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25.08.14

Passive Prokrastination: Im Rausch der Bewegtbilder

Während die Prokrastination in sozialen Netzwerken noch eine gewisse Aktivität der Nutzer erfordert, bieten Bewegtbilder die Möglichkeit, in völliger Passivität zu prokrastinieren. Teil drei unserer Serie. 

Video Angesichts der Nutzungsstatistiken von Youtube, Youporn, Netflix, hulu und dergleichen liegt die Vermutung nahe, dass wir eine Verwandlung in eine Zivilisation von Zusehern durchleben. Jeden Monat werden sechs Milliarden Stunden auf Youtube gestreamt, mehr als eine Milliarde Stunden auf Netflix. Das Finale der vierten Staffel von „Game Of Thrones“ wurde innerhalb der ersten zwölf Stunden 1,5 Millionen Mal per BitTorrent heruntergeladen und allein Youporn macht zwei Prozent des gesamten, täglichen Internetverkehrs aus – aber wollen wir tatsächlich jedes dieser Videos um seiner selbst Willen sehen oder bietet uns die Filmflut auch die perfekte Verdrängungsmöglichkeit? "Hot" und "Cool" Media

Marshall McLuhan hat in seinem Werk „Understanding Media“ zwischen „hot“ und „cool“ media unterschieden. Den Unterschied zwischen „hot“ und „cool“ sah er in der Beteiligung des Konsumenten. Formate, die viel Aufwand des Nutzers erfordern, um Sinngehalt aus dem Medium heraus zu destillieren, hat er als „cool“ eingestuft, also beispielsweise Comics, reiner Text oder Sprache. Man muss einiges selbst leisten, um das Dargebotene in seinem Kopf zu vervollständigen. Im Gegensatz dazu ist das Medium Film in all seinen Ausprägungen (und war es bereits zu McLuhans Zeit) „hot“: Stark angereichert mit Information, vereinnahmt es unser Bewusstsein mit einem Schwall an Sinneseindrücken. Man braucht keine Zusatzarbeit zu leisten, um zu verstehen, was uns geboten wird und kann völlig passiv in dieser Komfortzone versinken. Was McLuhan als „hot media“ bezeichnet hat, bietet perfekte Bedingungen zur Prokrastination: Man kann für die Dauer eines Videos, eines Films oder einer Serie aus seiner eigenen Biographie, seinem eigenen Bewusstsein in die Gedankenwelt anderer entschwinden und die eigenen Aufgaben und Pflichten effektiv verdrängen.

"Nur noch einen Clip"

Auf unbestimmte Zeit verschwinden wir in fremden Welten und vergessen alles andere um uns herum. Selbst auf Youtube und anderen Videostreaming-Seiten wird per Vorschlagfunktion der nächste Reiz nach Ende des aktuellen Videos sofort nahegelegt, um ein Herausfallen aus dem traumartigen Zustand zu verhindern. Und dank des Überangebots gibt es Nachschub auf Lebenszeit, die theoretische Möglichkeit, nie wieder aus diesen Welten hervortreten zu müssen, beruhigt, denn mit jedem weiteren Clip, den man sich ansieht, wird es zunehmend schwieriger, in die Realität und die Konfrontation mit den Pflichten und Aufgaben zurückzukehren, weil dort immer mehr Schuld und Scham wartet und so sieht man sich immer noch einen weiteren, aber wirklich letzten Clip an.

Ähnlich ist das Nutzerverhalten bei Serien, die in den letzten Jahren florieren. Der extreme Konsum dieser Angebote hat zur Prägung des Begriffs „binge viewing“ geführt: abgeleitet vom englischen Begriff für Komasaufen, „binge drinking“, bezeichnet der Begriff das Ansehen mehrerer Folgen oder einer ganzen Staffel am Stück. In einem Marathon sitzen die Zuseher tagelang vor dem Bildschirm, um vollständig in die Paralleluniversen einzutauchen und alles Reale in Vergessenheit geraten zu lassen.

Ein weiterer Teil von McLuhans Definition von „hot media“ ist eine hohe Informationsdichte. Medien, wie das Bewegtbild, enthalten im Gegensatz zu beispielsweise gesprochenem oder gelesenem Text weit mehr Informationen, sichtbare sowie zumeist auch hörbare Daten, die sich im Kopf zu vermeintlich vollständigen Realitäten formen. Zuseher reagieren auf diese Darbietungen, die unter heutigen technischen Bedingungen geradezu hyperreal geraten, wie auf eigens erlebte Wirklichkeit.

Sieht man sich beispielsweise ein Video an, das einen Läufer zeigt, reagiert das eigene Gehirn so, als würde die Aktivität vom eigenen Körper ausgeführt werden. Die physiologischen Konsequenzen bleiben zwar unterschwellig, aber die Herz- und Atemfrequenz steigt, und in den Nervenbahnen ist Aktivität festzustellen, die typischerweise beim Laufen auftritt.

