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13.01.14

Replik auf Sascha Lobo: Nicht das Internet ist kaputt, sondern der Mensch

Sascha Lobo hält das Internet angesichts der ausufernden Überwachung für kaputt. Doch eher träfe diese Charakterisierung auf den Menschen und seine Sicherheitssucht zu.

ÜberwachungSascha Lobo hat in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ausführlich seine Sorge über die mit dem Internet möglich gewordenen Überwachungspraktiken dargelegt (online nun verfügbar, hier netterweise von Jens Best vorgelesen). Glaubte er einst daran, dass das Netz das perfekte Medium der Demokratie und Selbstbefreiung wäre, blickt er mittlerweile eher pessimistisch auf die Folgen der globalen Digitalisierung. Lobos desillusioniertes Fazit: Das Internet sei kaputt, er und andere Webfreunde haben sich mit ihrem Optimismus geirrt.

Vieles von dem, was Lobo schreibt, trifft den Nagel auf den Kopf. Seiner pointierten, bereits von vielen Medien aufgespießten Aussage zum Zustand des Webs aber widerspreche ich. Wenn etwas kaputt ist, dann der Mensch samt seiner ausufernden Sicherheitsbedürfnisse, die den Geheimdiensten und Politikern erst als Grundlage für ihr Handeln dienen. Informationstechnologie und das Internet öffneten Angreifern, Spionen und Hackern schon immer Möglichkeiten, Sicherheitsmaßnahmen auszuhebeln oder Individuen, Unternehmen oder Regierungen auszuspionieren. IT war stets ein Wettrüsten zwischen denen, die sie sicher machen wollten, und denen, die es auf das Entlarven und Ausnutzen von Sicherheitslöchern abgesehen hatten. Dank Moores Law, Always On und mobilen, ständig am Mann oder an der Frau getragenen Geräten hat Überwachung heute natürlich ganz andere Fähigkeiten sowie Ausmaße als vor zehn oder 20 Jahren. Doch dass das Internet einstmals intakter war als heute, dafür sehe ich keine Belege (ändern könnte sich dies, sollte die Netzneutralität bröckeln. Aber das ist ein anderes Thema).

Womöglich kaputt hingegen sind die Menschen. Weil wir dem Leben beziehungsweise Überleben einen weitaus größeren Wert beimessen als der individuellen Freiheit. Wir, die Menschen, sind bislang nicht in der Lage gewesen, unseren fortschreitenden Hunger nach mehr Sicherheit zu stoppen. Jedes verhinderte Opfer einer Straf- oder Terrortat weckt Begehren, noch ein Stück weiter in die Privatsphäre der Bevölkerung einzudringen. So soll noch mehr Sicherheit garantiert werden, indem Straftätern vor den kriminellen Akten das Handwerk gelegt wird. Nur noch dieses eine Mal. Stellt sich dem Treiben der Ermittler jemand in den Weg, kommen sofort die Vorwürfe: "Wer Überwachungsmaßnahme X oder Y verhindern möchte, nimmt den eventuellen Tod von Menschen in Kauf".

Die angemessenste Antwort darauf ist natürlich: "Wer Überwachungsmaßnahme X oder X zulässt, nimmt den Verlust der persönlichen Integrität von Menschen in Kauf, zwingt Menschen zur Selbstzensur und verwandelt sie in Wesen, die zunehmend gegen ihren eigenen Willen agieren müssen". Doch aktuell klingt das nicht nach einem schlagfertigen Argument. Denn gemäß unserer gesellschaftlichen Werte messen wir einem Menschenleben eine millionenfach höhere Bedeutung zu als einem freien Menschenleben. Deshalb gilt es als in Ordnung, einen Überwachungsstaat aufzubauen, von dem 80 Millionen, viele hundert Millionen oder gar Milliarden Menschen betroffen sind, wenn sich dadurch vielleicht irgendwann zehn Menschenleben retten lassen. Das ist der gesellschaftliche Deal, der die ausufernde Überwachung ermöglicht und der uns zielstrebig in den orwellschen Staat treibt.

Vielleicht ist aber auch gar nichts kaputt. Weder das Internet noch der Mensch. Vielleicht ist die Menschheit einfach nicht kompatibel zum Internet, weil sie es zwangsläufig in ein Überwachungsinstrument verwandelt. Keine angenehme Vorstellung. Noch unangenehmer als Sascha Lobos geschilderte Enttäuschung darüber, sich bei der Bewertung der Auswirkungen des Internets geirrt zu haben. Aber wie auch immer: Zurückstellen lassen sich die Uhren sowieso nicht mehr. /mw

(Illustration: Man spying on man, Shutterstock)

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