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02.04.09

Poken: Per Gadget-Handschlag bei Facebook & Co. verbinden

Mit dem Gadget "Poken" des gleichnamigen Schweizer Startups soll das lästige Austauschen von Visitenkarten und das gegenseitige Suchen in sozialen Netzwerken der Vergangenheit angehören: Per "Handschlag" überträgt die kleine Hardware Visitenkartendaten und Benutzerprofile. Aber ist es wirklich so einfach zu bedienen?

Von Moritz Adler

Wenn man den "Poken" für rund 14 Euro gekauft hat und zum ersten Mal in der Hand hält, wird man unfreiwillig an ein Tamagotchi denken (die Älteren werden sich erinnern). Klein wie eine Streichholzschachtel, viel Plastik und vor allem sehr japanisch. Egal in welcher Ausführung, ob als Panda-Bär, als Totenkopf oder als Biene: Das Poken sieht immer süss und kindlich aus - eine neue Form der Visitenkarte. Ob dieses Design in den Teppich-Etagen grosser Unternehmen auf Zustimmung stösst, ist fraglich. Es richtet sich wohl an jüngere Zielgruppen und Early-Adopter. Gut, dass ein Poken für das Geschäftsumfeld für den Sommer geplant ist.

Der Handschlag

Zieht man den Körper des Poken ab, versteckt sich im Arm ein 1GB-USB-Stick, der aber leider nicht beschrieben oder anderweitig genutzt werden kann. Im Arm befindet sich zusätzlich ein RFID-Chip zur kontaktlosen Datenübertragung. Vor der ersten Nutzung des Poken muss auf der Poken-Website ein Benutzerprofil angelegt werden. Soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter oder Xing können durch Eingabe der Login-Daten ergänzt werden.

Trifft man nun einen weiteren Poken-Besitzer, so wird der Poken durch Druck auf den Knopf aktiviert. Er leuchtet zur Bestätigung kurz auf. Hält man die Hände der beiden Poken aneinander, werden über eine Funkverbindung die Daten der Nutzer getauscht. Künftig findet man dann das Poken-Profil des neuen Bekannten in seinen Kontakten und kann sich in den im Poken-Profil angegebenen Netzwerken mit ihm verbinden. Social Networking per Mausklick also, zusammengeführt durch Poken.

Der Effekt des Verbindens via Handschlag ist zunächst sehr cool. Man schlägt ein, das Poken bestätigt per Signal die Datenübertragung - und man ist gespannt, ob das alles auch geklappt hat. Denn feststellen lässt sich das erst später am Rechner.

Die Website

Man steckt sein Poken also in den USB-Port seines Rechners, startet das Programm, landet auf der Website und ist erstmal irritiert. Man hätte wohl eine Oberfläche wie bei XING erwartet, stattdessen landet man auf einer ziemlich unübersichtlichen Seite. Und damit kommen wir zum grössten Manko von Poken: der Usability.

Schon bei der Erstanmeldung und der Einrichtung der Accounts braucht man einige Zeit, um sich zu Recht zu finden. Gewohnte Begrifflichkeiten wie "Mein Profil" sind gut versteckt. So vergeht doch einige Zeit, bis man angegeben hat, was man möchte.

Wenig hilfreich ist dabei die miserable Sprache, die wild zwischen Deutsch und Englisch wechselt. Im Bereich der Datenschutzrichtlinien, der für einen solchen Service äußerst wichtig ist, springt die Sprache sogar mitten im Absatz von Deutsch auf Englisch, was den Nutzer etwas ratlos zurücklässt. Überall auf der Seite und in den AGB lassen sich Stilblüten finden. Kommasetzung findet nur in Ausnahmefällen statt. Ob die Überschrift von Punkt 2 der AGB "Wir können die Bedingungen anpassen" das Vetrauen der Nutzer erhöht, darf bezweifelt werden.

Gravierender ist aber, dass das Einrichten der Accounts vielfach nicht problemlos funktioniert. Erst beim dritten Versuch konnten im Test alle gewünschten Netzwerke angelegt werden. Wie auf der Feedback-Seite von Poken zu sehen ist, scheint dieses Problem bei vielen Nutzern aufzutreten. Immerhin ist die Auswahl gross: Aus 25 sozialen Netzwerken kann ausgewählt werden.

Geister und Punktsysteme

Bug-beladen ist auch der (in unseren Augen unnötige) Ghost-Modus. Hierbei kann man per Doppeldruck auf den Knopf seines Poken sein Profil unsichtbar machen und nur die Informationen des anderen Poken sammeln. Im Test wurde der Modus mehrfach versehentlich ausgelöst. Ärgerlich, wenn man nach einer längeren Konferenz abends am Laptop feststellt, dass die Hälfte der Daten unbrauchbar ist.

Panda-PokenZusätzlich existiert noch ein Punkte-System, das den Nutzer fürs fleissige Nutzen des Poken belohnt. So erhält man Punkte für die Erstanmeldung, für die Verbindung mit anderen Poken und (eine besonders ausgefallene Idee) einen "Entjungferungsbonus" für den "Handschlag" mit einem unberührten Poken.

Das Punktesystem mag prinzipiell eine gute und häufig genutzte Methode zur Kundenbindung sein (Miles and More), aber was bringts dem Nutzer? Wenn man nach einer Weile über die erste Punkte-Stufe kommt (100 Punkte, Poken-Fan), erhält man 10% Rabatt auf weitere Poken-Käufe. Freunde bekommen über einen Promotion-Code ebenfalls 10%. Bei einem Kaufpreis von 14 Euro ist das aber wohl kein hinreichender Kaufanreiz. Erreicht man höhere Stufen, werden nicht näher beschriebene "Prizes and Gifts" (auch dieser Bereich ist wieder in Englisch) versprochen. Möglicherweise plant Poken ja ein simples Facebook-Spiel, in dem die gewonnen Punkte genutzt werden können oder die Poken gegeneinander kämpfen können. Bis zum Start in Deutschland, welcher noch bevorsteht , herrscht hier dringender Handlungsbedarf.

Fazit

Alles in allem ist Poken ein wirklich nettes Gadget, das sicherlich grosses Potenzial hat. Es ist günstig, es funktioniert, bietet einen klaren Mehrwert und schafft einen Will-Haben-Effekt. Aber irgendwie wird man das Gefühl nicht los, es mit einem unfertigen Produkt zu tun zu haben. Webinterface und Sprache sind unprofessionell, der Nutzen des Punktesystems ist schleierhaft. Besser wäre es wohl gewesen, simpel zu starten und dann weitere Funktionen erst nach und nach hinzuzufügen.

Unklar ist auch, wer es eigentlich nutzen soll. Jugendliche sind sowieso schon vernetzt und eher selten auf Messen anzutreffen, wo sie massenhaft Kontaktdaten austauschen. Für Manager aus grösseren Unternehmen ist das Design wohl zu kindlich und nicht seriös genug, immerhin werden hier private Daten übertragen. Das geplante Poken für den Geschäftsbereich könnte hier Abhilfe schaffen.

Auf Techie-Konferenzen wie der re:publica wird man sicher einigen begegnen, die auf den Hype aufspringen und den Poken nutzen, aber ob das ausreicht, um im Massenmarkt zu reüssieren? Hier könnten seriösere Designs helfen. Potential hätte auch die Möglichkeit, die Pokens individuell zu branden und als USB-Sticks zu verwenden. Dann könnten auch grössere Unternehmen Poken als potenzielles Werbegeschenk oder Give-Away wahrnehmen. Für den Sommer ist immerhin schon ein Business-Poken angekündigt.

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