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07.07.08

Presse-GAU: Energie? Strom? Atomkraft?

Das Comeback der Atomenergie scheint unumgänglich – aber was hat der Ölpreis damit zu tun? Und exportiert Deutschland nicht sogar Strom, der im Überfluss produziert wird?

Umstrittenes Atomkraftwerk Temelin in Tschechien: Deppentheater im medialen Raum? (Bild Keystone/CTK, David Veis)

Die Atomkraft findet derzeit wieder fleißige Lobbyisten in fast allen Medien. Weshalb? Wieso? Warum? Etwa, weil die Erdölvorräte abnehmen - und uns deshalb der Strom auszugehen droht? Man könnte aus vielen Artikeln diesen Eindruck gewinnen: Ich habe einfach mal einige Meldungen hier und hier und hier und hier in der Reihenfolge ihres Einlaufs aus dem Ticker gegriffen. Der Spiegel macht sogar eine Titelgeschichte daraus, über das "unheimliche Comeback" der "Energie von morgen".

Kann bitte jemand den Faktenrührern und Feuermeldern mal dauerhaft verständlich machen, dass wir in Deutschland zwar eine 'Benzinlücke' haben, aber eben keine ' Stromlücke '. Obwohl doch unser Wirtschaftsmichl von der CSU davon so gern daherschwätzt. Das Gegenteil ist wahr:

In Deutschland produzieren wir - auch nach dem absehbar jahrelangen Ausfall der zwei maroden Groß-AKWs Brunsbüttel und Krümmel - noch immer so viel Strom, dass wir die Niederlande und auch die Schweiz derzeit ganz problemlos und mehrheitlich mitversorgen können. Etwa 20 Mrd. Kilowattstunden beträgt unser Export derzeit, Deutschland ist Überschuss-Weltmeister in der Stromproduktion.

Auch wird der meistverwendete Energieträger 'Kohle' weder knapp, noch in dem Ausmaß teurer wie das Erdöl, das tatsächlich von einer Rekordmarke zur nächsten stürmt. Wenn folglich unsere Strompreise steigen, dann muss das andere Gründe haben als ausgerechnet Rohstoffknappheit, Gründe, die nicht auf dem Weltmarkt zu suchen sind. So ganz nebenbei wird übrigens auch der ersatzweise propagierte Rohstoff Uran bereits knapp: Nach dem Erdöl wird als nächstes dieser Kernbrennstoff zur Neige gehen, dann erst das Erdgas und als letzter Primärrohstoff schließlich die Kohle ( s. Grafik ).

Wenn also die Strompreise steigen, dann werden in meinen Augen vor allem Windfall-Profite realisiert, meist über die gekonnte Kapazitätsakrobatik an der großen Lottoeinnahmestelle in Leipzig - was auch deshalb möglich ist, weil 'die großen Vier' in einem aufgeheizten Diskussionsklima ums Benzin auch den Strom ganz sutje piano aktionärsgerechter preislich platzieren können. Der Gaspreis kommt dank eines geneigten Gesetzgebers erfreulicherweise wie von selbst hinterhergekrabbelt. Das alles ist unter anderem deshalb möglich, weil die Presse in dieser Frage nicht aufklärt, sondern vernebelt.

Wenn jetzt neue AKWs gebaut würden, so wie es das Unisono der absolut fachkompetenten deutschen Journalisten immer panischer verlangt, dann wäre das Grundproblem an der Tankstelle nicht gelöst: Der Pappi kriegt einfach noch immer kein billigeres Benzin. Es fließt nur schlicht mehr Atomstrom bei ihm daheim aus der Dose. Und dem Klima und der Umwelt wäre auch nicht gedient, siehe das ungelöste Katastrophenszenario dort in Asse II.

Uns fehlt es folglich nicht an neuem Atomstrom, sondern schlicht an Benzin und Diesel. Um die Strompreise in den Griff zu bekommen, genügen in meinen Augen vernünftige Gesetze, die auch mal an alten Monopolen kratzen. Denn richtig knapp wird allein das Erdöl - das wiederum vernünftigerweise zur Stromerzeugung kaum eingesetzt wird. Das Pressplankton aus der Kreidezeit dient uns als 'Schmierstoff der Mobilität' oder aber als Rohstoff für alle möglichen chemischen Produkte, vom Nylon bis hin zu den PC-Gehäusen.

Und - vice versa - hat auf absehbare Zeit bei unseren PKW-Herstellern auch niemand die Absicht, einen Kleinreaktor in künftige Modellreihen des Familien-Van einzubauen. Wo dann der Vati abends die Brennstäbe ausfahren muss, um sie - natürlich mit Hochsicherheits-Handschuhen! - ins Abklingbecken des Vorgartens zu legen, damit ihm nicht unversehens die Garage abfackelt.

Kurzum: Benzin ist knapp. Strom dagegen nicht! Die Presse vergleicht Eier mit Äpfeln - und schreibt pauschal 'Energie', wo sie sagen müsste, von welcher Energie denn gerade die Rede ist. Entweder tut sie dies aus Interesse, indem sie sich vor den PR-Karren der Atomlobby spannen lässt. Oder aber aus Dummheit, weil die Schreiber es einfach nicht besser wissen und glauben, nachts seien alle Energien gleich.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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