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14.06.12 08:25, von Jan Tißler

Phänomen Kickstarter: Die Grenzen des Crowdfunding-Hypes

Die Projektfinanzierungs-Plattform Kickstarter macht mit immer neuen Rekorden auf sich aufmerksam. Aber es sind nicht nur die teils atemberaubenden Summen in immer kürzerer Zeit, die den Hype um das Thema Crowdfunding befeuern. Zugleich zeichnen sich dessen Grenzen bereits ab.


100.000 US-Dollar wollten die Macher der Smartwatch “Pebble” einsammeln, damit aus Ideen und Prototypen ein kaufbares Produkt wird. Am Ende der Projektphase auf der Plattform Kickstarter hatten sie über 10 Millionen US-Dollar zusammen. Solche und andere Erfolgsgeschichten sind es, die das Thema Crowdfunding derzeit so interessant machen.

Hintergrund: Crowdfunding und Kickstarter


Kickstarter ist dabei nicht die erste Plattform, die das Prinzip einsetzt. Tatsächlich gilt ArtistShare als dessen Erfinder und beide Plattformen befinden sich in einem Patentstreit. Kickstarter hat es mit seinem Ansatz aber geschafft, ins Rampenlicht zu rücken und ist zumindest derzeit das Paradebeispiel fürs Thema. Während ArtistShare aus dem Musikbereich stammt, ist Kickstarter sehr viel breiter und vielfältiger – eben bis hin zu neuen physischen Produkten.

Wer sich noch nicht mit Crowdfunding befasst hat: Ein Projekt bei Kickstarter funktioniert so, dass die Einreicher erklären, was sie umsetzen wollen, wie viel Geld sie brauchen und wofür genau sie das einsetzen wollen. Den Unterstützern werden Belohnungen in Aussicht gestellt, gestaffelt nach der Höhe des finanziellen Beitrags. Bei der schon genannten Pebble-Smartwatch bekommt man als Unterstützer das Produkt zu einem günstigeren Preis als nach dem offiziellen Marktstart. Oftmals gibt es für besonders großzügige Geldgeber Sondereditionen oder andere Specials.

Jedes Kickstarter-Projekt hat eine definierte Laufzeit, innerhalb derer die anvisierte Summe mindestens erreicht werden muss. Klappt das nicht, gehen die Macher leer aus. Wenn es klappt, freuen sich nicht nur die Einreicher, sondern auch Kickstarter: Fünf Prozent der Endsumme erfolgreicher Projekte gehen an die Plattform.

Was Crowdfunding interessant macht


Mit über 10 Millionen US-Dollar gehört die "Pebble"-Uhr zu den großen Kickstarter-Gewinnern der letzten Wochen.

Was Kickstarter aber in gewisser Weise revolutionär macht, sind weniger die Summen, die hier fließen. Es ist die Tatsache, dass solche Plattformen vier Dinge in sich vereinen:


  1. Marktforschung
  2. Vorabfinanzierung
  3. Werbung
  4. Verkauf

Alles das passiert parallel während der Laufzeit des Kickstarter-Projekts. Es geht eben nicht nur um Geld, es geht auch darum, dass die Macher und ihre Produkte Fans gewinnen. Ein Teil der Dynamik beim Crowdfunding ist dabei ganz klar auf das Social Web zurückzuführen. Über Facebook, Twitter oder YouTube können heute sehr viel mehr Menschen in viel kürzerer Zeit auf ein interessantes Projekt aufmerksam werden, als dass zum Start von ArtistShare im Jahr 2000 der Fall gewesen ist.


Im Social Web findet zudem ebenso wie auf den Plattformen selbst ein Teil der Marktforschung statt. Die Macher bekommen direktes Feedback zu ihren Plänen, können ihr Produkt oder die Angebotspalette anpassen.

