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25.06.14

Recht auf Vergessen: Forget.me illustriert, wie nah Datenschutz und Zensur beieinander liegen

Der französische Dienst Forget.me macht den Prozess, um Links aus Googles Ergebnislisten zu löschen, einfach und intuitiv. Er verbildlicht, wie leicht das Streben nach Datenschutz über die Stränge schlagen und in Zensur übergehen kann.

 

Forget.meDer Entscheid des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) zum Recht auf Vergessen und die darauf folgende Einrichtung eines Linklöschverfahrens durch Google sind ein zweiseitiges Schwert. Die Änderung kann sich als fair für Einzelne erweisen, die in Suchresultaten zu Unrecht in einem schlechten Licht dargestellt werden. Sie birgt aber gleichzeitig das große Risiko, in erster Linie von Mächtigen und einflussreichen Menschen "missbraucht" zu werden, die - nicht im Interesse der Allgemeinheit - ihre beschmutzte Weste reinwaschen wollen.

Was die Brisanz des Konsequenzen aus dem Urteil bislang noch begrenzte, war der mehrere Schritte beinhaltende, nicht gerade anwenderfreundliche Prozess, den Betroffene durchlaufen mussten, um seitens der Suchmaschine eine Einzelfallentscheidung zu erwirken. Doch ein neuer Dienst des französischen Reputationsmanagement-Spezialisten Reputation VIP ändert dies nun: Auf Forget.me finden User ein intuitives, komfortables Tool, um über einen simplen Schritt-für-Schritt-Vorgang Linklöschungen in Auftrag geben und im Überblick behalten zu können. Forget.me

Abgesehen von der netten grafischen Aufmachung, den Visualisierungen und den ausführlichen Erklärtexten zeichnet sich Forget.me auch dadurch aus, dass User nicht wie beim Google-"Löschservice" manuell die zu entfernenden Website-URLs liefern müssen. Stattdessen zeigt Forget.me eine Live-Ergebnisliste zur Suche nach dem persönlichen Namen an. Neben jedem Eintrag befindet sich eine prominent platzierte Schaltfläche "Forget this". Wer diese betätigt, muss auf der Folgeseite noch die passende juristische Rechtfertigung auswählen und den Scan eines Dokuments zur Identifizierung hochladen. Fertig. Der Antrag zur Entfernung kann direkt über Forget.me abgesendet werden. Der Service hält User anschließend im Mitgliederbereich darüber auf dem Laufenden, inwieweit die Website, die ihnen ein Dorn im Auge ist, noch immer bei der Eingabe ihres Namens in den SERPs auftaucht. Auch über eintreffende Mitteilungen von Google zur Sachlage werden User informiert, verspricht Forget.me.

An und für sich muss man den Franzosen applaudieren, dass sie den von Google bereitgestellten, textlastigen Prozess schön und userfreundlich verpacken (auch wenn es neben Englisch und Französisch noch keine deutschsprachige Version gibt und eine Registrierung erforderlich ist). Gleichzeitig zeigt der Dienst aber auf, wie schnell ein im Einzelfall die persönliche Integrität und Privatsphäre schützendes Urteil Tür und Tor für systematische Zensur eröffnet. Zwar kann auch Forget.me Benutzern nicht garantieren, dass ihr Löschauftrag den Bedingungen entspricht, die Google aus dem EuGH-Urteil als Voraussetzung für eine Entfernung ableitet. Doch die hübsche Optik und die Darstellung eines jeden Suchergebnisses als scheinbar sofort löschbare Einheit verändern die Vorzeichen: Es wird so getan, als seien persönliche Suchergebnisse eine nur zeitweilig existierende Zusammenstellung von Website-Links, die dank des EuGH-Vorstoßes über sich nutzerfreundlich präsentierende Dienstleister beliebig und entsprechend den eigenen spontanen Wünschen modifizierbar sind. Eine Vorstellung, die den Anfang für einen bedenklichen Wertewandel hinsichtlich der gesellschaftlichen Bedeutung von Informationsfreiheit auslösen kann.

Unsere Demokratie lebt und profitiert davon, dass sich Informationen, deren Zugänglichkeit potenziell im allgemeinen Interesse liegt, nicht einfach so aus dem öffentlichen Sichtfeld ausradieren lassen. Das Urteil des Gerichtshofs aber legitimiert eine Haltung, die genau dieses Bestreben bis zu einem gewissen Grad salonfähig macht. Alles im Namen des Datenschutzes. Leider lässt sich dieser leicht zu fragwürdigen Zwecken instrumentalisieren.

Die neue Rechtsprechung, die mittlerweile schon Nachahmer in anderen Ländern findet, zeigt, wie nah Datenschutz und Zensur im Internetzeitalter beieinander liegen können. /mw

via The Verge

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