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06.02.14Leser-Kommentare

Ridesharing neu gedacht: WunderCar will Deutschlands und Europas Beförderungsbranche aufmischen

WunderCar will Stadtbewohnern mit einem in Europa neuartigen On-Demand-Konzept einen weiteren Grund liefern, ihr eigenes Auto abzuschaffen. Initiator des Startups ist der ehemaligen Airbnb-Manager Gunnar Froh. Zahlreiche einstige Kollegen sind ihm gefolgt.

WunderCarDie Taxibranche ist nach den Worten von Gunnar Froh, dem ehemaligen Country Manager von Airbnb Deutschland, von großer Ineffizienz geprägt. In Hamburg etwa seien Taxifahrer in Zehn-Stunden-Schichten durchschnittlich gerade mal zwei Stunden ausgelastet. Gleichzeitig bleibt dieses Transportmittel aufgrund der hohen Preise einem Großteil der Bevölkerung weitgehend verschlossen. Die Mehrheit der Deutschen fährt maximal einmal monatlich mit dem Taxi. 20 Prozent der Bundesbürger saßen sogar noch nie in einem Taxi. Froh, der einst die 2011 von Airbnb übernommene Koblenzer Wohnungsvermittlungsplattform Accoleo gegründet hatte und parallel einen studentischen Carsharingdienst betrieb, sieht enormen Verbesserungsbedarf. Dies nahm er zum Anlass, sich kürzlich bei seinem bisherigen Arbeitgeber zu verabschieden und mit WunderCar ein neues Mobilitäts-Startup ins Rennen zu schicken. WunderCar-Fahrer bringen Zeit und ihr Auto mit

"Auf Basis des Gedankens der Share Economy kann man alles Mögliche machen, aber eigentlich funktioniert vieles dann doch nicht. Wo dies dagegen richtig gut funktioniert, ist bei Unterkünften und Transport", gibt sich Froh überzeugt. Mit WunderCar setzt er deshalb abermals auf die Philosophie des Teilens gemeinsamer Ressourcen: Jedem Menschen mit einem eigenen Auto, ein wenig Zeit und einem Sinn für Service und Kommunikation steht der Bewerbungsprozess offen. Vorausgesetzt, das in Hamburg ansässige Startup sieht auch nach dem Absolvieren eines zweistündigen Trainings eine Eignung für diese Rolle, können sich Freizeit-Fahrer anschließend über WunderCars iPhone- und Android-App Fahrgäste in ihrer Umgebung vermitteln lassen. Eine Ortskunde-Prüfung, wie sie Taxifahrer über sich ergehen lassen müssen, ist nicht notwendig. "Wer ein Smartphone hat, muss nicht jede Straße auswendig kennen", findet Froh.

Wundercar

Freiwilliges Trinkgeld statt vorgegebener Tarife

Anders als bei Taxis oder elitären On-Demand-Transportdiensten wie Uber verzichtet WunderCar auf eine offizielle Vorgabe von Preisen. Stattdessen überlässt es Passagieren die Entscheidung, wieviel sie für einen Trip bezahlen möchten. Der Dienst bezeichnet dies als "Trinkgeld", dessen Höhe vom Fahrgast nach einer erfolgten Fahrt in der WunderCar-App bestimmt wird. Als Hilfestellung zeigt die Anwendung das durchschnittliche Trinkgeld an, das andere WunderCar-Nutzer für eine ähnliche Strecke in der selben Stadt gewählt haben. 20 Prozent der Erträge verbleiben bei WunderCar. Mit dem Trinkgeldverfahren scheint der Dienst auch die Bestimmungen des Personenbeförderungsgesetzes umschiffen zu wollen. Dieses untersagt eine kommerzielle Beförderung von Personen ohne Lizenz. Die offizielle WunderCar-Aussage lautet hierzu, dass bei dem Dienst Privatleute aufeinandertreffen, die sich gegenseitig - und unentgeltlich - Mitfahrten anbieten, so wie es auch bei diversen Mitfahrportalen geschehe. Man biete Mitfahrern lediglich eine praktische bargeldlose Funktion, um Trinkgeld zu geben. Dass sich das Startup in juristisch unsichere Gewässer begibt, ist dennoch ziemlich offensichtlich - und sowieso üblich für Services im Sharing-Economy-Bereich.

