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13.02.12

Reform des Urheberrechts: Je schneller Pinterest wächst, desto besser

Mit Pinterest erlebt gerade ein Webdienst einen kometenhaften Aufstieg, bei dem Nutzer tagtäglich millionenfach und in vielen Fällen unwissend gegen das Urheberrecht verstoßen. Genau ein derartiges Phänomen benötigt die Urheberrechtsdebatte.

 

Mittlerweile sollte es kaum noch jemanden mit Interesse an der Netzkultur und Startup-Welt geben, der nicht mindestens einen Beitrag über die urheberrechtlichen Komplikationen des visuellen Bookmarkingdienstes gelesen hat.

Der Service aus dem kalifornischen Palo Alto erlaubt es Anwendern, Fotos und Bilder von beliebigen Websites auf virtuellen Pinnwänden abzulegen und mit anderen Mitgliedern zu teilen. Das Problem: Sofern im Netz veröffentlichte Fotos nicht unter einer Creative-Commons-Lizenz stehen, dürfen sie in der Regel nicht ohne Erlaubnis des Urhebers weiterverbreitet werden.

Genau dies geschieht jedoch bei Pinterest, und zwar millionenfach jeden Tag. Das Startup erreicht allein in den USA mittlerweile fast zwölf Millionen Unique Visitors pro Monat und wächst rasant weiter. Mittlerweile berichten auch viele deutschsprachige Medien über die Site, weshalb hierzulande ebenfalls mit einem schnellen Anstieg der Nutzerzahlen zu rechnen ist.

Während in den USA die Fair-Use-Regel des Urheberrechts zumindest die theoretische Möglichkeit offen lässt, dass Nutzer Pinterest verwenden, ohne damit gegen geltendes Recht zu verstoßen, scheint die Sachlage in Deutschland und anderen Ländern, in denen eine vergleichbare Klausel fehlt, eindeutig: Mit jedem über Pinterest geteilten, urheberrechtlich geschützten Werk, dessen Veröffentlichung vom Urheber nicht genehmigt wurde, begehen Anwender einen Urheberrechtsverstoß, für den sie abgemahnt werden könnten.

Pinterest als Türöffner für neue Perspektiven

Das klingt bedenklich und wird für tatsächlich mit einer Abmahnung konfrontierte Anwender teuer (bisher ist allerdings kein derartiger Fall bekannt). Gleichzeitig jedoch könnte Pinterest aber im Lichte dieser Situation den Ausschlag dafür geben, dass allen an einer Reformierung des Urheberrechts beteiligten Gruppen die Augen geöffnet werden. Darüber, dass es so wie bisher nicht mehr weitergehen kann.

Ob es zu einer derartigen Konstellation kommt, hängt von Pinterests weiterer Entwicklung ab. Seit dem Sommer 2011 wächst das Angebot exponentiell. Setzt sich dieser Trend fort, werden in den folgenden Monaten viele Millionen weitere User den Dienst für sich entdecken. Gelingt es ihm, international eine kritische Masse zu erreichen und damit eine Lobby aufzubauen, bevor abmahnungswillige Urheber im großen Stil die neue Monetarisierungsgelegenheit Gefahr erkannt haben, dürfte das juristische Vorgehen gegen einzelne Nutzer - das schon durch die relative Anonymität der Plattform erschwert wird - zu einem Kampf gegen Windmühlen werden.

Pinterest könnte nach dem YouTube-Modell verfahren

Was dann passieren könnte, zeigt das Beispiel YouTube: Das mit Abstand führende globale Videoportal identifiziert von Nutzern hochgeladene urheberrechtlich geschützte Clips über sein "Content-ID-System" und lässt Urhebern die Wahl zwischen drei Verwendungsrichtlinien: Sperren des Videos, Beobachten (was regelmäßige Statistiken zur den Abrufen generiert) und Monetarisieren. YouTube versucht mit diesem Ansatz, den Urheberrechtsverstoß für die Urheber als Chance und nicht als Bedrohung darzustellen - und sie damit auch von rechtlichem Vorgehen gegen Anwender abzubringen.

Konkrete Angaben dazu, wieviele YouTube-Mitglieder schon einmal für den Upload eines Videos abgemahnt wurden, scheint es keine zu geben. Eine Google-Suche liefert zwar eine Reihe von "Erfahrungsberichten". Allerdings lässt die Tatsache, dass nahezu jedes urheberrechtlich geschützte Musikstück bei YouTube als Nutzerupload verfügbar ist - von der regionalen GEMA-Sperrung einmal abgesehen - die Vermutung zu, dass sich das Risiko einer Abmahnung in Grenzen hält - zumal YouTube nicht ohne Weiteres Anwenderdaten herausgeben muss. Wer fremde Videos hochlädt und dabei von YouTube "erwischt" wird, kommt im Idealfall mit einer von YouTube ausgesprochenen Verwarnung und dem erzwungenen Betrachten eines Lehrgangs zum Urheberrecht davon.

Je größer Pinterest wird, desto besser

Pinterest muss eine skalierbare Lösung für den sich anbahnenden juristischen Konflikt finden, so viel ist klar - sonst wird sich der Urheberrechtsverantwortliche des Startups, Ben Silbermann, irgendwann vor Mails und Briefen nicht mehr retten können. Doch je kraftvoller der Dienst wächst und je eher die Marke von 50 oder gar 100 Millionen Mitgliedern durchbrochen wird, desto größer ist die Chance, dass diese Lösung einen aus Usersicht erfreulichen Kompromiss darstellt.

Ein nachhaltiger Erfolg von Pinterest könnte auch die Perspektive der Politik beeinflussen: Der Name und die grundsätzliche Funktionweise von YouTube sind heute selbst CSU-Hinterbänklern aus der bayerischen Provinz ein Begriff. Gelingt es Pinterest, sich einen ähnlichen Bekanntheitsgrad zu verschaffen und als prominentes, nicht mehr zu bändigendes Beispiel für den Reformbedarf des Urheberrechts im digitalen Zeitalter auf höchster politischer Ebene angeführt zu werden, könnte dies positive Auswirkungen auf die künftige Ausgestaltung eben dieses Rechts haben. Wenn überhaupt so ist es erst die unwiderlegbare Erkenntnis, dass der Zug für einen Beibehalt der bisherigen Rechtssituation abgefahren ist, die Hardliner und Konservative dazu bringt, sich zu bewegen. Pinterest kann hierfür einen wertvollen Beitrag leisten.

Natürlich ist das hier aufgezeichnete Szenario ein äußerst optimistisches. Im schlimmsten Fall würde Pinterest entweder seinen Dienst ganz einstellen oder ihn für Anwender außerhalb der USA sperren - so wie man es bisher nur von Musik- und Videoangeboten her kennt.

Aber es muss nicht so kommen - vorausgesetzt, Pinterest setzt seinen kometenhaften Aufstieg mit ungebremster Geschwindigkeit fort.

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