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29.10.14

Preisgabe von Wissen und Erfahrungen: Ein Plädoyer dafür, mehr Informationen zu teilen

Auch heute, trotz aller digitalen Möglichkeiten, behalten viele Menschen persönliche Erfahrungen und gewonnene Informationen für sich. Würden wir uns mehr öffnen, hätte dies Vorteile für alle.

Informationen teilen

Ich habe einige gute, langjährige Freunde, bei denen ich manchmal Monate oder gar Jahre nicht weiß, wie es ihnen geht, sofern ich sie nicht anrufe. Denn sie sind im Netz nahezu unsichtbar. Sie publizieren nichts auf Facebook, sie bloggen nicht, sie twittern nicht, sie betreiben keine Website. Sie sind das, was manchmal Social-Media-Muffel genannt wird.

Für mich ist dies ein Verhalten, das mir fernliegt. Mein eigenes Mitteilungsbedürfnis ist ziemlich hoch. Wahrscheinlich habe ich deshalb auch 2007 mit dem Bloggen angefangen - und nicht mehr aufgehört. Ich poste gerne Linkempfehlungen bei einschlägigen Social-Media-Portalen. Ich kommentiere Orte bei Foursquare. Ich bewerte Hotels bei Tripadvisor. Ich teile für gut befundene Musik bei SoundCloud. Ich habe schon ab und an Ratschläge und Tipps in Gesundheits-, Beziehungs-, Technologie-, Musik- und Lifestyle-Foren gegeben. 

Dass all das, was ich im Laufe der Zeit unter meinem Klarnamen oder mittels Pseudonymen im Netz von mir gegeben habe, tatsächlich kompetent und nützlich für andere war, schließe ich aus. Dass einiges davon für einige Menschen aber Mehrwert besitzt, daran gibt es trotz aller geratenen Bescheidenheit eigentlich keinen Zweifel. Allein aufgrund der Menge an Daten und Informationen, die ich irgendwann irgendwo im Web (bis zur Löschung der jeweiligen Domain oder Site) verewigt habe.

Mit meinen Nutzungsmustern bin ich gemäß der hinlänglich bekannten Ein-Prozent-Faustregel in der Minderheit. Die überweigende Mehrheit der Anwender nämlich nutzt die bereitgestellten Informationen zwar - sowohl die redaktionellen als auch den “User Generated Content - sie steuert aber selbst gar nicht oder nur sporadisch eigene Inhalte bei. Wie sich in Ausführungen zur Ein-Prozent-Regel nachlesen lässt, liefern Untersuchungen zu dem Phänomen abweichende Ergebnisse, was die tatsächliche Verteilung zwischen Kreateuren und Konsumierenden angeht. Zudem verlaufen die Übergänge zwischen den zwei Extremen, also den ganz Aktiven und den vollständig Passiven, fließend. Beachten muss man außerdem, dass manche Menschen aus persönlichen oder beruflichen Gründen oder aus aufgrund irgendwann gemachter schlechter Erfahrungen nur in “anonymen” Umfeldern Inhalte ins Netz stellen. Die vermeintlichen Social-Media-Muffel könnten sich am Ende als extrem rege Mitglieder einer beliebigen Online-Community entpuppen - nur dass sich diese Partizipation nicht auf ihre reale Identität zurückführen lässt.

Trotz aller Einschränkungen der Ein-Prozent-Regel zeigen die Statistiken bekannter, auf User Generated Content basierender Sites klar, dass ein signifikanter Teil der User tatsächlich nur konsumiert. Laut Tripadvisor wurden auf dem Portal bisher seit dem Launch im Jahr 2000 170 Millionen Bewertungen und Meinungen publiziert. Jeden Monat aber erreicht der Dienst mittlerweile laut Angaben auf der Website 280 Millionen User. Im Jahr 2011 bestätigte das US-Bewertungsportal Yelp in einem Blogpost, dass man bei den eigenen Usern die 1-9-90-Regel (eine andere Bezeichnung für das gleiche Phänomen) wiedererkenne. Selbst unter Nutzern sozialer Netzwerke - bei denen ein Großteil der Partizipation im technischen Sinne eher in die Kategorie persönlicher Kommunikation und nicht Informationsbereitstellung gehört - sind laut Pew Research 44 Prozent weder als Kreateure noch als Kuratoren aktiv. Von den 56 Prozent, die zumindest gelegentlich etwas Publizieren, wird ein signifikanter Teil auf Selfies, Baby-Bilder und Status-Updates zu Alltagsbanalitäten entfallen. Oder, wie Sturgeons Law es audrückt: "90 Prozent von allem sind Mist". In Wirklichkeit erfüllen wohl auch ganz banale Beiträge eine Funktion und werden von Kulturpessimisten meiner Ansicht nach zu unrecht pauschal als nutzlos abgestempelt. Doch ihnen fehlt oft ein praktischer, zeitlich länger Bestand habender Nutzwert für Personen außerhalb des jeweiligen Bekanntenkreises.

"Das geht niemanden etwas an"

“Das geht niemanden etwas an” - so lautet eine verbreitete Parole bei Menschen aller Generationen. Auslöser für diese Haltung kann es tausende geben, viele sicherlich nachvollziehbar und begründet. Dennoch steht diese Denkweise symbolhaft für den bedauerlichen, weit verbreiteten Verzicht auf das Zugänglichmachen von eigenem Wissen gegenüber anderen - im realen Leben sowie in der digitalen Welt.

