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22.01.14Leser-Kommentare

Organisation des digitalen Lebens: Wunderlist, das andere Evernote

Wunderlist begann als Aufgabenmanager, aber lässt sich heute auch als Alternative zu Evernote einsetzen. Diese Parallele bietet den notwendigen Kontext, um die jüngste Millionenfinanzierung sowie die überdurchschnittliche Aufmerksamkeit für das Startup zu verstehen.

WunderlistSeit jeher muss sich das Berliner Startup 6Wunderkinder, bekannt für seinen Aufgabenmanager Wunderlist, in Kommentaren bei Tech-Blogs die Kritik gefallen lassen, angesichts seines scheinbar trivialen Produkts, das mit zig anderen To-Do-Werkzeugen konkurriert, ungerechtfertigt überproportionale Aufmerksamkeit zu erhalten. Die jüngste, dem Unternehmen von der renommierten Venture-Capital-Firma Sequoia verabreichte Finanzspritze in Höhe von 19 Millionen Dollar dürfte Skeptiker in ihrer Haltung gar noch bestärken.

In der Tat erscheint die öffentliche und mediale Beachtung, die Wunderlist seit seiner Gründung zuteil wird, übertrieben - sofern man Wunderlist einfach nur als einen weiteren Aufgabenmanager betrachtet. Doch hier liegt meines Erachtens nach der Fehler der Zweifler. In meinem eigenen digitalen Alltag hat die Anwendung mittlerweile eine Rolle eingenommen, die eher in Richtung Evernote geht: eine Art digitales Notizbuch, in dem ich eine Vielzahl von Informationen ablege, die ich unkompliziert und jederzeit problemlos wiederfinden möchte. WunderlistWährend Evernote eine große Gemeinschaft leidenschaftlicher Nutzer vorweisen kann, wurde ich mit dem Dienst nie richtig warm. Zu schwerfällig verhalten sich die mobilen Apps, zu unstrukturiert wirkt der Service auf mich. Evernote-Chef Phil Libin stimmt sogar zu und gesteht Verbesserungsbedarf ein. Ich aber habe kein Interesse mehr an einem optimierten Evernote. Denn Wunderlist hat diese Lücke für mich gefüllt. Die typische listenförmige Konzeption eines Aufgabenmanagers, die Wunderlist ausmacht, ist ideal für eine strukturierte Persönlichkeit wie mich. Neben Aufgaben sammle ich in Wunderlist Produkte, die ich irgendwann einmal kaufen möchte, Namen und Links zu Büchern und Filmen, die ich lesen beziehungsweise anschauen will, Einkaufs- und Wunschlisten, Erinnerungen, Notizen zu Sachverhalten, auf die ich in der Zukunft eventuell wieder zugreifen möchte, sowie verschiedene Links zu Webfundstücken.

Selbst wenn Wunderlist sich nur für einen Bruchteil der Einsatzszenarien eigneft, die Evernote abdeckt, sind es genau die, die ich benötige. Die Browser-Erweiterung sowie die Möglichkeit von Datei-Anhängen (für Pro-Konten) sind ebenfalls hilfreich, um das persönliche Wunderlist-Konto zu einem "digitalen Gehirn" zu machen.

Auf der Homepage von Evernote ist folgende Kurzbeschreibung zu lesen: "Remember Everything. Evernote apps and products make modern life manageable, by letting you easily collect and find everything that matters". Bei Wunderlist steht auf der Website: "The only way to organize your life and business". Der Unterschied zwischen den Positionierungen ist hauchdünn.

Pikant ist angesichts dieser sich andeutenden Konkurrenzsituation, dass Sequoia bei beiden Unternehmen als Investor dabei ist. Andererseits müssen sich die zwei Services trotz der Parallelen nicht unbedingt in die Quere kommen: Wie Menschen Informationen organisieren und verwalten, variiert stark. Mich spricht das von Vorgaben geprägte Organisationsformat von Wunderlist an. Andere User bevorzugen das flexiblere, schlagwortbasierte Format von Evernote. Wir haben es mit zwei Firmen zu tun, die ein ähnliches Problem aus sehr unterschiedlichen Richtungen zu lösen versuchen, und die jeweils eine Nachfrage bedienen.

Erkennt man Wunderlists Eignung als Evernote-Alternative, fällt es leichter, den manchmal unfair anmutenden Prominentenstatus des Berliner Startups zu verstehen. Den Dienst mit einem der hunderten Aufgabenmanager zu vergleichen, die im App Store und Google Play Store zu finden sind, tut ihm unrecht. Denn er stellt heute weit mehr dar, selbst wenn die vertraute Listenform noch immer den Kern ausmacht (zum Glück, möchte ich hinzufügen). Evernote hat rund 80 Millionen Nutzer, die Welt aber über zwei Milliarden Internetuser, Tendenz steigend. Raum genug für Evernote und Wunderlist, wie verrückt zu wachsen. /mw

Kommentare

  • Sebastian Küpers

    22.01.14 (19:22:49)

    Trifft für mich ebenfalls in sehr vielen Dingen zu! Bei mir hat sich alles was mehr ToDo's oder eher Listen artig ist nach Wunderlist verlagert. Evernote nimmt trotzdem immer noch einen riesen Platz ein. Stumpfe Notizen, das vorbereiten von Blog Artikeln, Konzeption von Dingen, sammeln von Inspiration und generell interessanter Inhalte findet immer noch in Evernote statt. Benutze auch einfach sehr viel die Kombi aus Feedly -> Pocket -> Evernote. In Evernote landet am Ende alles was ich wirklich behalten will. Vielleicht ganz witzige Anekdote: Wir saßen mit http://contextbooster.com ja 4 Wochen bei Evernote im Office und dort trifft man auf sehr viel Fans von Wunderlist ;)

