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27.01.12

Regionale Sperrung von Tweets: Twitter animiert Anwender, die Zensur zu umgehen

Twitter hat in seiner offiziellen Ankündigung, auf Anfrage Tweets oder Konten in einzelnen Ländern zu sperren, einen wichtigen Aspekt bewusst weggelassen: Nutzer können die Blockade eigenmächtig über eine Einstellung in ihrem Twitter-Konto umgehen.

 

Twitter wird für seine kontroverse Entscheidung, Tweets in einzelnen Ländern auf Anfrage zu zensieren, kein IP-Geoblocking einsetzen. Das hat uns Rachel Bremer, Twitters europäische Pressesprecherin, soeben bestätigt.

Stattdessen dient die von Nutzern in ihren Kontoeinstellungen gemachte Länderangabe als Grundlage für eine eventuelle regionale Sperrung. Twitter legt das aktuelle Land zwar ausgehend von der IP-Adresse des Anwenders fest, erlaubt diesem aber, die Einstellung manuell zu verändern.

"Geotargeting auf IP-Basis ist keine perfekte Technik und wir wollen sicherstellen, dass Nutzer die Ortsangabe verändern können, wenn diese nicht stimmt", so Bremer.

Dieses vermeintlich kleine Detail stellt die gesamte Meldung in ein neues Licht. In der Praxis bedeutet dies, dass (nach dem heutigen Stand) Twitter-Nutzer selbst in repressiven Staaten problemlos auf durch ihre Regierungen zensierte Tweets zugreifen können, indem sie in ihrem Twitter-Konto ein anderes, die freie Meinungsäußerung berücksichtigendes Land auswählen. Twitter macht ihnen dies sogar sehr leicht, weil es im Kontext eines blockierten Tweets auf diese Hilfe-Seite verweist, auf der dieser Sachverhalt zwar nicht direkt ausgesprochen, aber impliziert wird.

Insofern bleibt festzuhalten, dass Twitter nach dem aktuellen Stand einen Kompromiss gefunden zu haben scheint, der die Interessen der Anwender deutlich besser berücksichtigt, als diese dies von YouTube und anderen, auf Geoblocking setzenden Sites her gewöhnt sind.

Verwunderlich ist deshalb, dass der Microbloggingdienst in seinem offiziellen Blogbeitrag keinerlei Andeutungen dazu macht, wie einfach sich blockierte Tweets umgehen lassen, und somit einen allgemeinen Schrei der Empörung in Kauf nimmt. Sollen demokratiefeindliche Staaten auf diese Weise im Glauben gelassen werden, Twitter würde ihnen ein wertvolles Zugeständnis machen? Schwer vorstellbar, immerhin wird es nicht lange dauern, bis das Twitter-Universum und die Medien verstanden haben, wie bewusst transparent und löchrig Twitter die Maßnahme gestaltet hat.

Unter der Voraussetzung, dass der Dienst sein Versprechen hält und für die regionale Sperrung von Tweets auf IP-Geoblocking verzichtet, gibt es weit weniger Grund zur Sorge, als die offizielle Ankündigung von Twitter hat befürchten lassen.

Update: Eine These: Was, wenn diese offene, transparente "Zensur mit riesigem Schlupfloch" Proteste und Unzufriedenheiten in repressiven Staaten nicht erstickt, sondern sogar beschleunigt und intensiviert?

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