Ich finde das extrem schade, eben weil, wie eingangs erläutert, im Prinzip jede Information mit wenigstens halbwegs substantiellem Charakter für zumindest einige andere Menschen hilfreich und dienlich sein kann. Vorteile des Teilens existieren auch für diejenigen, die etwas - womöglich Sensibles oder Spezielles - preisgeben. Über die sicher unterschiedlich stark empfundene intrinsische Genugtuung und den von Clive Thompson in seinem Buch "Smarter Than You Think" erläuterten Effekt klarerer Denkprozesse beim Niederschreiben oder Formulieren von Gedanken für eine Öffentlichkeit (unabhängig ihrer Größe) hinaus besteht auch die Möglichkeit eigener Erkenntnisgewinne und neuer zwischenmenschlicher Kontakte.

Immer wieder kommt mir hierzu die Erfahrung des US-amerikanischen Professors und Bloggers Jeff Jarvis in den Sinn, der 2011 per Blogpost über die Entwicklung seiner Prostatakrebs-Erkrankung berichtete und dabei auch auf recht “delikate” Beschreibungen nicht verzichtete. Für ihn hieß das öffentliche Bearbeiten eines Tabu-Themas unter Männern, dass sich Betroffene, Ärzte und Leser mit Ratschlägen, informativen Links und viel Zuspruch meldeten. Wie er später berichtete, half ihm das sehr. Als meinungsstarker Evangelist für eine auf Transparenz aufbauende “Post-Privacy-Gesellschaft”, in der Menschen generell mehr von sich preisgeben, ging er mit gutem Beispiel voran - und führte die Vorzüge der Preisgabe von Persönlichem eindrucksvoll vor.

Was Jarvis auf einer öffentlichen Bühne erlebte, erleben andere Menschen beispielsweise dann, wenn sie sich engen Freunden, Bekannten oder Kollegen in einer ihnen unangenehmen Angelegenheit anvertrauen, etwa über das Leiden an einer ernsthaften Krankheit. Dann kann es schonmal passieren, dass die Gesprächspartner ihrerseits die Fassade des scheinbar perfekten Lebens fallen lassen und über eigene Probleme, Krisen und Schicksale erzählen, die sie bis dato aus Vorsicht lieber für sich behielten. So entstehen ganz neue emotionale Verbindungen zwischen Personen, die sich vorher viel fremder waren.

So weit wie Jarvis oder Personen, die von Angesicht zu Angesicht intimste Geheimnisse ausplaudern, braucht man aber gar nicht zu gehen. Wer andere unerkannt und mit einer gewissen Distanz am eigenen Erfahrungs- und Wissensschatz teilhaben lassen möchte, kann das unter Pseudonym in zig um Bewertungen und Meinungen zentrierten Communites und Portalen tun. Oder natürlich in einem Blog.

Sich auf die anderen verlassen

Ich versuche mit diesem Plädoyer nicht, die uralte Ein-Prozent-Regel zu zerstören. Ich habe aber den Eindruck, dass viele Menschen schlicht deshalb nicht viel zum digitalen Informationsschatz beitragen, weil sie sich denken, dass das andere schon erledigen. Das stimmt zwar oft, dennoch besteht die Gefahr eines Freiwilligendilemmas, bei dem am Ende dann zu wenige wirklich aktiv werden, wodurch ein nicht hinreichend ausgewogenes und damit verzerrtes Informationsbild entsteht.

Mir geht es nicht darum, verschlossene und auf ihre Privatsphäre bedachte Menschen dazu zu bewegen, wider ihrer persönlichen Intuition zu handeln. Ich spreche diejenigen an, die eigentlich gar kein Problem damit haben, ihren Erfahrungsschatz gelegentlich mit anderen online (oder natürlich auch persönlich) zu teilen, die dies aber schlicht aus Gewohnheit , Zeitmangel oder Gedankenlosigkeit nicht machen; oder die der Ansicht sind, dass das, was sie zu berichten haben, ohnehin niemanden interessiert. Zumindest in der Theorie stimmt dies nie. Angesichts von sieben Milliarden Menschen auf dieser Erde ist allerdings auszuschließen, dass es Problemen, Fragen oder Schicksale gibt, die lediglich eine einzige Person betreffen.

In Gesprächen zum Kaffee oder Bier wird sich gerne darüber aufgeregt, wieviel Mist und Belanglosigkeiten doch ihren Weg ins Netz fänden. Umso wichtiger ist es daher, den Anteil der gehaltvollen, für spezifische Anliegen relevanten Informationen und verfügbaren Daten zu erhöhen. Das Filtern kann man den Suchenden, Informationsbeziehern und den Plattformen und Diensten überlassen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, derartige Angaben zu strukturieren und aufzubereiten.

Dem Dalai Lama wird seit einem zur Jahrtausendwende per E-Mail verschickten Hoax auf unzähligen Websites das folgende Zitate in den Mund gelegt: “Share your knowedlge. It is a way to achieve immortality”. Die Aussage stammt in Wahrheit nicht von dem bekannten buddhistischen Mönch, sondern aus einer in Buchform veröffentlichten Liste mit Lebensweisheiten des Autors H. Jackson Brown Jr. An der Treffgenauigkeit und Tiefe der Textstelle ändert die fehlende Verbindung zum Dalai Lama nichts. Wer Wissen und Gelerntes teilt, macht sich unsterblich - und verbessert womöglich gleich noch das Leben anderer. /mw

Foto: Woman hiding behind the green book, Shutterstock

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