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17.10.14Leser-Kommentare

Qualität im Überfluss: Wir haben bereits mehr guten Onlinejournalismus, als wir lesen können

Die Qualität vieler Online-Nachrichtenangebote wird zu Recht kritisiert. Doch wer ein bisschen sucht, kann sich bereits mehr Rosinen herauspicken als er essen kann. Fehlt uns überhaupt noch etwas?

Qualitaet_Flickr

Immerhin: Focus Online hat es im Nachhinein als "Panne" bezeichnet, dass am Dienstag die Nachricht über den 40. Geburtstag von Hello Kitty als Eilmeldung herausging. Hätten sie es ernst gemeint, hätte das auch niemanden mehr überrascht. Das Schicksal einer ehemaligen "Wer wird Millionär"-Gewinnerin war am gleichen Tag Topmeldung. Focus Online hat sich mit Beharrlichkeit einen zweifelhaften Ruf als Content-Trommelfeuer erarbeitet. Qualitätsjournalismus, wie die Redaktion selbst behauptet, ist so eine fehlende Gewichtung nicht. Das ist irgendwie jedem klar.

Doch was ist Qualitätsjournalismus eigentlich und wie viel brauchen wir davon? Qualität ist nicht zwingend Länge, auch wenn viele Onlinemagazine sich quasi aus Trotz eine Zeitlang darüber zu definieren versuchten. Es geht um guten Stil und gute Recherche, im besten Falle beides. Kurz: Beiträge, die man gerne liest oder sieht und die im Idealfall noch informieren – wenn ihre Absicht nicht ohnehin Unterhaltung ist, was in Maßen auch nicht verwerflich ist. Blinded_by_the_News_Flickr

Als jemand, der beruflich täglich mit vielen Beiträgen in Berührung kommt, schaffe ich es nicht, mir alles direkt in Ruhe anzuschauen. Vieles wandert auf meine Später-Lesen-Liste, die ich mit dem Tool Pocket verwalte. Folgendes hat sich da bis zum Redaktionsschluss dieses Beitrags binnen einer Woche bei mir angesammelt. Zur Verdeutlichung der Menge habe ich das einfach einmal komplett aufgelistet:

Die Liste enthält natürlich vornehmlich Beiträge, die für meine Arbeit oder Hobbys interessant sind. Eure sähe komplett anders aus, klar. Wichtig ist mir dabei zu erwähnen, dass ich nichts groß aussortieren musste, um jede Quelle nur einmal zu nennen. Es gibt nicht die eine Quelle, auf der ich nur Qualität zu lesen bekomme. Aufgefallen sein wird euch vermutlich, dass sich zahlreiche Videobeiträge darunter befinden. Onlinejournalismus bedeutet eben nicht nur Text.

Ist Qualität etwas anderes als das, was mir gefällt?

Das Ganze ist nur ein Ausriss dessen, was mich interessiert. Ich habe nur etwa 25 Newsfeeds abonniert. Die Quellen stammen zusätzlich von einem Diigo-Empfehlungsstream meines Kollegen Martin Weigert und vom dem, was mir so bei Twitter, Facebook oder zufällig "über den Weg" läuft. Ich könnte noch deutlich mehr haben, wenn ich wollte, aber dafür sie zu lesen, fehlt mir ohnehin die Zeit.

Ist das nun Qualitätsjournalismus? Ich denke ja. Es sind jeweils gut recherchierte Beiträge, die – das erwarte ich zumindest – auch gut geschrieben sind. Sie alle zu lesen und zu gucken, würde mich geschätzt einen halben Arbeitstag kosten, eher mehr. Ich weiß nicht, wie es euch in eurem Berufsalltag geht, aber mir fällt es schwer, mir regelmäßig diesen halben Arbeitstag dafür freizuschaufeln.

Auch guter Nachrichtenjournalismus ist wichtig

Zu gutem Onlinejournalismus gehört für mich allerdings auch ein guter Nachrichtenjournalismus. Es mag zwar alles andere als notwendig sein, dass 500 Quellen die gleiche Nachrichtenmeldung über den "Islamischen Staat" aufgreifen und veröffentlichen. Es kostet uns allerdings auch nur wenige Augenblicke, das gewünschte Medium herauszufiltern, auf dem wir sie lesen. Dass es diesen transparenten, hochaktuellen Nachrichtenjournalismus gibt, halte ich für einen Segen. Wir haben im Prinzip die Freiheit, brandaktuelle, fundierte Nachrichten dort zu lesen, wo immer wir sind und auf welcher Seite auch immer wir mögen. Und wir haben derart viele unterschiedliche Quellen, dass diese im Prinzip die Möglichkeit haben, sich gegenseitig zu kontrollieren. Ein Luxusproblem.

