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28.04.08

Politikjournalismus: Wer ist denn hier apolitisch?

Politik. Die Leser wenden sich mit Grauen ab – doch warum nur? Liegt es an der Mediendemokratie, in der Berichterstattung und Politik nicht mehr voneinander trennbar sind? Ein Erklärungsversuch.

Bundespressekonferenz
Bundespressekonferenz in Berlin: Danach ins Borchardt? (Bild Keystone)

Das Publikum ist der ideale Sündenbock: Schleicht der Mime ohne Beifall von der Bühne, dann hat natürlich die dumpfe Zuhörerschaft schuld, weil diesem Denkpöbel dort draußen vor dem Orchestergraben doch jedes Organ für die wahre Kunst fehlt.

Ähnlich ist es, wenn der vereinigten Verlegerschaft die jungen Leser wegbrechen: Natürlich ist dann die abnehmende Lesefähigkeit verantwortlich. Bleiben immer mehr Wähler zu Hause, angesichts der Nichtwahl, die ihnen geblieben ist, dann holt der Kommentator die 'Politikverdrossenheit' als 'medialen Mülleimer' aus dem Schrank. Wenn ferner Leser die Einheitsberichterstattung im Politteil ihrer Zeitung nicht mehr goutieren, wenn sie deren Ansicht einfach nicht mehr teilen und den Abverkauf einstellen, dann haben sie ein demokratisches Defizit. Sagt jedenfalls Jürgen Habermas. So einfach ist das, wenn man es sich einfach macht. Die Schuld aber beim Schauspieler zu suchen , käme niemandem unter unseren 'terrible simplificateurs' jemals in den Sinn.

Mir spukte von Oliver Gehrs' launigen Interna aus der 'neuen' Spiegel-Redaktion vor allem der Hinweis auf den Einbruch bei den politischen Titeln im Kopf herum. Nach Jahren des Aust'schen Kampagnenjournalismus, heißt es in der ausführlichen taz-Version, sei die Rezeptionsbereitschaft für zurechtgetackerte politische Elaborate endgültig geschwunden:

 

Dabei steht die Selbsteinschätzung der Politikjournalisten im diametralen Gegensatz zur wahren Bedeutung: Die politischen Artikel locken nach wie vor die wenigsten Leser - der Titel etwa über den Linksruck der SPD war in diesem Frühjahr bislang der größte Ladenhüter.

Wer sich allzulange wie ein Meinungsführer aufführt, dies meine Lesart, der ist irgendwann keiner mehr. Gegen den Strich gelesen macht das schlichte Faktum nämlich Sinn: Das Publikum wäre vielleicht gar nicht dumm, im Gegenteil, es hätte vielmehr Lunte gerochen, weshalb der Politjournalismus höchstselbst sein Vertrauenskapital durch dümmliche Selbstüberhöhung verspielt hat. Für diese These spricht inzwischen so einiges.

Der Medienkanzler läßt mitregieren

Das Problem ist nicht nur am Spiegel festzumachen. Auch beim Stern, in Zeit, Welt oder SZ, mögen Menschen zunehmend weniger das lesen, was die selbsternannte 'mediale Mitte' als politisch konsensfähig zu erachten geruht. Alles ist zum Gähnen erwartbar geworden, all das, was uns das 'juste milieu' dieser Gesellschaft verkündet, mitsamt seinem unvermeidlichen Chor aus entlohnten 'Experten' und 'Reformern'. Denn das, was die Zeitungen meinen, ist längst ziemlich genau das, was auch die Regierenden meinen. Der PR-Fluss zwischen den Ebenen vollzieht sich 'abgestimmt' und weitgehend ohne Reibungsverluste, die Kontrollfunktion wurde gegen den Rat des Verfassungs-TÜV einfach überbrückt.

In der Bundesrepublik sind politikmachende Klasse und meinungsmachende Klasse zum medialen Konglomerat verschmolzen. Denn dort, wo Politiker zu TV-Figuren werden mussten, sind sie längst auch ein Teil des Zirkus Medialli geworden. Das eben ist 'Mediendemokratie' - kein verständiger Mensch weiß mehr zu sagen, wo die Berichterstattung aufhört und die Politik anfängt. Abends jedenfalls hauen sich alle im 'Borchardt' oder 'Café Einstein' wechselseitig auf die Schultern. Selbst dann, wenn sie in 'Mitte' leben, mit der 'Mitte der Gesellschaft' haben sie herzlich wenig zu tun. Die liegt weitab von den Newsdesks ihrer Redaktionen, fern vom Trapez politischer Medialakrobaten in einer inszenierten Zirkuswelt.

