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22.07.14

Payfriendz: Ein Finance-Startup, das zum Debüt viel richtig macht

Wer im dicht gedrängten Markt mobiler Payment- und Banking-Dienste auf sich aufmerksam machen will, muss schon herausragende Features oder Konditionen bieten. Dem deutsch-britischen Startup Payfriendz gelingt dies - auch wenn es ins Geld gehen dürfte.

PayfriendzWenn man viele Jahre lang neue Onlinedienste und Anwendungen ausprobiert, dann stumpft man ziemlich ab. Wenig kann einen noch wirklich begeistern. Wenn es dann doch geschieht, kommt es unerwartet. Wie bei Payfriendz, einem neuen App-Startup unter deutscher Regie mit Sitz in London, das am gestrigen Montag sein Debüt für iPhone und Android feierte.

Im ersten Moment wirkt Payfriendz einfach wie ein weiterer Anbieter des sich bei Startups gerade großer Beliebtheit erfreuenden Segments der Peer-to-Peer-Geldtransfers. Diverse Dienste aus Deutschland wie Steep oder Cringle (unser Review) bieten Nutzern die Möglichkeit an, ihre Bankkonten zu "verlinken", um anschließend bequem und nur über die Handynummer beziehungsweise das Facebook-Konto Geld an Freunde oder Bekannte zu senden. PayfriendzDerartige Services sind zwar in der Theorie praktisch, weil deutlich komfortabler als gängige Onlinebanking-Anwendungen, benötigen aber eine kritische Masse, um sinnvoll zu sein. Und an der mangelt es meist. Auch kann es mitunter einige Tage dauern, um Beträge zwischen Konten zu bewegen. Die Payfriendz-Gründer Volker Breuer, Andreas Rührig und Christian Ritosek haben sich deshalb einen anderen Ansatz einfallen lassen. Und der ist meines Erachtens nach ziemlich gut.

Payfriendz positioniert sich zwar wie ein Anbieter für P2P-Überweisungen, betreibt aber eigentlich ein E-Wallet; eine elektronische, virtuelle Geldbörse. Anstatt dass einfach wie bei der Konkurrenz SEPA-Lastschriftüberweisungen ausgeführt werden, laden Payfriendz-Nutzer ihr persönliches Konto im ersten Schritt mit Guthaben per Kreditkarte oder Banküberweisung auf. Anschließend können sie dieses Guthaben ganz oder teilweise an Personen aus ihrem Smartphone-Adressbuch senden. Um das Geld anzunehmen, müssen die Empfänger natürlich ebenfalls die Payfriendz-App installieren. Soweit, so unspektakulär. Paypal, Google Wallet und zahlreiche weitere Dienste funktionieren auf ähnliche Weise.

Doch in mindestens zwei Punkten schlägt Payfriendz jeden Konkurrenten: Zum einen ist es der wahrscheinlich einzige Banking-Service überhaupt, der ein gebührenfreies Aufladen des Guthabens per Kreditkarte erlaubt. Das ist mehr als beachtlich, denn für Transaktionen per Kreditkarte verlangen Karteninstitute und Banken grundsätzlich Gebühren. Diese bestehen zumeist aus einem Fixbetrag im niedrigen zweistelligen Centbereich sowie einer prozentualen Gebühr in Höhe von zwei bis drei Prozent. Grundsätzlich werden diese Kosten von sämtlichen gängigen Wallet- und Payment-Apps an Nutzer weitergegeben. Wer das Google Wallet per Kreditkarte befüllt, zahlt 2,9 Prozent. Beim britischen Payfriendz-Konkurrenten Venmo fallen 3 Prozent an. Das PayPal-Guthaben per Visa-Karte oder MasterCard aufzuladen, kostet ähnlich viel. Beim E-Wallet-Service MyWallet der Deutschen Telekom beträgt die Gebühr 2,5 Prozent. Und so weiter.

Payfriendz aber verzichtet zum Start darauf, die Transaktionsgebühren an User weiterzureichen. Das kann zwar für das Startup ziemlich teuer werden, stellt aber einen signifikanten Konkurrenzvorteil dar. Denn das Aufladen des Guthabens per Kreditkarte hat aus Sicht der Nutzer den Vorteil, dass das Geld sofort zur Verfügung steht - und nicht wie bei Banküberweisungen erst am Folgetag oder noch später. Zwar muss man hierbei bedenken, dass nach einem erfolgten Transfer per Payfriendz eine eventuelle Auszahlung des Empfängers auf dessen Konto dann ebenfalls mindestens einen Banktag dauert. Dennoch schafft die gebührenfreie Verwendung der Kreditkarte und der daraus resultierende Zugriff auf das virtuelle Payfriendz-Geld ein direktes Feedback, das anderen FinTech-Startups fehlt. Unterstützt wird die Direktheit durch den integrierten WhatsApp-artigen Chat, der im Rahmen eines Transfers einen Austausch mit dem Empfänger beziehungsweise Absender erlaubt.