Morning_News_Flickr

Das einzige, worüber es sich immer wieder zu beschweren lohnt, sind eine zu kurz geratene Recherche, Falschmeldungen und Füllmaterial, das vor der Veröffentlichung niemand vorher auf den Nachrichtenwert abgeklopft hat. Das hätte dann im engeren Sinne allerdings auch nichts mehr mit Journalismus zu tun, egal ob man den Qualitätsbegriff dabei strapaziert oder nicht.

Es gibt online nicht die eine Qualitätszeitung

Man kann die deutsche Online-Presselandschaft nur bedingt mit der TV-Landschaft auf eine Stufe stellen, aber das Ergebnis ist ähnlich: Es gibt ein viel größeres Angebot als jeder Einzelne lesen könnte und es gibt gefühlt 80 Prozent Schrott. Trotzdem gibt es immer wieder Sendungen darunter, die man sich gerne anschauen mag. Wahrscheinlich sogar mehr als wir ahnen und mehr als wir gucken können. Es gibt diese Qualität eben nur nicht auf nur einem Sender, sondern eingebettet in viel Überfluss verteilt auf ganz viele. Ebenso wie es zu viel Musik zur Auswahl gibt, als wir sie jemals hören könnten.

Mein persönliches Fazit deswegen: Natürlich wäre es schöner, wenn Focus Online und Konsorten nur noch Qualität produzieren würden; aber mehr Zeit, diese zu lesen, hätte ich damit noch lange nicht. Ich freue mich auf mehr Qualität, auch von den Krautreportern und anderen, damit ich noch mehr Auswahl habe. Aber ich habe schon jetzt dauerhaft mehr Newsbeiträge und Hintergrundgeschichten, als ich lesen kann, und dank guter Empfehlungen einen konstanten Strom interessanter Beiträge, der niemals abreist. Und viel mehr als das brauche ich eigentlich nicht. Vielleicht müssen wir uns von dem Gedanken verabschieden, dass wir, wie vielleicht früher, eine Qualitätszeitung kaufen, und damit abgedeckt sind. Das Äquivalent für die Online-Welt gleicht einem Flickenteppich, der sich aus einer fast unüberschaubaren Menge an Quellen zusammensetzt.

Bildquellen: Jason Taellious, Ahmad Hammoud, John Ragai unter Creative Commons Lizenz BY-SA 2.0 und BY 2.0

Kommentare

  • Christof

    17.10.14 (09:09:08)

    Sehr guter Punkt finde ich. Medienkritik wird vielleicht zu häufig von einem umfassenden Anspruch an EINE Publikation (einen Sender, eine Website) geübt ... wobei das Anprangern von journalistischen Fehlleistungen glaube ich schon hilft, den Verantwortlichen ab und zu den Spiegel vorzuhalten, damit sie sich ordentlich erschrecken.

  • Michael

    17.10.14 (12:46:04)

    Völlig richtig, das Internet schafft eine völlig veränderte Informationswelt, als nicht mehr einzelne, sondern unzählige Textmedien genutzt werden. Für Internetnutzer ist das schon heute ein Informationsparadies, nur eben nicht für deren Anbieter, die es irgendwie finanzieren müssen. Die Litaneien um die Finanzierung des Onlinejournalismus sind also in erster Linie ein Problem seiner Anbieter, weniger seiner Nutzer, denn die finden nötigenfalls immer irgendwas Interessantes im Internet zu lesen. Zumal es einzelne exponierte User großteils mit interessanten Beiträgen selbst produzieren und frei in die Sozialen Netze stellen. Woran es im übrigen auch für Nutzer noch mangelt, ist Einordnung, Struktur, Überblick, Aggregation - diese Mängel werden aber von der Überfülle der Angebote schon heute weitgehend überwogen. Erfolgreiche News-Anbieter wie Spiegel Online u.ä. müssten sich eben auch zunehmend zu solchen einordnenden Anbietern von Netz-Überblicken als eine Art zentraler Eingangstore ins Informationsnetz entwickeln. Tun sie aber noch wenig, weil sie lieber nur im eigenen Revier grasen als auf Angebote der Konkurrenz zu verweisen und übergeordnete Informationsstrukturen zu schaffen.

  • Torsten Fuchs

    17.10.14 (14:28:37)

    Schöner Beitrag, der mir aus der Seele spricht und einige Quellen auflistet, die ich auch gelesen habe bzw. lesen will. ich frage mich, wer eigentlich noch die Zeit findet, zusätzlich noch jeden Tag ausführlich eine Zeitung zu studieren. Der Familienvater mit Vollzeitjob wohl nicht.

