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28.04.08Leser-Kommentare

Politikjournalismus: Wer ist denn hier apolitisch?

Politik. Die Leser wenden sich mit Grauen ab – doch warum nur? Liegt es an der Mediendemokratie, in der Berichterstattung und Politik nicht mehr voneinander trennbar sind? Ein Erklärungsversuch.

Bundespressekonferenz
Bundespressekonferenz in Berlin: Danach ins Borchardt? (Bild Keystone)

Das Publikum ist der ideale Sündenbock: Schleicht der Mime ohne Beifall von der Bühne, dann hat natürlich die dumpfe Zuhörerschaft schuld, weil diesem Denkpöbel dort draußen vor dem Orchestergraben doch jedes Organ für die wahre Kunst fehlt.

Ähnlich ist es, wenn der vereinigten Verlegerschaft die jungen Leser wegbrechen: Natürlich ist dann die abnehmende Lesefähigkeit verantwortlich. Bleiben immer mehr Wähler zu Hause, angesichts der Nichtwahl, die ihnen geblieben ist, dann holt der Kommentator die 'Politikverdrossenheit' als 'medialen Mülleimer' aus dem Schrank. Wenn ferner Leser die Einheitsberichterstattung im Politteil ihrer Zeitung nicht mehr goutieren, wenn sie deren Ansicht einfach nicht mehr teilen und den Abverkauf einstellen, dann haben sie ein demokratisches Defizit. Sagt jedenfalls Jürgen Habermas. So einfach ist das, wenn man es sich einfach macht. Die Schuld aber beim Schauspieler zu suchen , käme niemandem unter unseren 'terrible simplificateurs' jemals in den Sinn.

Mir spukte von Oliver Gehrs' launigen Interna aus der 'neuen' Spiegel-Redaktion vor allem der Hinweis auf den Einbruch bei den politischen Titeln im Kopf herum. Nach Jahren des Aust'schen Kampagnenjournalismus, heißt es in der ausführlichen taz-Version, sei die Rezeptionsbereitschaft für zurechtgetackerte politische Elaborate endgültig geschwunden:

 

Dabei steht die Selbsteinschätzung der Politikjournalisten im diametralen Gegensatz zur wahren Bedeutung: Die politischen Artikel locken nach wie vor die wenigsten Leser - der Titel etwa über den Linksruck der SPD war in diesem Frühjahr bislang der größte Ladenhüter.

Wer sich allzulange wie ein Meinungsführer aufführt, dies meine Lesart, der ist irgendwann keiner mehr. Gegen den Strich gelesen macht das schlichte Faktum nämlich Sinn: Das Publikum wäre vielleicht gar nicht dumm, im Gegenteil, es hätte vielmehr Lunte gerochen, weshalb der Politjournalismus höchstselbst sein Vertrauenskapital durch dümmliche Selbstüberhöhung verspielt hat. Für diese These spricht inzwischen so einiges.

Der Medienkanzler läßt mitregieren

Das Problem ist nicht nur am Spiegel festzumachen. Auch beim Stern, in Zeit, Welt oder SZ, mögen Menschen zunehmend weniger das lesen, was die selbsternannte 'mediale Mitte' als politisch konsensfähig zu erachten geruht. Alles ist zum Gähnen erwartbar geworden, all das, was uns das 'juste milieu' dieser Gesellschaft verkündet, mitsamt seinem unvermeidlichen Chor aus entlohnten 'Experten' und 'Reformern'. Denn das, was die Zeitungen meinen, ist längst ziemlich genau das, was auch die Regierenden meinen. Der PR-Fluss zwischen den Ebenen vollzieht sich 'abgestimmt' und weitgehend ohne Reibungsverluste, die Kontrollfunktion wurde gegen den Rat des Verfassungs-TÜV einfach überbrückt.

In der Bundesrepublik sind politikmachende Klasse und meinungsmachende Klasse zum medialen Konglomerat verschmolzen. Denn dort, wo Politiker zu TV-Figuren werden mussten, sind sie längst auch ein Teil des Zirkus Medialli geworden. Das eben ist 'Mediendemokratie' - kein verständiger Mensch weiß mehr zu sagen, wo die Berichterstattung aufhört und die Politik anfängt. Abends jedenfalls hauen sich alle im 'Borchardt' oder 'Café Einstein' wechselseitig auf die Schultern. Selbst dann, wenn sie in 'Mitte' leben, mit der 'Mitte der Gesellschaft' haben sie herzlich wenig zu tun. Die liegt weitab von den Newsdesks ihrer Redaktionen, fern vom Trapez politischer Medialakrobaten in einer inszenierten Zirkuswelt.