Ersatz für das eigene Auto

WunderCar-Chef Froh, der laut eigenen Angaben ein knappes Dutzend ehemalige Airbnb-Kollegen für sich gewinnen konnte, geht davon aus, dass die Fahrpreise deutlich unterhalb der typischen Taxiraten landen werden. Auch mit einem normalen Einkommen solle man WunderCar regelmäßig benutzen können, so seine Vision. Vor Augen hat er eine Entwicklung, bei der sich der Trend weg vom Privatauto verstärkt. Statt 300 bis 600 Euro pro Monat für Betriebskosten auszugeben, würden Personen lieber im Bedarfsfall ein Fahrzeug über die WunderCar-App rufen - und selbst bei häufiger Nutzung Geld sparen.

Angesichts dieser rosigen Aussichten für den mobilen, kostenbewussten Stadtbewohner drängt sich natürlich die Frage auf, ob das WunderCar-Modell auch für Fahrer attraktiv ist. Denn diese müssen immer damit rechnen, dass sie Geizhälse herumkutschieren, die ihnen anschließend so wenig Trinkgeld geben, dass damit lediglich die Spritkosten gedeckt werden. Doch Froh ist überzeugt, dass dieser Ansatz sich rechnen kann. Denn dank des Bewertungssystems existiert eine hohe Transparenz, von der beide involvierten Parteien profitieren: Fahrgäste wissen genau, wer sie in Kürze abholt und was andere Passagiere mit der jeweiligen Person erlebt haben. Fahrer wiederum sehen sofort, wenn in den Bewertungen des Fahrgasts durch vorherige Fahrer wiederholt von unangemessen niedrigen Trinkgeldern die Rede ist. "Fahrer können Fahrgäste dann auch ablehnen", betont WunderCar-Macher Froh.

Hohe Auslastung als Schlüssel zum Erfolg

Er gibt auch zu bedenken, dass selbst Taxifahrer in Leerlaufzeiten ohne Fahrgäste mitunter nur sechs Euro pro Stunde verdienen, analog zu Pizzaboten oder anderen, auf Nebenjobber setzenden Lieferdiensten. Mit der richtigen Auslastung gehe er davon aus, dass WunderCar-Fahrer deutlich über diesem Level landen können. Das Ziel sei eine Auslastung der Fahrer von 50 Prozent oder mehr. Um dies zu erreichen, entwickeln die Norddeutschen intelligente, datengetriebene Prognose- und Steuerungssysteme. "Wir sagen unseren Fahrern schon im Vorfeld, wann und wo die Nachfrage nach Transporten am größten sein wird - und schlagen ihnen vor, auch mal mit ruhigem Gewissen wieder nach Hause zu fahren, wenn nicht so viel los ist", erklärt Froh. Per Push-Nachrichten erfahren Hobby-Chauffeure so frühzeitig, wann ihre Verdienstmöglichkeiten am aussichtsreichsten sind.

Keine unwesentliche Rolle soll der Communityaspekt spielen. "Wir brauchen Fahrer, die sich eigentlich nicht als Fahrer beschreiben und die nicht nur des Geldes wegen fahren", beschreibt Froh das ideale Profil. Auf die Frage "Was machst du?" würden Passagiere eher Antworten wie "Ich bin Musikerin" oder "Ich bin Koch" oder "Ich bin Student" erhalten. Fahrer sollten nicht nur gerne Auto fahren sondern zudem kontaktfreudig sein und die kommunikative Komponente der Tätigkeit zu schätzen wissen. WunderCar suche als Fahrer ähnliche Menschen, wie sie bei Airbnb Zimmer oder Wohnungen vermieten, erklärt Froh.

