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04.03.14Leser-Kommentare

Rettung per mobiler App und Geoblocking: Was mich eine verlorene Kreditkarte über Innovation in der Bankwirtschaft lehrte

Eine EC- oder Kreditkarte zu verlieren, ist oft mit erheblichem Ärger verbunden. Doch schon minimale Innovation eines Finanzinstituts kann es Bankkunden in einer solchen Situation deutlich einfacher machen.

Kreditkarte verlorenVor einigen Wochen stand ich an der Bar eines Clubs in San Francisco und wollte gerade Getränke bestellen. Doch beim Griff in mein Portemonnaie stellte ich bestürzt fest: Meine Kreditkarte war weg! Wer schon einmal Wertgegenstände verloren hat, kann sich wahrscheinlich gut in meine damalige Gefühlslage hineinversetzen. Auf den ersten Schock folgte ein ruckartiges, mehrfach wiederholtes Abtasten aller Taschen und ein doppeltes und dreifaches Durchsuchen des Portemonnaies. Fehlanzeige. Mir wurde klar, dass ich die Karte entweder bei der vorherigen Bestellung an der Bar vergessen oder danach beim Herumlaufen verloren haben muss. Ein Nachfragen beim Personal sowie ein Absuchen des Bodens blieben ohne Erfolg. Je näher die Erkenntnis rückte, dass die Karte tatsächlich verloren war, desto schlechter wurde meine Laune. Doch dann, plötzlich, erhellte sich meine Stimmung wieder. App-Geoblocking ersetzt dauerhafte Sperrung per Hotline

Ich erinnerte mich nämlich daran, dass die Internetbank in meiner Wahlheimat Schweden, bei dir ich mir diese Karte einige Monate zuvor besorgt hatte, eine praktische Echtzeit-Regionensperre als Option bietet, und dass diese sich auch aus der mobilen App aktivieren lässt. Mir fiel in diesem Moment ein Stein vom Herzen und es machte sich ein Gefühl von massiver Kontrolle über eine Situation breit, in der man sich bis vor kurzem als Konsument komplett ausgeliefert fühlte. Anstatt die Notfallrufnummer wählen und nach der unwiderruflichen Sperrung der Karte Wochen auf die mit hohen Gebühren verbundene Zusendung einer Ersatzkarte in die USA warten zu müssen, eröffnete mir diese Funktion eine viel bessere Alternative: Ich loggte mich noch an Ort und Stelle in die mobile App meiner Bank ein, wählte den Menüpunkt Regionalsperre und deaktivierte die Karte für sämtliche Kontinente sowie Internetkäufe. Lediglich für die Region Skandinavien und den Einsatz bei Onlineshops mit besonderen Sicherheitsverfahren (wofür ein in meinem Besitz befindlicher elektronischer TAN-Generator erforderlich ist) konnte ich die Karte über die App nicht sperren. Aber da ich mich viele tausend Kilometer von Europa entfernt befand, war die Gefahr des Missbrauchs durch einen unehrlichen Finder erst einmal gebannt. Auch wenn das lästige Gefühl eines unangenehmen Verlusts sich noch einige Zeit in meinem Hinterkopf festsetzte, konnte ich gelassen den nächsten Tag abwarten. Ich hatte mir vorgenommen, dann bei dem Club anzurufen und mich nach einem eventuellen Auftauchen der Karte zu erkundigen. In einem solchen Fall hätte ich die Karte mit einer Displayberührung wieder für Transaktionen in Nordamerika freischalten können.

Kreditkarten-Geoblocking(ICA Banken aus Schweden, Web-Interface)

 

Banking-Innovation ist wirklich nicht schwer

Tag für Tag nutzen wir internetfähige mobile Geräte, um Dinge zu tun, die noch in der Ära des ausschließlich stationären Netzes Zukunftsmusik waren. Doch nur gelegentlich treten Situationen ein, in denen wie die Tragweite der Veränderungen und die für uns entstehende Handlungsfreiheit wirklich exemplarisch vor Augen geführt bekommen. Als ich an diesem Freitag im Januar auf der Tanzfläche stehend (sorry) über eine mobile App innerhalb weniger Sekunden die regionale Verfügbarkeit meiner Kreditkarte administrierte, ohne erst irgendeine Hotline anrufen zu müssen und anschließend eine Sperrung nicht mehr rückgängig machen zu können, überkam mich ein Gefühl von Dankbarkeit und Begeisterung. Etwas, das im Angesicht der in diesen Wochen und Monaten dominierenden Meldungen zu negativen Auswirkungen des vernetzten mobilen Lebensstils (Stichwort Überwachung) durchaus eine schöne Abwechslung darstellte. Zudem war ich von den Onlinebanking-Plattformen vorheriger Banken ein derartiges Features nicht gewohnt. Dabei ist es so simpel und potenziell unglaublich praktisch.