So richtig angefangen, das sehe ich zumindest so, hat alles zu Zeiten des großen 'Medienkanzlers'. Eine der sicherlich unbeabsichtigten Folgen des rotgrünen Projekts war es, dass ein geradezu WG-hafter und egalitärer Umgang untereinander in die Politik Einzug hielt: Politik und Presse, Hausherr und Wachhund, begegneten sich unversehens auf Augenhöhe. Dass ein Hund unter Seinesgleichen auf komische Gedanken kommt, das ist jedem klar, der sich jemals mit Tierpsychologie und Rangordnungen beschäftigte. Jedenfalls setzte damals im Politjournalismus das 'Mitregieren' ein, was heute wiederum die Medien peu à peu ihr Publikum kostet, weil alternde 'One-Trick-Ponys' eine schlechte Angewohnheit ums Verrecken nicht mehr aufgeben können.

Zum Vergleich: Als der Spiegel noch nicht zu Helmut Kohl in den Flieger klettern durfte, da war das Magazin eindeutig besser und politischer. Seit aber die Medialmoguln sich bei Kanzlers auf dem Sofa räkeln im lauen Gefühl des Umworbenseins und verköstigt mit informativen Leckerlis, seitdem sind sie Herrchen und Frauchen gegenüber viel milder gestimmt. Ab und zu gibt's mal ein wenig kollektive Empörung über entblößte 'Duddeln' einer Kanzlerin – das aber ist das Maximum dessen, was sich Dero faule Saturiertheit noch an Aufregung gestattet. Ebenso ist eben auch der Ton: Schnarchlangweilig und staatstragend, alle hüllen sich in graues Verbal-Flanell und sind mit Schlips und Kragen auf das Unausweichliche jeder Regierungsmaßnahme schon vorab eingestimmt. Sofern die - das allerdings ist ein 'Must Have' - nur 'Reform' getauft wurde.

'Görings Saufgelage' oder lieber Politik?

Was soll das Publikum unter diesen Anzugständern denn machen? Wo politische Themen nur so aufbereitet werden, wie sie tags zuvor von Merkel oder Scholz im O-Ton auch schon zu hören waren, da stürzt es sich auf andere Themen. Denn der Mensch will ja gern etwas Nettes lesen. Zumindest verfahren diejenigen Leute noch so, die nicht vollends 'netzaffin' geworden sind. Folglich bringen die Magazine dann 'Görings Saufgelage' auf den Titel, weil das noch Quote macht, bzw. die 'Pest im Mittelalter' oder 'Gibt es Gott doch, noch, oder doch nicht?'. Journalisten können mit solchen Themen wenig falsch machen, sie müssen dabei auch nicht handzahm sein und eine fönfrisierte Verlegermeinung vertreten. Das merkt man den Texten wiederum an, und der verehrte Rezipient liest lieber etwas Interessantes, als sich die Texte vom Willi Wichtig aus dem Politressort anzutun. Für mich also ist die eingetretene Entwicklung absolut verständlich ...

Ob es auch anders ginge? Nun ja – es zählt zur kleinen Münze unter den zahllosen altmedialen Lügen übers Internet, dass Netzbewohner 'unpolitisch' seien. Selbst durch Wiederholung wird davon nichts wahrer: Objektiv liegen in den Blogcharts politische Blogs derzeit auf den Plätzen 2, 5 und 6 (Bildblog, Netzpolitik, Niggemeier), auch 'Spreeblick' (Platz 3), 'Indiskretion Ehrensache' (12) oder 'Blogbar' (13) wird niemand ernsthaft als apolitisch bezeichnen wollen, sofern er noch über einen Restbestand an Lesefähigkeit verfügt. Selbst dieses freundliche Blog (Platz 25) wäre nur mit viel bösem Willen unpolitisch zu nennen.

Allerdings – und damit kommen wir zu einem kennzeichnenden Unterschied – wenn die Leute, wie hier im Netz, freiwillig das aufsuchen dürfen, was sie am liebsten lesen, wenn sie also selbst mit ihrem Leseverhalten den Rang eines Texters in den Blogcharts bestimmen, dann kommt ganz etwas anderes heraus als der übliche Eintopf à la SteingartJörgesMatussekAustDiekmann. So viel Obama-Jubel (Platz 37) bspw. würden wir in einem Döpfner-Blatt niemals zu hören bekommen, oder vermutlich erst dann, wenn der Kandidat tatsächlich 'Mister President' heißt. Dabei gibt in diesem Blog nur ein Deutscher die Stimme des einflussreichen Mainstreams der amerikanischen Blogosphäre wider. Warum muss ich ins Internet, um diese Stimme zu hören?