  • Enno

    17.10.14 (17:28:09)

    Aber die Beispiele, die du auflistest, sind alle nur aus dem Tech-Bereich. Ich behauptet, der stand online schon immer ganz anders da. Aber Feuilleton? Reportagen? Vergleichen wir unzulässigerweise mal den Printspiegel mit der Online-Ausgabe. Diese Diskrepanz sehe ich gefühlt überall.

  • René Fischer

    17.10.14 (23:08:57)

    Mal was anderes: Wo finde ich den angesprochenen Diigo-Empfehlungsstream von Martin?

  • Jürgen Vielmeier

    18.10.14 (10:04:51)

    Davon lese ich wahrscheinlich zu wenig. Kann mir aber nicht vorstellen, dass es da auf Deutsch oder Englisch nicht auch Großartiges kostenlos online geben sollte. Hast du mal Empfehlungen von Flipboard, Google Currents und Co. ausprobiert?

  • Frank

    19.10.14 (16:32:10)

    Lieber Herr Vielmeier, manchmal denke ich, ich verstehe die Welt nicht mehr - zumindest Ihre nicht. Was Sie eingangs Ihres Textes - dessen Gehalt an harter Information noch vor dem Hintergrund seines Erscheinens im Netz nicht wirklich mit der Länge korreliert - als "Idealfall" bezeichnen, war in unserem Beruf mal das "sine qua non" für eine Veröffentlichung: Vernünftig recherchiertes und ebenso aufbereitetes Zeug. Auch scheint mir Ihre Argumentation brüchig: Einerseits behaupten Sie einen Überfluss an Qualität - der grundsätzlich kaum Anlass zur Klage geben sollte - andererseits beklagen Sie einen Mangel an Zeit. Und Sie freuen sich letztlich, so ich nicht missverstehe, über die umfängliche Auswahl; kostet die zu treffen allein nicht auch schon Zeit? Weswegen ich Ihren Schlussfolgerungen nun gar nicht mehr zu folgen vermag: Weil die Onlinewelt einem Flickenteppich gleiche, müssten wir uns vom Gedanken, mit dem Kauf einer Zeitung abgedeckt sein, verabschieden??? Ich weiß nicht, ob wir uns früher nur mit der Lektüre einer Zeitung abgedeckt fühlten. Aber eines weiß ich sicher: Bereits die Lektüre einer GUTEN Zeitung, sei es Tages- oder Wochenzeitung - brachte eine gute Grundlage, auf der man mit noch dem einen oder anderen (gedruckte oder gesendete Magazin und aktuelle Nachrichten, je nach persönlicher Interessenslage) Produkt ziemlich gut auf dem Laufenden war. Und da wundere ich mich dann schon sehr, dass Sie nicht einmal auf die Idee zu kommen scheinen, dass Auswahl und Zusammenstellung einer Gesamtheit an Beiträgen/Formaten/Themen in einer "Erscheinung", sei es Sendung, Ausgabe oder auch Site ein ebenso entscheidendes Qualitätskriterium sind. Enno hat es doch schon andeutungsweise auf den Punkt gebracht! Und es ist und bleibt analytisch betrachet klar das größte Manko des Netzes, an dem auch alles nabelschauliche Neuemediengeschwurbel im Netz nichts ändern wird, dass eben genau das fehlt - ein durch gemeinsame hohe Qualität gekennzeichnetes Erscheinen unterschiedlicher Themen und Formate unter einem Titel. Was übrigens zwischen Online und Print überhaupt keinen Unterschied macht! Bei beiden fand und findet man gerade im Aktuellen alles zigfach repetiert. Aber wenn mit die BILD schon immer suspekt war, musste ich sie für einzelne News auch nicht hernehmen. Was also bitte bringt Ihr Beitrag Neues? Der m. E. die These seines Titels nicht beweist. Es gibt Qualität im Netz - ja! Die muss man mühsam und zeitaufwändig suchen - d'accor. Das war in der Printwelt - zumindest bei einigen Titeln - noch grundlegend anders, als heute im Netz. Dies festzustellen, kostet hier im Postingfenster knappe sieben Zeilen. Mir scheint, was journalistischem Qualitätsverständnis im Netz heute vor allem fehlt - wegen des überbordend billigst vorhandenen "Platze"??? - ist schlichtes Handwerkszeug: Sorgsame Überlegung einer Mischung, ebensolche Recherche und Auswahl der Quellen i. S. einer Beschränkung auf die belastbarsten - und das alles dann bitte überschaubar auf den Punkt gebracht. Dann wird das vielleicht auch mal was mit dem Journalismus im Netz - auch als funktionierendes Geschäftsmodell. Gruß F.

