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10.05.08Kommentieren

Reportage über "böses Tessin" gewinnt Egon-Erwin-Kisch-Preis

Herausragende journalistische Leistungen wurden Freitagabend in Hamburg mit dem Henri-Nannen-Preis gekürt. Wir analysieren, warum die "krasseste" Reportage zu Recht gewonnen hat und welche Geschichten außerdem erwähnt werden sollten.

Von Oliver Graf, Reportagenblog

Sabine Rückert: Wie das Böse nach Tessin kam (Bild Keystone)Der diesjährige 31. Egon-Erwin-Kisch-Preis geht an Sabine Rückert. Die Auszeichnung, die seit vier Jahren im Henri-Nannen-Preis aufgehoben ist, erhält sie für ihre Reportage über einen 17-jährigen Jugendlichen, Felix, wohnhaft in dem kleinen Dorf Tessin in Mecklenburg. Es ist die Geschichte eines Doppelmordes. Die Opfer sind zwei Nachbarn, Eltern eines Klassenkameraden. Beide sterben durch brutale Messerstiche. Felix D. ist ihr Mörder, verurteilt am 12. Juli 2007 vom Landgericht Schwerin, zusammen mit Torben B. seinem Kollegen und Gehilfen.

Nach Meinung der Jury ist die Reportage "Wie das Böse nach Tessin kam" (erschienen am 21.06.2007 in der Zeit)

"von brennender Aktualität, die Autorin beschreibt den Boden, aus dem eine gespenstisch anmutende Tat wächst; sie führt den Leser auf beklemmende Weise in die Gedankenwelt und Motivationslage eines Jugendlichen ein, der trotz fürsorglicher und bemühter Eltern aus der Realität gleitet und in einer Welt von Computer-Spielen, der Verachtung des Schwachen und Identifizierung mit dem Starken zum Killer wird."

Tatsächlich ist Sabine Rückert eine äusserst beklemmende, schlüssige Reportage gelungen. Die Tat löst zunächst Unverständnis aus. Felix ist ein erfolgreicher Gymnasiast, ein "wohlerzogener Sohn, der jedermann höflich grüsste". Die Eltern sind liebevoll, gebildet.

Doch Sabine Rückert gelingt es, hinter die Fassade zu blicken. Schlüssel zum Verständnis sind Games wie Doom oder Prey, die Felix offenbar stundenlang gespielt hatte. Die Autorin im Selbstversuch:

"Um ihr Leben wimmernde Männer und Frauen werden vor meinen Augen von einer speziellen Menschenvernichtungsmaschine aufgespießt und zerquetscht, wahnsinnige kleine Kinder zerfetzen und durchbohren einander. [?] Die rechte [Hand] ist blutbesudelt und hält einen blutverkrusteten Schraubenschlüssel, mit dem ich auf alles einhacke, was sich rührt."

Sabine Rückert versucht keine Expertendiskussion darüber abzuhandeln, ob und wie Videospiele Gewalt auslösen. Sie appelliert stattdessen an den gesunden Menschenverstand: "Man braucht kein Jugendpsychiater zu sein, um die Wirkung solcher Spiele auf unausgereifte Seelen zu erfassen."

Mit dieser Meinung ist Sabine Rückert wohl angreifbar. Ein dezidierte Stellungnahme ist aber gerade der Sinn der Reportage. Damit hat sie sich - meiner Meinung nach zurecht - gegen die drei von der Vorjury mitnominierten Texte durchgesetzt. Namentlich sind dies:

  • "Das verflixte 70. Jahr" von Jürgen Leinemann (Die Zeit). Die autobiographische Erzählung einer schweren Krankheitsgeschichte (mehr?).
  • "Unter Wölfen" von Alexander Smoltczyk. (Der Spiegel). Blick über die Schulter der ganz grossen Literaturagenten am Rande der Frankfurter Buchmesse (mehr?).
  • "Das leben neben dem anderen" von Alexander Osang (Der Spiegel). Portrait von Ulrich Mühe, der im Film "Das Leben der Anderen" als Stasi-Hauptmann die Hauptrolle spielt (mehr?).

Wenn man der Jury einen Vorwurf machen will, dann den, dass sie mit ihrem Entscheid dem Sensationshunger der Medienbranche huldige. Das stimmt insofern, als hinter "Wie das Böse nach Tessin kam" sicher die krasseste Geschichte steckt.

Aber wenn ein Fehlentscheid vorliegt, dann trifft er eher die Vorjury, die bei ihrer Auswahl aus insgesamt 12 Texten gerade die sozial engagiertesten weggelassen hat (z.B. "Sklaven in Altona" oder "Tod in Camp Delta").

Für Stirnrunzeln sorgt in dem Zusammenhang eine Meldung in der taz, wonach in einer anderen Kategorie des Henri-Nannen-Preises, jenem für die beste investigative Leistung, offenbar ein kritischer Beitrag von der Liste der nominierten verschwand:

"Die brisante Erkenntnis: Blaublütige Großgrundbesitzer und Lebensmittelmultis profitieren überproportional, während der Durchschnittsbauer eher mickrig abgespeist wird. Bei Nannens sah man das wohl anders."

Wie dem auch sein – das Auswahlverfahren, bei dem dieses Jahr insgesamt 328 Texte von 267 Autoren und Autorinnen (Frauen mit rund einem Drittel deutlich untervertreten) um die Ehre der besten Reportage wetteiferten, ist jedenfalls zeimlich knöchern. So können zwar nicht nur Autoren Vorschläge einreichen, sondern gewissermassen jedermann. Einzureichen hat man dazu bloss

"je ein Original der Veröffentlichung oder eine Kopie des Originals und sechs Ausfertigungen des veröffentlichten Textes (möglichst ohne Fotos) im DIN-A4-Format" usw.

Dabei findet man heute bereits eine Mehrheit der Reportagen auch auf dem Web. Von den 12 vornominierten beispielsweise deren 9.

Kein Chance auf einen Egon-Erwin-Kisch-Preis haben heute auch noch reine Online-Produktionen, wie man sie beispielsweise bei Soundphotographer, medialism.net oder Mediastorm findet, in denen sich das Genre der Reportage gegenwärtig weiterentwickelt. Immerhin erklärte mir die Pressestelle des Henri-Nannen-Preises, dass "die Öffnung der bestehenden Kategorien für 'reine' Online-Beiträge gegenwärtig in der Diskussion" sei.

Wir drücken die Daumen.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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