 

Entgegen der meisten Mediendarstellungen liegt nicht etwa Clinton, sondern Obama im nationalen Vergleich gegen McCain vorne – er hätte also die besseren Karten, wenn es um die Präsidentschaftswahl geht. Er hat auch mehr Delegierte hinter sich und auch, wenn Clinton die bevölkerungsreichen Staaten gewinnen konnte, so führt Obama dennoch bei den insgesamt abgegebenen Stimmen. Es gibt keinen Grund für Clinton, ihr schädliches Spiel fortzusetzen, das letztendlich nur dazu führen wird, McCain zu stärken. Je näher das Ende der Vorwahlen rückt, desto eher wird Clinton sich dazu hinreißen lassen, alles auf eine Karte zu setzen und gegen Obama eine Schlammschlacht zu führen – dies kann nicht im Sinne der Demokraten sein. Es wird Zeit, dass ein einflussreicher Demokrat einmal auf den Tisch haut.

Im Sauseschritt zur ominösen Mitte

Mit einem Wort - im Netz liest man die 'anderen Ansichten', wahlweise auch 'die Ansichten der anderen'. Deshalb vor allem wandern immer mehr Menschen ins Netz ab. Diese Ansichten sind deswegen keineswegs 'linker' oder 'rechter'. Sie sind eher in ihrer Totalität alles zusammen: 'links', 'rechts', 'Kraut und Rüben'. Wie hier im Falle der 'Causa Tempelhof', jener politjournalistischen Kriminalposse aus unserer hauptstädtischen Provinz:

 

Ich denke, man könnte wesentlich bessere Dinge mit dem Gelände anstellen. Ob?s nun ein Lunapark ist, ein Erholungsgebiet, eine Shopping Mall ? verdammt nochmal: Alles ist besser als so eine innerstädtische Kerosinregen-Produktionsgenossenschaft. ... Wenn man mich jetzt, wie die Flughafenbefürworter es seit Wochen tun, lokalpatriotisch packen will und erklärt: Willst Du Bewohner einer Kreis- oder Weltstadt sein?, und dabei darauf verweist, dass - oho - Helsinki auch einen Innenstadtflughafen besitzt, dann fühle ich mich ... negativ penetriert ...

Nicht wahr, das steht ein wenig quer in der Landschaft. Es ist auch kein Journalist, der hier schreibt, aber es ist eben auch nicht die stromlinienförmige Sauce der interessierten Springer-Zeitungen und anderer Kolumnenonkel, die derzeit damit alle Kanäle fluten. Allein schon die Differenz weckt hier die Leselust.

Wer also sagt, dass Politjournalismus nicht spannend sein kann? Nur vertritt divergente Positionen in Zeitungen oder Magazinen heute kaum noch jemand. Dazu muss man Holzhausen verlassen ...

Wie in einem Riesentrichter, so sehe ich das, saust dort alles einer ominösen 'Mitte' zu. So, wie es einst den Parteien erging, als sie immer ununterscheidbarer wurden - dadurch, dass damals sie sich den Wünschen der Presse anpassten. So geht's jetzt eben der Presse, jetzt ist sie dran: Als Bauchredner der Macht passen sie sich zunehmend an das parteipolitisch Mögliche an, jeder perspektivische Überschuss geht verloren. Aus meinem Sichtwinkel ließe sich sagen: Die Medien werden immer mehr Partei. Alle zusammen bilden sie dann eine Partei, die große, allumfassende Borchardt-Partei, die zwischen rot, schwarz, grün und gelb nicht mehr unterscheiden mag, weil in der Zeitung bekanntlich alle Texte grau sind. Ein Klüngel gewissermaßen, aber ein langweiliger. So sieht für mich der Politjournalismus heute aus ...

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • arbiter

    28.04.08 (14:59:44)