So richtig angefangen, das sehe ich zumindest so, hat alles zu Zeiten des großen 'Medienkanzlers'. Eine der sicherlich unbeabsichtigten Folgen des rotgrünen Projekts war es, dass ein geradezu WG-hafter und egalitärer Umgang untereinander in die Politik Einzug hielt: Politik und Presse, Hausherr und Wachhund, begegneten sich unversehens auf Augenhöhe. Dass ein Hund unter Seinesgleichen auf komische Gedanken kommt, das ist jedem klar, der sich jemals mit Tierpsychologie und Rangordnungen beschäftigte. Jedenfalls setzte damals im Politjournalismus das 'Mitregieren' ein, was heute wiederum die Medien peu à peu ihr Publikum kostet, weil alternde 'One-Trick-Ponys' eine schlechte Angewohnheit ums Verrecken nicht mehr aufgeben können.

Zum Vergleich: Als der Spiegel noch nicht zu Helmut Kohl in den Flieger klettern durfte, da war das Magazin eindeutig besser und politischer. Seit aber die Medialmoguln sich bei Kanzlers auf dem Sofa räkeln im lauen Gefühl des Umworbenseins und verköstigt mit informativen Leckerlis, seitdem sind sie Herrchen und Frauchen gegenüber viel milder gestimmt. Ab und zu gibt's mal ein wenig kollektive Empörung über entblößte 'Duddeln' einer Kanzlerin – das aber ist das Maximum dessen, was sich Dero faule Saturiertheit noch an Aufregung gestattet. Ebenso ist eben auch der Ton: Schnarchlangweilig und staatstragend, alle hüllen sich in graues Verbal-Flanell und sind mit Schlips und Kragen auf das Unausweichliche jeder Regierungsmaßnahme schon vorab eingestimmt. Sofern die - das allerdings ist ein 'Must Have' - nur 'Reform' getauft wurde.

'Görings Saufgelage' oder lieber Politik?

Was soll das Publikum unter diesen Anzugständern denn machen? Wo politische Themen nur so aufbereitet werden, wie sie tags zuvor von Merkel oder Scholz im O-Ton auch schon zu hören waren, da stürzt es sich auf andere Themen. Denn der Mensch will ja gern etwas Nettes lesen. Zumindest verfahren diejenigen Leute noch so, die nicht vollends 'netzaffin' geworden sind. Folglich bringen die Magazine dann 'Görings Saufgelage' auf den Titel, weil das noch Quote macht, bzw. die 'Pest im Mittelalter' oder 'Gibt es Gott doch, noch, oder doch nicht?'. Journalisten können mit solchen Themen wenig falsch machen, sie müssen dabei auch nicht handzahm sein und eine fönfrisierte Verlegermeinung vertreten. Das merkt man den Texten wiederum an, und der verehrte Rezipient liest lieber etwas Interessantes, als sich die Texte vom Willi Wichtig aus dem Politressort anzutun. Für mich also ist die eingetretene Entwicklung absolut verständlich ...

Ob es auch anders ginge? Nun ja – es zählt zur kleinen Münze unter den zahllosen altmedialen Lügen übers Internet, dass Netzbewohner 'unpolitisch' seien . Selbst durch Wiederholung wird davon nichts wahrer: Objektiv liegen in den Blogcharts politische Blogs derzeit auf den Plätzen 2, 5 und 6 (Bildblog, Netzpolitik, Niggemeier), auch 'Spreeblick' (Platz 3), 'Indiskretion Ehrensache' (12) oder 'Blogbar' (13) wird niemand ernsthaft als apolitisch bezeichnen wollen, sofern er noch über einen Restbestand an Lesefähigkeit verfügt. Selbst dieses freundliche Blog (Platz 25) wäre nur mit viel bösem Willen unpolitisch zu nennen.

