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04.08.08Leser-Kommentare

Public Relations: Höherer Blödsinn im narrativen Raum

Es ist alles nur eine Frage des richtigen "Framings": Heerscharen aufgeregter PR-Berater wollen aus Katastrophen Glücksfälle und aus Heuschrecken zirpende Grillen zaubern.

Dem PR-Schwadroneur ist nichts zu schwör (iStockphoto.com)Nehmen wir mal an, Sie hätten – wie Millionen anderer Anleger weltweit – in der derzeitigen Bankenkrise Ihr ganzes Vermögen verloren, das doch so mündelsicher angelegt schien. Was empfänden Sie da einem Menschen gegenüber, der sich rühmt, sein Berufsstand habe diese Krise vorsätzlich herbeigeschrieben? – Gibt's nicht? Gibt's doch! Dem PR-Schwadroneur ist bekanntlich nichts zu schwör:

 

"Was derzeit am Kapitalmarkt passiert, ist großartig für die Kommunikationsbranche! Während sich mancher PR-Stab den Kopf darüber zerbricht, wie er seinen Wertschöpfungsbeitrag gegenüber dem Vorstand mit Kennzahlen belegen kann, werden anderswo Milliarden-Werte mit Kommunikation bewegt. Einfach so."

Das schreibt dort bei media coffee, im zentralen Blogportal der deutschen Kommunikationsbranche, Daniel Krolzik für die LPRS, für die Leipziger PR-Studenten. Sein Text lässt einerseits gewisse Rückschlüsse darauf zu, was den karrierebeflissenen jungen Leuten dort wohl inhaltlich über den Sinn und Zweck der Public Relations täglich beigebracht werden dürfte - dem verstaubten Code d'Athène auf dem Dachboden zum Trotz. Und auch nicht von irgendwem, denn dort tummeln sich u.a. der Pressesprecher des Bundespräsidenten oder der Ehrenpräsident der GPRA:

 

"Große Persönlichkeiten geben den Studenten Impulse und Informationen, die sie nie vergessen werden. Das ist einzigartig in Deutschland, vielleicht sogar in Europa.?

So jedenfalls tönt Jürg W. Leipziger auf der Homepage des Studiengangs gleich am Empfangstisch im Entrée. Die neuen Helden seiner Eleven verstehen sich aber keineswegs als künftige Sprachrohre unseres Bundes-Hotte oder gar als Zwei-Zylinder-Denker wie der unvermeidliche Herr Pofallala. Diese PR-Schüler faszinieren vielmehr 'Mover und Shaker' wie jene amerikanischen 'Short-Seller', die mit gezielten Gerüchten und mit einem 'Bear Run' ein amerikanisches Milliardenunternehmen in die Knie gezwungen haben, um es dann bis auf die Knochen abzunagen. Mit anderen Worten: Die Hyäne ist zum Helden der Neuzeit mutiert - und der Daniel Krolzik kriegt sich gar nicht mehr ein, wie kongenial hier die "Milliarden-Werte mit Kommunikation bewegt" wurden und in andere Taschen wanderten. Er bezieht sich bei seiner - ähem! - 'Argumentation' übrigens auf diesen Vanity-Fair-Artikel, der im amerikanischen August-Heft erscheint, worin der berühmt-berüchtigte Muckraker-Journalist Brian Burrough das Auswaiden und die Ausplünderung der einstmals so stolzen Bear Stearns Bank beschreibt.

Wo aber bei Burrough, nachdem er den PR-Schutzwall journalistisch niedergerissen hat, das Entsetzen und die Skandalisierung den Ton des Textes bestimmen, betrachtet Krolzik das Geschehen aus der Perspektive des geborenen Überfliegers gewissermaßen 'unsentimental' und 'erzähltheoretisch', alle moralischen Kategorien sind ihm fremd: Längst habe der 'Frame' ja schon wieder gewechselt, aus den Modeschmieden der Public Relations käme inzwischen ein ganz anderes Pret-à-porter: Einer - natürlich! - grenzenlos manipulierbaren Masse von Journalisten würden statt der bisher üblichen Heuschrecken-Stories und dank der Erzählkunst jener großen Rastellis der Kommunikation, wie sie demnächst in Scharen Leipzigers Realitätsklempnerei verlassen, längst andere Plots fix und fertig vorinterpretiert angeboten: Home Stories statt Globalisierungskritik - das sei jetzt der letzte Schrei, dies sei der aktuelle Trend auf dem 'neuen Markt' gezielt gestreuter Informationen:

 

"Die soliden, deutschen Familienunternehmen sind plötzlich die Heuschrecken, nach Porsche bei Volkswagen nun Schaeffler bei Conti. Zweimal David gegen Goliath mit vertauschten Rollen. Zweimal süddeutscher Familienbetrieb als aggressiver Akteur auf dem Börsenparkett. Die Heuschrecken sind derweil zu zirpenden Grillen geworden".

Jaja - die schwarze Magie der Kommunikation mit ihren Erzählkonjunkturen lässt im dunklen Hintergrund alle Kulissen wackeln, nur dem Eingeweihten sind die wirklichen Vorgänge wahrhaft verständlich. Während im August-Heft noch Vanity Fair endlich einmal einige dieser Mover & Shaker verdientermaßen vor die Redaktionswand laufen lässt, bringen seit gestern schon beim Drama um Conti & Co. die 'PR-Media Inc.' eine ganz neue Familien-Soap auf die Bühne, und das alles sei auch noch perfekt geplant - kurzum: es ist schon 'nen dolles Gebräu, was Krolzik uns unter Verzicht auf jede einsehbare Chronologie hier ausschenkt: 'Ozoapft is!'