    Verdrießliche Politik, gemacht von verdrießlichen Politikern, erzeugt nun mal Politikverdrossenheit! Ein autogenerativer Prozeß. Mag sein, für die BRD begann die Medienkanzlerschaft mit Kohl. Wer je in seinem Troß mitgereist ist weiß, der schwarze Riese hatte finstersten Einfluß auf Druckerschwärze und eine enorme TV- (Heinz Klaus Mertes!) und Kirch-Affinität. Aber die Publikumsbedienung durch Medien von Theodor Rossevelt bis Alfred Hugenberg ist ein alter Hut all unserer Pseudodemokratien. Alles beim alten! Relativ neu -ein halbes Jahrhundert- ist der elitäre Meinungsmachtanspruch der Journaille, die sich in und mit Anbiederung an Macht -s. Kohl-Ära- zur Elite rechnet, Machthaber spielt. Und je mündiger der Medienkonsument wird, je breiter sich die Medienvielfalt auffächert, um so größer die Angst der Elite und Medienelite in Politik und Medien vor Machtverlust, um so größer ihr Bedürfnis, alles unter Kontrolle zu behalten, eine Kontrolle die einer Zensur gleichkommt. Wer weiß schon, daß z.B. in Deutschland 715 Buchtitel indiziert sind? Opus Dei bringt es auch nur auf 1.000. Und selbst der Ausgang des Tempelhof-Referendums trotz immensen Finanz- und Medienaufwandes von Springer über Arbeitgeberverbände bis Bundes-CDU, die letztlich im "Reichstag" das Aus doch beschlossen hat, zeigt das Versagen der Mechanismen, zeigt sie sind ausgereizt, überreizt. Die Statements der Tageszeitungen von heute, der Wörtermüll selbst der Verlierer des Referendums turnen ab, lassen weiterblättern überblättern, abbestellen. Es reicht einfach nicht, Presseverlautbarungen aus Politik, Wirtschaft und Verbänden wortgetreu in die Landschaft zu stellen, Inhalte nicht zu hinterfragen. Aufwand- und personalintensive Recherche und Analyse, abgesehen von der erforderlichen Sachkenntnis, passen nicht zu Gewinnmaximierern. An dem darin angelegten Widerspruch, da sind sich Adam Smith, Marx, Schumpeter, Hayek, Keynes einig, geht das System so oder so kaputt. Holzmedien bleiben davon nicht verschont, besonders dann nicht, wenn sie ihre Pfründe mit Mitbewerbern teilen müssen. Daß sie sich im Wettbewerb auch noch saublöd anstellen, wann wäre das bei Eliten je anders gewesen?

  • jean-Claude

    29.04.08 (15:08:59)

    @) Klaus Jarchow, du fragst: Wer ist denn hier apolitisch? - Sorry, ich fürchte, du bist es. Zumdindest bis du auf dem Weg dorthin. Das Grau in Grau stimmt. Die fehlende Distanz von Schreibenden zu den Beschriebenen stimmt auch. Das war aber früher keineswegs anders. Das war immer so. Heute fällts nur mehr auf. In Deutschland regiert eine grosse Koalition. Das führt zwangsläufig dazu, dass die politische Konfrontation zunehmend fehlt. Der Druck müsste von der Opposition kommen. Aber da kommt keiner. Und einfach nur, damit's mehr Spass macht, sollten Medien Kontroversen nicht erfinden. Da ist dann halt Angies Decolleté in jeder Beziehung näherliegend. Die grossen politischen Themen sind furchtbar zäh - aber leider furchtbar wichtig: Das Rentenproblem (gähn!). Aber: Wenn da heute was falsch aufgegleist wird, führt das in 20 oder 30 Jahren zur Katastrophe. Bahnreform (gähn!) mit einem Zeithorizont bis 2023! Ist aber von fundamentaler Bedeutung für das Land. Gesundheitsreform (gähn!), Bildungspolitik (gähn!), Klimawandel (naja!) Dessen Auswirkungen werden erst in vielleicht 40 oder 50 Jahren richtig spürbar werden. Aber entsprechende Massnahmen müss(t)en heute beschlossen werden. Nahrungsmittelknappheit (was bitte?) Weltweit wird sie plötzlich akut. Und sofort hat das Auswirkungen auch bei uns. Das ist relativ neu. Globalisierung ist nicht nur ein Wort , sondern Ausdruck einer rasenden Entwicklung. Aber auch eine grosse Chance. Aber wo, wie , was, für wen? Das sind spannende Themen für den politschen Journalismus, der sich wohl oder übel aus seiner nationalen Fixiertheit lösen muss (und wird). Ich möchte nicht in der Haut von verantwortlichen Politikern stecken. Ehrlich nicht! Sich aber als rechtschaffener Bürger im Sofa zu fläzen, mit der Pulle in der Hand, und dauernd zu jammern: Die tun ja nix, und wenn sie was tun, machen sie's Falsche! ist einfach zu simpel. Politische Journalisten - Journalisten generell - sollten nicht den Eindruck erwecken, als wüssten sie genau, was zu tun ist. Politiker taten das früher , sind heute aber eher zurückhaltend mit grandiosen Sprüchen. Die Welt wird nicht für uns geregelt. Da müssen wir schon selber ran. Sonst nehmen jene grandiosen Simplifizierer die Sache in die Hand und regeln es nach ihrem Gusto: die Berlusconis, die Bushs, die Blochers und wie sie alle heissen. Es ist kein Zufall, dass solche Führerfiguren Konjunktur haben. Das ist politisch! Das ist nicht Zirkus. Politik ist keine Konsumware. Von ihr hängt unsere Existenz ab, ob wir wollen oder nicht. Da lohnt es sich schon, sich einzumischen und aufzupassen. Der politische Journalismus müsste diese Sensibilität vermitteln. Aber zu erst müssen Polit- und Wirtschaftsjournalisten wieder mal genau hinhören, was die Menschen wirklich beschäftigt. Und darüber lernt man im web tatsächlich mehr, als im print. Viel mehr. Uebrigens auch in diesem Blog.

