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18.08.14Kommentieren

Prokrastination und das Internet: Vorgezogene Belohnung

Das Internet macht mit seinen verlockenden Angeboten Verdrängung und Aufschub zur Prämisse. Es ist der ideale Schauplatz für Prokrastination. Teil 1 von 4 aus einer Serie zum Thema Prokrastination.

prokrastination250Prokrastination ist ein überstrapaziertes Reizwort. Von pragmatischen Produktivitätspredigern werden online allerorts Heilsversprechen dafür gegeben, Tipps, wie man produktiver, leistungsfähiger, et cetera werden kann, wie man beginnen kann, endlich dem Appell zur Selbstverwirklichung zu entsprechen und selbst-optimierende Vorsätze zu fassen. Aber ist Prokrastination nicht mehr als nur ein Mangel an Disziplin, der mit guten Vorsätzen zu tilgen ist? Zunächst ist Aufschieben nicht prinzipiell gleichzusetzen mit problematischer Prokrastination. Man kann auch aus ehrlichen Gründen Dinge vertagen, weil sie zu einem anderen Zeitpunkt besser ausführbar sind als gerade jetzt, oder weil man jetzt die Möglichkeit hat, Dinge zu tun, die sich später nicht mehr erledigen lassen. Letzten Endes handelt es sich dabei aber um simple Zeiteinteilung.

Ein einfaches "Tu es!" hilft nicht

Der Psychologe Joseph Ferrari von der DePaul Universität in Chicago erklärt Prokrastination dem entgegengesetzt als ein tiefer gehendes Phänomen: „Es hat wirklich nichts mit Zeitmanagement zu tun. Chronisch Prokrastinierenden 'tu es einfach' zu raten, ist als würde man zu einer klinisch depressiven Person 'Kopf hoch' sagen. Wenn ich ein dutzend Dinge zu tun habe, müssen Nummer Zehn, Elf und Zwölf zunächst logischerweise warten. Jemand, der zu chronischer Prokrastination neigt und die zwölf Dinge zu tun hat, erledigt vielleicht ein oder zwei Punkte, beginnt dann die Liste neu zu schreiben, die Aufgaben neu zu reihen und noch eine Extrakopie der Liste anzufertigen. Das ist Prokrastination.“

Körperlos werden dank dem Internet

Angesichts der verlockenden Ablenkungsmöglichkeiten des Internets muss die Aufgabenliste nicht mehr neu geschrieben oder kopiert werden, um ihren Inhalt zu verdrängen: Eine Partie in einem Online-Spiel, ein kurzes Youtube oder Youporn-Video, einmal kurz die Facebook-Pinnwand scannen oder die Nachrichten überfliegen. All das holt einen zumindest kurz weg von der blanken, oft schmucklosen Realität des Alltags. Zumeist alleine vor dem Bildschirm sitzend kann man unbeobachtet und unkontrolliert der eigenen Lebensrealität entschwinden, alles was einen Augenblick zuvor noch schwer wog, löst sich momentan in Luft auf, man wird leicht und körperlos.

Prokrastination beinhaltet immer ein Sich-Herauswinden aus einer Erwartungshaltung, die entweder jemand anderer oder man selbst stellt, ein Verschwinden aus einer Unfreiheit, hinein in eine Situation, in der man sich frei fühlt, weil man sich Glauben macht, sie aus eigenen Stücken gewählt zu haben. Hinzu kommt vielleicht das Gefühl, etwas zu tun, was nicht gänzlich unwichtig ist und eventuell seine eigene Notwendigkeit besitzt, wie zum Beispiel Emails zu beantworten, Schlagzeilen zu lesen oder ähnliches.

Emotionale Regulation

Tatsächlich ist man aber in diesen Momenten nicht darauf fokussiert, etwas zu erledigen, sondern darauf, die eigene Stimmung zu modifizieren und in einen erträglichen Zustand zu bringen: „Emotionale Regulation ist der wahre Kern des Prokrastinationsphänomens; kann ich mit meinen Emotionen umgehen, kann ich auch eine Aufgabe erledigen“, sagt der kanadische Psychologe und Prokrastinationsforscher Timothy Pychyl. Nicht mit seinen Emotionen umgehen zu können, bedeutet in diesem Zusammenhang, ihnen ausgeliefert zu sein: Plötzlich stellen chronisch Prokrastinierende sich selbst Bedingungen für das Anfangen, sie sagen sich, dass sie doch zuerst etwas essen sollten, ehe sie wirklich beginnen können, oder zuerst noch ein Video auf Youtube sehen oder noch einmal das Facebookprofil oder den Twitter-Account aktualisieren sollten, damit die Durststrecke der Arbeit in der Folge besser durchhaltbar erscheint. Indem sie im Hier und Jetzt das Unangenehme durch das Angenehme ersetzten, glauben sie, das zukünftige Ich in die Lage zu versetzen, mit dem Unbehaglichen umgehen zu können.