  • Jürgen Vielmeier

    20.10.14 (09:21:12)

    "Weswegen ich Ihren Schlussfolgerungen nun gar nicht mehr zu folgen vermag: Weil die Onlinewelt einem Flickenteppich gleiche, müssten wir uns vom Gedanken, mit dem Kauf einer Zeitung abgedeckt sein, verabschieden???" Um Himmels Willen: Das habe ich nie behauptet und das sehe ich auch nicht so. Lies bitte weiterhin, was du möchtest und was dir Spaß macht! "Es gibt Qualität im Netz – ja! Die muss man mühsam und zeitaufwändig suchen – d’accor." Hier ist vielleicht das Missverständnis entstanden: Ich sage, dass die Qualität auf unterschiedliche Quellen verteilt ist. Dass ich deswegen mehr Zeit brauche, sie mir zusammen zu suchen, sage ich nicht unbedingt. Es gibt bereits gute Dienste und Personen, die diese Qualität aus unterschiedlichen Quellen hervorragend zusammentragen. Meine These ist eine andere: Der Widerleg der Behauptung, dass es im Netz keine Qualität gebe, dass diese nicht möglich sei und dass der Onlinejournalismus deswegen generell schlechter als der Printjournalismus sei. Das Thema wird auch im Jahre 2014 auf jeder Fachtagung aufs Neue diskutiert. Ich sage: Uns fehlt es eigentlich ans nichts, wir müssen uns nur von dem Gedanken verabschieden, dass Online so funktioniere wie Print, was nach wie vor von vielen Verlagen so darzustellen versucht wird.

  • Jürgen Vielmeier

    20.10.14 (09:22:56)

    https://www.diigo.com/user/Imartin

  • Frank

    20.10.14 (19:37:56)

    Da haben wir uns vielleicht tatsächlich missverstanden - mein Beitrag dazu mag darin liegen, dass ich Sites wie bspw. die Nachdenkseiten längst kannte, ehe diese unsägliche Diskussion im Netz aufbrandete. Aber mal ernsthaft: Muss man auf die Behauptung, im Netz gebe es keine Qualität, überhaupt noch EINSTEIGEN, geschweige denn, sie zu widerlegen versuchen? Ist das nicht so offenkundiger Unsinn, dass man -gerade wegen der unüberschaubaren Fülle des Netzes - solchen Dingen nicht noch mehr (unnötigen) Raum geben sollte? Klar, so viel mehr Netz, wie es gegenüber Print gibt, gibt es auch ungleich viel mehr Dreck im Netz - der ist ja schon gedruckt leider keine Seltenheit... Das Problem aber scheint mir doch eher woanders zu liegen: Es gibt für eine kontinuierliche Qualität im Netz an EINEM Ort m. E. noch immer kaum zureichende Geschäftsmodelle - woran die Verlage sicher nicht ganz unschuldig sind, was natürlich aber auch von den völlig anderen Strukturen in der Onlinewelt begünstigt wird. Weswegen mich die von Ihnen im Reply erwähnten Verlagsdarstellungen auch ebenso wenig wundern, wie ich meine, dass wir für solcherlei Quatsch noch ne kropfüberflüssige Tagung oder Diskussion im Netz brauchen - so schwillt dessen Volumen als mentale Müllkippe nur noch unverdient immer weiter an. Vorsichtig wäre ich aber dabei, bei der Differenz beider Welten auf Dienste zu setzen, um die Zusammenstellung qualitativer Dinge zu bewerkstelligen! Welcher Algorithmus bitteschön sollte verlässlich in der Lage sein, Qualität in journalistischem Sinne erschöpfend crawlen, filtern und listen zu können? Birgt nicht ein Fördern dieser - m. E. Suggestion - nicht vielmehr die Gefahr, einer anderen aufzusitzen; der, es brauche heute technologisch bedingt keine nichttechnische Humanqualität mehr, um guten Journalismus hervorzubringen? Stichwort Textroboter? M. E. wohl auch eher keine Entwicklung, die im journalistischen Interesse liegen kann - weder auf Produzenten- noch Rezipientenseite, oder? Gruß FM

  • Jürgen Vielmeier

    20.10.14 (22:55:00)

