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15.05.14Leser-Kommentare

"Recht auf Vergessen": Suchmaschinenoptimierung ist besser als Rechtsstreit

Wenn Menschen wie der hinter dem Grundsatzurteil gegen Google stehende Spanier nicht mit den Ergebnissen zu Namens-Suchen einverstanden sind, gibt es ein besseres Mittel als den Rechtsstreit: die aktive Einflussname durch Onlinepräsenz und Suchmaschinenoptimierung.

MarioEs hat lange gedauert, bis ich gedanklich zu einem kohärenten Standpunkt zum jüngsten Grundsatzurteil des Europäischen Gerichtshofes gegen Google im Bezug auf das "Recht auf Vergessen" gekommen bin. Das liegt nicht daran, dass ich mit der Idee des "digitalen Radiergummis" sympathisiere. Doch ich konnte mich durchaus in den Kläger Mario Costeja González hineinversetzen. Der Spanier empfand das Auftauchen eines auf das Jahr 1998 zurückdatierenden Zeitungsartikels der katalanische Zeitung "La Vanguardia" bei einer Suche nach seinem Namen als rufschädigend, weil dieser ihn über ein Jahrzehnt später mit Pfändungen und schlechter Zahlungsmoral in Verbindung brachte. Aus Sicht von González, der laut Medienberichten als Anwalt, Schriftexperte und Professor arbeitet, ist es nachvollziehbar, dass er sich an dieser Darstellung störte. Leider lässt sich aus der Dokumentation des Urteils nicht entnehmen, an welcher Stelle auf den Google-Ergebnisseiten die für den Spanier problematischen Links auftauchten. Es heißt lediglich, dass González im Jahr 2009 bei einer Suche nach seinem Namen auf zwei Links zu Artikeln der angesprochenen Zeitung stieß. Ob es sich dabei um die ersten zehn Ergebnisse handelt oder aber um die Resultatseite 50, bleibt unklar. Zu vermuten ist jedoch, dass es um eine relativ prominente Platzierung auf den ersten zwei Ergebnisseiten ging - die einzigen, die nennenswerte Aufmerksamkeit erhalten. Aktuell erscheint einer der Verweise tatsächlich (und trotz der zahlreichen ganz jungen Presseberichte, die González erwähnen) innerhalb der ersten zehn Treffer. Allerdings könnte das auch auf eine in den vergangenen Tagen rasant angestiegene Zahl von eingehenden Links renommierter Leitmedien zurückzuführen sein.

In jedem Fall habe ich Verständnis dafür, dass jemand keine Begeisterung dafür empfindet, wenn ein uralter Beitrag zu einem wenig vorteilhaften Sachverhalt allen Nutzern bei einer Websuche nach dem Namen ins Auge springt. Allerdings empfinde ich es als sehr schade, dass González den Rechtsweg vorzog, anstatt von den Instrumenten Gebrauch zu machen, die jedem Individuum zur Verfügung stehen, um die Suchergebnisse zu beeinflussen.

Suchergebnisse sind beeinflussbar

Denn anstatt einen fünf Jahre andauernden Rechtsstreit gegen Google anzustrengen, der gewaltige Implikationen und problematische Fragen zur europäischen Wertschätzung von Presse- und Meinungsfreiheit nach sich zieht, hätte González einfach ein paar Blogs, Websites und Profile bei Onlineanbietern aufsetzen und die für einige Monaten pflegen können. Mit großer Sicherheit wären damit die ungeliebten Zeitungsartikel auf die hintersten Ergebnisseiten verschoben worden, wo sie niemand mehr zu Gesicht bekommt.

Ich muss an dieser Stelle zwar spekulieren, dass González dies nicht als Option gewählt hat, berufe mich dabei aber auf einige Google-Recherchen, bei denen mir keine von ihm selbst gepflegten Onlinepräsenzen aufgefallen sind. Der Spanier hat den offensichtlichen Weg nicht gesehen oder nicht sehen wollen, der gewisserweise ein "Online-Grundrecht" für alle Bürger dieser Welt darstellt: Suchergebnisse sind beeinflussbar, und zwar mit relativ einfachen Mitteln.

Positive Suchtreffer verdrängen unerwünschte

Viele aktive Nutzer, die mit ihrem Namen am Webgeschehen partizipieren, bloggen, Kommentare hinterlassen oder anderweitig Sichtbarkeit erhalten, verfahren genau nach dem beschriebenen System, um ihre Reputation zu schützen, selbst wenn irgendwann einmal ihr Name in einem negativen Kontext aufgetaucht sein sollte. Die Faustregel lautet: Missfällt einem bei der "Egosuche" ein Eintrag, lässt dieser sich am besten durch 100 "wunschgemäße" Ergebnisse verdrängen.

