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10.07.07Leser-Kommentare

Redesign von NZZ Online wird von der Leserschaft abgelehnt

Die Neue Zürcher Zeitung serviert ihre Inhalte neu. Das Portal NZZ Online fällt auf durch Leserbeteiligung und viele Bilder, fällt ab durch Unübersichtlichkeit, verwirrende Navigation und schwammige Grenzen. Und es fällt durch: bei den Lesern.

NZZ

Am 17.06.1997 wurde NZZ Online aufgeschaltet und feierte somit letzten Monat sein zehnjähriges Jubiläum. Das Portal bietet dazu einen Blick zurück sowie die zehn Jahre im Zeitraffer.

Was hat sich auf den ersten Blick geändert? Es gibt mehr bunte Bilder, mehr Themen, eine unklare Navigation und mehr, aber schlechter positionierte Werbung.

Einen ersten Überblick über die Aufnahme des neugestalteten Portals gibt die neugeschaffene Kommentarfunktion und die dort eingestellten Kommentare. Wir haben die ersten 105 Kommentare zum das Redesign begleitenden Artikel ausgewertet:

NZZ Online Auswertung

Der negative Teil überwiegt also. Befassen wir uns mal mit den Details, vielleicht findet man so heraus, an was das liegt:

 

Unklare Navigation

Die Navigation wurde neu geregelt. Statt links auf die Themen zu klicken, kann man nun verschiedene Reiter anwählen. Weil diese in grau-hellblau verblassenden Farben gehalten sind, bleiben sie für das Auge schwer zu trennen. Viel schlimmer aber: Man weiss nicht, was passiert, wenn man wo drauf klickt. Manchmal klappt ein Drop-Down-Menu auf, manchmal wird man zu einem Ressort weitergeleitet. Auf der obersten Ebene machen Dreiecke klar, wo sich ein Drop-Down-Menu versteckt. Weiter unten regiert der Zufall.

Werbung

Die Grenzen zwischen Werbung und Inhalten sind sanft. Werbung ist zwar ordentlich gekennzeichnet, hebt sich aber von der Farbe und der Schriftart kaum vom redaktionellen Teil ab:

NZZ Online Werbung

Screenshot NZZ Online

Was zwei negative Folgen mit sich bringt. Erstens ist es für den Leser nicht sehr transparent, was redaktioneller Inhalt ist und was bezahlte Werbung. Zweitens fallen Werbeangebote kaum auf. Wenn ein Bereich einer Website unklar bleibt, dann wird er irgendwann intuitiv ignoriert.

Bilderflut

Wer hätte das noch vor ein paar Jahren daran gedacht? Die strenge alte Tante NZZ mit so vielen bunten Bildern? Die doch erst vor ein paar Jahren die ersten Nicht-Schwarzweiss-Bilder in ihre Printausgabe druckte und generell eher bilderfeindlich ist? Ab sofort gibt es genug Bilder. Zum Glück nicht ganz so viele wie beim Online-Auftritt der Süddeutschen Zeitung , der wohl generell etwas als Vorbild gedient hat.


Neuste Artikel

Gut gefällt mir die transparente Auflistung der neuen Artikel. Ein Angebot, das sowohl Vielleser als auch Neueinsteiger mit Garantie nutzen werden:

NZZ Online neueste Artikel

Screenshot NZZ Online

Die Kommentare

Jeder Artikel kann kommentiert werden. Es gibt kein Login und keine Community wie bei sueddeutsche.de oder bei welt.de und es kann keine Website angegeben werden wie in vielen Blogs. Man gibt sein Geschlecht, seinen Vornamen, seinen Namen und den Anti-Spam-Code ein. Und dann darf man einen Kommentar absondern. Aber nur, wenn man einen Titel gewählt hat und wenn man 1000 Zeichen nicht überschreitet. Und das jedesmal wieder von Neuem. Wer das jetzt gar nicht seltsam findet, der hat vielleicht noch nie auf Blogs gelesen und kommentiert. Dort ist das in vielen Fällen einfacher möglich. Angezeigt werden die Kommentare nur, wenn sich jemand dafür interessiert. In der Grundeinstellung sind sie ausgeblendet. Kann man das "offen und dialogorientiert" nennen? NZZ Online schreibt dazu:

 

Dass Sie für uns eine wichtige Stimme sind, erkennen Sie ausserdem an der neuen Rubrik «Leser empfehlen». In diesem Gefäss werden jene Artikel aufgeführt, die Sie Ihren Freunden und Bekannten weiterreichen.

Alles klar. Keine weiteren Fragen.

Korrekturen

Bisher waren Korrekturen an Artikeln nicht vorgesehen. Wie das NZZ Online in Zukunft handhabt, wird sich weisen. Nie einen Fehler machen, ist gute Taktik, geht aber leider nicht immer auf. Ich würde mir wünschen, dass etwaige Fehler an Artikeln transparent korrigiert würden.

