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30.07.13

Prestigeprojekt in Gefahr: Der Überwachungsskandal bedroht Google Glass

Googles Cyberbrille Glass war schon vor den Enthüllungen rund um Prism & Co ein polarisierendes Produkt. Nun müssen filmende Glass-Träger damit rechnen, als verlängerte Arme der Geheimdienste zu agieren. Googles Prestigeprojekt gerät damit noch stärker unter Druck.

Der NSA-Überwachungsskandal und seine an die Spitze eineGlasss Eisbergs erinnernden Ausmaße stellen die führenden US-Internetkonzerne vor Herausforderungen. So sehr sie auch mit Details zu den Anforderungen und Spitzelaktivitäten der Sicherheitsbehörden an die Öffentlichkeit gehen möchten: Die Vereinbarungen mit den Überwachern untersagen ihnen dies. Während Google, Facebook & Co ihre Lobbymaschinerie in Gang setzen, um doch mehr Transparenz in den Sachverhalt bringen zu dürfen, führen die Enthüllungen bei Firmen und Privatanwendern gleichermaßen zu bröckelndem Vertrauen.

Ein Unternehmen, für das die systematische Beschattung der Nutzer durch Geheimdienste besonders unangenehme Folgen haben könnte, ist Google. Mit seiner Cyberbrille Glass ist der Onlineriese bekanntlich drauf und dran, eines der zweifelsohne progressivsten IT-Produkte der jüngeren Geschichte auf den Markt zu bringen. Zwar steht das endgültige Urteil darüber noch aus, inwieweit die Augmented-Reality-Sehhilfe tatsächlich einen Massenmarkt bedienen kann. Doch die Leidenschaft, mit der Befürwörter und Kritiker von Glass ihre Standpunkte vertreten, verdeutlicht die Tragweite, die der von Glass begründeten Produktkategorie generell zugemessen wird. Little Brother und die Geheimdienste

Glass ist nicht nur eine Revolution, was die Art der Interaktion von Menschen mit Computern angeht, sondern auch hinsichtlich der Erosion des bisherigen Privatsphäre-Begriffs. Sollte Glass tatsächlich den Durchschnittsnutzer erreichen, dann ist damit unweigerlich ein großer Schritt hin zu einer "Little-Brother-Gesellschaft" verbunden. Denn die eingebauten Glass-Kameras werden das permanente passive Filmen der Umgebung ihrer Träger deutlich einfacher machen, als dies mit heutigen Smartphone-Kameras der Fall ist. Hier sehen Glass-Skeptiker eines der Hauptprobleme mit Googles Innovation. Weil Mitmenschen relativ wenig dagegen tun können, ins Visier von Glass-Trägern zu gelangen, darf die Cyberbrille durchaus als egoistische Technologie bezeichnet werden.

Diese Ausgangslage drohte schon im Vorfeld des Bekanntwerdens der weitreichenden behördlichen Internetüberwachungspraktiken zu einer massiven Herausforderung für Google zu werden. Nun, da Bürger erstmals eine konkrete Vorstellung davon bekommen haben, wie gläsern sie im digitalen Zeitalter eigentlich sind, wirkt der Gedanke von am Kopf befestigten Kameras, die im Always-On-Verfahren Videoaufnahmen von der Umgebung anfertigen und diese auf Server mit direkter Anbindung zur NSA laden können, noch abenteuerlicher. Jeder Glass-Träger wird damit zu einem unfreiwilligen Außendienstmitarbeiter für den US-Geheimdienst und seine Verbündeten.

Snowden legt Glass Steine in den Weg

Man muss kein Hellseher sein, um zu erahnen, in welch missliche Lage Edward Snowden Google und dessen Roadmap für die Etablierung von Google Glass bringt. So abstrakt die Überwachung des digitalen Raumes auf große Teile der Bevölkerung auch wirken mag: Die Vorstellung, selbst in scheinbar privaten Umgebungen einen filmenden Brillen-Computer auf der Nase zu tragen oder von dessen Trägern auf Video festgehalten zu werden, wenn die aufgenommenen Bilder theoretisch direkt auf Servern und Rechnern von Geheimdienstlern landen können, birgt massives Empörungspotenzial selbst (oder gerade) für ansonsten schlecht Informierte. All diejenigen, die sich seit den Leaks von Whistleblower Edward Snowden ohnehin ernsthaft Sorgen über ihre Grundrechte in der vernetzten Welt machen, werden sowieso Schwierigkeiten damit haben, ihre eventuelle Begeisterung für Google Glass mit der aktuellen Debatte in Einklang zu bringen.

Glass zwingt Google, für Nutzer zu kämpfen 

Damit Google Glass mehr wird als ein teures Gadget für den Faszinationen des technischen Fortschritts vollständig erlegenen Möchtegern-Cyborgs, wird seine Macherin zu radikaler, kompromissloser und eindeutiger Transparenz gezwungen sein. Nur wenn Google hundertprozentig glaubwürdig vermitteln kann, dass es Glass-Träger nicht zu verlängerten Armen von Geheimdienstagenten macht, wird die Cyberbrille überhaupt die Chance erhalten, in die Nähe einer gesellschaftlichen Akzeptanz kommen; werden Nutzer des Gadgets in der Öffentlichkeit nicht um ihre persönliche Sicherheit und das gute Verhältnis zu ihrem Freundes- und Bekanntennetzwerk bangen müssen.

Googles Pläne für Glass dienen somit als Versicherung für die Öffentlichkeit, dass der Internetkonzern mit allen Mitteln dafür kämpft, Licht ins Überwachungsdunkel zu bringen und die staatlich angeordnete Verletzung der persönlichen Integrität und Grundrechte von Menschen. Denn Google weiß: Ohne dass dies geschieht, ist sein Prestigeprojekt zum Scheitern verurteilt. Solange das Unternehmen Glass nicht aufgibt, ist es gezwungen, mit aller Kraft die Rechte der Bürger zu verteidigen. /mw

Illustration: spy, Shutterstock

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