Wahrscheinlich hätte Mario Costeja González, der auf Fotos wie ein Mann um die 50 aussieht, sich und der europäischen Internetwelt viel Ärger ersparen können, hätte er es gewollt oder gewusst. Stattdessen sorgt er dafür, dass nun Suchmaschinen - auch dank dazu animierender Presseberichterstattung - mit Löschanfragen bombardiert werden könnten, und dass Personeinformationen aus dem Index verbannt werden, die für Suchende vielleicht doch von Relevanz sind. González selbst sagt zwar, dass er zufrieden sei, hat aber eigentlich gar nichts gewonnen. Denn jetzt weiß die ganze Welt von seiner Geschichte. Die er ja eigentlich verbuddeln wollte. /mw

Kommentare

  • Soweit

    15.05.14 (11:02:24)

    Soweit sind wir schon, dass das Opfer selbstständig über "Monate" irgendein dusseliges Blog führen soll, damit die armen (kommerziellen!) Suchmaschinen nicht mit Löschanfragen bombardiert und der Rest von uns sich nicht mit wichtigen Netzfragen befassen muss? Da bleibt mir fast die Luft weg. Im übrigen: entsprechende Tools vorausgestetzt sind solche negativen Eintragungen natürlich auch auf Seite 50 noch für missliebige Versicherungen, Geschäftspartner, Arbeitgeber usw. auffindbar, ein übertünchen mit sinnlosem Schrott ändert hier nichts.

  • scanlines

    15.05.14 (11:04:53)

    Noch viel besser als überhaupt an der Präsentation seiner Selbst im Internet herumzuschrauben - der Einfluss ist ohnehin begrenzt -, wäre es, wenn Menschen einfach erkennen würden, daß es sich bei dem als Problem begriffenen Artikel eben um einen Vorgang aus der Vergangenheit handelt. Vergangenheit lässt sich nicht ändern. Es ist geschehen. Die Erinnerung an diese zu tilgen zu versuchen ist wirklich grotesk. Es muss einfach allen klar sein, daß sich in der Zwischenzeit einiges geändert hat, vor allem der Mensch. Man muss Menschen eben diese Möglichkeit zur Veränderung zugestehen. Das geht über die berühmte "zweite Chance" hinaus, denn niemand ist dieselbe Person, die er vor Jahren war. Das technische Herummanipulieren an sozialen Konstrukten verschlimmbessert fast immer nur die Situation.

  • Martin Weigert

    15.05.14 (11:09:34)

    a) stimme ich deiner Begrifflichkeit nicht zu ("Opfer"???) und b) hatte der Herr Zeit und Zahlungsbereitschaft für einen fünf Jahre andauernden Rechtsstreit gegen Google. Dagegen wären ein paar Stunden zum Aufsetzen einiger Profile oder eine entsprechende Beauftragung einer Agentur ein Mini-Aufwand. Was "entsprechende Tools" angeht: Darum ging es nicht. Es ging, so wie ich das Urteil sehe, um reine Namenssuchen, nicht darum, was Profis machen, die gezielt Kompromittierendes finden wollen. Diese Profis werden ohnehin die angesprochenen Zeitungsartikel auffinden.

  • Martin Weigert

    15.05.14 (11:12:22)

    Ich bin ein großer Fan der Idee "Learn to forgive, not to forget". Nur: Ich bekomme manchmal den Eindruck, der Mensch und die Gesellschaft, in der er lebt, ist dafür bislang nicht "optimiert". Ein Urteil wie das aktuelle hilft natürlich nicht, dies zu verändern.

  • Soweit

    15.05.14 (11:24:11)

    Das der Mann sich 5 Jahre Zeit nehmen musste, ist ja der prinzipiellen Natur der Frage geschuldet, die eben erst geklärt werden musste. Dem Mann das heute vorzuwerfen, ist eine erneute Umkehrung der Verhältnisse. Wenn es nach ihm gegangen wäre, und wie das Urteil es ja jetzt auch bestätigt, hätten es sicher keine 5 Jahre sein müssen. Ich finde diese neue Technikgläubigkeit sehr bedenklich. Es wird allzuoft vergessen das kein Google oder Facebook seine Dienste zum Spaß und zur Weltverbesserung anbietet. Hier geht es ausschließlich um kommerzielle Interessen. Diese Dienste sollten sich immer an dem orientieren müssen, was die Gesellschaft will. Dass die Gesellschaft nur noch den durch die Technik gesetzten Fakten hinterherhinken und sich ihnen anpassen soll, ist pervers und gibt die Kontrolle aus der Hand.