RSS

RSS wird bekanntlich von vielen Bloglesern benutzt. Zeitungsportale hingegen werden meist nicht per RSS gelesen. Warum? Weil die Feeds oft zu umfangreich sind und nicht genau eingegrenzt werden können. Wer sich ausschliesslich für deutschen Fussball interessiert, kann diese Information zwar erhalten, aber nur im Paket mit Rudern, Springreiten und rhythmischer Sportgymnastik.

Den Feed, den ich gerne abonniert hätte, Medien, wird auf der Übersichtsseite nicht angezeigt. Abonnieren kann man ihn aber trotzdem:

 

www.nzz.ch/nachrichten/Medien

Man bietet etwas an und verschweigt es seinen Lesern. Seltsam.

Was Blogs dazu meinen

 

Die Strategie oder die Idee des Redesigns ist der richtige Schritt in die Zukunft. Freie Informationen und der vermehrte Einbezug des Lesers sind im Web 2.0 Trumpf. Die grafische Umsetzung ist allerdings noch sehr verbesserungsbedürftig. Das gesteckte Ziel einer ?aufgeräumten? Webseite ist nicht erreicht worden.

Zenblé

 

Das Design erinnert an die Designs von ausländischen grossen Zeitungen wie Zeit oder New York Times.

Claudiome

 

Eine primär gestalerisch motivierte Überarbeitung der Site. Ich sehe auf den ersten und zweiten Blick keine neuen Inhalte und - ausser der Kommentarfunktion - keine neuen publizistischen Konzepte.

Stark Content Blog

Was die Leser von NZZ Online dazu meinen

Einige Zitate aus den Kommentaren zum Redesign-Artikel . Kritisiert wird der lange Seitenaufbau, die Linkslastigkeit, die Unübersichtlichkeit und die Navigation:

 

- Meines Erachtens eine reine Katastrophe! Was vorher eine gut aufgebaute, klar strukturierte Site war, ist zu einem undefinierbaren Dschungel geworden. Schade!

- Was für eine Überraschung heute! Toll, was Sie gemacht haben; frisch, übersichtlich, freundlich und das Wesentliche auf einen Blick. Noch schneller und besser bin ich mit wenigen Klicks orientiert, inkl. Business und Wetter - und das alles mit gewohnt professionellem Inhalt.

- Was vorher mit einem Schritt möglich war, braucht jetzt 3 Schritte. Wo soll da die Verbesserung sein?

- Schade - die neue NZZ-Website ist schlicht unübersichtlich, überladen und sieht völlig beliebig aus - es könnte sich auch um die Website von 20min handeln.

- Ihr neuer Auftritt mag ein Gewinn an trendiger grafischer Gestaltung sein, die Text immer mehr bloss noch als ästhetisch zu optimierende Grautonfläche sieht - Übersichtlichkeit, Informationsdichte und Lesefreundlichkeit verlieren aber erheblich auf Kosten solcher Design-Beliebigkeit.

- Irgendwie habe ich den Eindruck, dass Ihr Euch an die übrigen wischiwaschi Konkurrenzseiten angepasst habt, und gerade dies finde ich sehr schade.

- Die Seite sieht unglaublich bieder und beliebig aus.

- Der neue Online Auftritt ist gelungen und entspricht den heutigen Erwartungen - klar, gut geordnet und eine angenehme graphische Darstellung. Sehr gut!

- Wie Sie auf die Idee kommen, das neue Layout sei übersichtlicher, ist mir ein Schleier. Der Vorteil des alten Designs war ja gerade, dass man sich nicht den Finger wund scrollen musste, um das Wichtigste zu erfassen. Besonders originell sieht die Sache übrigens auch nicht aus. Die Website der Süddeutschen sieht praktisch identisch aus, nur ein paar Elemente der FAZ sind noch dazugemixt. Schade für die ganze Mühe mit dem Relaunch.

- Leserunfreundlich, hässlich, unübersichtlich, langsam. Diesem Website-Design wird es ergehen, wie der Bahnhofstrassen-Weihnachtsbeleuchtung, das heisst es wird bald wieder verschwinden.

- Manche Leute sind wohl blind: frischer und leserlicher kann man sich die Seite kaum vorstellen. Sehe nur Verbesserungen.

Ein Konstantin meint in den Kommentaren von freilich.ch, der Schweizer an sich sei "wortkarg, leute- und gruppenhörig, stets auf Konsens bedacht" und neige dazu, dem Mainstream nachzurennen. Kann ich so nicht nachvollziehen - immerhin haben sich bereits über hundert Kommentare angesammelt, die in der Ausrichtung nicht zwingend harmonisch sind.

Die Zukunft

Der Kleinreport hat ein paar Erkundigungen eingeholt: Der Magazinteil soll mit Kolumnen ausgebaut werden, Videos sollen irgendwann eingebaut werden und ab Herbst sei die Einführung einer Registrierung für die Leser geplant:

 

In erster Linie für Print-Abonnenten, aber auch für reine Online-User, die dann von gewissen Gadgets profitieren können.