    "Aber mal ernsthaft: Muss man auf die Behauptung, im Netz gebe es keine Qualität, überhaupt noch EINSTEIGEN, geschweige denn, sie zu widerlegen versuchen?" Klare Antwort: Ja. Schaust du dir die nach wie vor tiefen Gräben zwischen Print- und Onlineredaktionen an und die Vorwürfe zahlreicher Verleger. Oder geh mal auf einen Medienkongress und schau dir eine Podiumsdiskussion zum Thema Medienzukunft an. Du wirst dich ins Jahr 2000 zurückversetzt fühlen. Leider. Immer noch. "Birgt nicht ein Fördern dieser – m. E. Suggestion – nicht vielmehr die Gefahr, einer anderen aufzusitzen; der, es brauche heute technologisch bedingt keine nichttechnische Humanqualität mehr, um guten Journalismus hervorzubringen? Stichwort Textroboter?" Nein, das mag auf den Nachrichtenjournalismus bedingt zutreffen - siehe etwa Techmeme.com als schlechtes Beispiel, während mir das neue Digg.com wiederum viel besser gefällt. Aber es müssen da nicht zwingend Algorithmen die Texte auswählen, das könnten auch Personen sein. Denke, die Textauswahl und Texterstellung sind noch einmal zwei verschiedene paar Schuhe. Für einige Textarten mag Roboterjournalismus eine Hilfe, vielleicht gar ein Ersatz sein. Aber eine Reportage, ein Kommentar, ein Feature, ein Erlebnisbericht, ein Interview von einem Roboter? Stelle ich mir schwer bis unmöglich vor. Danke auf jeden Fall für deine fundierten Kommentare und so viel Interesse an dem Thema!

  • Frank

    21.10.14 (10:41:27)

    Okay, dann lasse ich mich mal auf das "Du" ein - hallo Jürgen. Ist Dein Verweis auf Diskussionen und Kongresse ernsthaft ein Grund, auf die Print vs. online-Geschichte weiter einzusteigen? Muss man echt jeden Scheiß mitdiskutieren - gerade wenn man mal gemerkt hat, wie viel Energie diese Diskussion frisst, die dann naturgemäß für andere Dinge fehlt? Und Robotexting bei Nachrichten? Wird nicht in Meldungen schon genug gequirlte Scheiße verbreitet, gibt es nicht schon genügend "Enten" - weil im Hamsterrad schon Menschen kaum mehr kritisch hinschauen, wenn einen etwas - aus Lebenserfahrung - irgendwie komisch anschaut, und mal zum Hörer gegriffen und genau hinterfragt? (Ja - zum HÖRER! Ausdrücklich!!!) In welchen Roboter bitte ließe sich menschliches Bauchgefühl, "Näschen", Berufs- und Lebenserfahrung einspeisen? Ist das nicht eine arg knapp reflektierte Autosuggestion der Tec-Fascination-Fraktion? Mich jedenfalls nervt diese ganze Diskussion inzwischen nicht nur noch, sie langweilt mich regelrecht. Und sie mutet mich an, wie die Sandkastenkeilerei um die letzten vorhandenen Förmchen und Murmeln. Ich lese heute vielmehr Zeug als früher am Schirm - Mist wie gutes Zeug. Habe mir aber beim SMSen noch nie mein Sattelgelenk deformiert! Und seit einiger Zeit lese ich - nicht lachen, in einem Lesezirkel! - wenige ausgewählte Sachen auch wieder auf Papier und GENIEßE ES! Liegt das daran, weil ich "schon" 50 bin? Oder einfach daran, dass ich mich einfach nicht sinnloserweise gegen die Natur wehren mag - nicht gegen die physiologischen wie anatomische und psychlogische Gesetzmäßigkeiten, die mich als menschliches Wesen nun mal einfach kennzeichnen? Wie gesagt, ich finde diesen ganzen Streit einfach nur noch "spätpubertär" und destruktiv, weil energieverschwendend... Nicht über neue technologische Entwicklungen hyperventilieren, sondern mit ihr spielen, ausprobieren, Enden für's Weiterentwickeln finden, treibt die Welt voran. Der Rest ist eine Subform der Hysterie.... Gruß Frank

  • Jürgen Vielmeier

    21.10.14 (11:42:46)

    Dem würde ich nicht widersprechen. Die meisten Streits sind im Grunde destruktiv und energieverschwendend. Und vieles wird heißer gekocht als gegessen. Der Tablet-Trend etwa. Lesezirkel mit guten Zeitschriften ist doch eine feine Sache. Von daher: Mach doch weiter, was dir Spaß macht! Alles andere lohnt nicht.