  • Markus Spath

    22.01.14 (20:18:21)

    Jein. Ich glaub die Kritik/Belächelung - und da bin ich leider jeweils unreflektierend dabei - von Wunderlist kommt aus einer Position der Bewertung von Wunderlist als 'Webanwendung' für Probleme, die ohne Übertreibung hunderte Male besser gelöst würden. Wunderlist funktioniert aber primär als Mac- und iOS App, und hat dort seine überaus erfolgreiche Nische gefunden (die sich mit Evernote sicher überschneidet, die aber nicht gegen Evernote gerichtet ist; i.e. wem Wunderlist ausreicht, der wäre ohnehin kein idealer Evernote-User)

  • Martin Weigert

    22.01.14 (20:23:38)

    Neija (das Anti-Jein). Ich kann mich irren aber mir wäre nicht bekannt, dass Wunderlist jemals primär als "Webanwendung" gesehen wurde. "Wem Wunderlist ausreicht, der wäre ohnehin kein idealer Evernote-User" Das stimmt wahrscheinlich. Wobei man daraus auch den Schluss ziehen könnte, dass Evernote Potenzial verschenkt. Ich bin ja durchaus jemand, der Bedarf an digitaler Organisation hat. Evernote ist es aber nicht gelungen, seinen Dienst für mich dazu attraktiv zu machen. Trotz zig Versuchen meinerseits, bei Evernote heimisch zu werden.

  • Markus Spath

    22.01.14 (20:46:11)

    "Wobei man daraus auch den Schluss ziehen könnte, dass Evernote Potenzial verschenkt" - wieder jein ;) - weil Dienste ja ihren Wert durch spezifische, konkrete Angebote erzeugen, die vl. nicht für alle wertvoll sind, und nicht durch Maximierung der Userzahlen, die vl. Buchhalter interessiert, die halt weiterziehen, wenn sich der Dienst aufgelöst hat, nachdem er alles bedienen wollte. Persönliche Produktivität fällt einfach 'primär' in die Domain von Wunderlist und das ist gut für Wunderlist, aber nicht schlecht für Evernote. Für das findet man dann einen anderen Nutzen, oder man hat dafür halt überhaupt keinen Nutzen, Evernote ist da wohl eher dokumentarisch und archivarisch, aber das muss ja nicht jeder haben (i.e. ich verwende Evernote auch nicht mehr, weil ich die usecases anders gelöst habe, aber ich habe es einigen empfohlen, die es für sich lieben; ich verwende aber auch wunderlist nicht, weil ich es anders mache, aber du liebst es usw. ;) ).

  • Martin Weigert

    22.01.14 (22:13:40)

    Jetzt werd ich neugierig: Welches Verfahren nutzt du?

  • Robert Frunzke

    23.01.14 (03:20:45)

    Ich werde es nie verstehen. Vor vielen Jahren habe ich mal diverse TODO-Listen-Apps angetestet. Ja, die gab es auch schon lange bevor es den Begriff "App" gab ;-) Zum Beispiel auf Palm oder PC. Und damals wie heute nervte mich immer das fixe Raster, die vorgebenen Schritte, die man machen muss, um Einträge hinzuzufügen, zu ändern oder zu löschen. Das "als erledigt" markieren und ab in eine Historie (zum späteren Nachschlagen) ist zwar nett, aber oft ließ sich ein Eintrag z.b. nicht als halb-erledigt oder zu x%-erledigt markieren (was wichtig für mich ist), und um nachträglich Notizen, URLs etc. hinzuzufügen, muss man sich auch erst oft umständlich durch das UI klicken. Deshalb nutze ich weiterhin simple Textdateien, und manchmal auch einfach nur Papier... Vorteil von Textdateien: man kann jederzeit an jeder Stelle was reinschreiben, ohne vorgegebenes Raster. Die totale Freiheit! Es ist nur ein klein wenig Organisation notwendig (aber wenn man die schon nicht hat, dann hilft auch keine App...) Und mit der Rückgängig-Funktion lassen sich Falscheingaben leicht korrigieren. Naja, ich bin wohl schon ziemlich festgefahren und alt ;-)

  • Markus Spath

    23.01.14 (11:31:31)

    Ist sehr hausgemacht ;) - basiert primär auf Text-Files, die ich via Dropbox synce, und auf einigen Konventionen, wo was hinkommt und mit welchem Tool ich was befülle.

  • Michael Nordmeyer

    27.01.14 (01:54:47)

    Evernote mit Wunderlist zu vergleichen, halte ich für gewagt. Evernote ist für Notizen gedacht, die in Ordnern gesammelt werden. Das kann man als Lose-Blatt-Sammlung oder Notizbuch deuten. Auf jeden Fall für längere Texte gedacht. Die Notizen müssen in keinem Zusammenhang zu den anderen Notizen stehen. Wunderlist hingegen ist eine Listenverwaltung. Listenelemente mit *kurzer* Beschreibung stehen in einem Verhältnis zu den anderen Listeneinträgen einer Liste. Interessant wird sein, wofür Wunderlist das Kapital bekommen hat. Schließlich bekommt man nur VC, wenn man sich weiterentwickelt, das Produkt also verändert. "Wir haben kein Geld mehr" reicht nicht.

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