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31.05.10Leser-Kommentare

Qype-Gründer Stephan Uhrenbacher im Interview: "Es gab Gespräche mit Foursquare"

Stephan Uhrenbacher hat mit Qype eines der erfolgreichsten deutschen Web-Startups aufgebaut. Im Interview beleuchtet er den zukünftigen Qype-Fokus, die Herausforderungen der hiesigen Internetlandschaft sowie das kommende "Facebook-Web".

Er ist einer der erfahrensten Köpfe in der deutschen Internet- und Startup-Landschaft: Stephan Uhrenbacher gründete im Jahr 2005 das Bewertungs- und Städteportal Qype. Heute ist der Dienst mit Sitz in Hamburg neben Deutschland auch Marktführer in Großbritannien und Frankreich und gilt als eine der wenigen internationalen Erfolgsgeschichten deutscher Social-Web-Startups.

Im Interview erklärt Stephan Uhrenbacher, wieso es bei Qype bald eine Checkin-Funktion geben wird, warum das Unternehmen stärker auf Facebook als auf den direkten Konkurrenten Yelp schaut und weshalb die europäische Webbranche ein Clusterproblem hat.

Du hast Ende 2008 den Posten als Geschäftsführer von Qype niedergelegt und sitzt seitdem im Aufsichtsrat, dessen Chairman du seit Dezember 2009 bist. Trotzdem arbeitest du nun wieder operativ. Wie kam es dazu?

Wir haben in den letzten Monaten viel in den mobilen Bereich investiert und sind dort sehr gut vorangekommen. Nun geht es darum, die Qype-Website anzupassen. Da haben sich über die Jahre viele Elemente, Texte und Handlungsaufforderungen angesammelt, die mitunter gar nicht mehr notwendig sind. Unser Ziel ist es, die Website etwas abzuspecken und unnötigen Ballast über Bord zu werfen. So etwas liegt mir, deshalb war es klar, dass ich mich dieser Aufgabe widme. Letzlich geht es darum, die User Experience der mobilen und der Desktop-Variante von Qype zu vereinheitlichen. Auch in Hinsicht auf den Launch von Checkins...

Das heißt, dass man in Zukunft über Qype in Locations "einchecken" kann, so wie man das von Foursquare und anderen ortsbezogenen Diensten her kennt?

Genau. Wobei es uns nicht darum geht, Foursquare oder ähnlichen Anbietern nachzueifern. Checkins haben sich als die allgemein gängige Art etabliert, wie Nutzer im mobilen Internet ihren aktuelle Standort veröffentlichen. Checkins als solche halte ich für eine "Commodity", also für ein Feature, das für keinen Anbieter als Alleinstellungsmerkmal reicht, sondern zukünftig bei vielen Services zu finden sein wird. Qype Radar, unsere mobile Applikation, ist auf rund 21 Prozent aller iPhones in Deutschland installiert. Die Android-Nutzung legt gerade massiv zu, vorige Woche haben wir eine Kooperation mit Nokia verkündet, und in Kürze kommt eine Blackberry-App. Qype Mobile hat für uns also eine enorme Bedeutung, und die Erweiterung unseres Angebots von Empfehlungen und Beurteilungen für Orte und Locations mit Checkins liegt da nahe.

Ist es denn sinnvoll, dass nun jeder Dienst seine eigene Checkin-Funktionalität aufbaut?

Wir haben Gespräche mit Foursquare geführt, uns dann aber dazu entschieden, unser eigenes Checkin-System aufzubauen. Das bietet sich auch an, immerhin besitzen wir ja eine umfassende Location-Datenbank. Auf diese wiederum greifen andere Location Based Services über die Qype API zu.

Ohnehin muss man nun abwarten, wie Facebook sich verhält. Der Start eines eigenen Location-Features von Facebook ist nur eine Zeitfrage, und wir gehen davon aus, dass der Bereich dann sehr schnell von Facebook dominiert wird.

Das klingt, als schaut ihr bei Qype mehr auf das, was Facebook macht, als auf die Entwicklung eures direkten Wettbewerbers Yelp...?!