  • Jürgen Lange

    28.10.14 (09:39:01)

    Es gibt sicher guten Online-Journalismus, warum soll der Online-Journalismus auch schlechter sein als der in den Print-Medien wiedergegebene. Man muss ihn allerdings suchen und auch finden. Allerdings finden sich im Netz viel mehr Inhalte, womit die Gefahr besteht, einfacher auf Müll zu stoßen. Der Mensch ist allerdings auch ein Gewohnheitstier. Ich habe jahrelang die Frankfurter Rundschau gelesen (1968-1992), teilweise noch die FAZ parallel dazu abonniert gehabt. Irgendwann merkte ich, dass die Frankfurter Rundschau schlechter geworden war (und auch noch schlechter wird, - nach unten gibt es wohl keine Grenze. Viele werden wohl auch gedacht haben, dass diejenigen, die in Zeitungen und Zeitschriften Qualität gebracht haben, dies auch Online schaffen. Gefehlt, denn entweder versuchte man Papier auf dem Bildschirm abzubilden - für mich noch erträglich -, verwechselte Aktualität mit schnell oder stellte die Form und Funktionalität vor den Inhalt. Natürlich gibt es da schon immer Ausnahmen. Das c't hat mir immer gefallen. Die könnten allerdings ihre Kommentarfunktion abschalten (was für viele Online-Publikationen gilt). Manchmal ist es auch ganz gut, die Medien-Informationen anderer anzuschauen. Da folge ich manchmal oder auch gerade nicht. Das ist so wie bei Schallplatten-/CD-Rezessionen, man sortiert schon vor, wer was wie beurteilt. Ein Verriss kann bei mir wie eine Empfehlung wirken, eine Empfehlung zur Ablehnung führen.

  • Michael

    29.10.14 (10:24:03)

    Dass man guten Journalismus schwieriger findet als in einer einzigen Print-Qualitätszeitung ist ja nicht nur ein Nachteil, sondern hat insgesamt viel mehr Vorteile. Insbesondere, wie auch der Artikel schon dargestellt hat, den riesigen Vorteil einer ungeheuren Vielfalt an verfügbaren Quellen. In einen Aggregator oder Feed gucken oder Suchwort in eine Suchmaschine eingeben, schon hat man hunderte Artikel, Videos, Blogartikel, Fotos zu einem oder etlichen Themen. Was freilich auch neue Tools zur Ordnung solcher Suchwörter erfordert - wofür die großen Suchmaschinen, also in erster Linie Google noch wenig bis nichts explizit anbieten. Man kann zwar alles suchen, aber man kann die Suchen noch kaum ordnen. Journalismus müsste wohl insofern viel mehr, als es im Printbereich je möglich war, nur einzelne Artikel zu Klein- und Kleinstbeträgen anbieten und verwerten statt nur als ganze Medien im Gesamtpaket zum Monatspreis. Außerdem muß er sich viel mehr öffnen und vernetzen: In Suchmaschinen und sozialen Netzen. Sich viel vernetzter, strukturierter ausbreiten. Das Internet ist ein riesiger Informationsschreibtisch mit einzelnen angeschlossenen Zugangs-PCs auf den Schreibtischen, auf dem Medien viel mehr Möglichkeiten - etwa in Wikipedia-Art - haben, Informationen, Wissen und Geschichten darzustellen, auszubreiten, zu strukturieren, zu entwickeln und zu vernetzen aka zu verlinken. Bezahlschranken für ganze Medien sind dieser grundsätzlichen Transparenz, Vernetzung und Interaktivität des Internets im Wesen hinderlich und großteils kontraproduktiv. Die ungeheure Vielfalt des Netzes bringt, glaube ich, den Zwang zum Mikropayment für einzelne Artikel. Einzelne Qualitätsmedien, die sich auch im Internet um die Sammlung und Einordnung von Informationen in einzelnen Medien "im Stück" verdient machen, schließt das ja nicht aus.

  • Frank Martini

    29.10.14 (13:34:30)

