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05.03.12

"People Discovery": Wenn das Smartphone weiß, wie der Sitznachbar heißt

Mit fremden Menschen ohne konkreten Grund zu interagieren, gilt in den meisten Situationen als Tabu. Neuartige mobile Apps wollen mit dieser Konvention brechen.

 

Screenshot: BanjoMenschen, besonders die in größeren Städten, legen eine eigenwillige Verhaltensweise an den Tag: Stetig begegnen sie anderen Personen - sei es im Zug oder Bus, im Supermarkt, im Einkaufszentrum oder in der Fußgängerzone. Hunderte Male haben sie Blickkontakt miteinander, nur um schnell schüchtern wegzuschauen und ihres Weges zu gehen. Trotz dieser theoretischen Chance zum Knüpfen neuer Kontakte sind Millionen Mensch einsam, suchen aktiv oder passiv nach neuen Freunden, Partnern oder Personen, mit denen sie gemeinsame Hobbys pflegen oder Interessen teilen können. Soziale Konventionen und ein Mangel an Informationen sorgen dafür, dass Fremde in den meisten Alltagssituationen Fremde bleiben. Nur auf speziellen Veranstaltungen, die explizit der Schaffung neuer, mitunter zeitlich begrenzter Kontakte dienen und häufig mit intensivem Alkoholkonsum einhergehen, existiert eine gesellschaftlich akzeptierte Ausnahmeregelung.

Schon seit einigen Jahren versuchen mobile Dienste, diesem von Kind auf erlernten Verhaltensmuster etwas entgegen zu setzen. Bisher einigermaßen erfolglos, was sowohl auf Vorbehalte bei potenziellen Anwendern als auch auf nicht hinreichend leistungsfähige Endgeräte zurückzuführen ist. Doch glaubt man dem derzeitigen Rauschen der US-Tech-Szene, werden auf dem diesjährigen SXSW-Festival im texanischen Austin mobile Apps ganz groß rauskommen, die Nutzern zeigen, wer die Personen in unmittelbarer Nähe sind, und die eine vorbehaltlose Kontaktaufnahme ermöglichen.

Das jeweils im März stattfindende Event hat sich schon mehrmals als Initialzündung für Startups erwiesen, die im Umfeld des vibrierenden Zusammentreffens von Geeks, Kreativen und popkulturell interessierten Besuchern eine erste kritische Masse aufbauten. Sowohl Twitter als auch foursquare legten während des SXSW-Festivals die Grundlage für ihren künftigen Aufstieg. Andererseits wird nicht jeder SXSW-Hype zum nächsten großen Ding - im vergangenen Jahr richteten sich alle Blicke auf eine Reihe von Gruppenchat-Apps, über die jedoch heute niemand mehr spricht.

Smartphones verraten, wer die Personen in der Nähe sind

Wenn also im Vorfeld der diesjährigen Auflage des Festivals Applikationen zur "People Discovery" - zur Entdeckung von Menschen um einen herum - zum diesjährigen Fokus ausgerufen werden, dann könnte hier also tatsächlich ein zukunftsweisender Trend entstehen - dessen nachhaltiges Potenzial sich aber erst in den Wochen und Monaten danach wirklich beurteilen lässt.

Bedenkt man aber, wie viele der emotionalsten, intensivsten und schönsten Momente wir Menschen in der Gemeinschaft mit anderen erleben, erscheint wenig zweifelhaft, dass bei der Mehrheit das Kennenlernen von das eigene Dasein bereichernden Bekanntschaften zu den ewigen Bedürfnissen zählt. Die entscheidende Frage lautet daher, auf welche Weise dieses Verlangen gestillt wird, und wie Apps geltende Verhaltensregeln umgehen, ohne die persönliche Integrität und Privatsphäre der Nutzer zu untergraben.

Highlight und Glancee heißen die zwei US-Startups, deren frisch lancierte Apps momentan als die potenziellen Shootingstars des SXSW-Reigens gelten. Während beide gewisse strukturelle und funktionelle Unterschiede aufweisen, verfolgen sie das gleiche Ziel: mobile Anwender zu benachrichtigen, wenn sich Personen mit kompatiblen Interessen oder gemeinsamen Kontakten in der unmittelbaren Umgebung aufhalten. Highlight steht derzeit nur für das iPhone zur Verfügung, Glancee bietet auch eine Android-App an. Beide Services erfordern den Login über Facebook, weil die dortigen "Likes" und Kontakte als Grundlage für den Interessenabgleich genutzt werden. Und sowohl Highlight als auch Glancee laufen permanent im Hintergrund und melden sich, sofern sich die Wege mit anderen Anwendern der jeweiligen App kreuzen.