Ja das stimmt. Und auch Yelp schaut mehr auf Facebook als auf uns. Über viele Jahre haben sich Onlineservices vorrangig an Google orientiert und ausgerichtet. Mit Facebook gibt es nun einen neuen mächtigen Mitspieler. Was Facebook fehlt, sind "Entdeckungsfunktionen" - egal ob für Musik, Reisen oder Locations. Das ist die Stärke von Qype. Deshalb halte ich das, was wir machen, heute mindestens für genauso relevant und sicher wie vor fünf Jahren.

Wichtig ist, dass Facebook die Voraussetzungen dafür schafft, dass sich Drittanbieter guten Gewissens nah an das Social Network anlehnen können. Qype hatte die Möglichkeit, als Startpartner von Facebooks Open-Graph-Produkt dabei zu sein. Allerdings haben wir uns entschieden, erst einmal abzuwarten. Die Frage ist nämlich, zu welchen Kosten man eine Verknüpfung mit externen Anbietern eingeht, was eine mögliche Verunsicherung der Nutzer oder Informationen betrifft, die Dritte (wie Facebook) dadurch erhalten würden.

Den europäischen Vorstoß von Yelp siehst du also gelassen?

In Deutschland, Frankreich und Großbritannien hat Qype alle Wettbewerber marginalisiert. Und anderthalb Jahre, nachdem Yelps UK-Site online ging, wächst Qype auf der Insel weiterhin schneller als Yelp. Auch lagen wir stets einen Schritt vor Yelp, was die technische Entwicklung betrifft: Wir veröffentlichten z.B. vor Yelp die Integration von Google Maps und die iPhone-Applikation. Sicherlich hat Yelp aufgrund seiner US-Herkunft besseren Zugang zu Kapital, aber bisher sehen wir dennoch keinen Grund zur Sorge.

Apropos Kapital... ist Qype mittlerweile profitabel?

Nein, da wir derzeit sehr viel in die Entwicklung des mobilen Bereichs investieren. Außerdem läuft die Monetarisierung im Ausland erst an. Schaut man lediglich auf die deutsche Site, dann wäre diese vermutlich profitabel. Aber wie gesagt - Wachstum ist für uns aktuell wichtiger.

Mike Butcher von TechCrunch Europa fragte kürzlich in einem Beitrag, ob Qype ein Exit-Problem hätte...

Dieses Problem sehe ich nicht. Es gab kaum eine Firma mit Online-Aktivitäten im "Local"-Bereich, die nicht irgendwann mal bei uns bezüglich Partnerschaft angefragt hat. Wir sind der Ansicht, dass es momentan sinnvoller ist, die Expansion und Monetarisierung voranzutreiben.

Wieviel Anteile besitzt du an Qype?

Das ist durchaus noch relevant ;)

Wie hat sich die deutsche Webbranche seit der Gründung von Qype im Jahr 2005 verändert?

Ich glaube, es gibt mittlerweile eine ganze Reihe guter Leute, sowohl im Entwicklungs- auch im Produktbereich. Mehr als damals. Auch hat sich die Bereitschaft von Absolventen, ein Startup zu gründen, meines Erachtens nach erhöht. Das ist erfreulich. Was ich persönlich etwas bedauere, ist die noch immer existierende Mentalität, lieber schnell etwas zu kopieren, als ein völlig neues Produkt zu bauen. Die sensationellen Exits der Samwer-Brüder dienen hier als Vorbild für viele.

Schaut man auf Europa und vergleicht mit dem US-Markt, so "leiden" wir noch immer an einem Clusterproblem - nicht nur geografisch, weil Talente und Know-how über viele Städte verteilt sind und sich nicht wie im Silicon Valley an einem Fleck konzentrieren, sondern auch, weil es in der USA dadurch leichter ist, Erfahrungen im Internetsektor zu sammeln und aufzusteigen. Wer jetzt bei Facebook arbeitet, war vorher vielleicht bei Google und davor bei LinkedIn...

Was können wir tun?

Wir können alle versuchen, ein bisschen mehr zusammenzurücken. Es passiert auch schon, wenn man sieht, wie viele Gründer und Spezialisten derzeit nach Berlin ziehen - wobei Hamburg natürlich auch nicht schlecht ist... Wir müssen noch mobiler werden. Auch empfehle ich es aufstrebenden Webunternehmen, europaweit zu rekruitieren.

