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24.09.14Leser-Kommentare

Plattformen und die “Sharing Economy”: Warum die Vermittlungsgebühren sinken müssen

Das Geschäftsmodell einschlägiger Dienstleistungs-und On-Demand-Service-Plattformen basiert darauf, Auftragsarbeiter flexibel und bedarfsorientiert einzusetzen und zehn bis 20 Prozent der Umsätze als Vermittlungsgebühr einzubehalten. Zunehmende Konflikte rund um dieses Konzept illustrieren jedoch, dass eine derartige Provisionshöhe auf Dauer viel zu hoch ist.

ProvisionenDie Online- und Offline-Welt wachsen zusammen, immer mehr Firmen und Startups agieren in beiden Sphären parallel. Oft kombinieren sie digitale Marktplatz- und Plattformaspekte mit im “realen” Leben ausgeführten Dienstleistungen wie etwa Lieferservices, Putzdienste, Beförderungsvorgänge oder die temporäre Bereitstellung von Unterkünften.

Während derartige Ansätze für Konsumenten und Menschen auf der Suche nach Nebeneinkommen eine Reihe von Vorteilen mitbringen, besitzen sie eine Schattenseite, die in jüngster Zeit verstärkt in den Fokus der öffentliche Debatte gerät: Viele der physischen Services, die von derartigen Onlineangeboten vermittelt werden, setzen nicht auf festangestellte Arbeitskräfte sondern beschäftigen Personen, die quasi-selbstständig tätig sind. Das Resultat sind Beschäftigungsverhältnisse ohne die bei Festanstellungen gesetzlich geregelten Sozial-, Urlaubs- und Sicherheitsleistungen. Kritiker und Betroffene sehe darin eine Rückkehr zu den menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen des frühen Industriezeitalters. Sascha Lobo bezeichnete das Phänomen jüngst kritisch als “Plattform-Kapitalismus”. Provisionen von über zehn Prozent sind zu hoch

Es handelt sich zwar um ein komplexes Thema mit unterschiedlichen möglichen Blickwinkeln. Ich glaube aber, dass die aktuellen Modelle von Webfirmen in diesem Sektor mindestens in einem entscheidenden Punkt definitiv kranken: Die marktüblichen Vermittlungsgebühren der Marktplätze und Plattformen sind zu hoch.

Ich hatte diese Problematik schon einmal Ende vergangenen Jahres angesprochen, mich damals aber auf Vermittlungsgebühren von Online-Plattformen allgemein und auf die nicht im Interesse der Allgemeinheit liegende Konzentration von Kapital und Macht in den Händen einer kleinen Zahl an Onlinekonzernen beschränkt. Mit dem Reifen der “Sharing-Economy” (mittlerweile ein umstrittener Begriff, wenn auf die bekannten Webriesen gemünzt) und dank der auftauchenden Erfahrungswerte bekommt das Thema eine neue Aktualität und Greifbarkeit.

Wie in meinem damaligen Beitrag an Beispielen erläutert, liegen die üblichen Provisionen von Vermittlungsplattformen im Dienstleistungs- und Sharing-Segment zwischen zehn und 20 Prozent. Von 100 Euro, die Nutzer mit der Bereitstellung der eigenen Arbeitszeit oder anderer Ressourcen umsetzen, führen sie zehn bis 20 Euro an den Betreiber der jeweiligen Plattform ab.

Aktuelles Preismodell fördert Fehlentwicklungen

Es ist zwar angesichts der Wachstums- und Investitionsphasen der meisten Startups schwierig, zu definieren, welche Provisionshöhe zur Deckung der Kosten und Sicherstellung einer für Profitabilität erforderlichen Marge angemessen ist. Doch es gibt Gründe, die den Schluss zulassen, dass die aktuelle Preispolitik Fehlentwicklungen befördert: Zum einen ist das die Unzufriedenheit auf Seiten derjenigen, die die Auftragsjobs ausführen, häufig aus Ermangelung an Alternativen. Zum anderen stimmt die enorme Menge an Risikokapital bedenklich, die von globalen VC-Gesellschaften in das Segment gepumpt wird.

Dass Investoren bereit sind, mehr als eine Milliarde Dollar in Uber, fast 800 Millionen Dollar in Airbnb und mehr als 300 Millionen Dollar in Lyft zu stecken, lässt erahnen, wie hoch die Rendite-Erwartungen ausfallen. Diese können nur in Erfüllung gehen, wenn die Plattformen gegenüber ihren ”Partnern” eine kompromisslos harte Linie durchsetzen und keine Gelegenheit ungenutzt lassen, die eigene Position in der Wertschöpfung zu verbessern und die der Auftragsarbeiter (= Kostenfaktoren mit hoher Austauschbarkeit) zu verschlechtern.