Fazit

Ein unangekündigter und unausgereifter Schnellschuss vor den Sommerferien, der Web 2.0 sein möchte, aber doch sehr Web 1.0 ist. Wer die journalistisch auf Klarheit und Sachlichkeit getrimmten Artikel der NZZ lesen möchte, will das nicht in einem unklaren Umfeld tun. Leser zur Debatte einladen bedeutet mehr, als ihnen nur eine Spielwiese inklusive einem Wächter für Recht und Ordnung zur Verfügung zu stellen. Etwas mehr Zeit und etwas mehr Mut hätte dem Projekt sicher gut getan.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Frank Schrillmacher

    10.07.07 (08:37:53)

    Geradewegs das alte Design, welches von Zeit und Mode sich abhob, versicherte dem NZZ-Leser, dieses Blatt sei etwas Besonderes, eines, das nicht allen Moden hinterherrennt, sondern eigene Richtlinien definiert. Doch die NZZ ist eine Zeitung wie jede andere, keinesfalls einzigartig und ragt ausserdem auch nicht heraus. Genau der neue Online-Auftritt verstärkt die Beliebigkeit jener Zeitung unsres Jahrhunderts, die inhaltlich miteinander verschmelzen.

  • andreas

    10.07.07 (10:24:16)

    Was besser geworden ist, ist die Präsentation der aktuellen Artikel. Mehr auf der Startseite und übersichtlich, weil ich eh nie auf die Ressorts klicke. Schlecht ist, dass das aktuelle Radarbild für Niederschlag (meine am meisten genutzte Funktion von NZZ-Online) nicht mehr auf der Front ist. Der Rest ist aber schlecht. Und die News auf der Front-Seite dürften ähnlich wie bei SpOn ein paar mehr sein. Aber immerhin ist's besser als früher mit den drei kläglichen Teasern...

  • Zenblé

    10.07.07 (10:41:51)

    Gute Analysen. Trifft den Nagel auf den Kopf. Hoffen wir mal, dass wenigstens einige der legendären Web2.0-Journalisten der NZZ einige Blogs und die Kommentare auf der entsprechenden Seite (meiner wurde nicht veröffentlicht) lesen und auch an den Verbesserungen nicht sparen.

  • Claudio

    10.07.07 (14:20:56)

    Danke für die Analyse! Ich hätte nicht gedacht, dass das neue Design so schlecht abschneidet... Dass sich zeit.de und NZZ-Design wundert mich seit heute gar nicht mehr. Sie setzen schliesslich auf das gleiche CMS (Polopoly). Dies hat eMeidi rausgefunden.

  • Sarah

    10.07.07 (14:46:43)

    Ich versuche mich seit Tagen krampfhaft an die neue digitale NZZ zu gewöhnen. Und ich schwanke in meinem Urteil zwischen "mutig!", "toll, das mit den Kommentaren!", "endlich das Wetter nicht mehr rein verbal!", "verwirrlicher Seitenaufbau", "wo ist der gut sichtbare Link zu NZZ campus?" und "was heisst das Unwort im Spam-Präventionsfeld für Kommentare?". Auch wenn meine konservative Ader durchdrückt, die findet: "was war denn so schlecht am alten Portal, war es nicht die beste Online-Zeitung im ganzen Internet?", halte ich es für möglich, dass ich nach einigen Anpassungen wieder mit weniger gemischten Gefühlen von meiner Lieblings-Online-Zeitung sprechen kann.

  • Mike Schwede

    11.07.07 (10:16:17)

    Na ja. Eine Analyse ist das ja schon, aber auf einer recht unrepresentativen Basis. Tendenziell geben unzufriedene User mehr Feedback als Zufriedene. 1/3 positive Feedbacks sind daher bereits schon eine grosse Anzahl.

  • phil

    11.07.07 (10:22:14)

    wenn fast ein drittel der kommentare positiv ist (nur die negativen und positiven gezählt), finde ich das eigentlich ziemlich viel. bekanntlich geben ja unzufriedenen kunden viel eher feedback als zufriedene. daher muss man das meines erachtens ein bisschen relativieren. ich persönlich finde das redesign im grossen und ganzen eigentlich gut gelungen. klar braucht es noch einige nachbesserungen (wie zB, dass sich die menus auf mouseover öffnen), aber das braucht es eigentlich fast immer. unterhaltsam finde ich bei den kommentaren zum redesign, dass plötzlich jeder zum internet-experten wird. und auch welche emotionen ein solches redesign auslösen kann. interessant - und amüsant :-)

  • martin

    02.08.07 (01:53:24)

    ich hielt mich früher gerne per nzz online auf dem laufenden. die neue website empfinde ich als viel unübersichtlicher, ich finde schlicht das lesenswerte nicht mehr. ich lese nun vermehrt tagi online und spiegel online sowie blogs.

  • Cyril

    05.01.08 (20:11:00)

    Meiner Meinung nach ist der neue Webauftritt sehr gelungen. Die Informationen lassen sich sehr gut konsumieren. Es ist auch gut, dass auf nervende Web 2.0 Special-Effekte verzichtet wurde, denn die Webseite soll in erster Linie informieren und nicht einfach selbstzeckmässig durch das äussere Erscheinungsbild gefallen. Deshalb auch der schnörkellose Auftritt. Ebenfalls bin ich sehr erstaunt über die negative Resonanz der NZZ-Leser.

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