Welche Web- und Tech-Trends verfolgst du mit besonderer Begeisterung?

Ich bin ein großer Freund von Tools, die meine Produktivität erhöhen, und ein begeisterter Nutzer von Evernote und Dropbox. Ich habe ein Faible für alle Geschäftsmodelle, die neue Märkte schaffen, sowie für Produkte, die dazu beitragen, Güter flexibler oder gar ein zweites Mal einzusetzen. Außerdem fasziniert mich momentan, wie das iPad Menschen völlig neue Nutzungssituationen eröffnet. Ich glaube, dass mit solchen Tablets Dinge möglich werden, an die wir momentan noch überhaupt nicht denken.

Wie geht es für dich persönlich weiter?

Neben meiner Arbeit mit Qype fokussiere ich mich darauf, jährlich ein bis zwei Startups in der Rolle des "Executive Chairman" anzuschieben. Dabei unterstütze ich einen Gründer oder ein Gründerteam mit meinem Know-how und meinen Kontakten. Der nachhaltige Internetmarktplatz Avocado Store ist das erste so entstandene Unternehmen.

(Foto: Flickr/tapioliller, CC-Lizenz)

Kommentare

  • Stephan Uhrenbacher

    31.05.10 (09:45:50)

    Hallo Martin, Du hast unser Telefonat wunderbar wiedergegeben, Danke. Die Überschrift ist Dir allerdings etwas reisserisch geraten. Wir wollten Foursquare doch nicht kaufen :-)

  • Martin Weigert

    31.05.10 (09:48:49)

    Die Magie einer für Aufmerksamkeit sorgenden Überschrift... ;)

  • Martin

    31.05.10 (13:37:43)

    Sehr interessantes Interview. Hoffe, mit Qype geht es noch lange erfolgreich weiter. :)

  • AndreasEbert

    31.05.10 (17:37:57)

    ....zum Thema Mentalität des Kopierens: Ist Qype nicht auch auf Basis des Vorbildes Yelp entstanden?

  • Martin Weigert

    31.05.10 (17:46:49)

    Dachte ich früher auch, aber Stephan hat mir glaubwürdig versichert, dass er Yelp noch gar nicht kannte, als er Qype entwickelte. Die Idee eines auf UGC basierenden Empfehlungsportals ist davon abgesehen auch kein so exotisches Konzept, dass nicht mehre Leute gleichzeitig irgendwo in der Welt auf sie kommen könnten.

  • Jan

    31.05.10 (22:31:38)

    Interessant, wie Qype sich entwickeln wird. Ich halte die Implementierung des Check-Ins auf der Qype App allerdings für einen gewagten Schritt. Zumindest ist es eine Abweichung von den Kernfeatures (Bewerten / Kommentieren von Plätzen und über Radar Empfehlungen zu Plätzen in der Umgebung zu erhalten). Wenn man sich mal die Apps von Gowalla und Foursquare ansieht, steht dort immer nur der Check-In im Vordergrund. Dies ist die wichtigste Funktion und wurde daher so einfach wie möglich realisiert. Kommentieren und Bewerten ist da eher nebensächlich (Foursquare Kommentare bieten in den meisten Fällen keine nützlichen Informationen). Wenn der Check-In bei Qype Radar als das-brauchen-wir-jetzt-auch-Funktion am Rande realisiert wird, lenkt das möglicherweise von den Kernfeatures ab und führt so zu einer geringeren Qualität der Anwendung. Ich hätte eine Fokussierung auf die Empfehlungen von Plätzen und eine weitere Optimierung dieses Features für die bessere Entscheidung gehalten, als auf den Check-In Zug aufzuspringen. Aber Qype wird sich da sicherlich ausführlich Gedanken drüber gemacht haben :-) Die Entschlackung der Qype Website halte ich dagegen für eine wichtige und gute Entscheidung. Ich bin gespannt, was daraus wird!

  • spltny

    05.06.10 (23:09:41)

    Interessant, seit geschlagenen fünf Jahren immer noch nicht profitabel. Zudem: Innerhalb eines knappen halben Jahres die Hälfte seiner User verloren, extreme Abhängigkeit von Google-Traffic.

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