Professionalisierung setzt ein


Es ist allerdings zu früh, um eine neue Wirtschaftsrevolution auszurufen und demnächst Kunden, Entwickler, Hersteller usw. miteinander verschmelzen zu sehen. Denn natürlich haben Crowdfunding-Projekte beispielsweise dann bessere Karten auf Erfolg, wenn Idee und Macher nicht erst mit dem Start auf einer Plattform wie Kickstarter bekannt sind. Die Macher der "Pebble"-Uhr beispielsweise haben schon durch ein ähnliches Projekt vorher auf sich aufmerksam gemacht und gezeigt, was sie können. Und damit deutet sich ein Punkt an: Wie so oft, ist es auch beim Crowdfunding so, dass nicht unbedingt die beste Idee gewinnt.

Aus der zweiten Ausgabe des "Co:funding Handbuch" geht hervor, dass die Erfolgsquote bei den deutschen Crowdfunding-Plattformen Startnext und mySherpas bei rund 45 Prozent liegt. Zum Stichtag 21. April 2012 waren auf allen deutschen Plattformen 275 von 850 Projekten erfolgreich.

Kurzum: Wer sich und seine Idee gut darstellen kann, hat bessere Chancen. Wer sich schon einen Namen gemacht hat, sowieso. Solche Gesetzmäßigkeiten werden durch Crowdfunding nicht plötzlich ausgehebelt. Ein Beispiel aus jüngster Zeit: Spieleentwickler-Legende Tim Schafer (u.a. "Monkey Island") kann sein neues Adventure-Game in Eigenregie umsetzen. Über Kickstarter kamen über 3 Millionen US-Dollar zusammen. 400.000 US-Dollar hatte er anvisiert. Ihm hat dabei nicht nur der gute Name geholfen, sondern sicher auch sein professionell gemachtes und witziges Erklärvideo zum Projekt:

Man kann derzeit dabei zusehen, wie sich das Thema Crowdfunding professionalisiert. Und da wird nicht jeder mithalten können, egal wie gut die Idee ist und egal, wie groß Engagement und Hintergrundwissen sind. Natürlich wird es trotzdem immer wieder Überraschungshits geben, aber Auswahl und Konkurrenz auf den Plattformen und unter den Plattformen werden unweigerlich zu Enttäuschungen führen. Gartners Hype Cycle lässt heute schon schön grüßen.

Nicht zuletzt haben inzwischen nicht nur Einzelkämpfer und andere Underdogs Kickstarter & Co. für sich entdeckt. Das kanadische Unternehmen Teknision hat darüber seine App "Chameleon" für Android-Tablets vorfinanziert und zugleich viel Feedback und Werbung auf dem Weg dorthin mitgenommen. Teknision ist allerdings alles andere als ein Newcomer: Intel, Adobe und Walmart gehören u.a. zu den Referenzen. Das Unternehmen hat für RIM die Oberfläche das BlackBerry Playbook mitentwickelt. Kurz gesagt: Kickstarter wurde hier sicher nicht gewählt, weil man sich die Entwicklung der App ansonsten nicht hätte leisten können. (Notiz am Rande: Dummerweise hatte man bei Teknision das Kickstarter-Projekt an den Account eines Mitarbeiters geknüpft, der zwischenzeitlich das Unternehmen verlassen hat. Deshalb muss das eigentlich schon erfolgreich finanzierte Projekt jetzt wiederholt werden...)

Nach dem Hype wird eine kleine, aber wichtige Revolution bleiben


Insofern gilt bei allem Hype über die Millionen, die derzeit über solche Plattformen umgesetzt werden: Crowdfunding wird vielen Ideen und Ideengebern helfen, aber eben längst nicht allen. Und so bleibt es ein spannendes neues Tool, vor dem sich die klassische Wirtschaft zugleich nicht fürchten muss. Wie man an Teknision sieht, kann sie es sogar selbst nutzen, sofern es sinnvoll scheint. Aber nur weil die "Pebble"-Uhr 10 Millionen US-Dollar eingestrichen hat, wird sich jetzt beispielsweise ein Unternehmen wie Swatch mit seinem Jahresumsatz von 7,1 Milliarden Schweizer Franken nicht plötzlich umstellen müssen. Schließlich wollen genügend Menschen auch einfach nur eine Armbanduhr kaufen. Crowdfunding bietet sich generell nicht als Modell für jede Art von Produkt, Kategorie, Unternehmen und Kundschaft an.