    Aber genau das, lieber Michael, ist doch das Problem des Netzes! Mal der Reihe nach, weil sich dieser Fred in meinen Augen gerade sehr gut entwickelt, entscheidende Fragen zu stellen. Ausgehend von dem Streit Print vs. Online, was guter Journalismus sei, zunächst mal ausgehend vom offenkundig Konsens beider Seiten: - nett geschriebene, gut lesbare und lesernahe Geschichten von thematischer Relevanz, deren Fakten überprüfbar stimmen, weil tief und sorgfältig genug recherchiert, abgewogen und hinterfragt wurde; um nur mal das allseits lesbare konsensuale telegraphisch zusammenzufassen. Was mir in dieser Auflistung - und im Netz wie in der Diskussion dort (und leider zunehmend auch in den klassischen Medien) an erster Stelle fehlt: verantwortliche Sprachpflege! Schreiben wollen geschieht immer in einer Sprache, weswegen mir deren orthographische, interpunkionelle und v. a. auch syntaktische und stilistische Beherrschung in hohem Maße als Mindestvoraussetzung erscheint. Das setzt Bewusstsein für diesen Grundwert und eine Verantwortlichkeit ihm gegenüber - nicht zuletzt im Sinne klarer Verständlichkeit und auch Leserfreundlichkeit (wird Journalismus nicht oft mangelnder Respekt vor dem Rezipienten vorgeworfen?) voraus. Das weitere an Elementarvoraussetzungen möchte ich mal so umreißen, weil es auch den Punkt einer gewissen Relevanz zumindest teilweise mit abdeckt: Ein diesen sprachlichen Grundfähigkeiten mindestens ebenbürtiges Niveau in Bezug auf die Inhalte. Eine Expertise, die auch durch eine entsprechende fachliche Ausbildung und Erfahrung, mindestens aber durch tiefere (längere) Befassung mit Themen und/oder Entwicklungen voraussetzt. Was man in Summe schon bei sehr vielen Menschen voraussetzen oder erkennen kann, ohne dass auch nur ein Promillebruchteil derer für sich journalistische Kompetenz proklamieren würden! Das wurde früher mal - angestaubt? - mit umfassender Allgemeinbildung umrissen. Dann kommt etwas hinzu, was ich vom o. a. nicht mal sauber trennen möchte: Handwerkszeug, Handwerkszeug und Handwerkszeug! Das sind zum einen sicher rein operativ-technische Fragen. Schon hier zeigen teils nicht nur klassische Medien, sondern v. a. das Internet erschreckende Mängel. Zum Beweis möchte ich die allein über das Netz verbreitete/angebotene Fortbildungselemente in diesem Bereich einerseits, und das, was man so im Netz mit dem ernsthaften Selbstanspruch "guter Journalismus" andererseits so findet, anführen. Zu den Inhalten von ersterem reibe ich mir nicht selten verwundert die Augen und Frage mich, wie man heute solchen Fragen erst schon weiter im Beruf stehend auf den Grund gehen muss - gewisse Dinge waren da mal eher als Grundlagen und Einstiegsvoraussetzungen gefordert! Machen wir es als Beispiel der vielgepriesenen Multimedialität als großem Vorzug des Netzes mal deutlich: Dem "Bewegtbild". Film und filmische Qualität ist weit mehr, als eine zeitgemäße technische Qualität und der Niederschlag der Fähigkeit, irgendwo mit technikbezogenen DAU-Minima ne Cam draufhalten zu können. Inhaltliche Struktur und Gliederung, entsprechende Umsetzung in saubere Schnitte, ein angemessener (weil von technisch hinreichender Grundschule zeugender) Ton und eine nicht zuletzt filmischem Reporting mediengerechtes Texten sind weitere Eckpunkte. Damit genug, weiter will ich mich wegen des Umfangs gar nicht in die operativen Minima der medientechnischen Aspekte vertiefen... Denn es gibt ja noch viel mehr leider kaum in der Diskussion Bedachtes an Qualitätsmerkmalen (leider wiederum auch im Fehlen bei klassischen Medien, die hier ja aber nicht das primäre Thema sind): Die "Mischung" - sowohl verschiedener Aspekte wie ggf. auch der Themen (auf einem Blog, Portal etc.) Auch das wurde und wird hoffentlich noch mal der operativen Seite zugeordnet. Das - in zensorischem Sinne - böse Wort vom im Netz wegfallenden "Gatekeeping" hat in der Wurzel ja eine höchst sinnvolle Komponente: Auswahl nicht als Selbstzweck oder - altmodisches, aber böses Urteil über journalistische Beiträge - "Beliebigkeit", sondern als "Krücke", Mittel zum Zweck für ein höheres Ziel: Der journalistischen Kernaufgabe der Einordnung - dazu gehört auch die Beleuchtung von Hintergründen! - gerecht zu werden. Und genau an diesem entscheidenden Punkt übersieht m. E. der Lobgesang auf den journalistischen status quo im Netz und dessen Möglichkeiten etwas