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14.04.14Leser-Kommentare

Das neue digitale Medienökosystem: Reichweite kann jeder

Überall sprießen Medienangebote aus dem Internetboden, die innerhalb von kürzester Zeit Millionen Menschen erreichen. Dies zu bewerkstelligen, war noch nie einfacher.

SharingBislang war mir die Onlinepublikation Deutsche Wirtschafts Nachrichten (DWN) nur durch gelegentlich auftauchende Verlinkungen beim Aggregator Rivva ein Begriff - und fällt mir dort immer besonders wegen des sperrigen und mit einem Bindestrich geizenden Namens auf. Dass es sich bei dem Angebot um ein mittlerweile 15 feste Mitarbeiter beschäftigendes Medienstartup mit einer monatlichen Reichweite von zwei Millionen Lesern handelt, darüber wurde ich erst durch diese Kurzvorstellung des Elektrischen Reporters aufmerksam. DWN sehe Wirtschaft "als ein buntes Thema" und versuche, "Wirtschaft für jeden verständlich zu machen", sagt Verlagsleiter Christoph Hermann in dem Porträt. Was er damit meint: Hysterie, Empörung und Pessimismus. So lassen sich die Inhalte der DWN am treffendsten beschreiben. Gute Neuigkeiten oder Optimismus findet man bei dem Portal grundsätzlich nicht. Trotz oder gerade deshalb sind die DWN ein absoluter und den Zahlen nach zu urteilen ernstzunehmender Newcomer. Hermann und seine Kollegen profitieren von den perfekten Voraussetzungen, die das soziale Netz für das schnelle Hochziehen von Klickraketen bietet. Was die US-Portale Buzzfeed und Upworthy vorgemacht haben, findet nun in vielen Ländern und mit unterschiedlichen Ausprägungen Nachahmer. In Skandinavien sorgt gerade eine Geschichte für Aufsehen, die den plötzlichen Erfolg der DWN noch übertrumpft: Anfang März lancierte der 26-jährige Skandinavier Daniel Wests mit hyllat.se einen schwedischen Upworthy-Klon. Die laut Berichten innerhalb von zwei Tagen gebastelte Site konnte seitdem 2,8 Millionen eindeutige Besucher verzeichnen. Allein in einer einzigen Woche erreichte die schwedischsprachige Site 1,5 Millionen der rund neun Millionen Einwohner Schwedens - mit nichts anderem als Mini-Artikeln, deren Herzstück jeweils ein emotionales, schockierendes oder begeisterendes Video darstellt.

Zum Beginn der Printära dauerte es Jahrzehnte, um ein Medienimperium mit Millionenreichweite aufzubauen, und erforderte schwere Investitionen. In den ersten zehn bis 15 Jahren des kommerziellen Internets genügten dann einige Jahre und etwas weniger Mittel, um an diesem Punkt anzugelangen. Heute aber sind dank der Verbreitungskraft und Partizipation bei Facebook und Twitter einige Monate genug. Anstatt riesiger Redaktionen und Verlagsräume reichen ein Computer, Kenntnisse über die Gesetze der Inhaltedistribution im Netz sowie die Zeit einer einzigen Person aus, um eine Publikation zu etablieren, die Kaffeeküchen- und Stammtischgespräche im ganzen Land prägen und beeinflussen kann.

Mit anderen Worten: Noch nie war es für jede und jeden so einfach und billig wie heute, mit einem Medienangebot Millionen von Menschen zu erreichen und damit Meinungsmache zu betreiben. Meinungsmache, die bislang nur Verlagsbossen und Chefredakteuren offen stand, die sich den Spielregeln der gesellschaftlich-politischen Eliten unterwarfen.

Doch anders als die über viele Jahre oder Dekaden etablierten Medienmarken müssen die Shootingstars mit dem stetigen Risiko des akuten Bedeutungsverlusts rechnen. Denn da ihre Leser in erster Linie über Links und Empfehlungen in den Feeds bei Facebook und Twitter auf Artikel aufmerksam werden, hängt viel davon ab, dass die systematisch optimierten Überschriften von den Usern gesehen werden. Eine zufällige Aneinanderreihung einiger "Flops" kann die Besucherzahlen ebenso einbrechen lassen wie veränderte Algorithmen bei Facebook. Die Hauptaufgabe für alle derzeitigen und künftigen "Viralmaschinen" liegt daher darin, aus der "Laufkundschaft", die über externe Dienste zu ihnen kommt, Stammleser zu machen.

Im Jahr 2014 ist das die wahre Herausforderung für ein ambitioniertes Medienvorhaben. Denn Reichweite kann jede und jeder, der/die den mittlerweile bewährten Rezepturen für schnellen Klickerfolg folgt. /mw

Grafik: Concept of blog with share buttons, chalk drawing, Shutterstock

Kommentare

  • Dave

    14.04.14 (15:54:35)

    Ich war auch schockiert, dass rivva Seiten wie die DWN aufnimmt.

  • Michael

    15.04.14 (10:56:43)

    Die technischen Möglichkeiten für publizistische Reichweite sind sicher gestiegen und sie werden auch vermehrt genutzt von jenen, für die in bisherigen Medien kein Platz war. Große Millionen-Reichweiten erreichen trotzdem nur die Wenigsten, die meisten Blogs, Twitter- und Facebookaccounts erreichen nur Mikroreichweiten. Weil es dazu eben weit mehr als nur die technischen Möglichkeiten braucht: Technisches, mediales Knowhow, Organisationstalent, Geschäftssinn, vor allem aber inhaltliches, publizistisches Knowhow - den Instinkt und Riecher für interessante Medieninhalte- und Formen. Das alles haben nur Wenige, und deswegen sind große Reichweiten auch im Internet nur für Wenige möglich.

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