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23.06.11

Publizieren im Netz: Die Erkenntnisse eines Bloggers

Wer regelmäßig Texte im Web veröffentlicht und dafür Themen recherchiert und reflektiert, lernt viel dazu - auch über das Bloggen selbst. Hier sind einige der über viele Jahre gesammelten Erkenntnisse und Einsichten.

 

Seit über vier Jahren blogge ich mit Ausnahme von Wochenenden quasi täglich über Netz- und Digitalthemen. Die größte Motivation dafür beziehe ich aus dem direkten Feedback, das ich nach der Veröffentlichung eines Beitrags von Lesern erhalte, sowie aus dem umfangreichen Wissen, das man sich als regelmäßiger Autor aneignet. Denn ich kann sollte keinen Beitrag schreiben, ohne mich zuvor nicht mit dem Thema auseinandergesetzt zu haben.

Auch über das Bloggen selbst lernt man natürlich einiges. An dieser Stelle möchte ich meine bisherigen Erkenntnisse niederschreiben, was durchaus als ergänzender Beitrag zur anhaltenden Debatte verstanden werden kann, auf welche Weise sich die traditionelle journalistische Tätigkeit im Netz emanzipieren könnte.

Kritiker und andere Meinungen gibt es immer

Selbst bei den maximalen Blogosphäre-Konsensthemen (z.B. Netzneutralität, Medienkritik, Politiker-Schelte etc.) und auch, wenn man einen richtig guten Tag hat und ein wahres Meisterstück abliefert, wird es (vor allem bei meinungsstarken Texten) Gegenstimmen und Kritik geben. Erhält ein Beitrag zu einem polarisierenden Thema nur Zuspruch, ist das zwar Balsam für die Seele, aber gleichzeitig ein Zeichen dafür, dass die eigene Botschaft nur in sehr homogen denkende Kreise vorstößt.

Das richtige Maß an Kritikfähigkeit

Es ist nicht immer ganz leicht, Leserkritik richtig einzuordnen. Selbst hinter einem ausfällig-provozierenden Troll-Kommentar kann sich ein konstruktiver Verbesserungsvorschlag verbergen, während es sich bei einer sachlich und höflich hervorgebrachten Kritik um eine absolute Einzelmeinung handeln mag. Eine Faustregel gibt es hier nicht, aber generell halte ich es für besser, Kritik erst einmal grundsätzlich ernst zu nehmen und im Nachhinein Provokationen und grundlose Nörgeleien auszusortieren, anstatt negatives Feedback pauschal zu ignorieren. Wer also Blogger oder Journalist nicht kritikfähig ist, der hat im Web ein Problem.

Jeder macht Fehler

Fehler sind zwar nicht schön, aber sie passieren. Geschieht dies, kann ich mich darauf verlassen, dass Leser per Kommentar, Tweet oder E-Mail darauf hinweisen. In diesen Momenten darf man sich ruhig über sich selbst ärgern, sollte aber gleichzeitig die Tatsache schätzen, dass auf die eigene Community Verlass ist.

Der Leser weiß mehr

Wenn 1000 Menschen einen Blogbeitrag von mir lesen, kann ich mir sicher sein, dass sich darunter zumindest einige Personen befinden, die tiefer in der von mir beleuchteten Thematik stecken als ich. Die Fähigkeit zur Demut und die Einsicht der eigenen Unvollkommenheit sind daher meines Erachtens nach eine Voraussetzung für erfolgreiche publizistische Arbeit im Netz.

Das Feedback, das man erhält, ist nur die Spitze des Eisbergs

Es kommt häufig vor, dass ich Menschen treffe, die netzwertig.com kennen und es nach eigener Aussage auch regelmäßig lesen, von denen ich jedoch noch nie einen Kommentar, Retweet etc gesehen habe. Nur die wenigsten Leser beteiligen sich aktiv an der Diskussion oder Weiterverbreitung der Inhalte. Natürlich spricht nichts dagegen, Wege zu finden, um das Engagement der User zu erhöhen. Grundsätzlich muss man sich mit dieser Tatsache aber einfach abfinden.

Artikelideen kommen spontan - oder in der Dusche

Manchmal ist meine Liste mit Artikelideen gespickt mit Themen, die ich alle am liebsten sofort in einem Posting verarbeiten möchte. Und manchmal herrscht dort gähnende Leere. Ich versuche, rund um die Uhr für Inspirationen offen zu sein und Einfälle in dem Augenblick zu notieren, in dem sie auftauchen (was häufig während des Lesens anderer Texte geschieht). Ein Ort, an dem mir schon sehr viele Ideen für Blogbeiträge kamen, ist übrigens die Dusche.

Die eigenen Standpunkte weiterentwickeln und hinterfragen

Ein guter Blogger verfügt in meinen Augen über klare Standpunkte und vermeidet "quotengetriebenen" Opportunismus. Auf der anderen Seite halte ich es aber für genauso wichtig, die eigene Haltung und Meinung regelmäßig und auch im Hinblick auf das externe Feedback zu hinterfragen. Autoren, die über einen längeren Zeitraum den Eindruck erwecken, unbeirrbar zu sein und ihre Perspektiven nicht weiterzuentwickeln, lassen eigenes Entwicklungspotenzial ungenutzt.

Besser Bloggen mit Herzblut

Die besten Blogger sind nach meiner Erfahrung diejenigen, die mit Herzblut dabei sind und die es nach zwei Tagen der publizistischen Pause kaum erwarten können, wieder in die Tasten zu hauen.

Kein täglicher Blick auf die Besucherzahlen

Qualitatives Feedback der Leser, die sich hier oder anderswo im Netz über Artikel äußern, hat für mich als Blogger mehr Gewicht als quantitative Rückmeldungen, also Seitenaufrufe, Page Impressions usw. Auch wenn derartige Metriken natürlich nicht unwichtig sind - besonders im Hinblick auf eine eventuelle Vermarktung - so kann der alleinige Fokus auf die Zugriffszahlen dazu führen, dass man nur noch für die Quote schreibt. Wie das dann aussieht, zeigt exemplarisch das US-Blog Mashable.

Der Leser, das unbekannte Wesen

Selbst nach über vier Jahren geschieht es, dass ein Beitrag, für den ich mit einer hohen Aufmerksamkeit gerechnet habe, scheinbar überhaupt keinen Anklang findet. Oder aber dass ich eher spontan und mit vergleichsweise wenig Mühe einen Text zusammenschustere, der dann hinsichtlich der Reaktionen zündet wie eine Rakete. Auch wenn es gewisse Arten von Postings gibt, bei denen es unter Garantie zu großer Resonanz kommt (z.B. "10 Gründe, warum Social Media XYZ ist"), ist der Leser in vielen Fällen ein schwer vorhersehbares Wesen. Auch das macht Blogging vermutlich so faszinierend.

(Foto: Flickr/antigone78, CC-Lizenz)

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