  • arbiter

    29.04.08 (15:44:07)

    Kann man mal sehen, nicht nur so`n Pinscher wie ich fährt auf das heitere Darüberstehen eines Elitejournalisten/-Bloggers nicht unbedingt ab. Nein, Politik ist keine Konsumware. Warum aber hält Journalismus den Konsumenten Wähler so wirkungsvoll vom Konsum vorsätzlich ab? Ja, Politik ist sehr wohl Konsumware! Schließlich müssen wir alles, was Politik und Politiker so zusammenköcheln, nicht nur schlucken, sondern bezahlen. Und der 28. April 2008 samt Berichterstattung am Tage danach liefert ein prima Exempel: Handverlesene 350 Personen treffen sich am Vorabend des 70. Geburtstages der in der Schweiz wohnhaften Präsidentin der IHK Augsburg, Hannelore Leimer. Es spricht nicht der bayerische Ministerpräsident. Es spricht Dieter Althaus, Ministerpräsident von Thüringen. Er spricht zum Thema "Bedingiungsloses Grundeinkommen". Er propagiert die Demontage des Sozialstaates, wie ihn sich die Anthropsophen Benediktus Hardorp und Götz W. Werner vorstellen und wünschen. Staatliche Personenschützer für Leimer reisen aus der Schweiz an. Althaus reist aus Thüringen mit Personenschutz an. Die Augsburger Polizei sichert großräumig. Die eine Hälfte des Abends wird finanziert durch die Zwangsmitgliedschaftsbeiträge der IHK, die andere durch das Land Thüringen. Munter gehen Wirtschaft, Parteiklüngel und Politik einen Kuhhandel ein. Kann sein, die Finanzierung erfolgte aus ganz anderen "öffentlichen" Töpfen. Und die Presse? Sie verliert kein Sterbenswort, schaltet sich stillschweigend gleich, verschweigt. Als Ersatz bietet die Augsburger Allgemeine auf Seite 23 ein knapp halbseitiges Geburtstagsfeature mit Foto über die IHK-Präsidentin. Offen bleibt die Frage, kann, will oder darf Journalismus nicht leisten, was zu leisten er stolz behauptet. Wer mich fragt, den keiner fragt: Journalismus will und darf nicht leisten, was er leisten könnte. Gleichschaltung, einst Überlebensprinzip, ist verkommen zum Geschäftsprinzip.

  • jean-Claude

    29.04.08 (17:00:23)

    @) Arbiter: ich bin nicht der Meinung, dass der Sozialstaat sakroankt sei, im Gegenteil, er soll von den Journalisten ruhig hinterfragt werden, und zwar hart. Es ist nicht Aufgabe von Journalisten, Bereiche auszuklammern, von denen sie annehmen, dafür bekämen sie kein Applazus beim Publikum. Da funktioniert nämlich auch eine Art Gleichschaltung. Aber interessieren würde mich Ihr Hinweis schon: Wie kommt die Präsidentin des IHK Augsburg auf einer Veranstaltung in Augsburg an einen "staatlichen Personenschutz aus der Schweiz"? Das wäre nämlich höchst ungewöhnlich. Wissen Sie mehr darüber? Oder war es ein privater Bodyguard? Und warum wohnt die Präsidentin der der Industrie- und Handelskammer Augsburg in der Schweiz? Da wird man doch hellhörig.

  • arbiter

    29.04.08 (18:33:54)