In Schweden bieten eine Reihe von vor allem kleineren Banken eine derartige Option an. Auch bei einigen Finanzinstituten in der Schweiz ist das sogenannte "Geoblocking" mittlerweile als Service üblich. In Deutschland listen zumindest die Sparkassen Geoblocking als Funktion ihrer Onlinebanking-Dienste. Sie sind aber sicher nicht die einzige Anbieter.

Der Fall verdeutlicht, dass Innovation im Banken- und Finanzbereich auch möglich ist, solange sich das mobile Bezahlen mit dem Smartphone noch nicht durchsetzt. Allerdings wäre es natürlich noch schöner, wenn sich verloren gegangene Geld- und Kreditkarten direkt orten ließen. Genau an einem solchen Ansatz arbeitet das US-Startup Coin. Und MasterCard feilt an einer Anti-Betrugs-Lösung, bei der Standorte von Käufen mit den aktuellen Koordinaten eines Smartphones abgeglichen werden.

Target-Hack und Happy End

Die Geschichte meiner abhanden gekommenen Kreditkarte nahm dann übrigens noch eine lustige Wendung: Per Mail informierte mich der besagte Club auf meine Nachfrage, dass die Karte tatsächlich gefunden worden sei, und bot mir an, sie per Post zuzuschicken. Ich willigte aus Bequemlichkeit ein, immerhin hatte ich die Verwendung im Handel unterbunden. Allerdings kam das gute Stück bis heute nicht an meinem Wohnort an. Mental bereitete ich mich deshalb auf eine deftige Gebühr für den Bezug einer Extrakarte ins Ausland vor. Doch dann erfuhr ich, dass meine Bank versucht hatte, mit mir in Kontakt zu kommen, um mir dringend einen Austausch meiner Karte ans Herz zu legen. Denn sie wusste mittlerweile, dass ich Ende 2013 bei der US-Einzelhandelskette Target einkauft hatte. Dieser waren in der Vorweihnachtszeit bekanntlich Magnetstreifendaten von etwa 40 Millionen für den Einkauf verwendeter Kredit- und Lastschriftkarten gestohlen worden. Aus journalistischer Neugier entschloss ich mich nach dem Bekanntwerden des Target-Debakels trotz der offensichtlichen Gefahr unautorisierter Einkäufe, die Karte nicht sperren zu lassen, aber Transaktionen genau im Blick zu behalten. Es kam jedoch nie zu verdächtigen Vorgängen. Da meine Bank mir nun aus eigenen Motiven eine neue Karte zuschicken wollte, blieben mir Gebühren für die selbstverschuldete Notwendigkeit einer Ersatzkarte erspart. Damit war ich wahrscheinlich eines der wenigen "Opfer" des Target-Hacks, die von dem Ereignis sogar profitierten. /mw

(Foto: Close-up image of a man's hand showing an empty wallet over the white background, Shutterstock)

Kommentare

  • Marco G

    04.03.14 (13:29:20)

    Tja leider ist es hier in Deutschland die Traurige Wahrheit das man sich als Banking Kunde in die "Netz-Steinzeit" versetzt fühlt und interessante Konzepte wie Hello Bank (Cortal Consors) werden hierzulande nur halbherzig angegangen und verstauben dann am ende doch wieder in der Schublade. Ein anderes Beispiel von einer Freundin aus Shanghai. Ihre Bank bietet ein "Agreement Service" d.h. wenn Abbuchungen oder Kreditkarten Benutzungen in bestimmter Höhe erfolgen, erhält sie eine SMS und muss auf diese antworten. Eine art Mobile TAN.

  • Martin Weigert

    04.03.14 (18:36:19)

    Ja das ist auch so ein hochgradig nützliches und eigentlich einfach zu implementierendes Feature, das eigentlich jede Bank bieten sollte. Zumal Banken ja selbst mit Betrug viel Ärger und hohe Kosten haben, also durchaus einen Anreiz besitzen, entsprechende Mechanismen einzuführen.

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