Allerdings – und damit kommen wir zu einem kennzeichnenden Unterschied – wenn die Leute, wie hier im Netz, freiwillig das aufsuchen dürfen, was sie am liebsten lesen, wenn sie also selbst mit ihrem Leseverhalten den Rang eines Texters in den Blogcharts bestimmen, dann kommt ganz etwas anderes heraus als der übliche Eintopf à la SteingartJörgesMatussekAustDiekmann. So viel Obama-Jubel (Platz 37) bspw. würden wir in einem Döpfner-Blatt niemals zu hören bekommen, oder vermutlich erst dann, wenn der Kandidat tatsächlich 'Mister President' heißt. Dabei gibt in diesem Blog nur ein Deutscher die Stimme des einflussreichen Mainstreams der amerikanischen Blogosphäre wider. Warum muss ich ins Internet, um diese Stimme zu hören?

 

Entgegen der meisten Mediendarstellungen liegt nicht etwa Clinton, sondern Obama im nationalen Vergleich gegen McCain vorne – er hätte also die besseren Karten, wenn es um die Präsidentschaftswahl geht. Er hat auch mehr Delegierte hinter sich und auch, wenn Clinton die bevölkerungsreichen Staaten gewinnen konnte, so führt Obama dennoch bei den insgesamt abgegebenen Stimmen. Es gibt keinen Grund für Clinton, ihr schädliches Spiel fortzusetzen, das letztendlich nur dazu führen wird, McCain zu stärken. Je näher das Ende der Vorwahlen rückt, desto eher wird Clinton sich dazu hinreißen lassen, alles auf eine Karte zu setzen und gegen Obama eine Schlammschlacht zu führen – dies kann nicht im Sinne der Demokraten sein. Es wird Zeit, dass ein einflussreicher Demokrat einmal auf den Tisch haut.

Im Sauseschritt zur ominösen Mitte

Mit einem Wort - im Netz liest man die 'anderen Ansichten', wahlweise auch 'die Ansichten der anderen'. Deshalb vor allem wandern immer mehr Menschen ins Netz ab. Diese Ansichten sind deswegen keineswegs 'linker' oder 'rechter'. Sie sind eher in ihrer Totalität alles zusammen: 'links', 'rechts', 'Kraut und Rüben'. Wie hier im Falle der 'Causa Tempelhof', jener politjournalistischen Kriminalposse aus unserer hauptstädtischen Provinz:

 

Ich denke, man könnte wesentlich bessere Dinge mit dem Gelände anstellen. Ob?s nun ein Lunapark ist, ein Erholungsgebiet, eine Shopping Mall ? verdammt nochmal: Alles ist besser als so eine innerstädtische Kerosinregen-Produktionsgenossenschaft. ... Wenn man mich jetzt, wie die Flughafenbefürworter es seit Wochen tun, lokalpatriotisch packen will und erklärt: Willst Du Bewohner einer Kreis- oder Weltstadt sein?, und dabei darauf verweist, dass - oho - Helsinki auch einen Innenstadtflughafen besitzt, dann fühle ich mich ... negativ penetriert ...

Nicht wahr, das steht ein wenig quer in der Landschaft. Es ist auch kein Journalist, der hier schreibt, aber es ist eben auch nicht die stromlinienförmige Sauce der interessierten Springer-Zeitungen und anderer Kolumnenonkel, die derzeit damit alle Kanäle fluten. Allein schon die Differenz weckt hier die Leselust.

Wer also sagt, dass Politjournalismus nicht spannend sein kann? Nur vertritt divergente Positionen in Zeitungen oder Magazinen heute kaum noch jemand. Dazu muss man Holzhausen verlassen ...

Wie in einem Riesentrichter, so sehe ich das, saust dort alles einer ominösen 'Mitte' zu. So, wie es einst den Parteien erging, als sie immer ununterscheidbarer wurden - dadurch, dass damals sie sich den Wünschen der Presse anpassten. So geht's jetzt eben der Presse, jetzt ist sie dran: Als Bauchredner der Macht passen sie sich zunehmend an das parteipolitisch Mögliche an, jeder perspektivische Überschuss geht verloren. Aus meinem Sichtwinkel ließe sich sagen: Die Medien werden immer mehr Partei. Alle zusammen bilden sie dann eine Partei, die große, allumfassende Borchardt-Partei, die zwischen rot, schwarz, grün und gelb nicht mehr unterscheiden mag, weil in der Zeitung bekanntlich alle Texte grau sind. Ein Klüngel gewissermaßen, aber ein langweiliger. So sieht für mich der Politjournalismus heute aus ...

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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