In all den inneren Dialogen, die Prokrastinierende mit sich führen, geht es im Wesentlichen um vorgezogene Belohnung. Nicht umsonst besteht Prokrastination zumeist aus Dingen, denen sich die Meisten gewachsen sehen und die ohne viel Schmerz bewältigt werden können. Prokrastination gibt eine Illusion von Kontrolle über das eigene Leben, der Prokrastinierende fühlt sich souverän und gewissermaßen beglückt.

Online kommt die Möglichkeit hinzu, dass all das, was in dieser Belohnungsidylle unangenehm und störend erscheint, per Klick aus der Wahrnehmung entfernt werden kann. Das Internet ist eine ideale Prokrastinationsarena, die uns mit einer perfekten Flut umspült.

Parallelen zur Zeitungsära

Der populäre Medien Theoretiker Marshall McLuhan schrieb in den sechziger Jahren über das Verhalten der Menschen gegenüber Zeitungen: „Eigentlich lesen die Menschen Zeitungen nicht, sie steigen jeden Morgen in sie hinein wie in ein heißes Bad.“ Dasselbe könnte heute über das Verhalten der Meisten im Internet gesagt werden: Die Grenzen zwischen uns und den Bildschirmen verschwimmen, in einer Art Trance-Zustand sind wir mit Information jeder Art permanent überschüttet.

„Ich nenne diese spezielle Form der Selbsthypnose die Narkose des Narziss (engl.: narcissus narcosis), ein Syndrom, in dem der Mensch sich der psychischen und sozialen Effekte neuer Medien so wenig bewusst ist wie ein Fisch das Wasser bemerkt, in dem er schwimmt. In der Folge wird die mediale Umgebung in genau dem Moment, in dem sie alles durchdringt und unsere Sinne aus der Balance wirft, unsichtbar“. Das schrieb McLuhan über die damals neuen Medien und bringt damit auch unser Verhalten gegenüber dem heute neuen Medium Internet prophetisch auf den Punkt.

Unsichtbar ist diese Umgebung insofern, als dass sich die Meisten im Moment der Nutzung keiner Nutzung bewusst sind und die Räume des Internets nicht kalkuliert verwenden, sondern sie viel eher bewohnen. Zudem ist sie zumeist so geartet, dass sie in regelmäßigen Abständen kleine Glücksschübe produziert und so die Aufmerksamkeit hält. Das betrifft Spiele, Videos, Filme, Serien, Pornos, Soziale Netzwerke. Selbst Zeitungsartikel sind so konfiguriert, dass sie Prokrastination beinahe provozieren. Diese Angebotsfülle impliziert und forciert einen idealen Nutzer: Jemanden, der auf der Flucht vor der Realität und dem schlechten Gewissen betäubende Ablenkung sucht.

Langeweile zulassen

Bleibt die Frage, wie sollen die durchschnittlichen Aufgaben des Alltags gegen solch ein Prokrastinationsparadies ankommen?

David Foster Wallace schrieb in seinem letzten, unvollendeten Roman „The Pale King“ über dieses Dilemma: „The underlying bureaucratic key is the ability to deal with boredom. To function effectively in an environment that precludes everything vital and human. To breathe, so to speak, without air. […] To be, in a word, unborable. It is the key to modern life. If you are immune to boredom, there is literally nothing you cannot accomplish."

Dieser Artikel ist der erste aus einer netzwertig.com-Serie zum Thema Prokrastination.

Ebenfalls in dieser Serie sind erschienen:

1. Prokrastination und das Internet: Vorgezogene Belohnung

2. Belohnungskarusell: Wie Facebook Millionen zur Prokrastination verleitet.

3. Passive Prokrastination: Im Rausch der Bewegtbilder

4. Spielmechanik: Mit Gamification der Prokrastination ein Schnippchen schlagen

Illustration: Black vector icon of hot coffee cup near laptop with social media on screen, Shutterstock

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