Bei der Frage, ob es eine "schleichende Revolution" ist, wie Kollege Martin Weigert hier im Februar 2012 geschrieben hat, bin ich deshalb eher skeptisch. Aber eine große Chance für Kreative, Entwickler und Gründungswillige ist es auf jeden Fall.

© 2015 förderland
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Kommentare: Phänomen Kickstarter: Die Grenzen des Crowdfunding-Hypes

Der Hype-Cycle springt einem bei diesem Thema wirklich fasst ins Gesicht. Trotzdem muss man diesen Plattformen danken. Denn ok, Tim Schafer ist nun schon vorher bekannt geworden, aber gerade der Fakt, dass ihm niemand Geld für ein weiteres Spiel geben wollte, außer die Fans dann selbst, zeigt doch eine gewisse Distanz zwischen "Industrie" und Konsumenten. Ähnlich wie auch bei Amanda Palmer. Letztendlich wird es nicht die ganze Kulturproduktion revolutionieren, aber es wird hoffentlich langfristig eine neue Finanzierungssäule werden können, gerade wenn es möglich wird, öffentlichen Gelder und Crowdfunding zu kombinieren.

Diese Nachricht wurde von Florian Wittig am 14.06.12 (09:31:54) kommentiert.

Ich finde ganz spannend zu sehen das nicht alles funktioniert und das die Idee, wie du schon gesagt hast, immer ausgereifter sein muss. Beispiel Neal Stephenson mit CLANG - erster Hype so bis 250 K - jetzt stockt das Ganze aber. Ich glaube dass die Thematik Schwertkampf zu speziell und das Produkt (ein Framework und ein ziemlich flaches Multiplayerspiel mit ganz toller Engine) nicht ausreichen wird um richtig reinzuschlagen. Anders z.B. Printrbot oder MakeyMakey - bei dem die Leute den fertigen Prototypen sehen und sagen: Wow - ja das ist ein Produkt mit dem ich was anfangen kann. Oder eine Passion die WIRKLICH viele teilen wie Shadowrun.

Diese Nachricht wurde von Nils Hitze am 14.06.12 (11:07:59) kommentiert.

Boah, wie schaut denn eure seite aus? Wird netzwertig jetzt verramscht?

Diese Nachricht wurde von Peter Wölert am 15.06.12 (13:50:27) kommentiert.

Wann kommt eigentlich Marcel wieder?

Diese Nachricht wurde von Renee am 15.06.12 (17:00:45) kommentiert.

Crowd Funding ist sicherlich eine weitere Möglichkeit der Finanzierung. Aber ich bin mit dem Autor ganz einer Meinung, dass es sich zu differenzieren lohnt: inwiefern das zu finanzierende Produkt genau diesen Kanal des Pre-Marketings wählen sollte. Denn für viele Produkte bietet sich das aus verschiedenen Gründen gar nicht an. Da hilft es auch nicht weiter, den Hype noch weiter anzuheizen, indem das nächste erfolgreiche Projekt durchs Dorf getrieben wird. Seriöser wäre es, das Thema Crowd Funding im Vergleich mit klassischen Finanzierungsformen aufzuarbeiten. Denn ein Versagen des Marktes der Kreditvergabe lässt sich ja nicht generell konstatieren, auch wenn es natürlich Einzefälle gibt. In diesem größeren Kontext könnte dann diskutiert werden, inwiefern es sich beim Crowd Funding nicht um eine ersetzende, sondern um eine ergänzende Form der Finanzierung handelt. Der Blog-Eintrag unter http://coretechmonitor.com/crowd-funding-wachstumsmarkt-in-deutschlandzielt in diese Richtung.

Diese Nachricht wurde von Mirko am 15.06.12 (18:35:50) kommentiert.

Ich glaube, er ist mit seiner aktuellen Situation zufrieden.

Diese Nachricht wurde von Martin Weigert am 16.06.12 (08:39:16) kommentiert.

Ja, mit den Ads sind wir auch nicht so zufrieden und versuchen, dies mit dem Vermarkter zu klären. Sprich: Nein, netzwertig wird nicht verramscht.

Diese Nachricht wurde von Martin Weigert am 17.06.12 (18:23:49) kommentiert.
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