Genau das probiert Uber gerade in San Francisco: Privtpersonen, die für UberX Menschen durch die Gegend chauffieren, überlassen dort dem Plattformbetreiber Uber künftig 25 statt 20 Prozent ihrer Umsätze. Und das, obwohl Uber in letzter Zeit mehrfach die Fahrpreise und damit das Erlöspotenzial für Fahrer pro Fahrt gesenkt hat.

Gedankenspiel: Eine Vermittlungsgebühr in Höhe von fünf Prozent

Doch nehmen wir einmal an, die durchschnittliche Vermittlungsgebühr der Plattformbetreiber läge durch die Bank bei beispielhaften fünf Prozent. Dies würde mit großer Wahrscheinlichkeit das Angebot erhöhen, denn für Anbieter von Arbeitsleistung oder anderen Ressourcen nähme die finanzielle Attraktivität einer Partizipation zu. Parallel dazu würde die Attraktivität und die Erwartungshaltung in die Lukrativität der Geschäftsmodelle aus Sicht der Kapitalgeber sinken, woraus eine geringere Investitionsbereitschaft resultiert. Wei Plattformbetreiber weniger Kapital erhälten, wären sie gezwungen, ihre Cash-Burn-Rate zu senken. Das wiederum zöge eine Verringerung der gefühlten Wettbewerbsverzerrungen nach sich, die momentan von etablierten Akteuren der Branchen moniert wird. Diese fühlen sich von den mit immensen VC-Summen finanzierten, Gesetze ignorierenden Onlinegiganten bedroht.

Ein solcher Markt wäre weitaus gesünder, selbst wenn die Gefahr bestünde, dass einige der Sharing- und Service-Plattformen dann aufgrund fehlender Mittel und ausbleibender Umsätze frühzeitig auf der Strecke blieben. Dem könnte man entgegnen, dass das ein natürlicher Prozess sei, während derzeit Akteure künstlich über den Tropf der sich “großzügig” wie lange nicht mehr gebenden VCs ernährt werden.

Was auf dem Papier einfach klingen mag, ist in der Praxis natürlich alles etwas komplizierter. Und wie man die Plattformen dazu bekommt, ihre Provisionen zu senken, dafür habe ich kein Rezept. Gesetzliche Regulierung erscheint erst einmal bedingt zielführend. Dazu ist die Netzökonomie zu global und bietet zu viele Schlupflöcher. Zudem klingt der Gedanke gesetzlicher Eingriffe in individuelle preispolitische Entscheidungen der Privatwirtschaft nicht sonderlich erstrebenswert.

Ein Appell an die Anbieter, ihre soziale Verantwortung wahrzunehmen - im Interesse aller Marktteilnehmer - könnte sich lohnen, würde aber wahrscheinlich ungehört oder zumindest ohne ernsthafte Konsequenzen verhallen. Ein Boykott durch die die Plattformen nutzenden Auftragsarbeiter wäre eine andere Möglichkeit, erscheint aber in einer Wirtschaftslage, in der immer irgendjemand verzweifelt genug ist, eine Position zu besetzen, kaum effektiv. David Meyer beschrieb diesen Sachverhalt kürzlich sehr treffend: “That’s the whole point of the on-demand economy – it’s taking full advantage of the fact that the supply of workers greatly outstrips demand.”

Vielleicht erkennen die Anbieter aber auch, dass es in ihrem eigenen Interesse ist, die durch Skalierungseffekte ermöglichten Kostenreduktionen in Form reduzierter Vermittlungsprovisionen an die “Partner” und Plattformnutzer weiterzugeben. Es gibt ja Menschen, die glauben an die Selbstheilungskräfte des Marktes. Leider ist das allgemeine Vorgehen von Uber eher ein schlagfertiges Argument für deren Nichtfunktionieren.

Auch wenn ich keine gute Antwort parat habe, welcher Weg der beste zu niedrigeren Vermittlungsgebühren darstellt: Meines Erachtens nach ist dies eine Voraussetzung, damit sich die Rechnung auf lange Sicht für alle Parteien lohnt. Wenn die betroffenen Internetfirmen und ihre Finanziers allerdings der Ansicht sind, dass bei Provisionen von (beispielhaften) fünf Prozent keine wirtschaftlich tragfähigen Konzepte machbar sind - selbst bei üblicherweise angestrebten Hunderten Millionen Anwendern - dann bliebe nur noch, sich einzugestehen, dass der Traum der Plattform- und On-Demand-Service-Ökonomie gescheitert ist. /mw

Deposit your budget for investment in the future, Shutterstock

Kommentare

  • Eberhard

    24.09.14 (12:52:55)

    AirBNB verlangt auch eine Vermittlungsprovision von 20 Prozent. Und DAS IST MIR EGAL. Wem 20 Prozent zu viel sind, kann ja eine andere Plattform suchen, die preiswerter ist. Ich erhalte für die 20% einen Gegenwert, der mir den Preis wert ist.

