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17.10.14

Qualität im Überfluss: Wir haben bereits mehr guten Onlinejournalismus, als wir lesen können

Die Qualität vieler Online-Nachrichtenangebote wird zu Recht kritisiert. Doch wer ein bisschen sucht, kann sich bereits mehr Rosinen herauspicken als er essen kann. Fehlt uns überhaupt noch etwas?

Qualitaet_Flickr

Immerhin: Focus Online hat es im Nachhinein als "Panne" bezeichnet, dass am Dienstag die Nachricht über den 40. Geburtstag von Hello Kitty als Eilmeldung herausging . Hätten sie es ernst gemeint, hätte das auch niemanden mehr überrascht. Das Schicksal einer ehemaligen "Wer wird Millionär"-Gewinnerin war am gleichen Tag Topmeldung. Focus Online hat sich mit Beharrlichkeit einen zweifelhaften Ruf als Content-Trommelfeuer erarbeitet. Qualitätsjournalismus, wie die Redaktion selbst behauptet, ist so eine fehlende Gewichtung nicht. Das ist irgendwie jedem klar.

Doch was ist Qualitätsjournalismus eigentlich und wie viel brauchen wir davon? Qualität ist nicht zwingend Länge, auch wenn viele Onlinemagazine sich quasi aus Trotz eine Zeitlang darüber zu definieren versuchten. Es geht um guten Stil und gute Recherche, im besten Falle beides. Kurz: Beiträge, die man gerne liest oder sieht und die im Idealfall noch informieren – wenn ihre Absicht nicht ohnehin Unterhaltung ist, was in Maßen auch nicht verwerflich ist. Blinded_by_the_News_Flickr

Als jemand, der beruflich täglich mit vielen Beiträgen in Berührung kommt, schaffe ich es nicht, mir alles direkt in Ruhe anzuschauen. Vieles wandert auf meine Später-Lesen-Liste, die ich mit dem Tool Pocket verwalte. Folgendes hat sich da bis zum Redaktionsschluss dieses Beitrags binnen einer Woche bei mir angesammelt. Zur Verdeutlichung der Menge habe ich das einfach einmal komplett aufgelistet:

Die Liste enthält natürlich vornehmlich Beiträge, die für meine Arbeit oder Hobbys interessant sind. Eure sähe komplett anders aus, klar. Wichtig ist mir dabei zu erwähnen, dass ich nichts groß aussortieren musste, um jede Quelle nur einmal zu nennen. Es gibt nicht die eine Quelle, auf der ich nur Qualität zu lesen bekomme. Aufgefallen sein wird euch vermutlich, dass sich zahlreiche Videobeiträge darunter befinden. Onlinejournalismus bedeutet eben nicht nur Text.

Ist Qualität etwas anderes als das, was mir gefällt?

Das Ganze ist nur ein Ausriss dessen, was mich interessiert. Ich habe nur etwa 25 Newsfeeds abonniert. Die Quellen stammen zusätzlich von einem Diigo-Empfehlungsstream meines Kollegen Martin Weigert und vom dem, was mir so bei Twitter, Facebook oder zufällig "über den Weg" läuft. Ich könnte noch deutlich mehr haben, wenn ich wollte, aber dafür sie zu lesen, fehlt mir ohnehin die Zeit.

Ist das nun Qualitätsjournalismus? Ich denke ja. Es sind jeweils gut recherchierte Beiträge, die – das erwarte ich zumindest – auch gut geschrieben sind. Sie alle zu lesen und zu gucken, würde mich geschätzt einen halben Arbeitstag kosten, eher mehr. Ich weiß nicht, wie es euch in eurem Berufsalltag geht, aber mir fällt es schwer, mir regelmäßig diesen halben Arbeitstag dafür freizuschaufeln.

Auch guter Nachrichtenjournalismus ist wichtig

Zu gutem Onlinejournalismus gehört für mich allerdings auch ein guter Nachrichtenjournalismus. Es mag zwar alles andere als notwendig sein, dass 500 Quellen die gleiche Nachrichtenmeldung über den "Islamischen Staat" aufgreifen und veröffentlichen. Es kostet uns allerdings auch nur wenige Augenblicke, das gewünschte Medium herauszufiltern, auf dem wir sie lesen. Dass es diesen transparenten, hochaktuellen Nachrichtenjournalismus gibt, halte ich für einen Segen. Wir haben im Prinzip die Freiheit, brandaktuelle, fundierte Nachrichten dort zu lesen, wo immer wir sind und auf welcher Seite auch immer wir mögen. Und wir haben derart viele unterschiedliche Quellen, dass diese im Prinzip die Möglichkeit haben, sich gegenseitig zu kontrollieren. Ein Luxusproblem.

Morning_News_Flickr

Das einzige, worüber es sich immer wieder zu beschweren lohnt, sind eine zu kurz geratene Recherche, Falschmeldungen und Füllmaterial, das vor der Veröffentlichung niemand vorher auf den Nachrichtenwert abgeklopft hat. Das hätte dann im engeren Sinne allerdings auch nichts mehr mit Journalismus zu tun, egal ob man den Qualitätsbegriff dabei strapaziert oder nicht.

Es gibt online nicht die eine Qualitätszeitung

Man kann die deutsche Online-Presselandschaft nur bedingt mit der TV-Landschaft auf eine Stufe stellen, aber das Ergebnis ist ähnlich: Es gibt ein viel größeres Angebot als jeder Einzelne lesen könnte und es gibt gefühlt 80 Prozent Schrott. Trotzdem gibt es immer wieder Sendungen darunter, die man sich gerne anschauen mag. Wahrscheinlich sogar mehr als wir ahnen und mehr als wir gucken können. Es gibt diese Qualität eben nur nicht auf nur einem Sender, sondern eingebettet in viel Überfluss verteilt auf ganz viele. Ebenso wie es zu viel Musik zur Auswahl gibt, als wir sie jemals hören könnten.

Mein persönliches Fazit deswegen: Natürlich wäre es schöner, wenn Focus Online und Konsorten nur noch Qualität produzieren würden; aber mehr Zeit, diese zu lesen, hätte ich damit noch lange nicht. Ich freue mich auf mehr Qualität, auch von den Krautreportern und anderen, damit ich noch mehr Auswahl habe. Aber ich habe schon jetzt dauerhaft mehr Newsbeiträge und Hintergrundgeschichten, als ich lesen kann, und dank guter Empfehlungen einen konstanten Strom interessanter Beiträge, der niemals abreist. Und viel mehr als das brauche ich eigentlich nicht. Vielleicht müssen wir uns von dem Gedanken verabschieden, dass wir, wie vielleicht früher, eine Qualitätszeitung kaufen, und damit abgedeckt sind. Das Äquivalent für die Online-Welt gleicht einem Flickenteppich, der sich aus einer fast unüberschaubaren Menge an Quellen zusammensetzt.

Bildquellen: Jason Taellious, Ahmad Hammoud, John Ragai unter Creative Commons Lizenz BY-SA 2.0 und BY 2.0

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