Anderen bei Dingen zusehen, die man selber gern machen würde

Ähnlich dieser Stellvertreterdynamik sieht man in den meisten Filmformaten Menschen zu, wie sie Dinge tun, die man vielleicht selbst gerne tun würde. Man beobachtet sie, wie sie aus Problemen entkommen, aus denen man sich vielleicht selbst gerne herauswinden möchte; wie sie die Entscheidungen treffen, vor denen man sich selbst gerade drückt oder sieht sie in einer Welt agieren, die man selbst gerne bewohnen möchte. Die Wesen auf dem Bildschirm sind statt einem selbst aktiv und man kann mit ihnen die Belohnung für ihre Aktivität teilen, so als hätte man selbst mitgewirkt. Dieser wahrnehmungspsychologische Trick und das Spiel mit kollektiven Ängsten, Sehnsüchten und Hoffnungen macht das Sehen von filmischen Inhalten zu solch einer reichhaltigen Erfahrung. Gleichzeitig bietet sich für Prokrastinierende dabei aber die Möglichkeit, Film zum Ersatzschauplatz für das eigene Leben und die eigenen Ziele zu machen. Anstatt selbst Dinge anzupacken, sieht man Menschen zu, die stellvertretend agieren und fühlt sich nachher selbst tatkräftig.

Noch drastischer basieren Pornos auf dieser Stellvertreterfunktion. Vor dem Bildschirm sitzend betrachtet man Menschen, die Sex haben, den man in dem Moment vielleicht gerne selbst hätte. Mit diesem simplen Setup gelingt es den Pornos, das Belohnungssystem kurzzuschließen und einen unvergleichlich starken Ausstoß an Glücksgefühlen zu erzeugen, Belohnung für etwas, das jemand anderer statt man selbst erlebt hat.

Verwöhnt von Stimulation dieser Größenordnung tritt irgendwann eine tendenzielle Unfähigkeit auf, sich auf unspektakuläre, nüchterne Dinge zu konzentrieren. Ähnlich wie Menschen, die zu lange zu viel Pornografie konsumiert haben, davon berichten, dass sie von normalem, echtem Sex nicht mehr erregt werden und immer extremere sexuelle Reize benötigen, um der schleichenden erektilen Dysfunktion zu entkommen, ruft auch das restliche Leben mit all seinen Pflichten irgendwann hauptsächlich Desinteresse hervor, wenn die meiste Zeit in hoch-stimulierenden aber virtuellen Welten verlebt wird.

Das Problem mit solch bis obenhin mit verlockender und oft hochqualitativer Information angefüllten Angeboten ist die scheinbare Unmöglichkeit oder vielleicht Unfähigkeit der Konsumenten, sie souverän als Mittel zum Zweck zu nutzen. Im Normalfall scheint das Umgekehrte der Fall: Im digitalen Treibsand versinkend tritt ein gewisses Ohnmachtsgefühl ein. Theoretisch hat man freilich die Möglichkeit nach einem oder zwei Youtube-Clips schlichtweg den Browser zu schließen, aber selbst wenn man sich vor dem Ansehen fest vorgenommen hat, nur ein Video zu sehen, wird durch die Belohnungsgefühle, die beim Konsumieren dieser einen Einheit entstehen, der Vorsatz, oder anders gesagt, das eigene Wollen manipuliert. Ehe das Video zu Ende ist, entsteht ein dominantes Verlangen, doch noch einmal den bereitgestellten Vorschlägen nachzugeben.

Prokrastination ist nicht mehr mit Aufwand verbunden

Angesichts der Qualität der angebotenen Serien, Filme und Videos ist leicht nachzuvollziehen, wieso der ewig Prokrastinierende immer wieder die Filmvorführraume des Internets aufsucht; wie ein Rückkehrer in die platonische Höhle, der den Weg ans Tageslicht bereits kennt, aber freiwillig wieder kommt, um in der 24 Stunden geöffneten, modernisierten Version der Höhle Platz zu nehmen, sich wieder anzuketten und den Blick statt auf die Wirklichkeit auf die Bilder an der Wand zu richten. Letztendlich ist das Hineinsinken in diesen Zustand hoch-stimulierter Ohnmacht ein spezifisches Merkmal moderner Prokrastination. In früherer Zeit, vor der Explosion des Internets und all seinen Angeboten und noch vor der Ära des Fernsehens und des Radios, war Prokrastination zumindest bis zu einem gewissen Grad mit Aufwand verbunden. Dank „hot media“ ist Prokrastination nicht mehr zwingend mit Aktivität verbunden sondern auch in vollständiger Passivität möglich. Man muss keinen Finger rühren und kann sich selbst und die eigenen Probleme jederzeit und überall vergessen.

Dieser Artikel ist der dritte aus einer netzwertig.com-Serie zum Thema Prokrastination. 

Ebenfalls in dieser Serie sind erschienen:

1. Prokrastination und das Internet: Vorgezogene Belohnung

2. Belohnungskarusell: Wie Facebook Millionen zur Prokrastination verleitet.

4. Spielmechanik: Mit Gamification der Prokrastination ein Schnippchen schlagen

Grafik: tablet on the hand with video player vector, Shutterstock

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