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24.02.12

Prognose: Die Tage von Google+ sind gezählt

Google+ ist der bisher erfolgreichste Versuch von Google, sich im Social Web zu etablieren. Doch acht Monate nach dem Start mehren sich die Zweifel, ob der Dienst die in ihn gesteckten Erwartungen erfüllen kann.

 

Mittlerweile besuche ich Google+ nur noch aktiv, wenn ich einen netzwertig.com-Beitrag auf unserem Google+-Profil verlinken möchte - keine besonders erheiternde Aufgabe, aber aufgrund einer fehlenden Schreib-API lässt sich dies bisher nicht automatisieren (Nachtrag, da diese Aussage missverstanden wurde: Ich bin deshalb mindestens einmal täglich bewusst bei Google+). Als ich mich gestern genau aus diesem Zweck bei Googles sozialem Netzwerk blicken ließ, fiel mir eine mir vorgesetzte Benachrichtigung über neue Google+-Mitglieder auf. Nur kannte ich diese Menschen überhaupt nicht.

Ich weiß nicht, ob der Feed mit Benachrichtigungen derartige Informationen schon länger anzeigt oder nicht. In jedem Fall macht der Schritt, Nutzer mittels der eigentlich für persönliche Ereignisse gedachten Benachrichtigungsfunktion über wildfremde Google+-Anwender zu informieren, einen recht verzweifelten Eindruck. Denn derartige, die Loyalität der Anwender aufs Spiel setzende Register zieht nur, wer alle legitimen Mittel zur Erhöhung des Nutzerengagements bereits ausgereizt hat.

Unbekannte Personen als BenachrichtigungUm Google+ steht es nicht sonderlich gut. Die anfängliche Euphorie hat sich gelegt, der ursprünglichen Neugier ist Ernüchterung darüber gewichen, dass Google mit seinem vor gut acht Monaten gestarteten sozialen Netzwerk trotz zahlreicher innovativer Features ganz einfach keine hinreichend große Lücke zwischen den etablierten Anbietern Facebook und Twitter zu finden scheint.

Zwar haben sich mittlerweile über 100 Millionen Menschen bei Google+ registriert, aber was ist diese Zahl wert, wenn nur ein Bruchteil davon regelmäßige Aktivität an den Tag legt?! Transparente Zahlen zum tatsächlichen Userengagement sind von dem Internetkonzern nicht zu erhalten, also muss man sich auf Analysen von Dritten, subjektive Beobachtungen und den allgemeinen Tenor von Branchenbeobachtern verlassen. Und Letzterer ist nicht gut: Negativberichte rund um das im Hause Google mit maximaler Priorität versehene Unterfangen häufen sich.

Latentes Problemkind 

Mit seiner umstrittenen Verknüpfung von Suche und Netzwerk zieht Google ebenso viel Kritik auf sich wie mit der aggressiven Bewerbung von Google+ über seine bestehenden Dienste und der erst durch Google+ notwendig gewordenen, geplanten zentralisierten Datensammlung. Auch die Art, wie Google die Privatsphäre-Einstellungen von Browsern umgeht, um die Funktionsfähigkeit des +1-Buttons aufrecht zu erhalten, hilft dem Giganten aus Mountain View nicht gerade dabei, die jüngsten Kratzer auf dem Firmenimage wegzupolieren. Kleinere Ausfälle wie das kommentarlose Löschen von unzüchtigen Profilbildern sowie das Veröffentlichen halbfertiger Firmenseiten komplettieren den Gesamteindruck, Google+ sei die Fortsetzung von Googles missglückten Experimenten im Social-Web-Bereich oder zumindest ein latentes Problemkind.

Google+ hatte durchaus einen erfolgreichen Start, und 100 Millionen Menschen zur Registrierung zu bewegen, ist auch für einen Besuchermagnet wie Google eine Leistung (wobei seit Januar jedes Google-Konto automatisch auch einen Google+-Account beinhaltet). Insofern ist der vom ehemaligen CEO Eric Schmidt vorbereitete und dann von Larry Page übernommene Vorstoß durchaus besser gelaufen als vergangene Social-Projekte wie Orkut, Google Wave und Google Buzz. Gleichzeitig jedoch sind diesmal auch die Ambitionen um ein Vielfaches größer: Google+ soll das gesamte Spektrum an Google-Onlineservices unter einem Dach vereinen und damit schließlich zu einer Art Google 2.0 werden, also Googles Existenz in einer auf Vernetzung der Anwender fußenden digitalen Welt sicherstellen.