Mich erinnert das wirre Zeug stark an jene alten Illuminatus-Schwarten, die ich als Jugendlicher gern las. Nur jetzt mit der Kommunikationsbranche in der Rolle mittelalterlich vor sich hin müffelnder Rosenkreuzer, als gebenedeite Informations-Knappen im Ordensritter-Wichs, die über das große Geheimnis hinter dem Geheimnis mehr wissen als in eine ebenso arg- wie ahnungslose Öffentlichkeit jemals hineinpassen würde.

Angst und bange wird mir bei der geballten Waschkraft angehender Presseerklärungsbrigaden daher keineswegs - eher im Gegenteil: Mich wundert es, dass sie in ihrem Café Größenwahn bisher noch kein Mittel fanden, gesellschaftlich zum Beispiel die Atomkraft durchzusetzen, den Lafontaine gegen die Wand zu schreiben oder zumindest dem Westerwelle einen klitzekleinen Marschallsstab in den Tornister zu legen. Naja - das kommt vielleicht noch, wenn jetzt diese neue Generation ...

Von überregionalem Interesse ist auch eher die 'Denke' dieser Menschen, die demnächst ihre kommunikativen Kaderschmieden verlassen und Jobs finden sollen. Sie also sehen die Welt als eine Bühne für interessierte Info-Inszenierungen, als einen kommunikativen Raum, wo das erzwungene Management-Buy-Out sich narrativ eben so gut als 'Soap' inszenieren lässt wie als 'Wirtschaftskrimi', wo der "Raum für Interpretationen immer größer" wird, wo die Wahrheit nur ein grauer erzählerischer Nebelstreif ist, der nach dem Publikum, dem großen Kind, aus dem nächtlichen Dunkel heraus zu greifen pflegt.

Bloß gut, dass sie außer den gewohnten 'Schnittchen' und Incentive-Paketen faktisch nur wenig Einfluss darauf haben, wessen Interpretation sich durchsetzen wird - das sind für mich feuchte Träume künftiger 'Spinn-Doktoren'. Im Zweifel blicke man auf die Erfolge der INSM. Sie hat unter dem vollen Einsatz ihrer geneigten Professorenschaft faktisch nicht mehr erreicht, als dass die Medien, die sich auf diese Veranstaltung einließen, gnadenlos desavouiert wurden. PR und Publikum - das verhält sich nun mal wie Flit und Fliegen. Was wiederum jedermann an der Auflageentwicklung PR-freundlicher Medien unschwer erkennen kann: Keiner kauft beim Himbeer-Toni.

Bevor sich jetzt jemand über meine Interpretation hier aufregt. Ich habe als gelehriger Schüler das empfohlene Verfahren nur auf der Stelle mal narrativ ausprobiert ...

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • rea.d

    04.08.08 (20:51:09)

    Nur würde ich dies nicht dem Leipziger Institut anlasten - die Bemühungen der Lehrenden rauschen manchmal so wirkungslos an Studierenden vorbei wie PR-Kampagnen am ungeneigten Publikum. PR-, Medien-, aber auch Unterrichtswirkung ist eben sehr komplex und keineswegs direkt oder linear...

  • Klaus Jarchow

    05.08.08 (05:56:45)

    @ REA.D: Nun ja - die Vermittlung ist schließlich ein Teil der Didaktik. Wenn dann die 'Bemühungen wirkungslos vorbeirauschen' ... aber gut, lassen wir das. Statt all des Zampano-Abrakadabra ('Wie die PR mal die Welt retteten - und nur die wirklichen Kommunikations-Avatare hinter den Kulissen erfuhren etwas davon'), statt dieses ewigen Sich-Selber-Besoffen-Redens und Großmann-Gebrabbels, das den Jungs und Deerns nur bataillonsweise die Flöhe in den Kopf setzt, da sollten sich die angehenden Euphemismus-Gewerbler lieber auf ihre Kernaufgabe besinnen, darauf, den Colgate-Heißluftballon auf dem Stadtfest heil und mit dem nötigen Trara in die Luft zu kriegen, oder den Medien valide Fakten über ihr jeweiliges System zu liefern. Gern auch in dessen Interesse, denn davon abstrahiert der Publizist später ja wieder (hoffentlich). PR'ler, das sei ihnen aus Gründen der nötigen Demut mal gesagt, PR'ler wird ein Mensch in der Regel, weil es zum Journalisten bei ihm nicht langte. Wo die Public Relations dann wirklich in großem Maßstab mal etwas selbst inszenieren dürfen, dort also, wo ihnen politisierende Verleger willfährige Medien schufen, die 'für alles offen' sind, dort sind die Folgen regelhaft auch dementsprechend: Siehe zum Beispiel die absolut PR-generierte Entstehung des Irak-Kriegs in den USA ...

  • blu_frisbee

    06.08.08 (18:43:56)

    "Bullshit" im Sinne von Harry Frankfurt ist das korrekte Wort.

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