    @ JEAN-CLAUDE: Ist natürlich BRD-Personenschutz mit BRD-Personenschützern in Fahrzeugen mit CH-Zulassungskennzeichen. Eine andere Frage ist, wo wir leben, wenn eine lokale IHK-Präsidentin Personenschutz braucht?! Sozialstaat ist nicht und nie tabu, zumindest nicht seine Finanzierung und seine Leistungen. Daran basteln sie ja schließlich seit 1957 mit Rentenformeln und anderen Unzulänglichkeiten herum. Die Renten sind sicher, sagte Blüm einst. Keiner hat ihn ausreden lassen: nicht zum letzten Mal gekürzt worden, lautet der vollständige Spruch, obwohl für Blum noch niemand Alzheimer diagnostiziert hat. Der presseapplaus- und berichterstattungsfreie Abend zielte eben auf Insider ab. Das soll ja gerade nicht ans Publikum! Erst wenn alles festgezurrt, ist gibts den großen Auftritt samt Presseapplaus und Klingelbeutel fürs Volk. So ungefähr geht Medienmacht. Kater fürs Publikum inbegriffen. Läßt sich eine breite Übereinstimmung öffentlicher Meinung als Gleichschaltung interpretieren, oder ist der Versuch der Meinungsbeeinflussung durch Medien gleichschalterisch? Meinungsführer erinnern an den einen oder anderen Duce, Caudillo oder wie das Zeugs sonst noch heißt.

  • Frank

    29.04.08 (21:05:12)

    Etablierte Presse hüpft zwischen Hofberichterstattung, unkritischem Nachgeplapper vorgefertigter INSM-PR und Merkels Titten hin und her, ab und zu mal gewürzt mit hohlen Phrasen und persönlichen Angriffen gegen Politiker und Pop-Sternchen. Das ist der aktuelle Durchschnittsqualitätsjournalismus in Deutschland. Und den braucht wirklich keiner. Wenn Klaus J. unpolitisch sein soll - wie es Jean Claude formuliert - als was soll man dann denn die etablierte Quirle bezeichnen? Die wäre dann ja sogar als unterunpolitisch o.ä. zu bezeichnen. Aber warum machen wir es uns eigentlich so scher mit den Begriffen? Früher nannte man derartiges einfach "Käseblatt". Genau das sind unsere leitmedien: Käseblätter.

  • Klaus Jarchow

    30.04.08 (09:57:26)

    @ Jean-Claude: Das reicht weit über die zementgewordene Langeweile einer großen Koalition hinaus. Wenn ich eine 'neue Medienklasse' heranwachsen sehe, innerhalb derer ein karrierewilliger junger Mensch problemlos von der Politik in die Medien wechseln kann, und dann auch wieder in die Wirtschaft oder in irgendwelche Lobbygruppen, ohne dass beim Meinen und Denken dazu noch ein Hauch von mentalem Wandel erforderlich wäre, dann halte ich das für einen politischen Vorgang. Die entstehende 'Mediendemokratie' ist eben weit mehr als 'Politiker vor Kameras' - und sonderlich schön ist sie auch nicht. Unpolitisch ist es jedenfalls nicht, sie zu beschreiben ...

  • arbiter

    30.04.08 (10:37:16)

    @ KLAUS JARCHOW: Zumindest produziert diese "neue Medienklasse", um bei FRANKs Bild zu bleiben, doch nur Käseblätter. Verstehe ich Sie richtig, pendeln die Typen als Grenzgänger zwischen Berichterstatter, Politik und Wirtschaft, lassen sich assimilieren, richten sich dort geräuschlos ein, wo es etwas zu holen gibt. Immer aber geht es doch nur um Macht: Medienmacht, Macht der Politik, Wirtschaftsmacht. Aus dem Blick gerät bei der Diskussion, die eigentliche Macht liegt beim Geld. Und zu dem drängt diese `neue Medienklasse´hin. Wo sich Medien, insbesondere Prsse, einst als demokratische Kontrollinstanz innerhalb demokratisch verfaßter Gesellschaften sahen, obwohl sie diesem Anspruch als selbstgestellter Auftrag nie gerecht wurden, folgt unweigerlich der Verrat am Auftrag. Der Elitejournalist geht in der Klasse der Herrschaftselite auf, dies durchaus wechselseitig, indem er an die herrschaftliche Tafel einerseits drängt, sich anbiedert, ihn Elite andererseits vereinnahmt. Das hat weder Klasse, noch ist es eine `neue Medienklasse´. Hier verschwindet ein Potential, und für die "Käseblätter" gibts Gerd Heidemann bis FJ Wagner. Versucht bin ich, das am "Meinungsanspruch" des Meinungsmachers elitärer Journaliste/Journalismus zu verorten. Der Verrat am Auftrag wiegt um so schwerer, je elitärer sein Protagonist. Im übrigen, diese `neue Medienklasse´ist natürlich apolitisch. Es geht letztlich ums Konto. Wenn dabei der bekannte Finanzfaschismus als Politik heraus kommt, liegt das nicht an den Akteuren und ihrer Politikbegeisterung, sondern in der Natur der Sache. So spiegeln sie nur die zementgewordene Langeweile der Politik insgesamt. Keine `neue Medienklasse´, nur die alten Langweiler als Spannbeton über Berichterstattung, Politik, Wirtschaft, Geld.