Entscheidendes. So toll man im Netz suchen und noch toller finden kann - das kostet angesichts der Fülle unglaublich viel ARBEIT (> Energie x Zeit). Lösungsansätze? Ad 1: Surfen, wie bekloppt. Dabei bleibt mindestens Zeit auf der Strecke - wenn man die Lust dazu hat und das ist, was man in ökonomischem Sinne sehr angestaubt "Privatier" nannte ist - kein Problem, dann ist dieser status quo im Netz super und wahrscheinlich mehr als hinreichend! Aber was, wenn - wie sicher bei den Meisten von uns - nicht? Ad 2: intelligente Automatisierung. Der es, wie Michael sehr zutreffend feststellt, leider noch fehlt. Wobei das größte unsichtbare Fragezeichen hinter dem "noch" steht! Anders gefragt: Hält man sich die von mir oben ja gerade mal nur angerissene Komplexität von gutem Journalismus in den klassischen Medien von Print bis Funk/TV vor Augen - wie realistisch (oder von mangelndem Technikverständnis gekennzeichnet?) ist es, das was Menschen zum Zustandekommen eines wirklich als journalistisch gut gemachtem Produkt - egal in welcher Erscheinungsform - leisten müssen, allein hinsichtlich der dahinterstehenden Schritte, die in irgendeiner Form mit "Auswählen" zu tun haben, verlustfrei automatisieren zu können? Zumindest gegenwärtig und auf die nächsten Jahrzehnte ausgehend von heute bekannten technischen Verfahren??? Damit kann ich nun endlich auf das m. E. entscheidende, in Michaels erstem Posting Gestreifte kommen, das mir in der ganzen Diskussion und Lageeinschätzung fehlt: Die m. E. völlig irreführende Trennung der "Informationswelt" in ein "Paradies" für die Rezipienten und eine Hölle für die Finanziers dieser Informationswelt. Mehr denn je bietet sie heute allen einen freien Zugang zu fast allem - jetzt kommt das Aber! Denn wenn - wiederum unter heutigen Voraussetzungen vielleicht mehr denn - eine Kernleistung im Journalismus etwas mit selektiven Prozessen zu tun hat, dann besteht - mit Bezug unter das von mir oben unter "Ad 1" genannte - ein entscheidender ökonomisch bedeutsamer Mehrwert "guten" Journalismus für den Rezipienten in "geschenkter" Lebenszeit! Er muss - sei es zum einzelnen Thema bis hin zu ganzen Genre - nur einen minimalen Bruchteil der Zeit aufwenden, um auf den gleichen "Stand" wie dessen Produzent zu kommen, die diesen die Produktion "gekostet" hat. Und das ist mit steigender auch technologisch bedingter, mindestens aber beförderter Schnelllebigkeit ein tendenziell eher deutlich steigender "Wert"! Der darum immer schwieriger sowohl zu erzeugen, als auch zu erlangen ist - warum gewinnen Wünsche wie "Entschleunigung" heute immer mehr Gewicht? Ich vertrete bezogen auf die "alte" wie die "neue" Welt deswegen folgende Überzeugungen: Print wird - jedenfalls auf absehbare Zeit - nicht sterben. Gewiss erleben wir momentan auf anderes weisende Zeichen. Aber zeigen sie wirklich mehr als einen tatsächlich unvorstellbaren Bereinigungsprozess, in dem die "Informationsgesellschaft" mit dramatisch zunehmender Geschwindigkeit einfach nach "das Gute ins Töpfchen..." aussortiert? Ich denke nicht. Denn andersrum - aufs Netz bezogen - kann dies (Sterben des Alten) ja nur in dem Maße ablaufen, indem es im Netz eine - gerade bezüglich der Zeiteffizienz auf Rezipientenseite - "Ordnung" im Sinne einer "Quellenbündelung" gibt, die die sinnvolle Funktionalität der "klassischen Medienwelt" abzulösen - nein, zu übertreffen! - in der Lage ist. Davon aber sind wir, wie nach meinem Empfinden hier nicht nur Michaels Postings zeigen, noch meilenweit entfernt. Woraus sich für mein restliches Leben - hoffentlich noch einige Jahrzehnte! - und möglicherweise noch deutlich darüber hinaus ergibt, dass wir noch eine ganze Weile mit einer sich ändernden Mischung aus "dem besten beider Welten" werden "leben müssen". Was ich ganz persönlich eher als spannend und bereichernd erlebe - wofür man allerdings in der Lage sein muss, sich vieles einfach "vom Hals zu halten", auszublenden, systematisch zu ignorieren.

  • Frank Martini

    29.10.14 (13:46:14)

    Sorry übrigens für die von meinerseits proklamierten Standards abweichenden Verfehlungen in Syntax und Zeichensetzung - habe das, "angespitzt" durch die Entwicklung der Diskussion, hier mal nur so auf die Schnelle ohne jeden Korrekturlauf "reingehackt" - weiß auch, dass es nicht vom "Lesefreundlichsten" ist...:-)

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