  • Dennis Teichmann

    24.09.14 (16:00:28)

    Der Begriff der "Sharing Economy" ist mehr als unglücklich. Letztendlich geht es nicht um kostenloses Tauschen, sondern um eine günstige, gute Serviceleistung sowie auf der anderen Seite eine Möglichkeit Geld dazuverdienen. Dabei 20 oder gar 25% Provision zu erheben, ist nicht nur unfair, sondern vor allem nicht nachhaltig. Das fördert die Idee, dass Kunden das System umgehen und nicht nachhaltig nutzen. Zudem erhält ein Taxifahrer oder Dienstleister damit keine vertretbaren Löhne mehr (die er ja eigentlich auch noch versteuern müsste). Wir bei jacando.com haben daher eine 5% Provision auf derartige Aufträge und Dienstleistungen, die vermittelt werden. Wir sehen, dass dies nachhaltig ist, weil selbst Dienstleister die 5% als fair (in unserer Kunden-Befragung) beurteilen.

  • Martin Weigert

    25.09.14 (03:35:35)

    Sehr schön!

  • Berni

    25.09.14 (10:25:30)

    Es heißt “sharing economy”, nicht “gifting-” oder “non-monetary-exchange economy”. M.M. unbegreiflich, wieso man teilen mit uneigennützig, also mindestens einseitig Nutzlosigkeit gleichzusetzen versucht.

  • DJ Nameless

    25.09.14 (15:32:23)

    Bei Ebay haben schon Mitte der 2000er Provisionen über 5% dazu geführt, dass das Portal sich in vielen Produktkategorien von einem C2C- zu B2C-Angebot gewandelt hat, weil es sich für viele "Trödler" schlicht nicht mehr gelohnt hat.

  • Robert Frunzke

    29.09.14 (03:12:11)

    Sascha Lobos scheinbare Erscheinung eines "Plattform-Kapitalismus" möchte ich einfach mal überlesen haben (denn dies ist nur unausgegorener Saft eines Kolumnisten, der primär seine Funktion des wöchentlichen Veröffentlichens einer weiteren Kolumne zu verantworten hat, die immer möglichst an der Meinung ist, die er vertrat als er seinen Vertrag zum seriellen Kolumnen-Schreiben unterschrieb... praktisch also nix). Soweit sogut. Und so weit ist SL völlig irrelevant. Und ich hoffe mal, dass Du, Martin, ihn hier nicht nur hereingeworfen hast, um die Tendenz der allgemeinen Meinung ein Stückchen in Richtung Rot-Schopf-Falsch-Punk-Sozi-Sozialismus zu lenken. Leider passiert das viel zu oft. Nichts gegen SL, aber ihn immer wieder als den Über-Sozi ins Spiel zu bringen tut weh, weil er genau das überhaupt garnicht ist. Man könnte auch "Dr. Mengele" als Freund der menschlichen Evolution einbringen und anführen, weil seine Intentionen wohl eher der allgemeinen Gutmenschenkeitsein dienten. Oha, ja, das ist Böse, aber die Richtung wird vielleicht klar, oder nicht? Zurück zum Thema... Die konkrete Höhe irgendwelcher Vermittlungsgebühren sollte und (IMHO) muss der Markt aushandeln. Denn, sogar als Kampf-Sozi muss man einsehen, dass genau dies das ist, was ein Markt am Besten kann: Preise aushandeln.

  • Michael

    29.09.14 (11:32:50)

    Mal unabhängig vom Thema, das sich mangels Zeit noch gar nicht genau studiert habe: Die Fähigkeit, Preise für etwas zu erzielen, sagt noch nichts über die Qualität dessen aus, wofür man einen Preis (aka Einnahmen) erzielt . Denn das würde eine ganze Kohorte von Betrügern, Rattenfängern, Etikettenschwindlern, Charaktermasken usw. und die hinlänglich bekannten Probleme mit ihnen ausklammern. Also, erzielter Preis ist nicht zwangsläufig Wert, denn einige betrügen bekanntlich über ihren Wert und das massiv. Nur damit da keine Mißverständnisse aufkommen.

  • Berni

    29.09.14 (11:43:50)

    Guter Punkt! Grade im Internet wusste man ja lange nicht, wie man die völlig neuen Services angemessen bepreisen soll. Die Möglichkeit, Preise über dem subjektiven Wert einer Ware/Dienstleistung zu erzielen ist allerdings i.d.R. auf grobe Informationsassymetrien zurückzuführen und damit üblicherweise kein langfristiges Problem in reifenden Märkten. Also m.M. nur ein temporäres Problem..

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