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24.04.14

Readmill-Gründer Henrik Berggren nach der Dropbox-Übernahme: "Der E-Book-Markt ist äußerst schwierig"

Der Entschluss, das eigene E-Book-Startup aufzugeben und unter das Dach von Dropbox zu ziehen, war laut Readmill-Macher Henrik Berggren ein sehr pragmatischer. Anders als zur Gründung vor drei Jahren gehofft, sei die digitale Buchbranche noch immer ein extrem schwieriger Markt.

Vor knapp einem Monat gab das Berliner E-Reading-Startup Readmill die Übernahme durch Dropbox und das bevorstehende Ende des Dienstes bekannt . Abgesehen von einem Abschiedstext auf der Website sowie einer kurzen Hommage an den Internetstandort Berlin wollten sich die Gründer Henrik Berggren und David Kjelkerud damals nicht ausführlicher zu den Hintergründen äußern. Auch deshalb, weil die neue Arbeitgeberin aus Kalifornien für kurz darauf die Präsentation diverser Produktneuheiten geplant hatte, zu denen im Vorfeld Stillschweigen vereinbart worden war. Nun, einige Wochen später und nach etwas Zeit für Reflexion, gibt CEO und Co-Founder Berggren im Gespräch mit netzwertig.com Einblicke in die Entwicklung, die zu der Akquisition führte. Henrik BerggrenNicht erfüllte Hoffnungen an das E-Book-Segment

Die gedanklichen Weichen für einen eventuellen Exit stellten er und seine Kollegen im Oktober, als sie eine Analyse der Lage zu der Einsicht brachte, dass ein noch sehr langer Atem notwendig wäre, um im E-Book-Markt ein wirtschaftlich tragfähiges Geschäftsmodell aufzuziehen. Readmills Nutzerzahlen, die am Ende im Bereich von "mehreren Hunderttausend" lagen, stiegen zwar, aber langsamer als geplant. Umsatz hatte das Startup noch keinen vorzuweisen. Der von den Großverlagen weiterhin forcierte Kopierschutz bei E-Books, die von Apple bei In-App-Käufen berechnete 30-prozentige Provision sowie eine allgemeine Ernüchterung im digitalen Lesemarkt sorgten bei den Wahlberlinern und ihren Investoren für keine so positive Bewertung der Zukunftschancen.

"Als wir Readmill gründeten, gingen wir davon aus, dass sich im E-Book-Segment innerhalb von zwei bis drei Jahren einige Rahmenbedingungen verbessern würden - etwa was die DRM-Situation oder die ökonomischen Aspekte von In-App-Käufen betrifft. Leider bewahrheiteten sich nicht alle unsere Hoffnungen", konstatiert Henrik Berggren. Man könne beim Verkauf digitaler Bücher keine 30 Prozent des Umsatzes an Apple abführen und gleichzeitig wirtschaftlich arbeiten, so der gebürtige Schwede, der vor Readmill für einen Job bei SoundCloud nach Berlin zog.

Langjährige Beziehungen zu Dropbox

Berggren, der sich nach viereinhalb Jahren in der deutschen Hauptstadt auf ein neues Abenteuer freut, widerspricht dem Tenor der Presse, dass es sich um einen Notverkauf gehandelt habe. Aktiv habe man überhaupt nicht nach einem Käufer gesucht. Aber als zwischen Dropbox und Readmill in Folge langjähriger existierender Kontakte eine Annäherung stattfand und sich das Vorhandensein kompatibler Werte abzeichnete, sei es laut Berggren eine pragmatische Entscheidung gewesen, ein neues Kapitel zu beginnen. Von den elf Readmill-Beschäftigten sind sieben zu Dropbox gewechselt. Derzeit laufe der Prozess, um alle mit dem notwendigen Arbeitsvisum für die USA auszustatten.

Den Glauben an die Vorzüge des "gemeinsamen", mobilen Lesens hat Henrik Berggren nicht aufgegeben. Er glaubt aber heute, dass es sich um Herausforderungen handelt, die man nur lösen kann, wenn man fünf oder mehr Jahre an dem Thema arbeitet. "Vielleicht waren wir auch etwas zu früh auf dem Markt", vermutet Berggren. Das mobile Lesen stecke seiner Ansicht nach noch immer in den Kinderschuhen. Und auch wenn er und seine Kollegen bei Dropbox vorläufig das Thema E-Books hinter sich lassen, will er nicht ausschließen, dass er auf lange Sicht wieder mit Fragen der digitalen Lektüre zu tun haben wird.

Berlin war die ideale Stadt für Readmill

Berlin verlässt Berggren mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Als Standort für Readmill sei es die perfekte Wahl gewesen. Die meisten Mitglieder des Startups seien extra für den Job in die deutsche Hauptstadt gezogen. In vielen anderen Metropen wäre ein solcher Prozess für eine junge Firma wegen einer geringeren Anziehungskraft und hoher Lebenshaltungskosten deutlich schwieriger gewesen. Auch wenn Berggren der Spreestadt erst einmal Lebewohl sagt, will er ihr weiter verbunden bleiben. Aktuell ist er nochmals vor Ort, um Abschied zu nehmen und offiziell seine Zelte abzubauen. Und um vielleicht noch einmal das einzigartige Nachtleben zu genießen. Wobei er laut eigener Aussage als jemand, der die 30er-Marke passiert hat, mittlerweile andere Prioritäten habe. Das trifft sich gut, denn in seiner neuen Heimat San Francisco schließen die Clubs zu einem Zeitpunkt, an dem in Berlin auf der Tanzfläche noch gähnende Leere herrscht. /mw

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