Wie das angesichts der zahlreichen kleinen wie großen Brandherde, eines verspielten Momentums, dem mangelnden Bedarf vieler Nutzer an einem weiteren sozialen Netzwerk und dem zunehmenden Druck durch Kartell- und Datenschutzbehörden bewerkstelligt werden soll, ist mir schleierhaft.

Nischenstatus reicht nicht

Google+ ist NICHT tot. Eine in ihrer Dimension nicht quantifizierbare Zahl an Nutzern hält sich regelmäßig auf der Plattform auf und führt intensive Diskussionen zu allen möglichen Themen. Doch Analysen von Marktforschern zeigen, dass die Gruppe dieser Anwender nicht unbedingt wächst. Die durchschnittliche Verweildauer ist tendenziell sogar eher am Absinken und soll im Dezember bei US-Nutzer bei zwei Minuten gelegen haben - im Vergleich zu 20 Minuten bei Facebook.

Google+ ist nach wie vor nichts anderes als ein Nischenangebot, das eine loyale Anhängerschaft besitzt, die sich aus einem vergleichsweise kleinen aktiven Nutzerkreis rekrutiert. Für manch ein Startup wäre dies durchaus akzeptabel. Für Google, das seit bald zwei Jahren enorme Ressourcen dafür aufwendet, um endlich im Social Web Fuß zu fassen, reicht die bisherige Durchdringung bei weitem nicht aus.

Unklarer Anwendernutzen

In der letzten Zeit erhielt ich häufiger von eher in der Kategorie "Durchschnittsnutzer" zu platzierenden Freunden die Frage, was eigentlich genau Google+ darstellen soll. Ein Bekannter beschrieb das Gefühl, das ihm beim Blick in seinen Stream beschleicht, als "traurig". Nun könnte das auch damit zu tun haben, dass er zu wenige Personen abonniert hat. Dennoch passen derartige, äußerst subjektive Kommentare zum Gesamtbild, das Google+ nach außen hin abliefert: Sind User nicht zufällig Teil des Kerns der sogenannten "Netzgemeinde" oder anderweitig in überdurchschnittlich hohem Maße digital vernetzt, fehlt ihnen ein triftiger Grund, warum sie sich mit Google+ näher auseinandersetzen sollten.

Google versucht es mit Gewalt

In Mountain View reagiert man auf diese Orientierungslosigkeit der User, indem man jeden Google-Service mit dem neuen Flaggschiff verzahnt - inklusive Android - in der Hoffnung, Anwendungsszenarien würden sich dadurch im Laufe der Zeit automatisch ergeben.

Ich glaube, dass sich Google hier irrt. Anwendern das Produkt vor die Nase zu drücken, egal auf welcher Google-Site sie sich aufhalten, ist der schlechteste Weg zum Erreichen einer Nutzerbindung und -loyalität. Alle erfolgreichen sozialen Netzwerke sind organisch gewachsen und wurden durch die Nachfrage der Anwender getrieben. Dass der Netzriese es mit brachialer Gewalt versucht, ist erst einmal legitim. Viel deutet aber darauf hin, dass diese Rechnung nicht aufgeht.

Google+ fährt gegen die Wand, Larry Page trägt Verantwortung

Mittlerweile bin ich der Überzeugung, dass Google mit Google+ derartig gegen die Wand fährt, dass eine Fortführung des Dienstes unmöglich sein wird. Es liegt in der Natur von Prognosen, dass man mit diesen auch falsch liegen kann - zumal ich nicht weiß, welche Asse man intern bei Google noch im Ärmel hat. Doch ein Blick auf die bisherige Entwicklungsgeschichte sowie auf die Rahmenbedingungen und Dynamiken der (sozialen) Internetlandschaft macht es für mich sehr schwer, an ein Happy End zu glauben. Die Alternative zu einem Happy End wäre die ewige Mittelmäßigkeit. Diese jedoch wird weder im Interesse des Google-Managements noch in dem der Aktienbesitzer liegen. Also geht es um alles oder nichts. Nach alles sieht es derzeit aber wirklich nicht aus.

Bevor Google für das + den Stecker ziehen wird, rechne ich mit weiteren Verzweiflungstaten, um das Projekt doch noch zu einem Anziehungspunkt für die Massen zu machen. Denn ein Ende des Dienstes wäre gleichzeitig das größte Versagen in der Unternehmensgeschichte und für den Konzern nicht nur peinlich, sondern vermutlich auch ein Grund, um Gründer und Firmenchef Larry Page vom Thron zu stoßen. Im April 2011 hatte dieser das Amt und die Pläne für Google+ von Vorgänger Eric Schmidt übernommen. Trotz Schmidts entscheidender Vorarbeit ist es jetzt Page, der die volle Verantwortung für Google+ trägt. Wie lange, ist ungewiss.

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