Millionenfinanzierung noch vor dem Launch

Bei Investoren kommt die Idee von WunderCar gut an. Noch vor dem Launch hat das Startup Kapital von zehn Business Angels und drei VC-Firmen aufnehmen können. Die genaue Summe will Gunnar Froh nicht nennen, impliziert aber einen Betrag im höheren siebenstelligen Bereich. Innerhalb von drei Monaten hat er ein Team von 24 Leuten aufgebaut. Weitere 60 Stellen sollen schnellstmöglich besetzt werden. In einigen Wochen wird in den ersten Städten die geschlossene Beta-Phase mit jeweils einigen 100 Passagieren beginnen. Vier Wochen gibt sich das Unternehmen, um in neuen Märkten Fahrer anzuwerben und zu trainieren, bevor jeweils der Startschuss fällt. Geplant ist, innerhalb kurzer Zeit Aktivitäten in vielen europäischen Großstädten aufzubauen. Lokale Partner sollen bei der Generierung der kritischen Masse helfen. So werde WunderCar beispielsweise Mitarbeiter des Google-Büros in Hamburg transportieren. Mittels Coupons für Fahrgäste soll die Nachfrage beschleunigt und Fahrern aus dem Stand eine realistische Aussicht auf gute Trinkgelder gegeben werden.

WunderCar wird beweisen müssen, dass das ungewöhnliche Prinzip freiwilliger Zahlungen tatsächlich für genug Fahrer sorgen kann. Die Vision von Städten, in denen sich Wenigfahrer von ihren Autos verabschieden und stattdessen die Ressourcen anderer Bürger mitnutzen, hat zumindest auf dem Papier eine Reihe von Vorzügen. Das Angebot an Ride- und Charsharingdiensten, sowohl stationäre als auch solche auf Peer-to-Peer-Basis, ist bereits enorm. flinc kommt WunderCar vom Ansatz her am nächsten, allerdings dreht sich dort alles um Fahrgemeinschaften mit identischem Zielort. Aus Anwendersicht existieren in puncto Usability auch Parallelen zu Uber. Der Service hat allerdings vordefinierte Preise, ist teuer und eignet sich für den Durchschnittsbürger daher nicht als Ersatz zum privaten Fahrzeug.

WunderCar profitiert von der Airbnb-Vorerfahrung zahlreicher Teammitglieder sowie dem augenscheinlichen Vertrauen seitens der Investoren. Mit Lyft existiert in den USA zudem ein Startup mit ähnlichem Ansatz. t3n-Kollege Moritz Stückler zeigte sich kürzlich in einem Artikel sehr angetan von dessen Konzept, befürchtete aber, dass dies schon aufgrund der Rechtslage in Deutschland nicht umsetzbar wäre. Mit WunderCar findet sich jetzt aber doch ein mutiges Jungunternehmen, das es versucht. /mw

Hinweis: In einer ursprünglichen Fassung des Textes war zu lesen, dass rund ein Dutzend Angestellte von Airbnb zu WunderCar gewechselt sind. Das war eine ungenaue Formulierung. Richtig ist, dass einige gewechselt sind und einige in der Vergangenheit bei Airbnb tätig waren.

Link: WunderCar

Kommentare

  • Andreas

    06.02.14 (09:06:04)

    Der Weg über das Trinkgeld ist ein interessanter Versuch die Rechtsfolgen des PBfG (Personenbeförderungsgesetz) nicht auszulösen. Das Risiko dafür liegt allerdings erstmal bei den Fahrern, nicht bei WunderCar. Es ist jedenfalls nicht fernliegend, dass hier immer noch § 49 Abs. 4 PBfG erfüllt ist (mit allen gesetzlichen Taximarkt-Subventionen, wie z.B. Heimkehrpflicht nach Fahrt, Miete des Fahrzeugs nur 'im Ganzen', Entgegennahme des Transportauftrages nur am Betriebssitz des Fahrers, etc.) und die Gestaltung über das Trinkgeld eine von § 6 PBfG erfasste Umgehung ist. Danach bräuchten dann auch WunderCar Fahrer eine Fahrerlaubnis zur Fahrgastbeförderung (gibt es nach amtsärztlicher Gesundheits- und Ortskenntnisprüfung vom Ordnungsamt) - ohne die wäre es eine Ordnungswidrigkeit nach § 61 Abs 1. Nr. 3 lit. g PBfG, für die dann bis zu 10.000 EUR fällig sind. All das natürlich nur dann, wenn über die Trinkgeldkonstruktion tatsächlich eine Umgehung nach § 6 PBfG vorläge.

  • Carsten

    06.02.14 (09:37:00)

    Klasse Idee! Traurig allerdings, dass sich länderspezifische Rechtslagen als regelrechte Fortschrittsverhinderer darstellen. Und das in besonders hochentwickelten Staaten...