PayfriendzWer Geld mit Payfriendz erhält oder einfach lange ungenutztes Guthaben im persönlichen Konto liegen hat, dem bietet das junge Unternehmen in Form einer virtuellen Kreditkarte noch eine Alternative zur Überweisung des Geldes auf das eigene Konto. Die Karte lässt sich direkt aus der App unter dem Menüpunkt "Shop with MasterCard" aktivieren. User erhalten dort eine persönliche Kreditkartennummer inklusive der notwendigen Sicherheits-Merkmale, mit der sie im Netz wie mit einer herkömmlichen Kreditkarte einkaufen können. Ohne Einrichtungskosten oder Transaktionsgebühren. Voraussetzung ist freilich, dass sich genug Geld auf dem Payfriendz-Konto befindet. Technisch gesehen handelt es sich um eine virtuelle Prepaid-Kreditkarte mit Herkunftsland Großbritannien. Karten aus weiteren Ländern sollen folgen.

Was Payfriendz mit seinem Produkt richtig macht, ist das Entfernen von für ähnliche Services üblichen Barrieren, die einer schnellen Adaption durch User und damit dem Erreichen der wichtigen Netzwerkeffekte im Wege stehen: Mit der gebührenfreien Kreditkarten-Option erlaubt es ein risikoloses und für User kostenfreies Ausprobieren. Durch das Anbieten einer virtuellen Kreditkarte schaffen die Londoner außerdem einen von den Netzwerk-Features komplett losgelösten "Single-User"-Mehrwert: Payfriendz bietet sich auch einfach für Personen an, die keine Kreditkarte besitzen, beim Einkaufen im Netz aber eine benötigen. Solche Nutzer werden sehr viel eher darüber hinwegsehen können, dass zu Beginn nur wenige ihrer Freunde und Bekannten das Programm installiert haben und damit für Geldtransfers in Frage kommen. Viele allein von der Vernetzung abhängige Apps zerbrechen an diesem Henne-Ei-Problem, bevor sie richtig durchstarten können.

Trotz aller lobenden Worte hat das Modell von Payfriendz auch potenzielle Schwachpunkte. Der deutlichste liegt in der vergleichsweise hohen Burnrate, die aus der Übernahme der Kreditkarten-Transaktionsgebühren folgt. Daraus ergibt sich für das Startup ein erhöhter Druck, zügig ein tragfähiges Erlosmodell auf die Beine zu stellen. Zum Debüt fungiert eine einprozentige Währungs-Umrechnungs-Gebühr bei Geldtransfers oder Käufen mit der virtuellen Kreditkarte, bei denen die Ausgangs- und Zielwährung unterschiedlich sind, als Monetarisierungsmaßnahme. Außerdem verdient das Startup eine Provision für Käufe, die User mit der MasterCard tätigen.

Als problematisch könnte sich trotz der für User attraktiven Eigenheiten von Payfriendz auch die äußerst intensive Konkurrenzsituation erweisen. Startups, Netzriesen, Zugangsprovider und Finanzinstitute schielen alle auf den selben Markt. Wenn PayPal oder Google mit ihren tiefen Taschen die Gebühren für den Einsatz der Kreditkarte ebenfalls auf null setzen würden, ist offensichtlich, wem zuerst der Atem ausginge.

Auch Risiken, die sich aus plötzlichen Änderungen bei der internationalen Finanzregulierung sowie möglicherweise auftretenden Sicherheitsproblemen ergeben, könnten für das Startup zum Problem werden.

Grundsätzlich aber ist der selbstbewusste, das Risiko nicht scheuende Vorstoß von Payfriendz ein begrüßenswertes Ereignis, das dem gesamten Bereich signalisieren könnte: Jetzt lohnt es sich nach dem bisher eher langsamen Herantasten, richtig Gas zu geben und um die Gunst der Millionen Smartphone-Nutzer zu kämpfen. Zumal Payfriendz, das insgesamt 25 Mitarbeiter an den Standorten London, Berlin und Buenos Aires beschäftigt, weitreichende Pläne hat: "Wir wollen ein globales P2P-Netzwerk aufbauen, bei dem man sich keinen Kopf mehr machen muss, wo mein Freund gerade ist, welche Währung er hat und wie er an das Geld rankommen soll, was ich ihm schicke", erklärt Andreas Rührig die Vision. Zur Verwirklichung dieses Vorhabens hat die Firma eine Business-Angel-Finanzierung in mittlerer siebensstelliger Höhe einsammeln können.

Link: Payfriendz

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