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02.09.10

Ping: Ein Social Network von Apple? Nein Danke!

Mit Ping launcht Apple ein Social Network im Twitter-trifft-Facebook-Stil für Musikfreunde, die iTunes, iPhone oder iPod Touch verwenden. Doch kann man sich als Nutzer über einen derartigen Vorstoß wirklich freuen?

 

Ich gehöre zu der Gruppe von Personen, die aufgrund des Besitzes eines iPhones und iPads auf iTunes angewiesen ist, aber alles dafür tun würde, um diese Abhängigkeit zu ändern. Dass ich mit dieser Haltung nicht alleine bin, zeigen mir die regelmäßigen Wutausbrüche über iTunes, deren Zeuge ich bei Twitter werde.

Ich weiß nicht, wie sich Apples Media- und Sync-Software auf Mac-Rechnern macht, aber auf Windows-PCs ist sie meines Erachtens nach der reine Horror - schwerfällig, nicht intuitiv und äußerst benutzerunfreundlich.

Mit dieser Grundeinstellung im Hinterkopf ist es nicht leicht, eine Begeisterung für Apples neues Social Music Network zu entwickeln, das gestern Abend im Rahmen der Apple-Keynote in London als Teil der ab sofort zum Download bereitstehenden iTunes-Version 10 vorgestellt wurde.

Das unter dem nicht gerade einzigartigen Namen "Ping" präsentierte Feature wird außerdem in Apples mobiles Betriebssystem iOS 4.1 integriert und damit ab der nächsten Woche auf iPhones und iPods (später auch auf iPads) verfügbar sein.

Bei Ping handelt es sich um eine Mischung aus Twitter und Facebook, allerdings mit einem Schwerpunkt auf Musik. User können Interpreten sowie anderen iTunes-Nutzern folgen. Ein Aktivitätsstream informiert auf Basis dessen über neue Titel, "Likes" und Kommentare. Sämtliche über den Newsfeed empfohlenen Songs können direkt mit einem Klick im iTunes Store gekauft oder jeweils 30 Sekunden vorgehört werden.

Jeder Ping-Nutzer hat ein Profil mit drei simplen Privatsphären-Optionen:

1. Jeder kann einem folgen (wie bei Twitter)

2. Followers müssen manuell akzeptiert werden (wie bei Facebook)

3. Niemand kann einem folgen

Als kleiner Seitenhieb in Richtung Facebook merkte Apple-CEO Steve Jobs zu diesem Verfahren an, dass es so einfach sei, dass jeder es nachvollziehen könnte.

Ping erinnert nicht nur an Facebook und Twitter, sondern in Hinblick auf den musikalischen Schwerpunkt auch an MySpace sowie an die kürzlich gestartete ambitionierte Schweizer Musikplattform restorm.com , die ebenfalls das Facebook- und Twitter-Prinzip vereint und sich explizit an Musiker und Konsumenten richtet.

Anders als sämtliche der beschriebenen Plattformen ist Ping jedoch lediglich für Nutzer mit einem iTunes-Konto verfügbar - 160 Millionen davon gibt es laut Steve Jobs mittlerweile. Das ist zwar eine beachtliche Zahl und eine gute Ausgangslage, um ein neues, auf das Erreichen einer kritischen Masse angewiesenes soziales Netzwerk zu starten, bringt jedoch eine enorme Einstiegsbarriere mit sich.

Eine Browservariante für Ping existiert nämlich nicht. Wer den Service benutzen möchte, muss mindestens die iTunes-Software auf seinem Rechner installieren. Den maximalen Nutzen dürfte jedoch nur erhalten, wer ein iOS-Gerät besitzt, um Ping auch mobil verwenden zu können. Spätestens hier werden viele User abwinken.

Denn genau wie es Millionen von so genannten Apple-Fanboys gibt, existiert auch eine immer größer werdende Fraktion von Apple-Gegnern, die schon aus Prinzip niemals ein Produkt oder eine Software von dem Unternehmen aus Cupertino einsetzen würden.

Ich vermeide üblicherweise das Wort "nie" im Zusammenhang mit neuen Diensten und Innovationen, aber in diesem Fall würde ich behaupten, dass auch eine noch so geniale Social-Music-Plattform Apple-kritische Anwender nicht zu einer Aufgabe ihres Widerstandes bewegen würde. Zumal iTunes selbst schon so unglaublich irritierend ist!

Während Ping für eifrige iTunes-Musikkäufer eine attraktive Erweiterung der Möglichkeiten darstellen kann, über den Apple-Dienst neue Titel und Alben zu entdecken, mit Gleichgesinnten in Kontakt zu bleiben und sich über neue Releases ihrer bevorzugten Interpreten zu informieren, besitzt der Service weit weniger Wachstumspotenzial als Facebook, Twitter oder andere webbasierte Angebote. Ganz in Apple-Tradition scheint man sich auch bei Ping damit zufrieden zu geben, nicht den ganzen Kuchen bekommen zu können, aber womöglich das Stück, das am besten schmeckt (= am lukrativsten ist).

Dass Apple seine zentrale Medienverwaltung iTunes mit einem sozialen Netzwerk erweitert, ist angesichts der Richtung, in die sich das Web entwickelt, vollkommen nachvollziehbar und aus Sicht von Apple weitgehend alternativlos. Im Interesse der Allgemeinheit kann eine starke Stellung des für seinen Kontrollwahn bekannten Unternehmens mit dem Apfel-Logo im Social-Networking-Bereich jedoch nicht sein. Immerhin kennt Apple keine Gnade, was Eingriffe in sein Ökosystem betrifft, die der zum Teil äußerst konservativen Firmenphilosophie widersprechen.

Apple baut hervorragende Hardware und mobile Software. Ich liebe mein iPhone und mein iPad. Doch schon beim Zwang, diese Gerät mit iTunes verknüpfen zu müssen, finde ich keine postiven Worte mehr. Es müsste daher schon ein Wunder geschehen, um aus mir einen aktiven Ping-Nutzer zu machen.

Screenshots von Ping gibt es bei TechCrunch.

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