonst oft wir Europäer, die erst mit großer Verspätung von einem Service oder einer App erfahren, die auf der anderen Seite des Atlantiks schon Millionen Menschen begeistert - wie etwa bei Pinterest und Snapchat - mussten dieses Mal die amerikanischen Digerati und Early Adopter erleben, dass ein kleines Startup außerhalb ihres eigenen Wahrnehmungsradius weitreichende internationale Relevanz erwerben konnte. In Europa ist WhatsApp schon seit Jahren eine Macht. Die USA, obwohl Herkunftsland von WhatsApp, gehören dagegen aufgrund der großen Beliebtheit von zu günstigen Konditionen angebotenen SMS sowie der Popularität von iMessage zu den wenigen führenden Internetnationen, die bisher nicht im großen Stil vom WhatsApp-Fieber erfasst wurden. Auch wenn es selbst dort ein gelegentliches Aufflackern des Dienstes gab.

Statistik von Ende 2012: Schon etwas älter, aber immer noch aussagekräftig (zum Vergrößern anklicken)

Die sich in letzter Zeit häufenden Wasserstandsmeldungen von WhatsApp zur Zahl aktiver Nutzer (zuletzt 450 Millionen) dürften auf viele der tweetenden und bloggenden US-Beobachter des Internetsektors so gewirkt haben, wie auf uns Meldungen zu großartigen Erfolgen chinesischer Social Networks: Klingt mächtig, aber ist zu weit weg, als dass man sich die Ausmaße und Konsequenzen wirklich vorstellen kann.

Entsprechend groß muss der Schock sein, wenn dann plötzlich Facebook für dieses vollkommen außerhalb der eigenen Wahrnehmung, aber quasi vor der eigenen Haustür entstandene Startup eine Summe auf den Tisch legt, die jede andere Übernahme der Internetära in den Schatten stellt.

WhatsApp ignorierte US-Markt - es rächte sich nicht

Es ist nicht ausgeschlossen, dass dieser in vielerlei Hinsicht bemerkenswerte Deal in der Quasi-Wiege der Webindustrie einen Paradigmenwechsel auslöst. So deutlich wie jetzt bekam die US-Szene noch nie vor Augen geführt, dass es außerhalb des eigenen Landes unglaublich viel zu holen gibt. So viel sogar, dass sich ein wachstumsorientiertes Startup aus dem Silicon Valley den Luxus leisten kann, den eigenen Heimatmarkt einfach komplett zu ignorieren und lieber den Rest der Welt zu erobern.

Smarte amerikanische Investoren, Entrepreneure und Berichterstatter werden künftig sehr viel genauer darauf schauen, was auf anderen Kontinenten geschieht und welche Apps und Startups dort gerade durchstarten. Bislang waren bis auf wenige Ausnahmen (beispielsweise Skype) immer die USA Trendsetter, was die Etablierung neuer, reichweitenstarker Endkonsumenten-Dienste anging - speziell im Social-Networking-Segment. WhatsApp bricht mit dieser Regel. Das Internet kann heute auch globale Erfolgsgeschichten schreiben, die ganz woanders beginnen, als es die Strippenzieher und Multiplikatoren des Silicon Valley gewohnt sind. /mw

Kommentare

  • Michael Nordmeyer

    21.02.14 (14:10:48)

    Die Strippenzieher aus dem Valley waren sich dessen wohl schon bewusst. Schließlich ist es nur eine sehr kleine Gruppe. Nur nicht diejenigen, die an der Wertschöpfungskette berichtend oder als Nutzer teilnehmen und sich jetzt auf ihren Social Media Kanälen dazu äußern.

  • Malte Goesche

    22.02.14 (18:26:50)

    Ich frage mich aber, ob Facebook Whatsapp gekauft hätte, wenn sie nicht im Silicon Valley sitzen würden. Gibt es doch die Messenger-Giganten wie Line und Kik. Und Whatsapp hat den US-Markt auf keinste Weise ignoriert, wie du schreibst. 1. Es wurde direkt nach dem iPhone der Blackberry-Client gebaut. Somit sehr US-fokussiert, weil damals außerhalb Nordamerikas kaum noch irgendwo Consumer BBs nutzten. Und 2. Whatsapp hat nichts in Sachen Marketing und PR getan. Weltweit. Somit kann man höchstens sagen, dass Whatsapp jeden Markt gleich behandelt hat und keinen explizit ignoriert. IMHO.

  • Martin Weigert

    22.02.14 (19:04:52)

    Nichts im Heimatmarkt zu machen - der sonst IMMER oberste Priorität hat - sehe ich als Ignorieren an.

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