Ist die Zeit nun reif?

Aufmerksamen Branchenbeobachtern wird die Ähnlichkeit zum altehrwürdigen Berliner Startup  aka-aki nicht entgangen sein. Aber wie so oft gehört das Timing zu den wichtigsten Kriterien für den Erfolg von Internetdiensten. Die Hauptstädter waren mit ihrer Idee der Zeit ganz einfach voraus und werden es nun schwer haben, von der zu erwartenden, entweder temporären oder langanhaltenden Euphorie rund um People Discovery Apps zu profitieren. Auch die jüngst hier vorgestellte mobile Visitenkarten-App MoID des gleichnamigen Münchner Jungunternehmens weist gewisse Parallelen zu Highlight und Glancee auf, wird aber wie die meisten hiesigen Dienste nicht gegen die mächtige PR-Maschinerie des US-Startup-Ökosystems ankommen können.

Ständiges Aufzeichnen des Standortes

Anders als Banjo und Sonar ( unser Review ) basieren die zwei Neulinge nicht auf Check-Ins und mit Koordinaten versehenen Aktivitäten bei anderen sozialen Netzwerken und Locationdiensten, sondern laufen als eigenständige Applikationen, die mittels Geofencing die aktuelle Position des Anwenders überwachen. Dieses Verfahren birgt auch im Jahr 2012 noch das Problem eines sich schnell leerenden Smartphone-Akkus und macht das elementare Erreichen einer kritischen Masse auf breiter Front zu einer Mammutaufgabe, garantiert aber gleichzeitig ein Echtzeit-Erlebnis, das die zuvor erwähnten Location-Aggregatoren nicht bieten können. Der durchschnittliche foursquare-User praktiziert nicht mehr als eine Handvoll Check-Ins pro Tag, was den Nutzwert dieser Informationen für die Ermöglichung persönlicher Zusammentreffen à la Highlight und Glancee gering ausfallen lässt.

Mit Gauss wird zudem ein deutsches Startup bei dem SXSW-Festival vertreten sein, das sich zwar noch in der Entwicklung befindet, aber ebenfalls bei der standortbasierten Erweiterung des persönlichen Bekanntschaftsfeldes mithelfen möchte. Gleiches führt pistachio aus Berlin im Schilde, das auch noch nicht verfügbar ist.

Viel Pionier- und Überzeugungsarbeit ist notwendig

Vielen Personen, die nicht eine grundsätzliche Begeisterung für innovative, etablierte Strukturen und Konventionen in Frage stellende Onlineanwendungen mitbringen, werden bei dem Gedanken an Apps, die ihren Sitznachbarn im Bus oder den Personen am Nebentisch im Café ihr Profilbild, ihren Namen und eine Chatoption anzeigen, skeptisch die Stirn runzeln. Angesichts des Neuigkeitsgrades dieser Anwendungsart ist dies nachvollziehbar. Es liegt in der Verantwortung der entsprechenden Applikationen, Durchschnittsnutzer von den möglichen positiven Auswirkungen auf die eigenen sozialen Beziehungen zu überzeugen und ihnen das Gefühl zu geben, die volle Kontrolle darüber zu haben, wann sie dem physischen Umfeld welche Angaben von sich zugänglich machen.

Es ist nicht auszuschließen, dass bei Anwendern auch im Jahr 2012 noch keine hinreichend große Bereitschaft zum Einsatz von People-Discovery-Apps besteht, die im ersten Schritt als mitunter tiefgreifend wahrgenommene Einschnitte in die Privatsphäre erfordern. Dass wir aber eines Tages in der Lage sein werden, mittels unserer Smartphones (oder deren nachfolgender Hardware-Kategorie) Informationen über Personen um uns herum abzurufen, sollte angesichts des menschlichen Status als Herdentier nicht in Frage gestellt werden. Schon allein, weil jeder Skeptiker die eigene Haltung hinterfragen wird, sofern sich über entsprechende Anwendungen die Möglichkeit bietet, einen ähnlich passionierten Sportpartner, einen Freund fürs Leben, ein spannendes Date oder einfach nur einen angeregten Gesprächspartner zu finden - ohne sich dabei wie ein Verrückter fühlen zu müssen, der "wildfremde" Menschen auf der Straße anspricht.

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