  • Uli

    06.02.14 (09:40:07)

    Wie soll das zusammenpassen? Vorgeblich soll es eine reine private Community sein, für die keine gesetzlichen Konsumentenschutzregeln gelten. Daher nur ein "Trinkgeld" als Bezahlung. Wie passt dazu die nachfolgende Aussage? Es ist also doch eine (offensichtlich) gewinnorientierte Personenbeförderung. "Mit der richtigen Auslastung gehe er davon aus, dass WunderCar-Fahrer deutlich über diesem Level landen können. Das Ziel sei eine Auslastung der Fahrer von 50 Prozent oder mehr."

  • Ruben

    06.02.14 (17:32:09)

    Genau das wird ein Gericht klären müssen, ob hier die Tatbestände des §6 PBefG greifen oder nicht. Bis dahin ist das Grauzone...

  • Sharing

    06.02.14 (22:44:12)

    Gunnar Froh hat es mit den Zahlen noch nie so ganz genau genommen. Es sind 2 Mitarbeiter von Airbnb mitgegangen und ein paar Ehemalige. Bitte genauer recherchieren und nicht einfach alles glauben.

  • Martin Weigert

    06.02.14 (23:49:30)

    Ich glaube, das war ein falsche Interpretation meinerseits (dass alle direkt von Airbnb zu WunderCar gewechselt sind). Ich habe das im Text geändert, danke für den Hinweis.

  • Robert Frunzke

    07.02.14 (06:05:48)

    Hm, naja, wenn man den "disruptiven" Aspekt des Produktes seines Startups primär per Steuerhintergehungs bzw. (neudeutsch) Steuervermeidungstricks begründet... ...wie weit kann man damit kommen? Ganz genau bis zur Entscheidung eines Gerichtes, dann über Entscheidungen übergeordneter Instanzen, und bei genügend großem Momentum und ausreichend Medienpräsenz schafft man es bis zur Gesetzesänderung. Die den "geborgten" Vorteil gegenüber dem etablierten Markt schlicht streichen wird. Also viel Gewese, und am Ende nix gewesen.

  • Jonas

    08.02.14 (15:11:21)

    "Mit Lyft existiert in den USA zudem ein Startup mit ähnlichem Ansatz" - das ist sehr vornehm ausgedrückt: Wundercar ist ein Lyft-Klon, nicht mehr, nicht weniger. Mobile-first, Trinkgeld für den Fahrer: das hat Lyft in den USA erfolgreich getestet, inkl. Videosegment bei Conan O'Brien, und so ist es nicht verwunderlich, dass ein Gründer wie Gunnar (der bereits gezeigt hat, wie gut er ein bestehendes Konzept umsetzen und operativ führen kann) bei Klon-affinen Business Angels siebenstellig einsammelt. Mal schauen, wie das Konzept mit den vermeintlich strengeren europäischen Gerichten klarkommt.

  • Martin Weigert

    13.02.14 (01:06:07)

    Ich bin bei der Verwendung des Begriffs "Klon" vorsichtig. Entscheidend ist als Kritierum für mich unter anderem, dass der Kloner maximale Risikominimierung betreibt. Allein die Existenz eines vergleichbaren Geschäftsmodells anderswo ist für mich noch kein hinreichendes Indiz. Zumal Lyft gerade in einigen Städten seine Donations zugunsten fester Tarife abändert und selbst noch keinen dauerhaften Proof-of-Concept geliefert hat. Das in Kombination mit der Rechtslage hier lässt mich zu dem Schluss kommen, dass jeder Copycat-König mit ein bisschen Verstand von einem Modell wie WunderCar Abstand nehmen würde.

  • Thomas Malisch

    14.02.14 (16:17:25)

    Also wenn ich an Mitfahrgelegenheiten denke dann kommt mir zuerst mal mitfahrzentrale.de und mitfahrgelegenheit.de in den Sinn. Das funktioniert auf längeren Strecken sehr gut und auch die 11% Gebühr scheint ja keinen wirklich abzuschrecken. Ob das ganze jetzt mit einem neuen Player auf der Kurzstrecke funktioniert muss sich erst noch zeigen. Wie bei allen anderen Portalen ja auch (flinc, Blablacar, etc.) zeigt sich ja dass die Reichweite für eine erfolgreiche Vermittlung entscheidend ist. Wer diese nicht vorweisen kann wird auch keine Fahrten vermittelt bekommen.

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