  • Martin Weigert

    15.05.14 (11:34:50)

    Was die Gesellschaft will, ist aber nicht so einfach. Heute will Gonzales, dass ein für ihn unvorteilhaftes Suchergebnis verschwindet. Morgen wird Gonzales das Suchergebnis zu einem windigen Geschäftspartner vorenthalten, der seine Reputation durch Linklöschung künstlich hat säubern lassen. Heute ist der "Gewinner" des Urteils, morgen Verlierer.

  • Soweit

    15.05.14 (12:00:53)

    "Heute ist der “Gewinner” des Urteils, morgen Verlierer." Das ist in der Tat einmal ein stichhaltiges Argument, dass besser im Hauptartikel gestanden hätte. Hier geht es aber um Gonzales' Persönlichkeitsrecht. Ich denke es gibt immer noch eine unterschiedliche Behandlung von Privatpersonen (Gonzales) und Unternehmen (windiger Geschäftspartner). Es wird ja oft behauptet, dass man gefälligst nichts ins Netz lassen sollte, was man dort nicht haben will. Das hat man aber immer seltener in der Hand. Wenn ich auf Malle einen hebe und zufällig im Hintergrund eines Bildes von Person XYZ bin, lande ich u.U. ratzfatz auf FB oder Picasa. Dank immer besser werdender Gesichtserkennung selber Wohltäter sicher auch bald mit Namen. Ich sage nicht, dass ich genau weiß, was die Gesellschaft wirklich will. Ich glaube aber, dass a) die meisten Menschen sich über ein bisschen Privatheit durchaus freuen und b) dass wir darüber sprechen müssen, was wir wollen. Dazu dienen auch Gerichtsverfahren wie das beschriebene. Der Beißreflex auf Technikkritik bringt uns jedenfalls nicht weiter, sondern lediglich in die Abhängigkeit der Anbieter und deren weitere Nutznießer wie z.B. der NSA.

  • Dr. Feelgood

    16.05.14 (17:07:47)

    Ich finde das gut, dass Allmacht-Datenkrake Google endlich mal ein Riegel vorgeschoben wird. Es ist bedauerlich, dass der Mann 5 Jahre für sein "Recht" kämpfen musste.

  • Michael

    16.05.14 (20:37:20)

    Ich stimme zwar zu, dass Herr González die Möglichkeit gehabt hätte, seinen Namen durch SEO quasi rein zu waschen. Allerdings wirkt die Aussage auf mich so, als ob man einem als Dorf-Feigling bekannten Bürger nahelegt, er möge in die Feuerwehr eintreten. Ich denke, der Mann hat schon ein Recht darauf, dass seine Persönlichkeit gemäß Grundgesetz geschützt bleibt, ohne dass er hierfür eigene Anstrengungen betreiben muss (außer, dass er für sein ihm zustehendes Recht kämpfen muss). Natürlich könnte man auf einen mehrjährigen Rechtsstreit verzichten, aber man stelle sich vor, jeder Rentner, der keine Ahnung von Internet hat und aus irgendeinem Grund schlecht im Internet dargestellt wurde, müsste jetzt Internet-Marketing betreiben: Das wäre doch unrealistisch. Von daher sehe ich dieses Urteil eher als einen Türöffner für diejenigen, die ähnliche Probleme haben und sich jetzt noch nicht einmal direkt auf das Urteil beziehen müssen, da es ja von Google umgesetzt werden muss. Natürlich gebe ich dir Recht, Martin. Gerade in der heutigen Welt mit pfiffigen Arbeitgebern lohnt es sich, wenn der eigene Name auf gute Suchergebnisse führt.

  • David Radicke

    02.06.14 (10:32:05)

    Ich kann dem Artikel nur zustimmen - wenn man nicht möchte, daß auf Seite 1 bei Google hässliche Sachen erscheinen, dann kann man -meistens- mit relativ wenig Aufwand ein paar positive Ergebnisse nach vorne bringen. Das dient natürlich nur dazu, den ersten Eindruck zu verbessern... Wenn jemand detailliert sucht, dann findet er natürlich alle negativen Einträge. Ich habe einen Kunden, dessen persönlicher Fehler in Online-Medien (u.a. bild.de) und ein paar kritischen Blogs mit sehr hämischen Überschriften dargestellt wird. Neben positiven SEO-Maßnahmen werden wir hier natürlich auch die Google-"Löschung" beantragen, weil der Tatbestand der Rufschädigung gegeben sein könnte.

  • Stefan

    04.07.14 (12:05:39)

    Ich denke in dem genannten Einzelfall, war die Löschung der negativen Einträge berechtigt. Es bleibt jetzt jedoch abzuwarten, ob dies ebenfalls bei den weiteren anstehenden Wellen von Löschungsanträgen auch der Fall sein wird, oder ob hier oftmals nicht auch andere Beweggründe eine Rolle spielen.

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