  • jean-Claude

    30.04.08 (10:59:40)

    @) Klaus Jarchow: Die grosse Koalition meinte ich mehr als ein Symptom. Es signalisiert, dass die herkömmliche Politik, säuberlich nach Lager geordnet, so nicht mehr funktioniert. Dazu sind die Probleme viel zu komplex und unmittelbar in globale Entwicklungen eingebunden. Sich darauf auszurichten, ist für die Politik ebenso schwierig wie für die Medien. Am leichtesten fällt es der Wirtschaft. Die ist mobil, in weiten Teilen zumindest. Als Schweizer darf ich das sagen: Die Deutschen sollten ihre Medienszene mehr zu schätzen wissen. Wir wären froh, wir hätten einen "Spiegel", eine "Süddeutsche" oder eine "FAZ am Sonntag", um nur einige zu nennen. Zeitungen jedenfalls, die - bei aller berechtigten Kritik - ein gewisses Standing haben und die realtiv wenig anfällig auf Korruption sind. Das ist schon eine ganze Menge. Ein Grund übrigens, warum in den USA web und TV so blühen: weil der Print, bis auf wenige Top-Ausnahmen, unglaublich schlecht und provinziell ist. Das kann man sich bei uns gar nicht richtig vorstellen. Deutsches TV schlägt amerikanisches um Längen. In jeder Beziehung. Und was die Politik betrifft: Mir fiel auf, dass die Schweriner letztes Wochenende ihren Bürgermeister mitten in der Amtszeit abgewählt haben, weil er sich nicht genügend um sein Amt kümmerte. Für mich war das eine kleine Revolution. Das spielt Demokratie. Die Leute machen dann schon mit, wenn man sie lässt. Und es kommen nicht die dümmsten Entscheide dabei heraus. Das wäre ein Riesenthema für den politischen Journalismus: mehr direkte Demokratie auf Gemeinde - und Länderebene. Da wollen die Parteien nicht ran, weil es ihre Macht einschränkt. Aber für die Medien liegt das Thema auf der Strasse. Sie müssten nur zugreifen. Das würde das Bewusstsein radikal schärfen, dass man als Bürger einen Teil der Politik selber machen muss. Man kann nicht einfach immer alles wegdelegieren. Das würde übrigens schlagartig den Prinmedien wieder mehr Bedeutung geben, insbesondere im regionalen Bereich.

  • arbiter

    30.04.08 (12:41:25)

    Klar sieht das von außen spannend aus, wenn in laufender Amtszeit ein Bürgermeister in die Wüste geschickt wird. Genauso spannend war der Medienaufwand, derjenige der Politiker sowieso, für Berlin-Tempelhof. Rohrkrepierer! In einer bayerischen Großstadt wurde wegen der Gestaltung eines zentralen Platzes in "direkter Demokratie" die Stadtratsentscheidung gekippt. Die Folgen? Sieg des Populismus. Wechsel im Amt des Bürgermeisters. Verzögerung des Baubeginns um gut 2 Jahre. Verlust der Landeszuschüsse und die übliche Kostensteigerung. Hauptsache in direkter Demokratie gewonnen! Dann gibts noch ein Urteil des Bayerischen Verfassungsgerichtshofes zum Transrapid-Volksbegehren, das die Beteiligung des Volkes letztlich wieder einkassiert. Was macht der "politische Journalismus aus dem Riesenthema"? Anbiederung an Macht, Medienkampagnen, Gesinnungstransport. Da helfen keine Qualitätseinsprengsel in SZ, FAZ am Sonntag, Spiegel. Die Printmedien im regionalen Bereich, jedenfalls in meiner BRD/BY-Idylle, gerieren sich als Hofberichterstatter und Steigbügelhalter. Übrigens, Arnold Schwazenegger ist mit so einer Masche Gouverneur geworden, direkte Demokratie in laufender Amtszeit. Nur war der Geschaßte nicht der Urheber des Desasters, sondern sein Vorgänger aus Schwarzeneggers Partei. War es nicht spannend zu sehen, auch damit konnten weder amerikanische noch unsere Medien etwas anfangen?!

  • Klaus Jarchow

    30.04.08 (13:12:35)

    @ arbiter: Es entsteht eine Szene, wo Verleger, Inserent, PR-Berater, Politiker, Lobbyist oder Journalist zwar noch verschiedene Zimmer innehaben, aber gewissermaßen auf einem Flur, in ein und demselbem Unternehmen - der 'All-Intermedia GmbH und Co KG' zur wechselseitigen Förderung wechselseitiger Interessen. @ Jean-Claude: Du schaust zurück und sagst es gibt ja NOCH einige Inseln der Seligen, wo die Versteppung durch den Meinungs- und Rudeljournalismus bisher nicht stattfand. Ich schaue nach vorn ... In kaum einer politischen Frage lässt sich doch irgendetwas noch vom 'populus' entscheiden, der Wähler hat faktisch keine Wahl mehr. Wenn es mir bspw. um höhere Renten für Kleinrentner ginge, dann fände ich in CDU, SPD, Linken, Grünen, FDP jeweils einen Flügel, der dafür ist, und auch einen Flügel der dagegen ist. So in allen Fragen! Welche Partei soll ich also noch wählen, wenn ich bei jeder nicht weiß, was ich kriege? Dass ich letztlich das bekommen werde, egal, welche Partei ich wähle, was mir eine Meute aus Medien, PR-Beratern, Wirtschaftsexperten und den anderen üblich Verdächtigen empfiehlt, das ist dabei auch klar. Ich bin ja nicht naiv. Das aber eben ist Mediendemokratie. Sie ist gar keine ...

  • jean-Claude

    30.04.08 (13:12:51)

    @) Arbiter: Warum denn so verzagt? Natürlich klappt das nicht von null auf sofort. Das "Volk" ist aber nicht dumm, ebenso wenig wie es die Leser sind. Uebrigens: Schwarzenegger machts nicht mal schlecht in Kalifornien (das, by the way etwa 50 Millionen Einwohner zählt). Zumindest ist direkte Demokratie ein wichtiges Medienthema, ein spannendes dazu. Ich frag mich, warum der "Spiegel" dazu nicht mal einen Titel wagt, im Sinn von: Was wäre, wenn die Deutschen plötzlich mitregieren? (Nicht auf Bundes- aber auf Gemeinde- und Länderebene). Bei dem Thema muss man mal alle Vorurteile weglassen und prüfen, was geht und was nicht geht. Man wäre erstaunt, wie vieles plötzlich möglich wird.

  • arbiter

    30.04.08 (13:45:19)

    @ Klaus Jarchow: Sind Sie sicher, daß die Szene erst entsteht? Der Demokratismus hat m.E. Hochkonjunktur! In der Tat, kein Demokrat hat mehr die Wahl! Er kann nur noch zwischen Teufel und Belzebub auswählen. Die Wahlbeteiligung ist der gute Gradmesser dafür. @ Jean-Claude: Verzagt? Nein! Stocksauer! Da bekommt im Nachbarort der Lokalchef eines Käseblatts einen Preis für Zivilcourage, weil er berichtet hat, was ihm engagierte Mitarbeiter einer Müllverbrennungsanlage gesteckt haben. Derweil jagt der Staatsanwalt die Mitarbeiter der Anlage, die es ihm gesteckt haben. Das Käseblatt duckt sich weg, und die SZ, nicht gerade Freund dieses Käsekuchens? Fehlanzeige! Die von Theodor Maunz geprägte, von Roman Herzog abgezeichnete Verfassungslandschaft fährt mit der Bürgerbeteiligung ruckzuck Schlitten. Herzog, der als Kultusminister, Verfassungsrichter, Bundespräsident den Sozialgesetzgebungskatalog per Unterschrift geadelt hat, beschimpft die Betroffenen. Sein Rezept? Änderung der Verfassung! Schönen Gruß aus seiner Dissertation, von Maunz auch. Sein Nachfolger träumt und schwadroniert von der Agenda 2020, also Harzt VIII. Bleibt die Frage, warum wagt nicht einmal der Spiegel dazu einen Titel? Antwort: No entertainment! Arnie macht einen Job, den er nicht kann. Er hat ein paar bessere Berater als George W., thats it. Und ab und zu hat er Einfälle nahe an Ausfällen. Muß man der US-Verfassung dankbar sein, daß er nicht Präsident werden kann.

  • Paul Lanon

    01.05.08 (15:58:44)

    Schöner Witz: Dabei steht die Selbsteinschätzung der Politikjournalisten im diametralen Gegensatz zur wahren Bedeutung: Die politischen Artikel locken nach wie vor die wenigsten Leser - der Titel etwa über den Linksruck der SPD war in diesem Frühjahr bislang der größte Ladenhüter. Warum soll ich etwas lesen, was ich schon weiss? Daraus zu schließen, politische Artikel locken keine Leser, ist ein Witz. Politische Blogs, wie Bildblog, Netzpolitik und Spiegelfechter werden viel gelesen. Aber der Journalist beisst ja nicht in die politische Hand, die ihn füttert. Der Blogger verliert keinen den Zugang zur Politik, an den sich der Journalist offenbar gewöhnt hat.

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